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Der Barbone.

(Barbone, im ital. Volködialect: der Bärtige.)

Novelle von Fr. Büchner.

(Verfasser der PreisnovelleJugendverirrungen.")

(Fortsetzung.)

Das Wort:der Barbone" war von jedem Soldaten bebend Nachgesprochen worden, aber ihr Grauen vor diesem Manne steigerte sich noch mehr, als nun der Mönch mit tiefer, geisterhafter Stimme sprach;

Ja, der Barbone ist gekommen, um seinen Freund zu befreien."

Er trat mit langsamen Schritten in die Mitte der Soldaten, ergriff Al­brecht von Schauenstein bei der Hand und sagte:Albrecht, folge mir, Du bist frei!"

Nehmt sie Beide gefangen," schrie der Oberst, entrüstet über die Feigheit der Soldaten, die den Mönch ruhig mit dem Gefangenen aus ihrem Kreise treten ließen.

Schauenstein ist frei," wiederholte jener nun;Niemand wird cs hindern. In der Hausflur stehen vierzig unserer Landsleute, alle wohl bewaffnet. Ein Wort von mir läßt Blut fließen; schonet es, Euer Widerstand wäre nutzlos."

Haltet sie," schrie der selbst unbewaffnete Oberst außer sich.

Jedoch keine Hand hob sich unter den Soldaten; wie festgebannt starrten sie den furchtbaren Mönch an, der mit festem Schritt, Schauenstein an der Hand führend, der weitgeöffneten Flügelthüre zuschritt.

In derselben wandte er sich noch einmal um, und wie seiner großen, oft erprobten Gewalt über das niedere Volk bewußt, zog er ein eisernes Crucifix

unter dem Monchskleid hervor und neigte cs gegen die Soldaten, indem er

einigemal das Zeichen des Kreuzes über sie machte. Dann sagte er:Die heil.

Jungfrau segne Euch, die Ihr nur gezwungen wider Tyrol streitet."

Wie von einer überirdischen Gewalt ergriffen, sanken die Soldaten auf die, Kniee, während Erstaunen den Obersten und die übrige Gesellschaft fesselte und zu stummen Zuschauern dieses merkwürdigen Auftrittes machte.

Der Barbone schritt mit Albrecht langsam den breiten Stufen der Treppe hinab; als sie aber vor das Haus getreten, und der Jüngling sich hier vergeb­lich nach den vierzig Landsleuten umschaute, mit denen der Mönch gedroht, flü­sterte ihm dieser zu:Jetzt lasse uns eilen, ehe sie sich von ihrer Ueherraschung erholen; wir müssen auf der Stelle die Hauptstadt verlassen."

Eine Stunde später trabten zwei Reiter, in die Uniform baierischer Offi­ziere gekleidet, rasch durch die Straßen der Hauptstadt und verließen dieselbe durch eins der Thore, welche der Isar zu ausmündcn.

Eine Zeit lang hielten sie nun ihre Pferde zu noch rascherem Laufe an; als sie sich aber der Brücke näherten, die über die Isar führte, ritten sie etwas langsamer, und der Eine sagte:Wir können jetzt den Thieren Ruhe gönnen, wir werden nicht verfolgt, und jenseits der Isar wird unsere Ver­folgung überhaupt so schwer, daß sie uns höchstens bis hierher nachsetzen würden".

Sie ließen die Pferde nun langsamer gehen, und nach einer kleinen Weile, während der sie stille nebeneinander hingeritten, sagte der Jüngere der beiden Flüchtlinge:Du hattest Recht, Barbone, gewiß hat uns Donay verra- then, aber was kann diesen Menschen dazu bestmmen, so schändlich an seinen Landsleuten zu handeln?"

Er ist nicht von demselben Blute, wie die übrigen LandeSkinver, erwicderte der Angeredete; er ist so habgierig, daß er um Gold den eigenen Bruder verriethe."

Als sie nun an die schmale hölzerne Brücke gekommen, welche über den Fluß führte, drängten sie dicht die Pferde zusammen, um die Brücke nicht hinter einander überschreiten zu müssen. Wahrend bisher, gleichwenn er ihre Flucht hätte begünstigen wollen, sich Der Mond hinter dunklem Gewölk verborgen ge­halten, trat er nun mit der fast vollen silbernen Scheibe hervor und beleuchtete Helle die aus dunkeln Hölzern hergerichtete Brücke, welche mit ihrem durchbrochenen, düstern Geba'lke einen unheimlichen Anblick darbot. Als sie zu dem dritten Pfeiler der Brücke gekommen waren, nahm der Mönch eine Gestalt wahr, die sich über das Geländer gelehnt hatte und bei Dem klaren Mondlicht aufmerksam in die hochgehenden Wellen der Isar hinabzustarren schien.

Hast Du ihn gesehen?" flüsterte der Mönch leise dem neben ihm reitenden Jüngling zu.

