Feuilleton.
Aus dem Leben einer Nonne.
Novelle von I. H.
(Fortsetzung.)
Die Folge davon war, daß man mich einschloß, aber meine Eltern sahen bald ein, daß man nicht mit Gewalt meinen Willen brechen könne, und beschloß es durch List zu thun.
An einem schönen Sommermorgen trat mein Vater zu mir in das Gemach und forderte mich auf, ihn auf einer Spazierfahrt zu begleiten.
Ich willigte freudig ein; nicht allein, weil ich mich wieder nach Freiheit sehnte, sondern weil ich darin ein Zeichen seiner Liebe zu entdecken glaubte. Meine Mutter sah ich vor unserer Abfahrt nicht, ich trug auch kein Verlangen danach, und bald rollte der Wagen mit meinem Vater und mir dahin. Er erzählte mir, daß er einen alten Freund besuchen wolle und ich ihn dahin begleiten könne, weil er sonst keine Gesellschaft habe.
Arglos fuhr ich dahin. Nachdem wir vielleicht sechs Stunden gefahren waren, rollte der Wagen in ein Hofthor und mein Vater befahl mir, auszusteigen.
Das düstere Aussehen des Gebäudes, vor welchem wir hielten, erschreckte mich — ein dumpfes Vorgefühl eines nahenden Unglücks bemächtigte sich meiner — aber ehe ich noch zur Besinnung kam, hatten wir bereits die Schwelle des düsteren Gebäudes überschritten — ein qualvoller Schrei entrann sich meinen Lippen — vor mir stand die Aebtissin des Klosters und ich sank bewußtlos zusammen. H
Was weiter mit mir geschah, davon weiß ich nichts.
Wochen waren verflossen, als ich wieder zum Bewußtsein erwachte, und eine Schwester des Klosters an meinem Lager sitzen sah. Ich mußte mich lange besinnen, ehe die Erinnerung in meiner Brust wieder erwachte und ich klar meine ganze jammervolle Stellung übersah. In demselben Augenblick aber faßte ich auch den Entschluß, mich durch kein Mittel dazu zwingen zu lassen, das Klostergelübde abzulegen. Dieser Vorsatz stärkte mich, und bald war ich im Stande, mein Lager zu verlassen. Aber finster und einsilbig ging in einher, ich klagte nicht, ich jammerte nicht, nur fühlte ich allmahlig jede Liebe für meine Eltern, die mich so mitleidlos in das Unglück gestürzt hatten, verschwinden. Ich sann nur darauf, wie ich mich befreien konnte, aber die Klostermauern geben nicht freiwillig bas heraus, was sie zu behalten wünschen, und so mußte ich mich schließlich in mein Schicksal ergeben und nur meinem Vorsätze, nicht das Klostergelübde abzulegen, getreu bleiben.
Wenn meine Mutter mit mir zu sprechen wünschte, wies ich sie hartnäckig ab, und allmahlig flohen mich alle Novizen, sowie die Ordensschwestern wegen meines unzugänglichen Wesens. Aber bas kümmerte mich nicht, mir war es ganz gleich, wenn man mich nur in Ruhe ließ, damit ich an Hugo denken durfte.
So hatte ich beinahe die Hälfte meines Noviziats zurückgelegt, ohne mich jedoch an mein einsiedlerisches Leben zu gewöhnen; mir war zu Sinne, wie einem gefangenen Vogel, der hinaus in's Freie möchte, und dem man die Flügel beschnitten hat.
Aber keine Thräne hatte seit der Zeit meine brennenden Lider gekühlt; ich konnte nicht vor der Mutter Gottes niederknieen und sie um Hülfe anflehen, ich konnte nur an Hugo und meine Freiheit denken.
Eines Morgens ließ mich die Aebtissin zu sich bescheiden und theilte mir mit, daß der Graf Brosenberg sich verheirathet habe. —
Das war das erste Tröpflein Freude in den Becher des Leibens, und zum ersten Male, seitdem die Klosterpforte sich hinter meinem Rücken geschlossen, glitt ein Lächeln über meine Züge. Aber jetzt schien es, alt wendete sich mir das Glück wieder zu, bald nachher besuchte mich meine Mutter und sagte mir, daß sie nichts gegen meine Verbindung mit Hugo von Dallenberg einzuwenden habe, sobald mein Noviziat beendet sei, da Herr von Brosenberg bereits gewählt hätte.
Voll unaussprechlichen Entzückens warf ich mich meiner Mutter zu Füßen und umklammerte ihre Kniee. O, nie war mir ihr Antlitz so schön, so mild erschienen, als in diesem Augenblicke, und ich bat sie für all' meinen Trotz flehentlich um Verzeihung.
