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V a Banque!
Erzählung von Wilhelm Andrea.
„Gottlob, der letzte F.verstrich!" sagte ter Referendar Friedrich von Her- bert zu seinem eben eingetretencn Anusgenoffen, indem er die Feder mit Heftig' keit auf den Tisch warf. „Nun Vie Acten auf vier Wochen beiseite geschoben und vergessen, damit man sich einmal wieder als Mensch fühlen kann, Morgen schüttle ich den Staub von meinen Kleidern und Schuhen und eile wie ein vom Käfig entflohener Vogel in die Ferne, über Berg und Thal, die lang entbehrte Freiheit in vollen Zügen zu genießen!"
Steht Dein Entschluß, nach Baden zu reifen, noch fest?"
„3a."
„Gut, ich reise mit Dir."
„Du, Blumenthal?"
Ja, gestern Abend habe ich mich, Dank den Goldstücken meines guther- rigen Oheims, dazu entschlossen."
Bravo! Dann laß D-ch umarmen, Du HerzenSlunge! Diese freudige Ueberraschung sollst Du mir nicht umsonst bereitet haben; sie wird mir ein Grund mehr sein, meine Bekanntschaft mit dem Onkel und Vormund Deiner Angebeteten, Alwine von Seefeldt, möglichst zu Deinem Vortheile auszubeuten. Als Erkenntlichkeit für Deine Freudenbotschaft will ich Dir vorläufig mittheilen, daß das Vorurtheil des alten ! hartgesottenen Edelmanns ferner keine un- übersteigliche Schranke gegen die Verlobung seiner Nichte mit einem Referendar von bürgerlicher Herkunft bilden wird. Nur in dem andern Punkte bleibt er noeb unerschütterlich fest, daß sie nämlich keinen Mann ohne Vermögen heira- then soll, weil ihr Erbthril von der Hinterlassenschaft ihrer Eltern nur gering und weil der Onkel mit einem Worte — ein Geizhals ist. Doch verliere nur Den Muth nicht; kommt Zeit, kommt Natd." ,
Daß Blumenthal in Alwine von Seefeldt sein höchstes Lebensgluck fand und Beide mit einander in ihren Herzen den Bund der Treue geschloffen hatten, war schon seit geraumer Zeit ein öffentliches Geheimniß. Aber mit einer förmlichen Verlobung halte es noch seine guten Wege. So lange der alte Baron von Seefeldt seine Skrupel nicht zu überwinden vermochte, war bei seinem fast sprüchwortlich gewordenen Eigensinn daran nicht zu denken.
„Hast Du vielleicht in diesen Tagen Gelegenheit gehabt, mit dem Baron darüber zu sprechen?" fragte Blumenthal.
„Erst gestern Abend," 'lautete die Antwort, „Er hatte ganz gegen seine Gewohnheit dem Ungar fleißig zugesprochen, und war daher äußerst zugänglich. Ich faßte mir also ein Herz, einige Vollkugeln für Dich in die Schanze zu werfen.' „Aus der Geschichte wird nichts!" sagte er ungefähr; den Mangel eines adeligen Namens würde ich an dem künftigen Verlobten meiner Nichte am Ende wohl noch verschmerzen können, wenn er übrigens nur so viel Vermögen besäße, daß Laura standesgemäß auftreten könnte; aber der Herr Blu- menthal ist so arm, wie eine Kirchenmaus."
„Ja, das ist wahr, arm wie eine Kirchenmaus bin ich!" sagte der Be- Leichnete und warf sich seufzend auf das Sopha. ,
„Verzage nur nicht, alter Freund!" tröstete ihn der Andere, „denn yoffent- lich werden wir mit der Zeit auch diese Schanze noch erstürmen."
„Ich muß bald daran verzweifeln," erwiedert? Blumenthal, weil der Geld- punkt'dem alten Geizhals über Alles geht."
Höre einmal," sagte Herr von Herbert nach einigem Nachsinnen, „da fährt "mir ein guter Gedanke durch den Kopf. Was meinst Du, wenn Du in Baden einmal der Glücksgöttin die Hand bötest?"
Du
nicht in Versuchung besuchtes Bad, wo
ziemlich hoch am Himmel stand. —
® Weißt Du, was mir vorige Nacht geträumt hat i so begann von Herbert am folgenden Morgen die Unterhaltung, als sie gemüthlich bei ihrem Mocca saßen und eine duftende Havanna rauchten. „Mir träumte, üMatte Die Bank gesprengt und über drei mal hundert tausend Thaler gewonnen."
„Sonderbar," entgegnete Blumenthal, „und mir träumte das Gegentheil,
„Ich spiele nicht!" z „Einmal ist nicht immer." -
„Nein, ich spiele durchaus nicht, und damit auch Du geräthst, möchte ich Dir den Vorschlag machen, ein weniger e« keine Spielhölle giebt, zu unserem Reiseziel zu nehmen."