Als dieser nach der Gestalt hingesehen, sagte er ebenso leise:Bei der heiligen Jungfrau, das ist Donay!"

Beide Männer hielten zugleich die Pferde an.

Der Mönch stieg ab und schritt auf den am Geländer der Brücke Lehnen­den zu, der sich umgedreht hatte und mit sichtbarer Ruhe Den vermeintlich baie- rischen Offizier erwartete. Es war ein Mann von etwa vierzig Jahren, in die gewöhnliche Tracht des baierischen OberländerS gekleidet; er war von untersetz­tem Körperbau, zu dem aber ein schmales, bleiches Gesicht mit tiefllegenden Augen und spitz hervortretenden Backenknochen seltsam abstach.

Der Mönch war neben ihn getreten, jetzt hob er die Hand und faßte den arglos Harrenden mit der nervichtcn Rechten unter dem Kinn an dem Halse und sagte mit einem fürchterlichen AuSDruck Der Stimme:Derräther."

Bei diesem Worte entrang sich ein gellender Schrei der Brust Donay'S, der nun erst den Barbone erkannt hatte.

Ich hoffe," fuhr der Mönch mit schrecklicher Stimme fort,das war Dein erster Verrath, ganz gewiß soll es Dein letzter sein. Bete," sagte er dann, bete und mache es kurz."

Gnade," stammelte Donay, indem er krampfhaft das Crucifix umfaßte, welches ihm der Mönch hinhielt.

Dieser faßte eine Minute später den vergeblich Bittenden mit beiden Hän­den an der Schulter, schwang ihn mit übermenschlicher Kraft empor und im nächsten Augenblick schwebte Donay über dem Brückengeländer und über den sich kräuselnden, weithin hörbaren Fluthen Des Stromes.

Nun, da erst Donay die Absicht des schrecklichen Mönches völlig klar wurde, entrangen sich noch einmal die Ausrufe:Gnade, Gnade" feinen bleichen, zittern- den Lippen.

Bei Gott ist Gnade*" sagte der Mönch finster, indem er die Hände los­ließ, um den Elenden hinab in die schäumenden Wogen des Flusses zu stürzen.

Dieser aber hielt seine Arme fest umfaßt, und indem die Todesangst seine Gesichtszüge mit fahler Farbe bekleioete, die bei dem bleichen Mondlicht das

l e t o ti.

Antlitz des Verräthers noch häßlicher erscheinen ließ, rief er:Barbone, im Namen Jesu Christi vergib mir!"

Der Mönch sah in das blasse Antlitz Donay'S, und eine mildere Regung gewann in seinem Herzen Die Oberhand.

Im Namen des Welterlösers, der um unserer Sünde willen gestorben ist, bittest Du für Dich," sprach er Dann;um seinetwillen sei auch Dir noch ein­mal vergeben; aber," fuhr er mit schrecklichem Ernste fort,hüte Dich, je wie­der einen Verrath zu begehen, denn sonst ist Dein Leben unerbittlich verwirkt."

Er zog Den Zitternden langsam über das Geländer zurück. Dieser, der keine Gnade mehr gehofft hatte, wußte nicht, wie ihm geschah. Er stammelte etwas wie Dank, aber seine Worte wurden nicht mehr vernommen. Nur noch aus Der Ferne erklangen die Hufschläge der Pferde, die Die beiden Flüchtlinge rasch von dannen trugen.

Donay murmelte, sich erhebend, ein Paar unverständliche Worte und eilte dann mit raschen Schritten Der kaum verlassenen Hauptstadt zu.

3.

Der Ueberfall.

Von Norden wie Süden wälzten sich die feindlichen Heere wie erstickende Lawinen gegen das von seinem Kaiserhaus verlassene Tyrol.

Ein Tbeil des Volkes unter der Führung des Sandwirths aus Dem Pas- seyrerthal, Andreas Hofers, wies jede Anmuthung zur Unterwerfung hartnäckig zurück, Da es einestheils immer noch auf Oesterreich hoffte, anDerntheilS Die Graufumkeit des Feindes zum erbittertsten Widerstand anspornte. Während Die Franzosen, um das Land schnell zu erobern, mit ungeheuren Massen durch das Etsch- unD Pusterthal eiiiDrangen, rückten die Baiern im Norden ein.

In dem Städtchen Scharnitz war der Nachtrab des baierischen Heeres zu- rückgebl'.eben, das bereits nach Jnsbruck hin ausgebrochen war.

Unter Den Führern Der in Scharnitz zurückgebliebenen HeereSabtheilung be­fand sich auch Oberst Holmar mit seinem Sohn Maximilian, Der, kaum cinge- kleiDet, bei feiner schon öfters bewiesenen Umsicht unD Tapferkeit bereits zum Lieutenant ernannt worDen war.

