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5. November.

Auch die französische Regierung hat jetzt, wie man hört, Anlaß genommen, dem Fürsten von Monte- negro die zuverlässigste Erwartung auszusprechen, daß er allen Ernstes bedacht sein werde, die vollste Neu­tralität zu bewahren, und es ist diese Mahnung mit dem nicht mißzuverstehenden Hinweis verschärft, daß im anderen Falle die Pforte nicht behindert werden könne, aus ihren suzeränen Rechten alle diejenigen Consequenzen zu ziehen, die sie durch ihr Interesse geboten erachten möchte.

Von Dalmatien dürfen wir jetzt weitere Nachrichten erwarten. Am 2. November ist der Vormarsch der kaiserlichen Truppen gegen Budua erfolgt. Die Trup­pen drängten nach dreistündigem Gefecht die Insur­genten bis über Sutwara zurück. Generalmajor DormuS rückte, ohne Widerstand zu finden, bis Pro- berdje vor. Es bestätigt sich, daß von der Küste von Lazarevich (Zupaner Grafschaft) Abgeordnete mit UntrrwersungSanträgen in Cattaro eingetroffen sind. Am 1. November fand eine Versammlung der Zupaner der übrigen drei Grafschaften Statt. Eine starke Partei ist für die Unterwerfung. Die Ein- wohner von Risano wurden entwaffnet. Auf den Kopf des montenegrinischen Agitators Luka Vukalo- vich, der sich an die Spitze der Insurrcction auf türkischem Gebiete zu stellen beabsichtigt und an die Bosnier und Herzegowiner einen Aufruf zum Auf­stande, um das türkische Joch abzuschütteln, erlassen hat, ist, wie gemeldet wird, von dem Generalgouver- neur der Herzegowina, Savset Pascha, ein Preis von 1000 Dukaten gesetzt worden.

Wie der WienerPresse" aus Konstantinopel, 25. Oktober, geschrieben wird, ist die Reise des Sul­tans aufgegeben worden, weil der ägyptisch-türkische Conflict, den man durch die Ankunft des Sultans in Egypten beilegen zu können vermeinte, im Gegen- theil dadurch nur noch mehr verbittert worden wäre, indem Abdul Aziz alle Ehren eingeheimst und der Vicekönig nur die zweite Rolle gespielt hätte. Ob­wohl der Vicekönig scheinbar einige Vorbereitungen zu dem Empfange des Sultans treffen ließ, glaubte er doch nicht an die Ausführbarkeit dieses großherr­lichen Entschlusses. Khalil Bey, der frühere türkische Gesandte in Petersburg und gegenwärtig Leiter des Ministeriums des Äußern, machte den Sultan auf die Bedenklichkeiten aufmerksam, die sich an diese Reise knüpfen. Der Sultan aber meinte, daß die Unabhängigkeits-Gelüste und die wenig unterwürfige Sprache des Vicekönigs eine Lection verdiente und eine bessere Gelegenheit als die jetzige dazu sich nicht sobald ergeben dürfte. ES ist sicher, daß die Reise des Sultans fest stand bis zu dem Moment, wo die Ankunft des Kaisers Franz Joseph in Con- ftantinopel bekannt wird. Der französische Gesandte, Herr 23ourr6, hielt dem Sultan gegenüber mit seiner Meinung nicht zurück, daß wahrscheinlich die Reise des Kaisers von Oesterreich auch den Sultan in seinem Vorhaben bestärkt haben dürfte; daß jedoch diese Nachricht dem Kaiser Napoleon sehr mißfallen habe, weil er die Tragweite und das Ziel davon nur zu gut begreife. Frankreich werde dadurch ge­zwungen, zu seiner traditionellen Politik im Orient, d. h. zum Protektorate über Egypten, zurückzukehren, was unausweichlich eine Annäherung an Rußland und eine weniger türkenfreundliche Haltung des Tuile- riencabinets nach sich ziehen werde. Diese Sprache verfehlt ihre Wirkung nicht und kann von da an die egyptische Reise des Sultans als beseitigt angesehen werden.

