11. December.
In Pans ist gestern das Gclbbuch und das Blaubuch ausgegeben worden. Letzteres, welches den inneren Angelegenheiten gewidmet ist, beschränkt sich darauf zu constatiren, daß die Wahlen ungeachtet der Lebhaftigkeit der vorhergegangenen Polemik mit unbestreitbarer Ordnung und Regelmäßigkeit vor sich gingen. Ferner werden die Veränderungen darge- stellt, welche sich aus dem SenatSeonsult für die inneren Verhältnisse ergeben. — Das Gelb buch handelt von den Beziehungen zum Ausland. Hinsichtlich Deutschlands sagt dasselbe: In den Verhält- nissen des norddeutschen Bundes und der süddeutschen Staaten hat sich keine besondere Veränderung zugetragen, und wir sahen in den Fragen, welche die deutschen Cabmete wahrend dieses Jahres beschäftigten, keinen Grund, die Zurückhaltung aufzugeben, welche wir gegenüber den Umgestaltungen beobachteten, die jenseits des Rheins ins Leben traten. — Unsere Beziehungen zu Deutschland sind ohne Unter- brechung durchaus freundschaftlicher Natur geblieben. — Der Bericht über die Finanzlage soll später veröffentlicht werden.
In seiner Allocution an die „Väter des Concilö" drückte gestern der Papst seine Freude aus über die Ankunft der Bischöfe, welche nach Rom gekommen seien, um allen Menschen den Weg Gottes zu lehren und mit dem Papst unter den Auspicien des heiligen Geistes die falsche menschliche Wissenschaft zu richten. — Es sei nothwenbig, daß die Kirche gegen eie gottlose Verschwörung kämpse, aber sie habe nichts zu fürchten, denn sie sei stärker als der Himmel (?) — Die nächste Sitzung wird am Tage Epiphanias stattfinden und darin über die bis dahin ausgear- beitkUn Decrete abgestimmt werden.
Die englische Regierung proclamirte angesichts einer bevorstehenden Demonstration der Organisten in einem Theile der irischen Grafschaft Londonterry den Belagerungszustand.
Der spanische Minister für die Colonicen erklärte, daß er aus Gründen der Staatsklugheit die Depeschen der Behörden Cubas und Portoricos über den für letztere Insel vorgeschlagenen VerfaffungS- entwurf nicht zur öffentlichen Kenntniß bringe könne. Es scheint demnach nicht, daß der Entwurf den Beifall jener Behörden gesunden hat.
Vom Kriegsschauplätze in Paraguay wird berichtet, daß die Vorhut deö Grasen d'Eu am 13. Oct. in San Estanislao eingerückt sei, vom Feinde jetoch nichts mehr vorgefunden habe. Der Ort war fast ganz verlassen und Lopez schon seit 20 Tagen mit 3000 Mann, meist ganz jungen Leuten, abgezogen. Neber seinen augenblicklichen Aufenthalt widersprechen sich die Angaben. Gewiß ist nur, daß die verfolgende Armee wegen der Schwierigkeit der Verpro- viantirung mit den härtesten Entbehrungen kämpfte; der Oberbefehlshaber hatte in Folge dessen bereits die Argentiner zurückgesandt. In Rio glaubte man, daß Graf d'Eu demnächst zurückkehren würde. Gleichzeitig würde man dann Vie fruchtlose Verfolgung des flüchtigen Lopez aufgeben. Man verschweigt sich jedoch auch nicht, daß, wenn der Vertriebene zurück- kehren könnte, nicht nur das Volk, sondern selbst die provisorische Regierung ihn mit offenen Armen empfangen werden.
13. December.
Die „Nordd. Allg. Ztg." knüpft an den von dem Grafen Hohenthal in der Sächsischen 1. Kam- nur gestellten, die Competenzgrenzen des norddeutschen Bundes betreffenden Antrag folgende Bemerkungen an: „Wir haben die Berechtigung des norddeutschen Bundes, über seine Competenz in dem durch die Verfassung vorgezeichmten Wege allein zu entscheiden, bei Gelegenheit des Antrages des Grafen Lippe im preußischen Herrenhause ausführlich nachgewiesen. Ein Bund, dessen verfassungsmäßigen Organen diese Prä- rogative nicht beiwohnen sollte, entbehrt die Bedin- gungen der Lebensfähigkeit. Es ist eine Thatsache, daß der nortdeutsche Bund weit entfernt ist von einer Provozirung der Erweiterung seiner Rechte, wie denn auch kein Anstoß zu dieser Erweiterung Seitens des Buntespräsidiums stattgefunden hat. Ebenso kann cs aber keinem Zweifel unterliegen, daß der „nordteutsche Bund" auch nicht den Schein tes Zurückgehens eines seiner Mitglieder hinter die ver- fassungsmäßige Competenz t ule en und einem solchen Versuche mit allen Mitteln entgegentreten würde."
