Feuilleton.
Soldatrnglück.
Nooellette von Heinrich Hensler.
(Fortsetzung.)
Er eilte hin und fand Alles so, wie es der Wirth erzählt hatte. Die ganze Familie war in der Stube versammelt und erkannte den ehemal'gen Ziegenhirten sogleich, doch erschrocken sie anfänglich über diesen Besuch, weil sie nicht wissen konnten, ob er einen friedlichen Zweck habe.
Der kleine Andrea war ein stattlicher Soldat geworden und seit seiner Abwesenheit nicht unbedeutend gewachsen. Die knapp anliegende Uniform der sardinischen Jäger kleidete ihn ganz gut und gab ihm ein recht vornehmes Aussehen, denn sie war von feinem Tuche, und man sah an der Auszeichnung am linken Arme und am Kragen, daß Andrea schon Unteroffizier war.
Wenige Worte genügten, um die Familie in eine freudige Aufregung zu versetzen, denn man horte an jedem Worte, das er sprach, daß er ein ganz anderer Mensch geworden war.
Als er von Monzi entfloh, war er nach Turin gegangen, und hatte sich bei den sardinischen Jägern anwerbcn lassen. Ju kurzer Zeit hatte der kräftige gewandte und besonders geschmeidige Jüngling den Dienst und die Handhabung und Führung der Waffen so vollkommen gelernt, daß er seine Lehrmeister übertraf. Maria hatte sein bis dahin schlummerndes Ehrgefühl rege gemacht, und fortan hatte er nur seine Zukunft vor Augen. Seine Aufführung war exemplarisch, und da er ganz gut lesen, schreiben und rechnen konnte, war er schon seit einem Jahre zum Sergeanten ernannt. Alle jungen Leute, welche als Offiziers-Aspiranten in die dortigen Regimenter traten, wollten nur von ihm unterrichtet werden, und so verdiente er als Exercier- und Fechtmeister vieles Geld.
Battista wollte nicht zugeben, daß sein Gast in dem Wirthshause logire; er Uetz alsbald dessen Gepäck dort abholen, und die junge Frau machte ihm das Gastbett zurecht.
Nun trug Andrea eine kleine Kiste herbei mit allerlei Geschenken für die Familie; — für Marien war Zeug zu einem Rocke und Mieder bestimmt und ein schönes Kästchen mit eingelegten Blumen. Als sie es öffnete, lagen 20 funkelnde Scudi darin.
„Ich wollte sie nicht schicken, sondern selbst bringen," sagte der Sergeant, „mein Urlaub verzögerte sich aber von einer Zeit zur andern, und darum hat es so lange gedauert."
Gegen Abend führte er seinen ehemaligen Dienstherr» und den jungen Bauern in die Schenke und ließ ihnen von dem besten Weine reichlich vorsetzen.
Battista bildete sich nicht wenig darauf ein, von dem so vornehm gewordenen Herrn traktirt zu werden und ihn bei sich beherbergen zu können, denn in Monzi sah man nur selten einen Soldaten, und ein Unteroffizier war damals ein Mann von Bedeutung.
Jeden Abend mußte der alte Bauer mit Andrea in die Schenke, und als nach einigen Tagen Maria niederkam und ihren Gatten mit einem Knaben beschenkte, da erbat sich der Gast die Ehre, den neuen Ankömmling über die Taufe heben zu dürfen, was natürlich mit großen Freuden angenommen wurde.
So eine flotte Kindtaufe war lange nicht in Monzi gehalten worden. Der Sergeant ließ eine Menge Kuchen backen und Wein im Ueberflusse herbeiholen. Alle Dorfkinder bekamen große Stücke Kuchen und die Armen Geldspenden, seinem Pathen aber band er zwei große römische Goldthaler ein. Der Jubel währte bis spät in die Nacht und wollte nicht enden.
Nach vierzehn Tagen reiste der Sergeant wieder ab. Den Abend vorher ging er in den Hof, in welchem Maria gerade beschäftigt war. Sic gingen mit einander hin und her und unterhielten sich über gleichgültige Gegenstände. Bald gelangten sie an die Hinterpforte, nach welcher Andrea absichtlich die Schritte lenkte, — er öffnete sie und Beide traten hinaus. Sie standen jetzt auf demselben Platze, wo vor drei Jahren seine Flucht begonnen, nachdem er von Marien Abschied genommen hatte.
Andrea sah die junge Frau an, welche erröthend die Augen niederschlug, er nahm ihre Hand und fragte nach einigem Zögern mit bewegter Stimme:
„Maria, habe ich Wort gehalten? Habe ich Alles genau erfüllt, was ich Dir auf dieser Stelle versprach?"
