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Siff55

Aeilage zu Ar. 134 des Kießener Anzeigers.

Feuilleton

V a Banque!

Erzählung von Wilhelm Andrea.

(Fortsetzung.)

Prüfe an Dir selbst, Herbert, ob sich die Erinnerung an die erste Liebe je gänzlich wieder verwischen läßt. Du bist stark in der Bekämpfung Deiner Gefühle und Leidenschaften, aber als ich Dich vor wenigen Tagen in der IaS- minlaube überraschte, an derselben Stelle, wo Du mit Laura den Bund ewiger Treue schlossest, da verrieth mir Deine wehmüthige Stimmung und ein tiefer Seufzer, daß die Eindrücke, welche Laura in Deinem Herzen zurückgelassen, doch mächtiger sind, als Deine Willenskraft."

Du magst Recht haben," antwortete Herr von Herbert,aber nicht min­der stark ist der Gedanke an Laura's Treubruch und Berrath; und mit diesem Gedanken ist cs mir gelungen, ihr Bild immer mehr aus meinem Herzen zu verdrängen. Bon jetzt an sollst Du aber nie wieder solche Schwäche an mir bemerken, selbst nicht an solchen Orten, die mich am lebhaftesten an mein ein­stiges Bündniß mit Laura erinnern. Vorbei! Vorbei! Und nun laß uns Toilette machen, damit wir noch diesen Vormittag unsere Wanderung in die Berge antreten können. O, mit welcher Wollust werden wir die langentbehrte Berglust athmen und den Anblick der vor uns ausgebreiteten Landschaft genießen!"

Eine Stunde später hatten sie schon den Badeort mit seinem Gewühle im Rücken. Ohne ein bestimmtes Ziel im Auge zu haben, nahmen sie ihren Weg nach dem zunächst liegenden Hügel, wo sich der Ort mit seinen paradiesischen Anlagen, ein unvergleichliches Panorama, vor ihren Blicken auöbreitete.

Doch nur wenige Minuten verweilten sie hier; sie strebten den nahen Ber­gen zu, um fern von dem Gewühl der Menschen, im Schatten eines herrlichen Buchenwaldes, dessen schlanke Bäume mit ihren grünen Zweigen gleich den gothischcn Säulenreihen eines Tempels empor ragten, bas Fest ihrer Befreiung vom Joche der Alttagssorgen zu feiern.

Wie gläubige Beter durch das Geläut der Glocken zum Gotteshause geru­fen werden, so wurden die beiden Freunde schon durch den lang entbehrten Anblick des grünen Gottestempels zu dessen heiligen Hallen gezogen, deren Rau­schen ihnen ein Gruß beS Willkommens schien.

Noch wenige Schritte und der Wald war erreicht.

Sie nahmen das schon am Morgen früh gewählte Thema ihrer Unterhal­tung, das aber durch vielfache Bemerkungen über die Schönheiten der Landschaft und über die Empfindungen ihres FreiheitSgesühls ost unterbrochen wurde, von neuem wieder auf.

Bevor sie den Wald selbst betraten, schritten sie noch eine Zeit lang am Saume dcffelben entlang, um den herrlichen Blick in das so unendlich viel Ab­wechselung bietende Thal noch einmal in seiner ganzen Schönheitsfülle zu genießen und seinen Gesammteindruck in sich aufzunehmen.

Sie sprachen wieder von Laura, als Herbert sich nach einem zusammen- geschlagenen Stück Papier bückte und dasselbe ausnahm.

Er erblaßte, als er es entfaltet und nur einen Blick hinein geworfen hatte.

Der Freund sah ihn erstaunt an.

Was hast Du da?" sagte er.

Sind wir in einen verzauberten Wald gerathen, wo wir von Dämonen, Zwergen oder Elfen geneckt werden? Da sieh, lies und staune!"

Blumenthal entriß ihm das in Briefform geknickte Papier mit Hast.

Hilf Himmel!" rief er.Deine Hand! Bei Gott!

Und was ist das? Deine Namensunterschrift: Friedrich von Herbert!" Dann schnell den Brief umwendend, fuhr er lachend fort:

Geliebte Laura!"Nun bleibt mir aber mein Verstand stehen!" Mir auch!" sagte Herbert, den ihn überrascht anstarrenden Freund mit nicht geringerer Verwunderung anblickend.