Du wolltest also Dem Feinde feig den Rücken kehren?"
"Ich wünsche, daß wir es thäten. Mir kann er freilich nicht gefährlich werden, denn ich spiele nicht. Es giebt in Baden aber auch noch einen andern Feind, der nicht minder gefahrdrohend ist."
„Und der wäre?" . . . n
Das schöne Geschlecht, welches dort sehr stark vertreten fein soll, könntest leicht in Versuchung kommen, Deinem bisherigen Grundsätze, Dich nie- mals wieder zu verlieben, ungetreu zu werden."
Ich werde nicht wieder lieben."
'Nun dann rnag's dabei bleiben - also nach Baden. Jetzt will ich nach meiner Wohnung zurückkehren und meine Sachen packen, damit ich morgen auf
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auf dem Hausflur nach: „W-r morgen früh nicht zur rechten Zeit aus dem Bahnhofe ist, giebt eine Flasche Seel zu in besten.
Io»°' es gilt!" lautete tie Antwort de« Abgehenden.
Beide waren aber am solg-nden Morgen pünktlich zur Stelle und reisten mit rem ersten Zuge ab. Ihre Stimmung war so heiter tote Sommer- "' „en der reine, wolkenlos- Himmel, und da sie ,hre Re.se ohne erheb- Uche Unterbrechung und Storung formten, so langten sie schon am Nachmittage M Auf"ih"e Kaff7 nähmen"siedgleich °°"on vorn herein so viel Rücksicht, dasi fie anstatt in einem der ersten Hotels Quartier zu nehmen, sich sofort nach ihrer Ankunft gemeinschaftlich eine Wohnung mieteten, die den bescheidenen Ansprüchen eines Landstädter« vollkommen genügte.
Erschövft von der Reise verzichteten sie auf die ersten Abendgenusse de« Badelebens, begaben sieb baldigst zur Ruhe und schliefen, bis die Sonne bereits
ich verlor im Spiel mein ganzes Vermögen, oder, was dasselbe ist, meine neunzig Thaler Reisegeld, und als ich von meiner Badereise heimgekehrt, noch obendrein meine Alwine!"
Herr von Herbert erwiederte lächelnd: „Ich wollte, der Schlummergott hätte die Rollen verwechselt, und die Glücksgöttin übertrüge Dir in Wirklichkeit die meinige. Wahrhaftig, ich wünschte es Dir von Herzen, daß Du plötzlich krösusreich würdest und der sehnlichste Wunsch Deines Lebens in Erfüllung ginge. Du darfst die günstige Gelegenheit, Dein Glück im Spiele zu versuchen, aus keinen Fall vorübergehen lassen!"
„Ich spiele nicht!" — Dieser Weg wäre des kostbaren Preises nicht würdig. Aber einen Preis giebt es, um deswillen ich meinem Grundsätze einmal ungetreu werden und ein paar Goldfüchse verlieren könnte."
„Und der wäre?"
„Daß ich die Genugthuung hätte, Dich baldigst wieder in Amors Fesseln zu sehen. Unmöglich wäre es nicht, denn Dein ganzes Aeußere ist dazu geschaffen, unter den hier wandelnden Schönheiten Eroberungen zu machen."
„Ich liebe nicht! Ich habe an meiner ersten unglücklichen Liebe mein ganzes Leben genug, und werde meinem Vorsatze, mich nie zu verheirathen, unter allen Umständen treu bleiben."
„Ob Deine ehemalige Laura wohl noch unter den Lebenden weilt?" fragte Blumenthal. „Hast Du seit ihrem Verschwinden nichts wieder von ihr gehört?"
„Nichts weiter, als daß sie mit ihrem Vater in's Baden'schen gezogen sei, wo dieser sich ein kleines Gut gekauft haben soll. Ich zweifle nicht, daß sie noch lebt; wenigstens ist sie nicht aus Liebesgram gestorben, denn dazu war sie zu stolz und lieblos. Für mich allerdings ist sie todt."
„Sie war bei all ihrem Stolze und ihrer Gefallsucht doch ein reizendes Mädchen," meinte Blumenthal; und wer weiß, ob sich nicht am Ende die gegen sie erhobenen Beschuldigungen als völlig grundlos erwiesen hätten, wenn auf beiden Seiten einer ruhigen Ueberlegung und gegenseitigen Aufkläiung Raum gegeben worden wäre."
„Du willst sagen, daß ich das Verhältniß in leidenschaftlicher Erregung, ohne sorgfältige Prüfung der vorliegenden Thatsachen abgebrochen habe."
„Ja, das meine ich."