Maria war in großer Verlegenheit, und sie wußte nicht gleich, wie sie sich bei dieser unerwarteten Scene benehmen sollte. Als aber Jener dieses sah, fuhr er fort :
„Ich bin nicht gekommen, um Deinen Frieden zu stören, — da sei der Hebe Gott davor! Ich kann Dir nicht sagen, wie ich mich freue, daß Du so glücklich bist, und welche Beruhigung es mir gewährt, mich davon zu überzeugen. Ich wollte Dir nur sagen, daß ich Alles erfüllt habe, was ich Dir in jener ernsten Stunde versprach. Alles — hörst Du Maria, Alles! Denn ich habe Dir auch versprochen, Dich immer zu lieben und Dir treu zu bleiben, mein ganzes Leben lang, und ob ich gleich ganz damit einverstanden bin, daß Du ge- heirathet hast, so wollte ich Dir dieses doch sagen und Dich fragen, ob Du auch Dein Versprechen gehalten und dann und wann meiner gedacht hast?"
„Wenn ich mich über Alles freue," erwiederte die junge Frau, „so macht mir doch dieses Kummer; ich denke aber, daß Du Dich irrst. Ich glaube wohl, daß Du mich noch gerne hast, ich habe Dich ja auch noch gerne, und werde Dich nie vergessen. Die heftig aufbrausende Leidenschaft ist aber doch bet Dir vorüber und hat Gefühlen Platz gemacht, ähnlich den meinigen. Ich Hebe und achte Dich in Wahrheit wie einen Bruder, und Du sollst mich wie eine Schwester Heben. Jede andere Liebe wäre strafbar, die — ich bin ja das Weib eines Andern."
„Glaube, was Du willst, und sage, was Du willst," entgegnete Andrea, „ich will Dir keinen Kummer machen, liebe Maria. Du warst immer meine Freundin, Du hast mir vielen Streit und Zank und Strafe verhindert; Du hast mich von der Galeere, von Schimpf und Schande errettet und Deinen Sparpfennig mir.gegeben, ohne Hoffnung auf Wiederersatz, — das vergesse ich Dir nie in meinem Leben, und wenn Du je in Noth kommen solltest, oder meiner Dienste bedarfst, so frage in Turin nach mir, oder schicke mir einen Dolen, und ich setze mein Leben ein, Dir zu helfen. Das wollte ich Dir sagen, Maria, und nun gehe hinein, ich komme später nach, es möchte sonst Verdacht erregen, daß wir hier so lange bei einander waren."
Er drückte und schüttelte noch einmal die Hand dee jungen Frau und sah
ihr dabei in die Augen, so feurig wie je, daß sie die ihrigen nkederfchkagerr mußte, — dann ließ er sie gehen.
Am andern Morgen in aller Frühe reiste der Sergeant wieder fort,, von Allen zur baldigen Wiederholung seines Besuches dringend aufgeforvert.
Im Jahre 1805 war der Krieg zwischen Frankreich und Oesterreich abermals in Italien entbrannt. Erzherzog Karl hatte anfänglich einige Vortheile errungen, namentlich bet Caldiero eine Schlacht gewonnen, war aber durch das Unglück der deutschen Waffen in Franken und Baiern zum Rückzüge gezwungen und wurde von der französischen Armee verfolgt. Diese hatte zwischen Mondovi und Savonna ein Lager bezogen, indem die Oesterreicher durch verschiedene unerwartete Flankenmärsche und eine kühn ausgeführte Schwenkung eine sehr vortheilhafte Stellung eingenommen hatten.
Eines Tages war ein hübscher, junger Mann von 25 bis 26 Jahren, dem Bauernstände angehörig, als Spion eingebracht worden. Er wurde augenblicklich vor ein Kriegsgericht gestellt und nach dessen strengen Gesetzen zum Tode verurtheilt. Dem Urtheile sollte, wie es der Kriegsgebrauch verlangt, die Exe- cution auf dem Fuße folgen. Eine Abtheilung Jäger stand vor dem Zelte des Profoßen. Man führte den Unglücklichen heraus und trat den Weg nach dem nicht weit entfernten Nichtplatze an.
Eine alte Frau war dabei, — es war die Mutter des Verurtheilten.
Der junge Mann hatte sich in fein Schicksal ergeben und bemühte sich sogar, seine Mutter zu trösten. Da diese aber nicht auf ihn hörte, so faltete er seine Hände und ging betend voran.