Einer Deiner Liebesbriefe an Laura!" bemerkte Blumenthal, ihm den Brief zurückgebend.

Herbert nickte ihm beistimmend, mit einem unbeschreiblichen GesichtSaus- drucke, zu.

Mein Gott! wie kommt der hier an diese Stelle?" rief Blumenthal. Wahrlich, Du hast Recht, wir sind in einen verzauberten Wald gerathen!"

,3» welchem mir unsichtbare Spukgeister meine Briese vor die Füße wer­fen!" ergänzte Herbert mit bitterer Ironie, und fuhr dann, als das erste Er­staunen einem ruhigern Nachdenken, einer kühleren Ueberlegung gewichen war, mit dem Freunde um die Wette fort, sich in allerlei Vermuthungcn, auf welche Weise der Brief an den Waldrand gerathen sein könnte, zu ergehen.

So springt das falsche Weib, ihrer ersten Liebe spottend, mit meinen Briefen um!" rief endlich Herr von Herbert, wild aufbrausend, mit großer Bitterkeit, und das Papier in seiner Hand zerknitternd, fuhr er fort:O, Blumenthal, welches Schicksal mag dieser Brief schon gehabt haben! Wie viel unsaubere Hände mögen ihn schon berührt und wie viel profane Augen schon gelesen haben! Gleich einer abgeschabten Geldmünze ist er aus einer Tasche in die andere gewandert und hat zur Belustigung und zum Hohngelächter für sorglose, fade Gecken, für frivole, unreife Buben, für alte Bet- und Kaffee» schwestern und für kokette Backfische dienen müssen! So hat sie mich geliebt, die Heuchlerin! Meinen ehrlichen Namen hat sie profanirt und geschändet, so daß vielleicht schon in kurzer Zeit die Badegäste mit Fingern auf mich weisen und sagen werden:Da geht er hin, der verliebte Thor, der Friedrich von Herbert!" O, eS ist zum Rasendwerfen! Sage selbst, Blumenthal, ist es mit meiner Ehre vereinbar, daß ich auch nur einen einzigen Tag noch in Ba- den verweile?"

Rede nicht also, mein Freund," antwortete der Andere.Allerdings muß der Gedanke, daß Laura nicht vorsichtig genug mit Deinen Briefen umgegangen ist, zunächst an Dich herantreten. Es heißt im Sprüchwort: Haben! sua fata, libelli: Bücher und Briefe haben oft seltsame Schicksale; kann Laura gleichwohl nicht völlig unschuldig sein und diesen Brief an dieser Stelle

selbst verloren haben? Warum willst Du immer das Schlimmste von ihr voraussetzen?"

Muß ich daß nicht? Angenommen selbst, daß sie hier gewesen ist, so würde sie doch keineswegs meine Briefe, die ja nur nnangenehme Erinnerungen in ihr erwecken können, bei sich geführt haben. Das hätte sie nicht gethan, denn dazu ist sie viel zu stolz. Nein, Blumenthal, Du überredest mich nicht! Glaube mir, es ist so, wie ich Dir sage. Sie treibt Spott mit meinen Briefen!"

Das wäre noch unwahrscheinlicher," versetzte Blumenthal,denn, um solche Indiskretion zu begehen, scheint sie mir zu klug. Sie würde sich dadurch nur selbst entehren."

Die Unterhaltung wurde in diesem Sinne noch eine Zeit lang fortgesetzt, während die Freunde waldeinwärts schritten.

Schon glühte die Mittagssonne hoch am Himmel, als sie den Heimweg wieder antraten.

Herbert schien immer noch verstimmt. Er war ziemlich-einsilbig geworden und die Schönheit der Landschaft schien allen Reiz für ihn verloren zu haben.

II.

In den Nachmittagsstunven desselben Tages konnte Blumenthal seinen Freund, der fest entschlossen war, Baden sofort wieder zu verlassen, nur mit Aufwendung aller seiner Beredtsamkeit bewegen, nur noch einen Tag zu ver­weilen, und sich mit ihm in das ihn zerstreuende Getümmel des Badelebens zu begeben.

Wohlan, ich will aus Liebe zu Dir noch einen Tag zugeben" erwie- derte Herbert nach einigem Zögernaber unter der Bedingung, daß Du mir versprichst, mich in den Spielsaal zu begleiten. Ich bin ganz dazu gestimmt, die Göttin des Glücks einmal herauszufordern, da mich die Göttin der Liebe so schändlich betrogen."

