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Feuilleton.
Der Barbone.
(Barbone, im ital. Volksdialect: der Bärtige.)
Novelle von Fr. Büchner.
(Verfasser der Preisnovelle „Jugendverirrungen.")
(Fortsetzung.)
6.
Das Kloster zu den „armen Schwestern".
Etwa zwei Stunden oberhalb Landeck nach dem Hauptgebirgszug TyrolS hin liegt tief im Wald versteckt ein einsames Kloster, so verborgen in einem kleinen, von nahen überragenden Felsen beschützten Thal, daß nur der Einge- borne Kunde davon hat, und der Fremde ohne dessen Führung vergeblich den Versuch machen würde, es auszufinden. Unter den Eingebornen hieß eS nur das Kloster zu den „armen Schwestern", weil von den Bewohnerinnen in demselben das Gelübde der Armuth strenger gehalten wurde, als das in den übrigen Klöstern zu geschehen pflegte. An ihm waren bis jetzt unbemerkt die Wo- gen des Krieges vorübergerauscht, sei eS, weil der Feind nie Kunde davon erhalten, oder es ihm zu abgelegen war, oder auch weil der Ruf der Klosterfrauen demselben zum Schutz gereichte.
Trotzdem aber spielte das Kloster eine wichtige Rolle in diesem hartnäckigen Kampfe des Landes für seine Religion und seine Freiheit. Die Theilnahme an demselben war so allgemein, daß darüber selbst der strengen Ordensregel in dem Kloster vergessen ward, nach welcher nie ein Mann die Schwelle desselben übertreten durfte. An dem Ende eines der vielfaF verschlungenen Säulengänge des Klosters befand sich, nur dem Eingeweihten bekannt, ein ziemlich geräumiges Gemach, das wohl sonst den Nonnen diente, die eine Strafe abbüßen mußten. Dafür schienen wenigstens einzelne Stricke, die man an den in den Wänden eingelassenen Nägeln hängen sah, und die wohl zur Selbstgeiselung dienen mochten, zu sprechen.
Hier in diesem abgeschiedenen Klostergemach waren die Führer mehr denn einmal nächtlicher Weile zusammengekommen, und dort waren die Entwürfe zu gemeinsamer Leitung des Vertheidigungökrieges ausgevacht worden, welche dem Feinde so verderblich geworden waren.
Heute aber diente dieses verborgene Gemach einer anderen Bestimmung. In einer Ecke desselben, die durch ein Wandlicht spärlich erleuchtet war, stand ein Bett, vor welchem ein Jüngling und ein Mädchen saßen, welche mit Theilnahme auf den schlummernden Kranken blickten. In dem Jüngling erkennen wir Albrecht von Schauenstein, — und das Mädchen, welches neben ihm saß, verrieth durch die Aehnlichkeit ihrer schönen Züge mit denen VeS Jünglings hinlänglich ihre nahe Verwandtschaft mit demselben, wenn nicht ihre zärtliche Anrede: „mein Bruder!" jeden Zweifel darüber beseitigt hätte. Es war Veronica, die Schwester Albrechts von Schauenstein, welche nach dem Tode des Vaters, der schon beim Ausbruch des Kampfes gefallen war, und als ihr väterliches Schloß gänzlich zerstört worden war, in dem Kloster eine sichere Zufluchtsstätte gefunden hatte.
Der Kranke bewegte sich jetzt leise, und bald schlug er die Augen auf; — sein Antlitz verklärte sich zu einem freundlichen Lächeln, als er die Beiden an seinem Bette sah.
„Bist Du immer noch meine gute, unermüdliche Pflegerin, Veronica?" sagte er leise zu dem Mädchen, das trauliche Du des Landes gebrauchend, womit auch sie ihn gleich nach seiner Ankunft angeredet hatte.
„Bist Du nun wieder besser?" entgegnete theilnehmend das Mädchen.
„Mir ist wieder wohl. Nicht wahr, in den letzten Tagen war ich recht krank?" sagte der Kranke.
„Der weite Weg hatte Dich erschöpft, und ein starkes Fieber verschlimmerte Deinen Zustand," erwiederte Albrecht von Schauenstein.
Der Kranke versank einen Augenblick in Nachdenken, als wenn er sich dessen erinnern wolle, was in den letzten Tagen mit ihm geschehen; dann fragte er: „Hast Du meinem Vater und Johanna Nachricht über mein Befinden gesandt?"
„Ja," antwortete Albrecht, „der kleine Fränzerl, der dickwangige Bub', der einst Johanna das Briefchen des Barbone brachte, ist seit vorgestern unterwegs.
Er wird heute oder spätestens morgen zurückkehren."
„Doch ist das nicht ein unzuverlässiger Bote?" entgegnete der Kranke.
