töT Anv Reiskirchen.
Am verflossenen Mittwoch, den 10. März 1869, des Nachmittags gegen 2 Uhr, brach in der Scheuer des hiesigen Ortsbürgers Kaspar Balser III. Feuer aus, dessen Ursache bis jetzt nicht zu ergründen war, welches aber so rasch und mächtig um sich griff, baß es in einem Zeitraum von nicht einer ganzen Stunde drei Scheunen mit ihrem Inhalte und mehreren Nebengebäuden in Schutt und Asche legte.
Indem wir solches hiermit den Bewohnern des Kreises Gießen zur Kennt- niß bringen, verfehlen wir nicht, den Gemeinden des Kreises, sowie auch den an- grenzenden Orten des Kreises Grünberg, für ihre geleistete schnelle und rasche Hülfe recht herzlich zu danken, und wenn wir im Namen der durch den Brand Heimgesuchten hier auch noch eine Bitte anreihen, so sind wir gewiß, daß uns solches nicht verargt werden wird, sind auch der Zuversicht, keine Fehlbitte zu thun.
Den Brandbeschävigten hat das Feuer ihr sämmtliches Futter und Stroh verzehrt.
Mehr haben wir wohl nicht nöthig zu sagen, um dieselben zur Unterstützung an Futter und Stroh den benachbarten Gemeinden zu empfehlen.
Für eine gleichmäßige und gerechte Austheilung der Liebesgaben wird der unterzeichnete Großh. Bürgermeister in Gemeinschaft mit noch hinzuzuziehenden Ortsbürgern sorgen. Jünger, Bürgermeister.
Herzliche Mte.
Die deutsche und französische evangelische Mission zu Paris darf am Sonntag Palmaruin mit Großherzoglicher Genehmigung eine allgemeine Kirchencollecte erheben zur Gründung eines neuen Kirchspiels, lediglich aus Grobherzoglich hessischen Unter; thanen bestehend.
Bereits bestehen drei hessische Kirchspiele an drei Ecken von Paris. Die Einrichtung eines vierten ist schreiendes Bedürfniß.
Wie stark die Großh. Hess. Bevölkerung in Paris ist und in welchem Maße sie zunimmt, läßt sich aus folgender Tabelle schließen.
Taufen. Trauungen. Leichen-
1854: 38 8 32
1864: 183 93 106
1867: 334 133 159-
Danach mögen etwa 7000 Hessen hier sein.
Circa 500 Kinder aus dem Großherzogthum besuchen die lediglich für sie gegründeten Schulen.
Das Missionscomit« hat für sie bereits 2 Kirchen gebaut und 8 Schulklassen, worauf noch 30,000 Gulden Schulden lasten. Zur geistlichen Pflege der Hessen allein verausgabt es zur Zeit 16—17,000 Gulden, es unterhält 3 Prediger, 9 Lehrer und Lehrerinnen, 2 Kirchendiener und eine Anzahl Gebäulichkeiten.
Mit wenigen Ausnahmen gehören die Leute zur ärmsten Klasse des Landes aus der Provinz Oberhessen, verdienen sich sauer ihr Brod durch Straßenkehren, wollen sich etwas ersparen, um unter ein wenig besseren Verhältnissen in die Heimath zurück zu kehren, was Manchem gelingt- Wir können natürlich auf ihre Beihülfe nur sehr wenig rechnen und bitten deshalb inständigst alle verehrten Leser sich an dieser Collecte nach Kräften und mit Freuden betheiligen zu wollen.
Man kann die Gaben auch einsenden an die Red. d. Bl. oder an die Hrn. Pfarrer-
Paris, den 15. März 1869. Für das Comite:
F. Mast, Pfarrer,
12. rue Linne.
Bezüglich des Lofodinischen Dorsch - Leberthrans, welcher durch Herrn S. Draisma van Valkenburg in Leeuwarden in den Handel gebracht wird, verdient folgende Erklärung des Prof. I. W- Gunning ganz besonders die Beachtung der Herren Aerzte, wie die der Patienten:
»Der Unterzeichnete, Prof, der Chemie in Amsterdam, erklärt, es übernommen zu haben, von jeder Partie Lofodinischer Dorsch - Lcberthran, welche dnrch Herrn S. Draisma van Valkenburg eingeführt wird, eine Probe, von unpartheiischen Sachverständigen entnommen, vom chemischen Gesichtspunkte hinsichtlich der Anforderungen zu prüfen, welche an blanken oder besten Leberthran gestellt werden müssen."
Amsterdam, Februar 1866. (gez.) I. W. Gunning,
Prof, der Chemie in Amsterdam, chemischer Adviseur des Nieder!. Gouvernements rc-
(Siehe Annonce im heutigen Blatte.)
Telegraphischer Schiffsbericht,
mitgetheilt von Chr. Wallenfels jun.
