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Gießen, 16. Jan. Die Hoffnung, daß die Lenne-Lahnbahn direct von Gladenbach auf Gießen gebaut werde, scheint nicht getäuscht zu werden. Zwar hat die Generalversammlung der Actionäre der bergrsch-märklschen Bahn am 9. Januar zu El- berfeld keinen Beschluß soffen können, weil nicht die Vie erforderliche Zahl Sichen vertreten war; indessen ist doch die Ansicht der leitenden Persönlichkeiten wie der Versammlung im Ganzen dahin gegangen, daß nur ein direetcr Bau auf Gießen (mit einer Seiten- bahn nach Cölbe) zum direet'N Anschluß an die ober- hejsischen Bahnen allen in Frage kommenden In­teressen entspreche. Es ist eine zweite Generalver- sammlung der Actionäre auf den 20. Februar zu Elbcrsklo angesctzt worden, die einen gültigen Be­schluß fassen kann.

Darmstadt, 16. Jan. Der Abgeordn. Kempf von Güßen hat dem Präsidium ter Kammer einen dringlichen Antrag übergeben, die Ausführung des Gesetzes vom 14. August 1867 über die Aufbrin- gung der Kosten für das zur Erbauung von Eisen­bahnen erforderliche Gelände betreffend. Nach die­sem Gesetze haben diejenigen Gemeinden, deren Orte in einer Nähe von 1500 Klaftern oder weniger von einer Station oder Haltestelle einer Eisenbahn gele­gen sind, zu der Gelänteentschädigung in ter Art beizutragen, daß diese Gemeinten gemeinschaftlich die Gelänteentschädigung insoweit zu übernehmen ha­ben, als dieselbe den achtzigfachen Betrag des Steuercapitals des abgetretenen Geländes übersteigt. In ter Anwendung und Ausführung dieses Gesetzes haben sich über die Auslegung verschiedener Bestem- mungen ccffelben mannichfache Zweifel ergeben, de­ren schleunige Beseitigung auf dem Wege authen­tischer Interpretation der oben gedachte Antrag bezweckt.

Darmstadt, 18. Jan. Eine auf Förderung einer verbesserten Verfassung ter evangelischen Kirche des Großherzogthums gerichteter Antrag der Abge- ortn^kn Kraft, Heß, Wernher und.Goltmann lau­tet nebst seiner Motivirung:Der erste Ausschuß hat in seiner Mehrheit auf dem vorigen Landtag einen Antrag auf ein Ersuchen an die Regierung gestellt, zur Aenderung ter Verfassung der evangeli­schen Kirche mitzuwirken. Es ist aber von dem Ausschuß, an den derselbe verwiesen wurde, darüber nicht berichtet worden. Daß der Antrag ein zeitge- mäßcr war, dafür geben Ereignisse ter neuesten Zeit ein lautes Zeugniß; er bedarf daher Angesichts der­selben einer näheren Begründung nicht. Nur das sei zur Beseitigung möglicher Zweifel bemerkt, daß eine Verbesserung ter evangelischen Kirchenverfassung nur im Sinne einer tie Selbstständigkeit der Kirche fördernden und auf die Gruntprincien^ des Prote­stantismus gebauten Presbyterial - und Synodal-Ver- fassung gefunden Wirten kann, taß den Ständen aber in Beziehung auf diese Angelegenheit kein größerer Einfluß vinticirt werden soll, als ten ih­nen ihr Petitionsrccht gewährt. Diesen Antrag aus­greifend, richten wir denselben dahin: die Kammer wolle die Regierung ergeben, ihrerseits dahin zu wirken, taß turch zeitgemäße Aenderung der Ver- fassung der evangelischen Kirche ter.n größere Selbst­ständigkeit begrüntet und kirchliches Leben gefördert werde."

Berlin, 18. Jan. Das hier errichtete Asyl für obdachlose Frauen und Mädchen erweist sich be­reits als eine der wohltätigsten Einrichtungen. Es gewährte in den ersten 8 Tagen 27 Personen 56mal Pflege und Obdach, und in allen Fallen waren die Schutzbetürst'gen turch fremde Schuld oter turch ein unabwendbares Mißgeschick in e ne hülflose Lage gerathcn, so die einer Eoncubine wegen verstoßene Frau eines Beamten beim höchsten Gerichtshöfe, so eine Anzahl fremder Dienstmädchen, die bei ihrer Ankunit in Berlin von fremd.n Gaunern um alle ihre Habseligkeiten gebracht worden waren. Sechs solchen unglücklichen Mädchen verschaffte die Anstalt, die sich eine rege Theilnahme in allen Kreisen er­freut, und für welche bis jetzt, außer Naturalien und einem festen Jahreseinkommen von 120 Thalern, Beiträge in der Höhe von ungefähr 2000 Thalern eingegangen sind, ein gutes llnteikommen. Sobald die M4hl daiur flüifig sind, soll dieses menschen­freundliche Institut auch den obdachlosen Männern eine Zuflucht bieten. Wie trinkend dafür das Be- dürfniß ist, lehren jene unglücklichen vier Knaben, welche kürzlich auf dem Boten eines Hauses in ter Leipz ger Straße unter Lumpen und abgenagten Knochen in fast völlig nacktem Zustande vorgefunden wurden, und die dort wochenlang unter den unsag- lichsten Entbehrungen em elendes Dasein gefristet hatten. Leiter n mmt mit tiefem Elend auch die