Ich armes Geschöpf, ich kannte die Welt mit ihren Fallstricken noch nicht.
Ich war, nachdem meine Mutter mich verlassen hatte, wie umgewandelt. Lachend und jubeld durchlief ich das öde Kloster und die einsamen Gänge des Klostergartens — ich wußte meines Glückes kein Ende.
An einem Morgen, es war noch sehr.früh, saß ich allein in meiner Zelle voll süßer, hoffnungsvoller Gedanken, als ich plötzlich — die Thür war nur angelehnt — draußen flüsternde Stimmen vernahm, die jedoch laut genug sprachen, so daß ich jedes Wort verstehen konnte.
„O, mein Gott, beste Frau Gräfin," hörte ich die Stimme der Aebtissin sagen, „Sie wissen nicht, was Sie beginnen wollen. Martha liebt so, daß die Nachricht von Hugo von Dallenberg's Tode leicht die schlimmsten Folgen für sie haben kann."
Wo ich die Kraft hernahm, noch weiter zu hören, Elisabeth, daß weiß ich noch heut zu Tage nicht, aber ich vernahm, wie meine Mutter entgegnete:
„Mag es kommen, wie es will, es ist besssr, wenn sie es in der stillen Umgebung des Klosters erfährt, als wenn sie draußen in der Welt steht und ich plötzlich sagen muß: Hugo lebt nicht mehr."
„Sie werden dennoch damit warten müssen, bis Martha das Kloster verläßt," sagte die Aebtissin wiederum, „ich werde den Jammer des Kindes nicht ansehen können."
„O, warum muß diese Unglückliche wieder in die Welt hinaus, die doch jeden Reiz für sie verloren hat!" schluchzte meine Mutter.
Der furchtbare Schmerz, der entsetzliche Schlag mußte mich gefühllos gemacht haben, fuhr Schwester Martha fort, ich fühlte nichts. ES war so still, so öde in mir, wie nie zuvor, ich wußte nur, daß Hugo gestorben war — auf welche Weile, das war mir gleichgültig — und daß die Welt jetzt leer für mich war. —
Drei Stunden später hatte ich eine lange, ernste Unterredung mit meiner Mutter. Ich sah nur vorübergehend das triumphirende Lächeln, was über ihr Gesicht glitt, als ich ihr mittheilte, daß ich die Stille des Klosters nicht wieder
mit dem Geräusch der Welt vertauschen wollte, und schon zwei Tage später das Klostergelübde ablegen wollte.
Zwei Tage später stand ich wirklich als Braut vor dem Altar, um mich dem Himmel zu vermählen. Da fielen meine langen goldigen Locken unter der Scheers und ein Schleier umhüllte meinen Kopf. In demselben Augenblicke aber, als der Priester das Amen aussprach — in demselben Augenblick ertönte ein gellender Schrei durch die lautlose Stille der großen Domkirche.
Mehr todt als lebend wandte ich mich um, ich hatte die Stimme erkannt, und obschon das triumphirende Lächeln meiner Mutter mich von der gräßlichen Wahrheit überzeugte, wollte ich doch mit eigenen Augen mein ganzes Unglück übersehen.
Man hatte mich betrogen — schändlich betrogen. Man hatte auf meine leidenschaftliche Liebe für Hugo gebaut und von mir das Klostergelübde erschlichen.
„Hugo," schrie ich wahnsinnig vor Schmerz, „man hat mir gesagt, Du seist gestorben."
Ob er es verstanden, ich weiß es nicht, man schleppte mich in demselben Augenblick in einen bereitstehenden Wagen, der mit mir davon fuhr, ehe ich meine vollkommene Besinnung wieder erhielt.
Schwester Martha machte eine Pause, während Elisabeth schaudernd flüsterte:
„O, Schwester Martha, was Du gelitten."
Die Nonne nickte schmerzlich lächelnd.
Und dann kamen jene entsetzlichen Tage und Nächte — fuhr sie fort — wo ich an Gott und allem, was heilig war, verzweifelte, wo ich der Stunde meiner Geburt fluchte und meinen Kopf an die Wand meiner Zelle blutig schlug, daß das rothe Blut meine Kleider färbte. Dann kamen die Tage, wo ich auf meinen Knieen lag und kein Gebet über meine Lippen wollte, bis abermals die Verzweiflung sich einstellte.
Das ging so viele Wochen, Monate hindurch, meine Eltern wollte ich nicht Wiedersehen, bis ich eines Tages entdeckte, daß silberne Fäden in zahlloser Menge mein blondes Haar durchzogen, und da hatte ich ausgetobt — da wurde ich ruhig, denn mit achtzehn Jahren hatte sich bei mir das Alter eingestellt.