Angekommcrr in New-Bork r
Das Hamburger Postdampfschiff Holsatia, Reisedauer 10 Tage 8 Stunden, „ Bremer „ New-York, „ 13 „ —
Bremen nach New-Aork, Antwerpen „ „
Liverpool „ „
Havre
Bremen „ Baltimore.
Wegen Auskünften und Passagen beliebe man sich an Obigen zu wenden.
Abgehend:
Den 20. März Dampfer Hansa von
» ,, ,, ,, <5ity of Limerick „
u » ,, ,, Aleppo „
,, 30. „ „ Bellona „
n 7. April „ Baltimore „
Borseilnachrichten.
16. März 1869.
Preuss. 4V2°/o Obi. 933/4 Frankf. 3*/2% ObL 811/4 Nass. 41/2% Obi. 94
Kurh. 4% Obi. —
Hess. 4o/o Obi. b. Roths. 90%
„ 3%<% do. do. 853/4
Bayer. 5% Obi. 102
» 4 ’/20/0 1jährige 95%
„ 4%% < 2jährige 951/2 Würtemb. 4%% Öbl. 933/4 Baden 41/2% Obi. c. E.L. 93% Oestr. 5°/q b. R. 59%
„ 5% National 57%
„ 5% Metall. Obi. 45%
„ M. steuerf. 53% Amer. 6% 1882r Bds. 86%
„ 6% 1885r 84%
Actien.
Frankf. Bank 125%
Oester. Bank 716
M Creditact. 285
Darmst. Bankact. 288
Prioritäten.
5% östr. F. St. E. B. 310% Ludwigsh.-Bexbach 161% Maxbahn 108% Bayer. Ostbahn 127 % Hess. Ludwigsbahn 1383 4 3% östr. Stsb.-Prior. 55% 3% östr. s. Lombard. 47% 3% Livorneser 35% Toscaner 56% Frankf. Hypoth.-Bank 93 Frankf. Vereins-Kasse 97% 5% Elisabeth-Prior. 75% do. IL Emiss. 74%
Anleliensloose.
Kurh. 40 Thlr. Loose 561 2 Nassau fl. 25 b. Roth. 36% Gr. Hess. fl. 50 b. R. 164% Gr. Hess. fl. 25 b. R. 40% 4% bayr. Präm. Aul. — 4% badische Loose 104% Badische fl. 35 Loose 55% 1858r Prioritätsloose 163% 1860r Loose 853/4 1221/4
Wechsel.
Amsterd. k. S. 99% Augsb. k. S. 100 Berlin k. 8. 104% Bremen k. 8. 97 Cöln k. 8. 104% Hamburg k. 8. 88 Leipzig k. 8. 104% London k. 8. 119% Lyon k. 8. — Paris k. 8. 94% Wien k. 8. 96% Disconto 3 %% Q.
Geldsorten.
Pr. Gass. Sch.
1
443/4-45
Div. Cass.-A.
—
Pr. Friedrdor.
9
57%-58%
Pistolen . .
9
45-47
„ doppelte
9
46-48
Holl. fl. 10 St.
9
54-56
Ducaten . .
5
35-37
20 Frankenst.
9
28%-29%
Engi. Souver. 11
52-56
Russ. Imper.
9
46-48
Doll, in Gold
2
271/2-28%
F e u i l
Eine Reise durch die Wolken.
Original-Erzählung von Th. Hellwald.
(Schluß.)
Der Gedanke, daß ein junges Mädchen mit einem fremden Manne allein eine Luflreise zu unternehmen vermochte, überwog bei Tante Doris jeden Gedanken an die große Lebensgefahr, welcher sich das Pärchen bei dieser Gelegenheit aussetzte.
Hätte die gute Dame eine Ahnung davon gehabt, daß Fanny's Gefährte nicht nur kein Fremder, sondern sogar ihr begünstigter Liebhaber war, sie wäre wahrscheinlich zur Bildsäule erstarrt.
Nur einen kurzen Augenblick war indessen unserer jungen Freundin verstat- tet, das Menschengewühl unten näher in's Auge zu fassen, denn schon im nächsten schoß der Ballon mit der Schnelligkeit eines Pfeiles hoher in die Lüfte hinauf, während der zunehmende Wind ihn in westlicher Richtung davon trieb.
Fanny fühlte sich von einem furchtbaren Schwindel erfaßt und warf sich auf den Boden der Gondel nieder.
Wilhelm bot Alles auf, die Angst des jungen Mädchens durch Zurede zu beschwichtigen, was ihm auch wirklich theilweise gelang.
Sie war von Natur ein muthiges Mädchen und die Gegenwart des Geliebten wirkte außerordentlich beruhigend auf sie, da ihre Phantasie kaum etwas Geringeres wie einen Heros in diesem sah.
„So werden wir denn doch wenigstens zusammen sterben dürfen," sagte sie nach einer Weile, dem Anscheine nach mit großer Ruhe.
„Sterben! Welche Thorheit liebes Kind!"
„Wie sollen wir Denn aber wieder auf die ebene Erde hinabkommen?"