Da man eine sehr schnelle Beendigung des Krieges hoffte, hatte Der Oberst vorgezogen, bei der unsicheren Zeit seine Tochter Johanna mit nach Scharnitz folgen zu lassen, zumal das Mädchen selbst mit seinen inständigsten Bitten ihn darum angefleht hatte, Vater und Bruder begleiten zu dürfen. Verband sich mit Der Sorge um diese auch die Hoffnung bei dem Mädchen, dem Geliebten nahe sein zu können, oder war sein Bild in ihrem Herzen seit jenem Abend erloschen, da ihr das Geheimniß, welches ihr der Jüngling verborgen, enthüllt worden war? Seitdem war nie mehr ein Wort von ihm über ihre Lippen ge­kommen, das ihren Seelenzustand verrathen hätte und Vater und Bruder beob­achteten gerne dasselbe Schweigen, weil Beide 'ahnten, welche Gefühle Johanlla für Albrecht von Schauenstein in dem Herzen getragen hatte, und weil sie so am ehesten Heilung des Schmerzes Johanna's erwarteten.

Beide Männer aber wurden auch durch den strengen Kriegsdienst und die unaufhörlich nothwendige Vorsicht vor Ueberfällen der Aufständischen zu einer ernsten Thätigkeit genöthigt, die sie wenig an die Vergangenheit denken ließ, mit deren Erinnerung Johanna Die Stunden ihrer Einsamkeit ausfüllte.

Die Lage der in Scharnitz zurückgebliebenen HeereSabtheilung wurde immer bedenklicher. Die kleineren ausgesandten Streifcolonnen wurden überall geschla­gen, oft bis auf den letzten Mann vernichtet. Jenes gespenstige Wesen, der Ca- puzinermönch, war überall zugegen und feuerte das Volk mit fanatischer Rede zum Kampfe nn. Bald, so erzählte man von ihm, sei er in Den Kämpfen gegen Die Franzosen im Puster- und Etschthal gesehen worden, bald sei er in der Nähe von Jnsbruck im Kampfe gegen die Baiern erschien; wo er aber auftrat, war er Dem Feind Der unverderblichste Gegner, da er eine unbegrenzte Gewalt auf das Volk ausübtc und dabei eine den feindlichen Soldaten so gefürchtete Er­scheinung war, daß diese bei seinem Anblick oft nicht zum Vordringen zu bewe­gen waren, wo dieses den gewissen Ausschlag zum Sieg gegeben haben würde.

Neben dem Mönch aber zeichnete sich noch ein junger Führer des Aufstan­des aus, der ganz besonders in Der Gegend zwischen Scharnitz und Jnsbruck durch kühne Ueberfälle und Den verwegensten Widerstand, den er dem Vordringen Der Feinde in die Thäler entgegensetzte, ein Gegenstand des Hasses in Dem baie- rischen Heer wurde. Obwohl Niemand den Namen dieses Führers kannte, schlossen doch der Oberst und sein Sohn aus Den Beschreibungen einzelner, Die ihn in Der Nähe gesehen, daß es Niemand anders, als Albrecht von Schauen­stein fein könne, aber Beide verbargen sorgfältig diese Vermuthung schon aus Rücksicht für Johanna, für deren Zustand sie fürchteten, wenn ihr ein solches Gerücht zu Ohren kommen würde. Auch sie selbst gedachten mit einer Art Bangigkeit Der Stunde, Die sie vor das Angesicht dieses Führers bringen könne, der eine Zeit lang Der täglich gern gesehene Gast des Hauses gewesen war. In den Augen Maximilian*-, Der selbst mehr wie das deutsche Volk ergreifende Be­wegung verstand und ihr zugethan war, als der Vater, gewann wieder das Bild des einstigen Freundes seine frühere Reinheit. Ob er nicht selbst für sein unterdrücktes Volk so handeln würde, wie Albrecht, darüber sann er oft nach, und je mehr er sich dieses bejahen mußte, desto mehr nahm auch Schauenstein wieder die alte Stelle als geliebter Jugendfreund in seinem Herzen ein.

Wahrend man täglich mit sehr getheilten Empfindungen, die Führer mit Ungeduld, in der Hoffnung, sich Auszeichnung und Ruhm erwerben zu können, Der gemeine SolDat mit einem geheimen Grauen in Scharnitz Den Befehl erwartete, Dem Hauptheer zu folgen, war dieses unangefochten bis zu Dem Ein­gang in die hohe Alpenkette in der Nähe der Stelle, wo die Isar entspringt, gekommen.

Es war Nachmittags gegen vier Uhr, als man sich vor Dem furchtbaren Felsenthore befand, welches den Eingang zu Der Straße bildete, die auf beiden Seiten von hohen, schroffen Felswänden eingeengt war, und Durch Die Daß Heer nothwenDig ziehen mußte, um wieder einen besseren, für einen Ueberfaß minder günstigen Weg zu erreichen.

(Fortsetzung folgt.)