Man schreibt derKarlsr. Ztg." aus Wien: Die Abmachungen der Pforte liegen jetzt vor. Die Pforte verflichtet sich, die Grenze der Herzegewina und Alba­niens zu sperren, und Oesterreich wird nur, wenn sie diese Sperre nicht in ausreichendem Maße durch­zuführen im Stande sein sollte, seine Hülfe dazu leihen. Die Pforte gestattet endlich den österreichi­schen Truppen behufs ihrer Operationen gegen den Aufstand in Dalmatien (nicht gegen eine etwaige Bewegung auf ottomanischem Gebiet) die Grenzen der Herzegowina zu überschreiten, und wird jenen Operationen auch sonst jeden irgend möglichen Vor­schub leisten.

DerConstitutionnel" veröffentlicht eine diploma­tische Correspondenz aus London, wonach in dortigen Negierungskreisen die Ernennung Camphauscn'S zum Minister als ein bedeutsames Symptom des erblassen­den Bismarck'schen Einflusses gilt. Camphausen sei ein heftiger Gegner der Annexionspolitik und der Nordbundsschöpfung. Die englische Regierung er­kennt nicht ohne Aengstlichkeit in den südslavischen Ereignissen den überhandnebmenden Einfluß der alt- russischtn Partei unter der Leitung des Thronfolgers

und der Prinzessin Dagmar, deren Ehrgeiz durch die Abdankungsgelüste des Zars noch gefördert werde.

6. November.

In der diplomitischen Correspondenz aus London imConstitutionnel" wird ferner versichert, die Re­gierung sei auf das Beste unterrichtet über die dies­jährigen, der Bismarck'schen Politik entgegcnarbeitenden Sommerreisen des Fürsten Gortschakoff in Süddeutsch­land. Fürst Gortschakoff habe allerorts betont, die Politik des Czaren würde niemals zugeben, daß eventuell russische Prinzessinnen preußische Vasallen würden (? ?). Die englischen Staatsmänner ver­folgen die Ereignisse auf dem Continente, nament­lich in Dalmatien; die Bedeutung der dortigen In­surrektion wurde in Deutschland allzusehr unterschätzt (?). England erblickte in diesen Unruhen unverkennbar die Hand Rußlands, wo die altrussische Partei mit dem Thronfolger und der Kronprinzessin Dagmar, ermun­tert durch die Abdankungsgelüste des Kaisers, wach­send Terrain gewinne.

Nach der osficiellenCivilta cattolica" sind fol­gende Punkte dem den 8. December zu Rom zu- sammcnzutretenden Concile vorgelegt worden : i) Der Papst steht über dem Concil; 2) der Papst ist un­fehlbar; 3) Mariä Himmelfahrt und 4) Bestätigung des Syllabus.

DemTemps" wird aus Madrid geschrieben: Die Unionisten haben erklärt, daß sie den Herzog von Genua nicht annehmen können, sondern ihn wie ein Unglück für's Land bekämpfen werden. Und da cs sich jetzt nicht mehr um Majorität und Minorität handelt, da der Marschall Prim hat zugeben müssen, daß der König Victor Emanuel die spanische Krone für seinen jungen Neffen nur in dem Falle onzu- nehmen bereit ist, wenn sie ihm von einer imposanten parlamentarischen und nationalen Manifestation an­geboten wird, so ist die Verlegenheit groß, denn die Opponenten sind eben so stark an Zahl als die An­hänger dieser Canditatur. Man muß sich erinnern, daß die jetzigen Cortes aus 367 Deputirten bestehen und baß die kleinst-mögliche Majorität, welche gesetz­lich und moralisch einen so wichtigen politischen Act, wie die Wahl des Monarchen, sanctioniren könnte, 185 Stimmen beträgt. Nun müssen von der Ge- sammtzahl 367 abgezogen werden: 73 Föderal-Re- publikaner, welche die Kammer verlassen haben, 27 Absolutisten, die sich des Votums enthalten werden und ungefähr 30 Vakanzen, die man sich hat an» häufen lassen. Wenn man also auch keine Kranken oder Abwesenden in Anschlag bringt, so ist die Zahl der Stimmenden noch nicht über 237, und bei dieser Ziffer sind die Unionisten mindestens mit 80 Stimmen vertreten."

Das österreichische Cabinet hat dem Vernehmen nach den Mächten vorläufig erklären lassen, daß es selbstverständlich in dem Fall einer activen Betheiligung Montenegro's an dem dalmatienischen Aufstande seine Abwehrmaßregeln keiner Beschränkung unterwerfen könne und werde; daß es aber, so lange Montenegro nicht Partei ergreife um nicht seinerseits der Lö­sung einer immerhin als controvers zu erachtenden staatsrechtlichen Frage vorzugreifen eine Ermäch- tigung der Pforte zur Besetzung montenegrinischen Gebiet-S als Stützpunkt für die Operationen der österreichischen Truppen zu provociren nicht gesonnen sei, und daß cs sogar darauf bedacht sein werde, auch die Pforte von der Überschreitung der monte­negrinischen Grenze abzumahnen.