„O, diese Ballons sinken schnell genug, wenn man nur keinen Ballast über Bord wirft und die Ventile öffnet."
„Und hast Du denn das Letztere auch schon gethan?"
„Noch nicht. Die Zeit ist noch nicht da."
Daß er noch nicht zu entdecken vermochte, auf welche Weise er das Oeffnen der Ventile denn eigentlich bewerkstelligen sollte, sagte er dem jungen Mädchen freilich nicht.
Der Ballon fing endlich an, höchst seltsame Capriolen zn machen.
Er schwankte und rollte umher gleich einem Schiffe auf der See und begann endlich mit wunderbarer Schnelligkeit um sich selbst herum zu wirbeln, so daß den beiden Insassen fast Hören und Sehen vergehen wollten.
Bei Sonnenuntergang entlud sich um sie her ein starkes Gewitter.
Der Anblick war freilich großartig und erhaben, doch die beiden jungen Leute wurden völlig durchnäßt, und die Sorge, daß Fanny sich eine Erkältung zuziehen könnte, veranlaßte Wilhelm, jetzt endlich mit allem Ernste einen Versuch zum Oeffnen der Ventile zu unternehmen.
Ein Versehen in dieser entsetzlichen Höhe konnte indessen plötzlichen Untergang herbrisühren.
Es ist schon unangenehm, die Schnur im Sturzbade anzuziehen, wenn man weiß, daß ein Strom kalten Wassers herabstürzen wird, diese Operation jedoch
l e t 0 n.
in einem Ballon vorzunehmen, verlangt, wenn man gar nicht mit Gewißheit weiß, welche augenblickliche Folgen sie herbeiführen kann, wie Niemand zu läug- neu versuchen wird, wahrhaften Heldenmuth.
Es gelang unserem Freunde indessen, die richtigen Schnüre zu finden.
Er zog sie an und das Resultat war, daß der Ballon, welcher sich schon einige Zeit vorher im Sinken befunden hatte, mit immer zunehmender Schnelligkeit abwärts fuhr.
Gegen zehn Uhr sank also, um kurz zu sein, das Luftschiff bis dicht über den Boden nieder und begann nun unseren beiden Reisenden eine wahrhaft schreckliche Qual zu bereiten, indem es zu keinem Entschlüsse gelangen zu können schien, ob es nun auf der Erde bleiben oder eine zweite Exeursion in die Wolken hinein unternehmen sollte.
Der Wind hatte sich glücklicher Weise jetzt bedeutend gelegt, doch war er noch immer stark genug, den Ballon mit rasender Schnelligkeit Über Felder, Hecken und dichtes Strauchwerk dahin zu jagen, während Wilhelm bald rechts, bald links mit einem kleinen Anker umherfischte.
Von ein Paar Heuschobern riß er die Spitzen herab, nicht minder ein halbes Dutzend Schornsteine von Bauernhäusern, und erfaßte mit seinen eigen- thümlichen Angelhaken einen Bullen bei den Hörnern, Der zwar ein ziemlich ungehaltenes Gebrüll ausstieß, jedoch noch glücklich davon kam.
Das Ende vom Liede war, daß es Dem jungen Manne glückte, am Mauerwerke eines Treibhauses in einem Privatgarten einen festen Anhalt für feinen Anker zu finden, worauf Der Ballon mit ziemlicher Heftigkeit auf Den Boden niederstieß, so daß Fanny und Wilhelm in sehr unsanfter Weise aus demselben herausgeschleudert wurden.
„Bist Du verletzt, liebes Kind?"
„Nicht im Geringsten, und Du?"
„Gesund wie ein Fisch. Aber sieh doch nur, welch' eine entsetzliche Verwüstung der Ballon unter dem Glase anrichtet. Wir werden gut thun, uns so schnell wie möglich davon zu machen oder wir werden hier noch Unannehmlichkeiten haben.
Beide stahlen sich vorsichtig davon und erreichten bald ein nahes Dorf, von wo sie in einem Bauernwagen zur nächsten Eisenbahnstation fuhren.
Fanny schlief in jener Nacht im Haufe einer Freundin im nahen Städchen Z. und schrieb am Tage darauf an ihre Tante, sie sei etwas stark durchgeschüttelt worden und werde, um sich gänzlich zu erholen, einige Wochen lang bleiben müssen, wo sie sich eben befinde.
Schon zwei Tage später traf zu Fanny'S großer Ueberraschung die Einwilligung ihres Vaters zu ihrer Verbindung mit Wilhelm ein, da die Versöhnung der beiden alten Herren in eigenthümlicher Weise bedeutend schneller her- beigeführt worden war, wie sie selbst oder sonst irgend Jemand es nur zu ahnen vermocht hatten.
Wilhelms Commando als Jnstrueteur nach Eonstantinopel wurde durch gewichtigen Einfluß rückgängig gemacht und das junge Ehepaar lebt jetzt in Den glücklichsten Verhältnissen in Der Residenz.