Die arme Frau schrie und jammerte verzweiflungsvoll und zerraufte sich die Haare; sie lief beständig neben dem Zuge her und rief:
„Mein Sohn ist unschuldig, so wahr Gott im Himmel lebt, er ist ganz gewiß unschuldig! Wir wollten in das Lager gehen und nach seinem Pathen fragen, von dem wir hörten, daß er in französische Dienste getreten sei. Er ist unschuldig und fein Spion, so wahr die Heiligen Gottes mir beistehen sollen in der Stunde meines Todes. Er ist gewiß und wahrhaftig unschuldig. Ihr seid Mörder und keine Soldaten, das sage ich als Mutter, und anstattt der Herzen habt Ihr Steine in der Brust, sonst hättet Ihr Mitleiden mit der Verzweiflung und Todesangst einer unglücklichen Mutter, der man ihr einziges Kind nimmt. Ist denn kein Gott im Himmel, der meinen unschuldigen Sohn rettet ? Haltet doch nur so lange ein, bis ich zu den Füßen des Generals um Pardon gefleht habe."
Aber Niemand achtete auf das verzweiflungsvolle Schreien des Weibes. Der Executionszug schritt mit festen Schritten vorwärts, und die Soldaten fingen an, ein Lied zu singen, um das Rufen der Geängstigten zu übertönen. Jetzt sprang sie, da Niemand ihr Toben berücksichtigte, auf einen Soldaten los, entriß ihm mit größter Behendigkeit das Gewehr und vertrat dem Zuge mit ge» fälltem Bayonnet den Weg.
„Nur über meine Leiche dürft Ihr weitergeben," rief sie, „wenn Ihr nicht einhaltet, stoße ich den Ersten, der mir in die Nähe kommt, nieder!"
„Um Gotteswillen, Mutter, laß ab," rief Der junge Mann; „es ist ja doch Alles vergebens; macht Euch doch nicht unglücklich!"
Der Soldat, welchen die Frau entwaffnet hatte, sprang mit gezücktem Säbel auf sie zu, und wollte sie durchbohren — als ein donnerndes „Halt!" seinen Arm und Den Marsch Des Zuges aufhielt.
Der kommanDirende General war's, Der eben die Vorposten visitirt hatte und nun mit seinem Gefolge in das Lager zurücksprengte.
„Was gibt es da? Wer ist dieser Mensch? Was will dieses Weib?" fragte Der General.
Die Frau hatte Das Gewehr weggeworfen, war in die Nähe des Generals vorgedrungen, war auf ihre Kniee niedergesunken und streckte flehend ihre Hände zu ihm empor.
„Wer bist Du? Wie kommst Du hierher? Was ist Dein Begehren?" rief der General.
„Ich bin Maria, die Wittwe des Battista Conzi, eines Bauern in Monzi bei Nizza, und das ist mein einziger Sohn Andrea. Die Franzosen haben vor sechs Jahren unser Haus verbrannt und unfern Stall geplündert; — mein armer Mann starb aus Gram, unsere einzige Tochter war schon früher gestorben. Böse Nachbarn verwickelten mich in ungerechte Prozesse, und da ich viele Schulden hatte, so verlor ich das ganze Gut und wurde in Armuth gestürzt. Ich habe nichts mehr als mein armes Leben und diesen meinen einzigen Sohn. Der faßte Den Entschluß, er wolle, um mir unglücklichen Frau zu Helsen, sich unter Die Soldaten anwerben lassen. Wir hörten, daß Die französische Armee hier in Der Nähe sei, und Da wir wissen, Daß Der Pathe meines Sohnes, Der Sergeant Andrea, unter Den Franzosen i , so wollten wir ihn aufsuchen, weil mein
Sohn Dachte, Der könne ihm vielleicht zu einem tüchtigen HandgelDe verhelfen,
womit er mich in ein Versorgungöhaus in Nizza eingekauft hätte. Kaum aber
kamen wir hierher, Da nahmen sie meinen armen Sohn gefangen, unD Da wir
keine Papiere haben, mit Denen wir uns ausweifen können, so halten sie ihn für einen Spion und wollen ihn erschießen. Ich will aber keinen Theil an Gott haben, wenn nicht Alles, was ich gesagt habe, Die reine lautere Wahrheit ist."
„Stehe auf, Weib!" rief Der General, „es soll Dir unD Deinem Sohne kein LeiD geschehen. Man führe BeiDe in mein Zelt!"
Damit wendete er sein Pferd und sprengte Davon. —
Nach einer halben StunDe trat die arme Frau mit ihrem Sohne, der sie unterstützen mußte, weil sie sich plötzlich schwach fühlte, in Daß Zelt des französischen Obergenerals. Er war allein, und ging ihr mit Der Frage entgegen :
„Kennst Du mich, Weib?"
Sie sah ihn an, schüttelte Den Kopf und fügte:
„Nein gnädiger Herr, ich kenne Sie nicht."
„Sich' mich genauer an," fuhr Der General fort unD trat noch einen Schritt näher zu Der Frau. „Du mußt mich kennen, — oder habe ich mich wirklich seit fünf und zwanzig Jahren so verändert, wie Du? Maria! Kennst Du mich wirklich nicht mehr?"'
(Schluß fofgt.)