Unsicherheit der Personen und des EigenthumS in einemGrad zu, der sich nur noch wenig von den Zuständen in London und Paris unterscheidet. Ein­brüche und freche Raubanfälle auf offener und beleb­ter Slraße sind keine ungewöhnlichen Dinge mehr. Daß sich hier mit den vorhandenen Polizeikräften viel mehr ausrichten ließe, wenn die kleinlichen Plackereien beschränkt würden, liegt auf der Hand. Einen guten Anfang damit scheint man gemacht zu haben, wenn es wahr ist, daß, wie behaupiet wird, die Bezirksversammlungen nicht mehr regelmäßig von den Argusaugen der heiligen Hermandav überwacht werden.

Kassel, 16. Jan. Die Absicht der Regierung, in den Städten Hanau, Marburg und Fulda mit N.ujahr den Stattbehörden die Polizei zu übertra­gen, ist sicherem Vernehmen nach aufgegeben, weil zwei dieser Städte, Hanau und Marburg, die ihnen zugedachte Polizeiverwaltung abgelehnt haben und eventuell Zuschüsse zu den Kosten vom Staate ver­langen.

Frankfurt, 19. Jan. Der Telegraph hat uns bereits gestern die Thronrede, mit welcher Na­poleon die Session der französischen Kammer eröff­nete, übermittelt. Die Rede hat von Anfang bis zu Ende einen selbstbewußten, ja kecken Ausdruck, und man sollte meinen, der Thron des Napolevniden habe noch nie fester denn jetzt gestanden. Natürlich, die Nation ist ja für die heftigsten Aufreizungen unempfänglich" und unerschütterlich in dem Vertrauen zu NapoleonsFestigkeit, die Ordnung aufrecht zu erhalten."Das stete Ziel meiner Anstrengungen ist erreicht. Die militärischen Hilfsquellen Frank­reichs befinden sich fortwährend auf der Höhe feiner Geschicke in der Welt. In dieser Lage können wir laut unseren Wunsch verkünden, den Frieden zu er­halten. Es ist keine Schwäche, dieß zu sagen, wenn man zur Vertheidigung der Ehre und Der Unabhängigkeit des Landes bereit dasteht." Viel besser ober wäre es, wenn die Millionen zur Auf- rechierhaltung des bewaffneten Friedens, dieses Han­gens und Bangens, wann der Eine über den An­dern herfällt, gespart und der Volkswirthschaft zuge­führt werden könnten. Das ist aber ein Wunsch, der leider unerfüllt bleiben wird.

Wien, 14. Jan. Der Kurfürst von Hessen- Kaff.l erhielt, wie man uns aus Prag telegraphirt, einen prachtvoll geschnitzten Thronsessel als Weih- nachtsgabe mehrerer Untertanen, welche damit ihrer Hoffnung auf Wiederherstellung des kurfürstlichen Thrones Ausdruck geben wollten.

Paris, 17. Jan. DieFrance" sagt: Die Declaration sei gestern von den Vertretern der Mächte unterzeichnet worden mit Ausnahme Djemil'S, welcher nach Konstantinopel telegraphirt habe, ob er eine Erklärung, welche an die Türkei gerichtet sei, unterzeichnen solle. DerEonstitutionnel" be­trachtet die Aufgabe der Eonferenz als erfüllt und sagt, man werde bald erfahren, daß die diplomati­schen Arbeiten für die Sache des Friedens nicht ohne-Nutzen gewesen seien. Die Declaration wird Direct in Athen notifieirl werden. Die Angabe, daß Rangabe den russischen Botschafter am griechischen Neujahr besuchte, wird bementirt.

London, 19. Jan. Gutem Vernehmen nach erörtert das Protokoll der Eonferenz nicht die Ver­anlassung des Eonflicts, sondern erklärt die Begün­stigung des Aufstandes gegen den Nachbarstaat durch Beschützung der Blokadebrccher und geheime Unter­stützung ter Freischaaren für völkerrechtswidrig. Diese Erklärung soll als Eollectivnote der griechischen Ste­uerung überreicht und nach deren Zustimmung zum Inhalte derselben soll die Pforte ersucht werden, ihr Ultimatum zurückiuzieben.