Lieber Freund, Alles hätte ich darum gegeben, wenn mir in jenen verzweiflungsvollen Stunden, in welchen mein Herz sich zwischen Besitz und Entsagung ent- scheiden mußte, nur ein einziger Hoffnungsstrahl aufgeleuchtet wäre! Aber nein, der Briefwechsel Laura's mit dem schönen Offizier war mir ein deutlicher Beweis für ihre Treulosigkeit, als daß ich mein Verhältniß zu ihr noch länger hätte aufrecht erhalten können. Nach einem kurzen, aber qualvollen Kampfe löste ich dasselbe auf."
„Vielleicht zu voreilig!"
„Und seitdem gleicht mein Herz einem ausgebrannten Vulcane. ES ist, wie* ich hoffe, für grauenliebe auf alle Zeit unempfänglich geworden."
„Wie aber, wenn ihr Briefwechsel und ihr sonstiger Verkehr mit dem Lieutenant Wendler ganz unschuldiger Natur gewesen wäre? Wenn Dir bloS Deine Eifersucht einen Streich gespielt hätte?" fragte Blumenthal.
„Wahrlich, Du bist ein wackerer Vertheldiger jener Treulosen!" rief Her- bert etwas empfindlich aus. „Es wird Dir indeß nicht gelingen, meine lieber* zeugung von ihrer Schuld wankend zu machen. Wenn jenem Briefwechsel wirk- lieb ganz unschuldige Ursache zu Grunde gelegen hälfen, so würde sie durch eine offene, rechtzeitige Erklärung es gewiß zu verhindern gewußt haben, daß ich den Offizier zum Zweikampfe herausforderte und mein Leben auf's Spiel fetzte. Sie ließ es aber ruhig geschehen! War das etwa ein Beweis von Liebe zu mir? Von glaubwürdiger Seite erfuhr ich sogar, daß sie in Ohnmacht gefallen sei, als ihr die Nachricht von der Verwundung meines Gegners überbracht Worten. War das ein Beweis von Liebe zu mir? — Wenige Tage nach dem Duelle reiste sie mit ihrem Vater ab, ohne meinen Brief, in welchem ich sie Der Treu- losigkeit anklagte und unser Verhältniß für aufgelöst erklärte, einer Antwort gewürdigt zu haben.".
„Das sind allerdings äußerst gravirende Indicien," bemerkte Blumenthal in juristischen Kunstausdrücken, aber dennoch möchte ich behaupten, daß die Unschuld Deiner Angeklagten nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit liegt. Vielleicht gelangte die Kunde von dem beschlossenen Zweikampfe erst so spät zu ihr, daß sie denselben nicht mehr verhindern konnte; vielleicht sträubte sich ihr beleidigter Stolz dagegen, Dir auf Deinen, wahrscheinlich in höchst leidenschaftlicher Erregung abgefaßten Brief eine Erklärung zu geben."
„Wir wollen die Sache nicht weiter erörtern, lieber Blumenthal. Ich bin überzeugt, Du hättest an meiner Stelle gerade so gehandelt."
Dieser zuckte die Achseln.
„Ich bezweifle es," sagte er.
„Einerlei, wie Du darüber denkst," fuhr Herbert fort; „ich handelte nach bestem Wissen und Gewissen und bereue Den Schritt noch heute nicht. Es sind nun bereits drei Jahre seit jenem unglücklichen Ereignisse verflossen, und die Wunde ist längst vernarbt; sprechen wir also nicht weiter von der Geschichte!"
„Noch eine Frage, lieber Herbert! — Gesetzt, Du kämest in die Lage, Dich "von Der Unschuld Laura's vollkommen zu überzeugen, würdest Du dann kein Verlangen nach ihrem Besitze mehr tragen und bei Deinem Vorsatze, untermal) H zu bleiben, auch dann noch verharren?"
„Nachdem ich in meiner leidenschaftlichen Liebe zu einem Weibe einmal Himmel und Hölle durchgekostet habe, werde ich mich hüten, mit meinem Herzen abermals va banque zu spielen."
„Selbst dann, wenn Du Dich überzeugtest, daß Dein Vorsatz ihr das leben kostete, daß sie an gebrochenem Herzen sterben müßte?"
„Nach Dem, was zwischen uns vvrgcfallen, iverDe ich nie zu dieser Ueber- zeugung gelangen. Ich bin zu tief aus Dem Himmel einer unaussprechlichen Liebe herabgestürzt, als Daß ich mich jemals wieder zu dem vollen Vertrauen auf die Treue eines Weibes erheben könnte. Laura wird, wenn sie überhaupt noch am Leben ist, mich längst vergessen haben, und um so eher, wenn sie sich vielleicht bereits irgendwo als glückliche Gattin ein Paradies gegründet hat, in welchem sie keine Ursache haben wird, sich mit Neue und Wehmuth ihrer ersten Liebe zu erinnern."
(Fortsetzung folgt.)