Der „N. fr. Pr." sind „von einer in dalmatinischen Angelegenheiten unbedingt verläßlichen Seite" eine Reihe von Berichten über den Ständler Tinge in den Bccche di Cutaro zugegangen, welche die dortige Lage in weit beruhigenderem Lichte erscheinen lassen, als nach den bisherigen Berichten allgemein
angenommen wurde. Die ganze Zupa ist ruhig und pacificirt bis auf drei Gemeinten, mit denen man hoffentlich bald fertig sein wird. Der ganze Bezirk von Castelnuovo hat sich unterworfen und Garan- ticen der Unterwerfung gegeben. Nur die Crivoscie ist noch insurgirt, aber auch dort ist die Insurrection im Ersterben. In dem Maße eben, als Montenegro die Mittel zur Unterstützung des Aufstandes, Proviant und Munition, ausgehen, wird die Lage der Crivos- ciamr schwieriger, und ver Winter dürste das Uebrige um so mehr thun, als den Aufständischen der Weg zur Küste, wo sie sich Proviant holen könnten, völlig abgeschnittcn ist. Die Nachricht von der demnächstigen Wiederaufnahme der militärischen Operationen ist höchstens in dem beschränkten Sinne zu verstehen, daß gegen die oberhalb Budua liegenden Gemeinden Po- bori, Braich und Maini von der Colonne des Brigadiers v. Schönfeld vorgegangen werden sollte.
Von Wien wird gemeldet, daß sich bei den Insurgenten der Crivoscie circa 70 Malvivente aus der Herzegowina befinden,, welche an der Hartnäckigkeit der Aufständigen viel Schuld tragen. Montenegro hält feil einigen Tagen, bei Verhängung harter Strafen, strengstens auf Neutralität. Der Statthalter für Dalmatien, FML. Wagner, hat seine Demission eingereicht, Vie verfassungstreuen Dalma- tiner bedauern diesen verhängnißvollen Verlust, während die bocchesischen Rebellen und die Nussenfreunde über diese Aenderung, als das Resultat ihrer beständigen Bemühungen bet Minister Taaffe, in Jubel ausbrechen.
„Figaro" sagt, eine an den Gesandten Frankreichs in Rom, Marquis von Banneville gerichtete Note des Justizministers erkläre, daß cs schon von religiösem Standpunkte aus nicht zeitgemäß erscheine, die Frage der päpstlichen Unfehlbarkeit aufzuwerfen; in politischer Hinsicht aber heißt es nichts anderes, als Frankreich von den Verpflichtungen entbinden, die es durch das Concordat übernommen habe.
In Neapel tritt Ricciardr'S Anti-Concilium wieder mehr in den Vordergrund. Die Florentiner Freidenker haben beschlossen, Martinati, Mantici und Lobbia hinzuschicken. Ricciardi selbst veröffentlichte dieser Tage ein Schreiben, in welchem er 11 größere Städte der Halbinsel und Siciliens aufzählte, deren Bürger aufgefordert worden seien, am 8. Dec. in öffentlicher Versammlung ihren Beitritt zu folgenden Resolutionen auszusprechen: „1) Unversöhnlicher Krieg gegen das Papstthum; 2) Protest gegen die Vergewaltigung durch Napoleon; 3) unbedingte Gewissens- freiheit für Jedermann." Man fürchtet in Rom, daß aus dem wissenschaftlichen Protest ein handgreiflicher werde. (Inzwischen ist laut telegraphischer Meldung der „Correspondance Jtalienne" das Anti - Concil wegen des Rufes: „Tod dem Kaiser der Franzosen! Es lebe das republikanische Frankreich!" von den Behörden aufgelöst worden.)
Amerikanische Blätter veröffentlichen einen Brief ves Generaladjutanten ter cubanischen Insurgenten- Armee, worin er erklärt, daß die Cubaner keine fremden Soldaten, sondern nur Waffen und Uniformen brauchen. Die cubanische Armee zählt 26,800 bewaffnete Soldaten, denen 40,000 emancipirte Neger zur Seite stehen, die als Waffe nur die Masetas, halb Beil halb Fleischaxt, führen. Mit 75,000 Gewehren hofft General Jordan die cubanische Unabhängigkeit in 90 Tagen herzustellen. Gleichzeitig bittet er die amerikanische Frauenwelt um Unter- stützungen für 30,000 cubanische halbnackte Frauen, die, wie er schreibt, auf den Bergen ein urweltliches Leben führen.