Konstantinopel, 19. Jan. Die von der Pforte niedcrge,etzte Commission für die griechischen Angelegenheiten hat den hier ansässigen griechischen Untertanen notificirt, daß sie sich mit Ausweisen über ihre Nationalität zu versehen, behufs Entgegen­nahme von Aufenthalts-Erlaubnißscheinen oder ihre Passe der Commission vorzulegen haben.

Vermischtes.

Mainz, 15. Jan. Welch ein bedeutender Handelsartikel das Eis geworden ist, geht daraus hervor, daß die Actien- brauerei allein für ihren Bedarf 8000 Fuhren gebraucht. Heute Morgen zahlte dieselbe für die Fuhre 1 st. 6 fr., wah­rend gestern der Preis der Fuhre noch auf 1 fl. 30 fr. ge­stiegen n>ar.

Friedberg, 14. Jan. Dieser Tage wurde vom Metzger- meiller W. Heß dahier ein Schwein geschlachtet, welches nicht weniger als 105 Zoll (2625 (Zentimeter) Länge, 70 Zoll (175 (Zentimeter) Umfang und 539 Pfund Flesschgewicht hatte. Dasselbe war, von englischer Ra§e, drei Jahre alt und auf dem Büdesheimer Hofe durch die sorgfältige Zucht und Mä­

stung des Herrn Pachter Draudt daselbst zu dieser seltenen Größe gebracht worden. (Sin noch lebendertrauter Ge­nosse" desselben, der noch schwerer geschätzt wird, soll dem­nächst dem gleichen Geschicke verfallen und in Wurst und Schinken aufgetischt werden.

Lauterbach. Von hier ist abermals ein Verbrechen uud zwar ein Verbrechen gegen die Sittlichkeit zu berichten. (Sin Mädchen auS dem nahen Angeröbach wurde AbendS von einem auf dem Nachhauswege sie begleitenden Manne auS demselben Orte noch ganz in der Nähe der Stadt plötzlich angepackt, mehrmals zur Erde geworfen und der Versuch gemacht, daS 15jährige Mädchen zu schänden. Der Hülferuf des bedrohten Mädchens führte Leute auS der nahen Mühle herbei, durch welche das Verbrechen vereitelt wurde. Der Thäter, ein jun­ger, noch nicht lange verheiratheter Mann, ist gefänglich eingezogen.

Preußen. Das große LooS der Kölner Dombau-Lotte- rte, 25,000 Thaler, ist dem Anstreichemeister Schmeltzer in Witten, einem fleißigen Arbeiter und sorgsamen Familienvater, der, als er die Nachricht erhielt, eben an einem fremden Hause tapfer in Arbeit war, zugefallen. DaS Looö war ihm von einem dastgen Eollecteur, bei dem er eine kleine Arbeit ver­richtet und ungefähr einen Thaler verdient hatte, zur Aus­gleichung ausgesprochen worden.

Frankfurt. Zur Zeit findet in hiefiger Stadt große Jagd auf Spatzen statt. Dieselben werden nicht geschossen, sondern lebendig gefangen und erhalten ein provisorisches LogiS bei dem Vorstand der Grindbrunnen-Gesellschaft in der Main- zergaffe. Bis jetzt sind etwa 900 Stück daselbst einlogirt und bedarf derselbe noch 1100 Stück. Die armen Frankfurter Spatzen sind nach Südamerika (Peru) bestimmt, wo sie accli- matisirt werden sollen. Eine Sendung ist bereits von hier dorthin abgegangen.

Baiern. Seit Jahren blieb ein Gewinn von 18,000 fl. in der Ansbach-Gunzenhauser Lotterie unerhoben; jetzt erst -ist die Gewinnerin, ein Diestmädchen in Stuttgart, ausfindig ge­macht worden sie hatte keine Ahnung von ihrem Schatze und Glücke. Es haben sich nun auch noch andere Schätze gefunden.