Gut, ich begleite Dich, aber spielen werde ich nicht," sagte Blumenthal, indem er Hut und Stock ergriff und den Freund aufforderte, ein GleicheS zu thun.

Einige Stunden später standen sie bereits an dem rings mit Spielern bei­derlei Geschlechts stark besetzten verhängnißvollen Tische, und fanden nur mit Mühe noch ein bescheidenes Plätzchen in der Nähe des Croupiers.

Herbert setzte einen Thaler aus Roth. Das Glücksrad drehte sich und die Kugel fiel auf Schwarz. Er verdoppelte den Satz, aber mit derselben Erfolglosigkeit.

Zum zweiten und dritten Male verdoppelte er den verlorenen Einsatz, aber immer rollte die Kugel auf Schwarz, und immer mußte er feine blanken Thaler hinter dem Haken des Croupiers verschwinden sehen.

Höre auf! Du hast heute Morgen kein Glück!" flüsterte ihm der Freund zu, der die Beobachtung machte, daß der sonst so ruhige und berechnende Her­bert anfing, leidenschaftlich zu werden.

Erst muß ich mein Geld wieder haben!" entgegnete er und warf drei Goldstücke auf Schwarz.

In der That schien ihn an diesem Tage ein böser Dämon zu necken. Diesmal rollte die Kugel auf das lang gemiedene Roth, und' Herbert'- Gold­stücke folgten den Silberstücken: sie sanken in den unersättlichen Schlund deS höllischen Spieldrachen.

Der Angstschweiß brach dem Referendar aus, und er schien der wiederholten Mahnung des Freundes jetzt Gehör geben ^u wollen und zum Aufgeben des Spiels entschlossen zu fein; aber wider Willen wurde er in dem dicht gedrängten Menschenknäuel, das rings den Tisch umgab, an seinem Platze festgehalten, und als auf's Neue der eintönige Ruf des Bankhalters ertönte:Mes dames et messieurs, faites votre jeu!c da griff er wieder in die Tasche und warf fünf Doppel-LouiSd'or auf Schwarz.

Diesmal war ihm das Glück hold. Er gewann und hatte somit seinen Verlust reichlich ersetzt; aber wer kann dem Lächeln der falschen Glücksgöttin trauen und wer ist stark genug, ihren Lockungen zu widerstehen?

Nun höre aber auf!" bat Blumenthal dringend und zupfte Herbert am Arm.

Mes dames et messieurs, faites votre jeu 1

Nur noch einmal! bitt', nur noch einziges Mal!" sagte Herbert ab­wehrend.Aut Caesar, aut nihil! Ich riskire jetzt die hundert Thaler!"

Kaum gesagt, lag die Summe auch schon auf dem schwarzen Felde.

Das Rad drehte sich, und die Kugel rollte auf Roth! Die Bank war um hundert Thaler reicher.

Herbert schlug sich mit der Hand vor die Stirn, und schnell entschlossen, nahm er den Rest des Geldes aus der Börse es waren noch einige Gold« und Silbermünzen und setzte sie mit halb wüthender, halb verzweiflungsvoller Geberde auf Roth

Sein Herz klopfte hörbar in feiner Brust, er wischte sich den Schweiß von der Stirn und stierte gespannt und mit verhaltenem Athem auf bas Rav und auf den Verbleib der Kugel.

Sie rollte auf Schwarz!

Herbert's Reisegeld war fort.

Mit verstörten Mienen blickte er seinen Freund an und drängte sich mit demselben durch die Menge in's Freie.

Mas nun?" fragte Blumenthal.

Du mußt mir zehn Thaler leihen, liebster Blumenthal, damit ich wenig­stens mein Reisegeld wieder gewinne."

Die Hälfte meines BesitzthumS steht Dir selbstverständlich zu Gebote, aber zum Spiel leihe ich Dir keinen Heller. Du solltest überhaupt nie wieder spielen, denn es muß Dir nun klar geworden sein, daß Du entschieden unglücklich spielst."

Herbert seufzte.

Du hast Recht, Blumenthal," sagte er nach einigem Nachdenken.Aber biete Du doch dem Glücke einmal die Hand!"

Ich spiele nicht! grundsätzlich nicht!" (Forts, folgt.)