„Nein, einen besseren gibt es nicht," erwiederte Albrecht. „Er ist uns in keinem Kampf von der Seite gewichen — und hat stets, wenn wir ihm Aufträge ertheilten, dieselben mit einer Schlauheit ausgeführt, wie eö niemals ein Erwachsener gethan haben würde."
An dem Abend dieses Tages kam auch der Barbone in das Kloster, und nach einer langen geheimen Unterredung mit Albrecht vertraute dieser dem Freunde und der Schwester, daß der frühe Morgen ihn vielleicht für einige Tage von ihrer Seite trennen würde. Vergeblich bat Maximilian und Veronica, er solle sich nicht mehr den Gefahren des so ungleichen Kampfes aussetzen.
„Ich darf nicht fehlen," sagte der Jüngling fest, „wenn wir die Sache des Vaterlandes verlassen wollten, was sollte dann der gemeine Mann thun <“
In der Frühe des nächsten Morgens weckte ein leises Klopfen Albrecht von Schauenstein aus seinem leisen Schlummer. Der Barbone trat ein, und bald
PsLitrsede
Ems, 7. Aug. Nach den bis jetzt getroffenen Dispositionen begibt sich der König am Sonntag von hier nach Coblenz und verweilt daselbst zwei Tage. Von dort reist derselbe über Wiesbaden nach Homburg, wo ein achttägiger Aufenthalt in Aussicht genommen ist. Auf der Rückreise nach Berlin wird er Hanau, Darmstadt,. Frankfurt a. M. und Gießen berühren. In allen diesen Orten finden Truppenbesichtigungen statt. Nach einem zweitägigen Aufent- halte in Kassel begibt sich der König nach Mägde- bürg und trifft über Köthen, wo ebenfalls eine Truppeninspection angesagt worden ist, am 25. in Berlin wieder ein.
Eisenach, 7. Aug. Mit den Vormittagszügen
verließ er mit diesem das Kloster. Nicht wenig erstaunte aber der Jüngling, als er in kurzer Entfernung von demselben auf einen Haufen bewaffneter Bauern stieß, welche sich auf einen Wink des Barbone ihnen anschlossen.
„Aber warum ziehen wir nicht allein, wie Du beschlossen hattest, gen JnS- bruck?" fragte der Jüngling.
„Donay ist in der Nähe gesehen worden," erwiderte der Mönch düster. „Gott verhüte, daß er mir ihn zum drittenmal in den Weg führt."
Schweigend zogen die Männer dahin, während ein allmählich aufsteigender Nebel immer mehr die Berge umflorte und zuletzt nur noch die allernächsten Gegenstände erkennen ließ.
„Gut und schlimm," sagte der Mönch, in den immer dichter werdenden Nebel bineinstarrend. „Wenn uns der Verrath erschleicht, können wir umringt sein, ehe wir nur den Feind sehen."
Wieder waren sie eine Strecke schweigend dahingegangen, und sie befanden sich nun an dem Fuße des Berges, auf welchem das Kloster lag. Sie mußten eine kleine ebene Fläche durchwandern, um den sich an dem gegenüberliegenden Berg hinschlängelnden Aussteig zu gewinnen.
„Vernahmst Du nichts, Albrecht?" fragte der Mönch leise, als sie der Seite eines kleinen Dickichts entlang gingen. „Mir war's als vernähme ich einzelne Stimmen in unserer Nähe."
Noch ehe der Jüngling zu antworten vermochte, fiel ein Schuß, — und mit einem lauten Schmerzensschrei sank Albrecht neben dem Barbone zu Boden. Dieser sah dahin, wo eine kleine, aufsteigende Wolke den Platz des Schützen anzeigte; dann rief er: „Er ist's, er ist'S, es ist Donay." Aber ehe er den Stußen erheben konnte, um demselben den Lohn für seinen Vorrath zu geben, war dieser in dem Gebüsche verschwunden.
Mehrere Schüsse, die noch fielen, erinnerten den Mönch, daß Donay nicht allein sei. Er befahl seinen Begleitern, das nahe Gebüsch zu durchsuchen, — und während diese vergeblich die Spur des flüchtigen Feindes verfolgten, hatte er sich neben Albrecht von Schauenstein niedergelassen, dem das Blut aus einer tiefen Brustwunde quoll. Nachdem er dieselbe genau untersucht, sprach er : „Es ging Dir nahe am Leben vorbei, armer Junge; die Kugel galt wohl mir und irrte ein Paar Zoll von ihrem Ziel."