Hoffen. Darmstadt, 13. Dec. In der heutigen Sitzung beider Kammern reichte der KriegSministcr eine Vorlage ein, worin für die Errichtung der Landwehr der Betrag von 300,000 fl. gefordert wird.
Oesterreich. Wien, 12. Dec. Die heutige „Wiener Ztg." publicirt in ihrem amtlichen Theile ein Waffenausfuhr, verbot au« den adriatifchen Höfen für die Dauer der Unruhen in Dalmatien.
Wien, 13. Dec. Eine heute Vormittag abgehaltene Arbeiterversammlung entsendete eine Petition an den Minister- Präsidenlen behuf« Gewährung der EoalitionSfreiheit, VereinS- freiheit, Preßfreiheit, Reform des Wahlgesetzes und Aufhebung des stehenden Heere«. Der Ministerpräsident versprach die Forderungen dem Ministerrathe vorzulegcn. — Die Ordnung wurde nicht gestört.
Agram, 11. I«c. ES soll eine Mobilisirung der Landwehr (?) bevorstehen.
Ungarn. Pefth, 10. Dec. Durch das Auötretcn der SamoS und ihrer Nebenflüffe steht ein großer Theil des Szath- marer EomitateS unter Waffer. Ganze Dörfer sind fortge- schwemmt, viele Menschen und Hausthiere ertrunken. Zahlreiche Obdachlose campiren im Freien.
Italien. Florenz, 13. Dec. Der Arno ist erheblich gefaUur, für Pisa ist keine weitere Gefahr. Man glaubt, daß die Ueberschwemmung 40 Todte gekostet hat. Am Sonnabend wurden 15 Leichen bereits aufgefunden.
Rom, 10. Dec. In der Generalcongregativn, welche daS Concil gestern in St. Peter abgehalten, wurden zum Schluffe der Sitzung zehn Mitglieder gewählt, welche zwei Bureaus, jede« von füuf Mitgliedern, bilden werden. Diese Bureaus führen die Titel „judices excusationum“ und „judices querelarum et contraversiarum.“ — DaS Welter ist andauernd sehr schlecht; die Zahl der eingetroffenen Fremden ist eine sehr geringe.
1 Rußland. Petersburg, 11. Dec. DaS „Journal de I St. Petersburg" dementirt die Gerüchte über die Krankheit des Reichskanzlers Fürsten Gortschakoff. Die osficiöse Zeitung sagt, der Zustand deS Fürsten flöße nicht die geringsten Besorgnisse ein und derselbe habe seine regelmäßige Thatigkeit ununterbrochen fortsetzen können.
Petersburg, 11. Dec. Eine Erpedition, bestehend aus 1500 Mann und 5 Dampfmaschinen, wurden nach dem Balkan- Golfe deS Kaspischen Meeres abgesendet, |»m die Verbindung dieses MeereS mit dem Aralsee vermittelst deS früheren Amu- deria-FlusseS aufzufinden.
Türkei. Konstantinopel, 10. Dec. Die Insel RhodttS wird auf Befehl des Sultans stark befestigt werden. Die Arbeiten beginnen sofort. Die telegraphische Verbindung mit Bagdad ist gestört
Belgrad, 11. Dec. AuS Anlaß deS morgen gefeierten 39. Jahrestage« der Anerkennung Serbiens durch Europa wurde die Gründung einer vollständigen Universität mit fünf Facul- täten beschlossen.
Amerika. New-Uork, 10. Dec. Die seitens des Marschalls der Vereinigten Staaten, Barlon, mit Beschlag belegten spanischen Kanonenboote sind freigegeben worden und gehen sofort nach Cuba ab.
Vermischtes.