Amerika. General Ulysses Grant, der am 4. Marz d. I. den Präsidentenstuhl in Nordamerika besteigt, wurde am 27. April 1822 in Point Pleasant bei Cincinati geboren. Gr ist der Sohn eines Gerbers, eines energischen Mannes, der sich von unten herauf arbeitete und ein wohlhabender Mann wurde, und einer vorzüglichen Mutter. Sein Geburtöhäuschen, eine einstöckige Bretterhütte, steht noch. Ulysses zeigte bald einen energischen Charakter und eine ungemeine Begabung in der Mathematik, seine liebste Beschäftigung wär daS Bändi­gen von Pferden, manche Züge des Knaben erinnern an Alexander den Großen. Gin Kunstreiter ließ einmal im Cir- cuS ein Pony sehen, das Niemanden aufsetzen ließ, und rief: Ist Jemand da, der dieses Pony reiten will? Der Knabe Ulysses sprang sofort hervor und sagte: Ich werde daS Pony reiten! Gut, steige aus! Mit einem Sprunge war Ulysses auf dem sattellosen Rücken deS ThiereS und ritt eS trotz aller Capriolen, welche daS Thier machte, um ihn abzu­werfen. Der Kunstreiter ließ ein Rudel Hunde los, um daS Thier wüthend zu machen; vergebens,' der Knabe hing auf dem Rücken des Pferdes, wie ein Eichkätzchen am Baume. Selbst ein Affe, der hinter ihm auf dem Rücken des PferdeS und ihm endlich auf di. Schulter sprang und mit den Pfoten sein Haar zerzauste, machte ihn nicht irre und brachte ihn nicht vom Pferde. Denselben Muth und dieselbe Kaltblütig­keit mit Ausdauer zeigte er überall, und wurde durch sie der Sieger über die Südstaaten. Vor zwei Jahren versammelte fein Vater feine Kinder um sich, um mit Ausnahme eine- kleinen Theils sein Vermögen zu vertheilen. Lieber Vater, sagte der berühmte Sohn und General, theile Dein Vermögen gleichmäßig, wie Dir beliebt, mir kommt nichts zu; denn ich habe es um keinen Dollar vermehren helfen; mein Vaterland hat für mich gesorgt, meine Stellung verleiht mir mein gutes Auskommen; gib Alles den Geschwistern, ich danke für Deine Güte. Der Bruder deS Ulysses erhielt 100,000 Dollars, jede seiner verheiratheten Schwestern 25,000 Dollars in baa- rem (Selbe.

In Ncwyork ist am 30; Dec. ein Mann, Namens Clark, gestorben, der Im Juni'1747 das Licht der Welt er­blickt hatte. Er erreichte also das Alter von 1211/2 Jah­ren. Ten amerikanischen Befreiungskrieg machte er als Wa­genlenker mit.

*** Auf der CapitänSbrucke eines Dampfers, der von Ca­lais nach Dover fuhr, stand ein Engländer und rauchte Phleg­matisch seine Cigarre. Da trat ein liebenswürdiger Franzose, den er öfters in Trouville gesehen und mit dem er einige Worte gewechselt hatte, an den Engländer heran, und nach einemFreut mich, Sie zu sehen", entspann sich unter Beiden folgendes Gespräch:Ich will nach Brighton".Und ich nach London".Denken Sie dort die Saison zu verleben?" Das kommt auf die Umstände an. Sie wissen, das Ge­schäft"Ach, Sie reifen nicht zum Vergnügen? Nein, ich bringe einen jungen Engländer zu seiner Familie zurück."Sind Sie vielleicht fein Lehrer?"Nein."Ich sehe doch Ihren jungen Freund nicht."Er ist unten."So bitten Sie ibn, daß er mit uns dinire."DaS ist nicht mög­lich ; er ist tobt." ^Todt?"Er liegt in einem Bleifarge. Mein Geschäft ist nämlich, die Leichen nobler Personen, die in Frankreich sterben, zu tranSPortiren und ihren Familien zurück­zubringen. Dieß Geschäft geht prächtig, und wenn Sie ein­mal meiner Dienste bedürfen sollten, mein Herr, so." Der Engländer hustete, dankte seinem höflichen Reisegefährten und begab sich, indem er Seekrankheit vorschützte, eiligst in seine Kajüte, auS welcher er nicht eher wieder hervorkam, bis der Dampfer in Dover landete.

(Ein Autograph.) In Paris wurde vor Kurzem ein achtes Autograph von Taffo verkauft, welches der Dichter deSBefreiten Jerusalem" in seinem 26. Jahre niedergeschrie- btn hat. Es lautete:Ich Unterschriebener erkläre, von Herrn Abraham Levi 25 Lire erhalten zu haben, für welche er ein Schwert meines Vaters, sechs Hemden, vier Leintücher und zwei Tischtücher in Pfand erhielt. Den 2. März 4570. Torquato Tasso."

Es wird statistisch nachgewiesen, daß eS in der Welt 546,000 Taubstumme gibt (1 auf 1566 Menschen). AIS Hauptursache dieses Uebels werden Ehen unter nahen Ver­wandten bezeichnet; in China, wo solche Eben unbedingt ver­boten sind, kommt Taubstummheit fast gar nicht vor.

Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fjr. Chr. Pietsch) in Gießen.