Auf den Befehl des Mönches war bald von abgehauenen Zweigen eine Tragbahre für den in schwere Ohnmacht Gesunkenen hergerichtet, und nach zwei Stunden ruhte der Kranke in dem Klostergemach an der Seite des Freundes. Zu seinen Häupten stand der Mönch und harrte ungeduldig des Ausspruches der erfahrenen Klosteräbtistin, welche die Wunde untersucht hatte — und nun dieselbe vorsichtig verband.
„Das ist eine schwere, schwere Wunde," sagte sie endlich, „aber die heilige Jungfrau hat gewacht über ihn, — er wird seinem Volk und Euch erhalten bleiben."
Ein Freudenstrahl belebte bei dieser Kunde das bleiche, starre Antlitz Ve- ronica's, die die Rechte des Bruders gefaßt-hatte und mit ihren Thränen benetzte. —
Die ehrliche Aebtistin wandte sich jetzt zu dem weinenden Mädchen und sagte, indem sie ihr die blonden Flechten von der glühenden Stirne zurückstrich: „Meine Tochter, Dein Bruder bedarf Tag und Nacht der aufmerksamsten Pflege, aber Du darfst sie nicht allein übernehmen. Du bist schon eine allzutreue Krankenpflegerin gewesen, und Du darfst es nicht so forttreiben, wenn Du Dich nicht selbst krank machen willst."
Nur mit Widerstreben willigte Veronica darein, auch eine Klosterfrau als Pflegerin für den Kranken anzunehmen.
Allein es bedurfte dessen nicht; — cs kam unerwartet eine andere Pfle- gerin, die am meisten Beruf und Liebe hatte, des neuen Kranken zu warten.
An dem Abend desselben Tages, eben als das Mettenglöcklein des Klosters fein feines Abendgeläute erklingen ließ, stieg ein Mädchen, in die malerische Landestracht der Tyrolerbäuerinnen gekleidet, ihr zur Seite ein dicker, kräftiger Junge von etwa dreizehn bis vierzehn Jahren, den schmalen Pfad des Kloster- berges hinan. Während der rüstige Schritt des Knaben sogleich den Eingebor nen verrieth, schritt das Mädchen nur mit großer Mühe weiter und zeigte ein. Erschöpfung, die wünschen ließ, daß das nahe Kloster das Ziel ihrer Wanderung fein möchte. Und wirklich verschwanden Beide bald durch das Klosterportal, als auf den Anruf des Knaben, der in dem Kloster wohl bekannt schien, sogleich geöffnet worden war.
Schonend wurde Johanna, denn sie war es, welche in dieser Verkleidung zu dem kranken Bruder geeilt war, der Zustand Albrechts mitgetheilt- Allein wie das Weib meistens nur das kommende Unglück fürchtet, dagegen das wirk lich geschehene mit hohem Muth trägt, so vernahm auch Johanna diese Nach richt mit einer großen Fassung, wozu wohl auch die tägliche Vorstellung de. Gefahren, in denen der Geliebte stets schwebte, mit beitrug. Sie verlangte nu. auf das Entschiedenste, mit Veronica die Pflege des Kranken schon von der ersten Nacht an abwechselnd theilen zu dürfen.
(Fortsetzung folgt.)
N rr tt d s cd u u.
gegen Abgabe ihres Mandats an das Localcomit^ eine Legitimationskarte empfangen haben. Die Prüfung der Mandate geschieht durch ein auf dem Eongreffe gewähltes Comits. Im Auftrag der Ein- berufcr des Congresses gez. Geid, Bebel, Dr. Ladendorf, Joh. PH. Becker, Oberwinder." Trotz fciefci Mahnung ist es jetzt noch sehr zweifelhaft, ob der Congreß ungestört seine Verhandlungen führen wird. Die Gegner sind in größerer Zahl anwesend. Die erste Hauptversammlung findet heute Abend statt. Es werden in derselben die Wahl des Präsidiums, das Programm uns die Organisationsvorlage zunächst auf die Tagesordnung gelangen. Hierbei muß die Krisis zum Durchbruch kommen Die Partei, die bei der
sind Delegirte der Bebel-Liebknecht'schen und auch der Lasalle - Schweitzer'schen Partei in größerer Anzahl eingetroffen. Von beiden Parteigruppen, die schon in ihrer äußeren Haltung sich als schroffe Gegensätze zeigen, werden im Laufe des heutigen Tages vertrauliche Vorberathungen gehalten. An den Straßen- ecken findet sich folgendes Placat: „Parteigenossen'. Da von gewisser Seite schon mehrfach dem social- demokratischen Congreß „Skandal" in Aussicht gestellt wurde, so fordern wir Euch auf, Alks zu vermeiden, was Veranlassung zur Störung geben könnte. Gleichzeitig machen wir die Delegirten zum Con^resse wiederholt darauf aufmerksam, daß nur Diejenigen zu den Verhandlungen zugelassen werben, . welche