Gießen, 15. Dec. In nächster Zeit wird Herr Dr. L. Burmeister seine Vorlesungen Reu ter'sch er Dichtungen dahier eröffnen, und wir glauben umsomehr ein ur- theilsfähigeö Publikum darauf aufmerksam machen zu müssen, da der Vorleser vollständig deö Plattdeutschen mächtig, durch seinen Vortrag zu größerem Verständniß Reuter'scher Dichtungen beitragen wird. Die Elberfelder Zeitung spricht sich dahin aus, daß eine solche Art deS Vortrages gleichsam al« der Spiegel der jenen Dichtungen innewohnenden Seele zu bezeichnen ist. Herr Burmeister zeigt uns sowohl die ganze Fülle de« echten, naturwüchsigen Humors, mit welchem Fritz Reuter die plastischen Gestalten seiner Dichtungen auSge- stattet hat, als auch das ungemein tiefe Gemülh, welches aus feinen Darstellungen von der Menschen Lust und Leid hervor- leuchtet. Durch den Vortrag der Gedichte ^Die swarten Pocken", „Wo iS dat Füer?" „Der Probenreiter" und einer ergötzlichen Episode aus „Nt mine Stromtid" (wo „Fritz Trid- delsitz in Jwersük verfällt, Gedichte makt un Breiw schriwwt, worin hei sine leiwe Tante för'n Draken un Bräsigen för en Rindveih erklärt, un woanS em dit bekümmt, un worüm de Fru Pastern fik lang un dünn merken met un Brafig in den Graben sollt") versetzte er die Zuhörer in die größte Heiterkeit, während der Vortrag des ersten Capitels aus „Ut mine Stromtid" (Hawermann während der Auction und am Sarge seiner Frau) von wahrhaft ergreifender Wirkung war. Besonders wollen wir auch hervorhrbcn, daß Herr Burmeister mit großem Geschick Wörter, die dem der plattdeutschen Sprache weniger Kundigen unverständlich sein würden. vermeidet, resp. sie umzuformen weiß, ohne daß dadurch der Charakter deS Plattdeutschen beeinträchtigt wird. Die sämmtlichen Zuhörer werden fast jedes Wort verstanden bahn. Es kann somit jedem, der sich von Herzen amusiren will, der Besuch dieser Vorlesungen anempfohlen werden.
Offenbach. Die Theilnahme der hiesigen Arbeiter, besonders der Ledergalanteriearbecker, an der im Mai nächsten Jahres in Darmstadt stattfindenren Ausstellung der Handwerker, ist fortwährend im Steigen und wird dieselbe von hier aus nicht unbedeutend beschickt werden.
Frankfurt, 14. Dec. Wegen der Annahme und Nichtannahme der österr. SechSkreuzrrstücke kam eS in den letzten Tagen in Wnthschaften hier zu mehrfachen Zwistigkeiten. In einer Wirthschaft nahm eine solche Differenz einen höchst komischen AuSgang. Als nämlich der Wirth den österr. Sechser einem Frauenzimmer nicht abnehmen wollte, nahm sie denselben zurück, ergriff daS SeidelglaS mit sammt dem Bier und stürzte zum Haus hinaus.
Frankfurt. Auf der der hiesigen Hubertus.Gesellschaft gehörigen Salmünsterer Gemeindejagd, District Rauher Berg, wurden am verflossenen Samstag erlegt, ein Wildschwein (Keiler) im Gewicht von 268 Zollpfund: ein Eremplar, wie ein ähnliches noch selten gesehen wurde ; neun schwere Rehe und vier Füchse ?c. Sämmtliche Jagdbeute blieb einige Tage bei Herrn I. P. Löffler auf der Friedberger Landstraße für alle Jagdfreunde zur Aussicht ausgestellt.
Frankfurt. Bei einem Ende verfloss»ner Woche verstorbenen Süddeutschen, welcher in hu besten Verhältnissen lebte, war es sehr schwierig, die Werthsachen zu entdecken, nur ein Zufall führte zur Auffindung derselbe». AIS man nämlich in der zugebundenen Peruicke des Verstorbenen, welche im Bett versteckt lag, eine Summe von 120 fl. fand, schloß man daraus, daß wohl das Bett der Geldschrank gewesen fein müsse. Man fing daher an, die Kopfkissen, Strohsack und Matrazen aufzuschneiden und entdeckte hier Werthpapiere im Betrag von 60,000 fl. — In diesem Falle kommt das Vermögen an lachende Erben.
Gestern Nachmittag fand auf dem Main Neckar-Bahnhof eine erschütternde Scene Statt. Ein junger Darmstädter Soldat, welcher beim Train stand, sollte wegen eines DiSciplinar- vergehens bestraft werden. Er legte sofort feine Militärkleidung ab und fuhr nach Frankfüit. Der Vater und die Schwester des Betreffenden, welche nichts Gutes ahnten, machten sich sofort hier auf den Weg und trafen den Gesuchten auf hm Neckarbahnhof in dem Momente als er au« dem Wartesaal trat. Al« dieser den Vater erblickte, zog er eine Pistole und erschoß sich. Der Schrecken und daS Entsetzen deö VaterS lassen sich fühlen, aber nicht beschreiben.
Florenz, 6. Dec. Auf dem Mont Ceni«, auf der Seite von Susa, wurde ein ganzer Gülerzug durch eine Lawine in den Abgrund gestürzt. Alle acht Personen, welche denselben begleiteten, sind todt.
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