Die bereits kurz erwähnt^Mittheilung eines kroa­tischen Correspondenten desUngarischen Lloyd" über eine im Wachsen begriffene Gährung in der Militär­grenze liegt jetzt yor. Es heißt dort:Was neuer­dings in derPresse" von einer theils geheimen, theils offen betriebenen Agitation in der Militär» grenze erzählt wird, ist in Agram längst ein öffent« licheS Geheimniß. Wer Gelegenheit hatte, einen Blick in die panslavistischen und reaktionären Wäh- lereien zu thun, die langsam, aber sicher sich über das ganze dreieinige Königreich und über die Grenze erstrecken und deren Fäden weit hinüber nach Bosnien und weiter greifen, der erschrickt über die Nachlässig« feit oder Schwäche, welche die Wiener und die Pesther Regierung diesem Schreiben gegenüber beobachten. Schon seit längerer Zeit gingen wiederholte Anzeigen nach Wien und Pesth, um die dortigen Regierungen zu warnen, auf ihrer Hut zu sein. Doch trotz dieser Warnungen ließ sich die Wiener Regierung von dem in Dalmatien ausgebrochenen Aufstand überraschen, während die türkische Negierung und deren Gouver­neur von Bosnien aller wühlerischen Elemente, deren ! sie im Lande habhaft wurden oder die ihnen »on,; Agram aus zurück instradirt wurden, sich in wirk­samer Weise zu entledigen wußten. Vielleicht wird

es nicht zu lange währen, daß man auch von Agram aus Ueberraschungen erfährt, an die man heute in Ofen nicht glauben will."

Preußen. Biebrich, 3. Nov. Gegen eilige Officiere der hiesigen l-lnterofficierschule, die sich in Niederwalluf wieder­holt Ungedührlichkeiten gegen Damen zu Schulden kommen ließen, ist eine militärgerichtliche Untersuchung eingeleitet worden.

Sachsen. Dresden, 4. Nov. In der heutigen Sitzung der zweiten Kammer wurde der Antrag des Abg. Wigard auf Einberufung eines Landtags nach dem Wahlgesetz von 1848 mit allen gegen 5 Stimmen, der Antrag Biedermann's und Riedels auf Vorlegung eines neuen Wahlgesetzes nach den Grundsätzen des Einkammer- und Repräsentativsystems mit 40 gegen 37 Stimmen abgelehnt.

Baden. Karlsruhe, 3. Nov. Die .Karlsr. Ztg." bringt folgende halbamtliche Mittheilung:Den Wünschen der badischen Regierung entgegenkommend und in besonderer Wür­digung der hochstehenden Leistungen unserer Polytechnischen Schule hat die k preußische Regierung darein gewilligt, daß Bautechniker, welche sich dem preußischen Staatsdienste widmen wollen und für welche sonst zweijähriger Zwangsbesuch preußi­scher Anstalten vorgeschrieben ist, ihre gesammte Vorbereitung auf der polytechnischen §chule dahier nehmen dürfen. Diese Zusage bleibt vorläufig bis zum 1. October 1873 in Kraft." Es heißt, daß in Rom beabsichtigt werde, die theologischen Facultäten an sämmtlichen deutschen Hochschulen aufzüheben und abgesonderte Bildungsanstalten für die künftigen Seelen­hirten einzuführen, um dieselben künftig von jeglichem Contact mit der modernen Wissenschaft fern zu halten.

Hessen. Darmstadt, 5. Nov. Dem Vernehmen nach ist der Großherzog, dem Drängen des preußischen Militärcabi- netS nachgebend, darauf eingegangen, daß die Infanterie unserer Division nach der preußischen Schablone neu organisirt, d. h. ein Regiment man nennt bald das zweite, bald das viertr aufgelöst und au- seinen Bcstandtheilen, sowie aus den bei­den Jagerbataillonen dritte (Füsilier-)Bataillvn esür die verblei­benden drei Regimenter gebildet werden. Der Erlaß der be­züglichen Ordre soll für die nächsten Tage bevorsteben.