Elisabeth hatte schluchzend ihren Kopf in Schwester Martha's Schooß gelegt. Sie begriff nicht, wie man das Alles erdulden und doch noch leben könne, und darum fragte sie auch wohl endlich schüchtern:
„Und jetzt, Schwester Martha?"
„Jetzt, Elisabeth, kommen jene wahnsinnigen Augenblicke nur noch selten, und dann schließe ich mich in meine Zelle ein, damit Niemand sieht, wie ich leide — daß ich noch ein Herz habe. Aber ich fühle, daß mein Leben dahin schwindet, daß es nicht mehr lange dauern kann, bis ich die ersehnte Ruhe gefunden habe. Niemand von den Ordensschwestern kennt meine Lebensgeschichte, man hält mich zeitweilig für wahnsinnig, aber- Du, Elisabeth, Du kennst sie
und Dir kann sie von Nutzen sein. Laß' Dich durch nichts dazu verleiten, das
Klostergelübde abzulegen, wenn Du eine irdische Liebe im Herzen birgst — laß'
keine Vorspiegelung Dich täuschen, damit Du nicht das Leid zu erdulden hast,
was ich erduldet."
Eben kündigte die nahe Thurmuhr die erste Morgenstunde an, und die beiden Freundinnen mußten sich trennen, indem der Pförtner gewöhnlich eine halbe Stunde später gewöhnlich seinen Rundgang antrat und dann Verdacht schöpfen konnte. Nach einem zärtlichen Abschied entfernte sich Schwester Martha, um sich zur Ruhe zu begeben, Elisabeth aber wachte noch voller Furcht und Hoffnung, als bereits das Tageslicht das vergitterte Fenster ihrer Zelle erhellte.
Schwester Martha's Trost und ihre Ermunterungen zum Ausharren stärkten Elisabeth, so baß sie bald viel hoffnungsvoller und ruhiger in die Zukunft sah, obgleich ihre kindliche Heiterkeit spurlos verschwunden war. Das tiefe Mitleid, was sie mit Schwester Martha fühlte, ließ Jin ihr keinen Frohsinn mehr aufkommen. Der Glaube an edle Menschen war von ihr gewichen, ja sie hätte sie, ob des Leides, was sie Schwester Martha zugesagt, hassen mögen.
Ihre Mutter lernte sie allmählig als ihre Peinigerin betrachten, und wenn die Gräfin Marion von Felseck sie in das Sprechzimmer bescheiden ließ, dann umgab Elisabeth ihr schüchternes Herz erst mit festem Willen und immer hoffnungsloser, daß sie je ihr Ziel erreichen werde, schied die Gräfin von ihr.
Für Schwester Martha waren einmal wieder jene wahnsinnigen Augenblicke gekommen, wovon sie gesprochen hatte. Die Lebenslust war in ihrer Brust abermals erwacht und die Sehnsucht, das Kloster zu verlassen, erfüllte sie mit namenlosem Jammer.
Sie ließ Niemanden zu sich, als Elisabeth und diese saß an Schwester Martha's Lager und suchte sie zu trösten. Aber sie nahm keinen Trost an; in dumpfer Verzweiflung vor sich hinbrütend, saß sie in ihrer Zelle und mit Schrecken gewahrte Elisabeth, wie die Unglückliche zusehends schwächer und lei- denber wurde.
Aber endlich kam doch wieder die Ruhe.
Mit Todesangst hatte Elisabeth die Nacht hindurch bei Schwester Martha gewacht und deren veezweiflungsvolles Jammern und Wehklagen mit angehört, bis die Leidende endlich in einen tiefen Schlummer sank, aus welchem sie anscheinend gestärkt erwachte, als eben die ersten Strahlen der Morzensonne durch das vergitterte Fenster der Zelle drangen. Ein friedliches Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie auf die schlummernde Elisabeth blickte, die ihren Kopf auf den Rand des Lagers herabgesenkt hatte, und Schwester Martha's feine durchsichtige Hand glättete das goldblonde Haar der jungen Novize.
Aber von dieser Berührung erwachte Elisabeth; halb verwirrt sah sie empor, als sie Schwester Martha aufrecht im Bette sitzen sah.
„Wie geht'- Dir, Schwester Martha?" fragte sie halb besorgt, halb hoffnungsvoll.
Die Nonne lächelte — es war das schmerzliche Lächeln, das Elisabeth jedes Mal wie eine Welt voll Kummer erschien.
„Es ist vorbei, Elisabeth," entgegnete sie dann, „aber ich müßte mich sehr irren, wenn dies nicht der letzte Erdenkampf gewesen wäre. Ich fühle es, daß bald die lang ersehnte Ruhe kommt."
(Forsetzung folgt.)