Oesterreich. Wien, 3. Nov. DiePresse" meldet: Auch der District Ubli (westlich von Risano) hat seine Unter­werfung angekündigt. Die Insurgenten hatten im gestrigen Kampfe vor Sutvara 30 Todte und 100 Verwundete. Ihr Widerstand scheint durch Abnahme der Uuzüge und durch die Haltung Montenegros gebrochen.

Wien, 4. Niv. Der Vorschlag des Königs Victor Ema, nuel, daß die Begegnung mit dem Kaiser in Brindisi stattfinde^ ist diesseits, wie man verläßlich hört, definitiv angenommen worden. Der Tag der Zusammenkunft wird nach Maßgabe des übrigen Reiseprogramms noch erst festgestellt werden.

Wien, 5. Nov. Die heutige AmtSzeitung enthält ein Telegramm, von gestern datirt, demzufolge heute bei den Bri, gaben DormuS und Fischer Waffenruhe herrscht, Oberst Schön­feld aber eine Demonstration gegen Bretic macht. Morgen findet , allgemeine Vorrückung gegen Poport Statt.

Cattaro, 4. Nov. Die feste Stellung der Insurgenten bei Sisic wurde von den kaiserlichen Truppen gestern nach mehrstündig hartem Kampf ohne bedeutende Verluste erstürmt. Der Kampf wurde von den Brigaden Fischer und DormuS be­standen. Neue UnterwerfungSanträg? sind in Folge dessen ge­macht worden. Die Haltung der Montenegriner ist fortwährend eine neutrale.

Frankreich. Paris, 3. Nov. DasJournal de Paris" theilt mit, Ledru Rollin habe die Candidatur zur Pariser Nach­wahl ausgeschlagen, Rochefort aber dieselbe angenommen und wolle den Eid leisten. DieLiberte" sagt, Rochefort werde Abends erwartet; die Regierung werde ihm vollkommen Frei­heit lassen.

Paris, 6. Nov. DerConstitutionnel" theilt mit, Rochefort sei am gestrigen Morgen an der belgischen Grenze, sobald er französischen Boden betreten, verhaftet, aber auf kaiserlichen Befehl wieder in Freiheit gesetzt worden.

Spanien. Madrid, 4. Nov. Man versichert, Topete bestehe darauf, auö dem Ministerium auSzuscheiden.Jm- parcial" enthält einen Artikel, der sich 'auf den Wiedereintritt Figuerola'S in(S Finanzministerium bezieht. Er sagt, es sei nolhwendig, einmal dem Mißbrauch, immer zum Credit seine Zuflucht zu nehmen, ein Ende zu machen.

Griechenland. Athen, 3. Nov. Der Kaiser von Oesterreich traf heute hier ein und wurde vom König im PiräuS und von der Königin in der Residenz empfangen.

Türkei. Jerusalem, 4. Nov. Der Kronprinz von Preußen traf heute hier ein und besuchte alsbald das heilige Grab.

Vermischtes.

Darmstadt, 5. Nov. Das erschienene Regierungsblatt Nr. 52 enthält:

I. Bekanntmachung Großherzoglichcn Ministeriums der Finanzen, die Steuervergütung bei der Ausfuhr von inländischem Brandwein betreffend.

II. Oeffentliche Anerkennung einer edlen That.

III. Bekanntmachung der Großherzoglichen Commission für Post Angelegenheiten, den PersonenPostcourS (hier die Personen- geldsätze) zwischen Friedberg und Hungen betreffend.

IV. Bekanntmachung derselben Behörde, den PersonenPost­courS (hier die Personengeldsätze) zwischen Friedberg und Orten­berg betreffend.

V. Bekanntmachung derselben Behörde, den PersonenPost­courS (hier die Personengeldsätze) zwischen Lollar und Londorf betreffend.

VI. Erhebung in den Adelstand.

VII. Namenöveränderungen.

(Schluß folgt.)

Schweins berg. Am 29. Oct. wurde bei der von dem Herrn Rittmeister v. Schenk veranstalteten Treibjagd ein in hiesiger Gegend sehr seltsames Wild, eine wilde Sau, starker zweijähriger Keuler geschossen, siel, erhob sich aber wieder und erhielt dann noch einen Kernschuß von einem hier anwesenden Ofsicier aus Marburg und verschiedene andere Schüsse von andern Jagdheeren.

Redaction, Druck und Verlag der Brübl'schen Druckerei (Fr. Cbr. Viel sch) in Gießen.