Ausgabe 
7.10.1869
 
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Feuilleton.

D i e Namenlose.

Novelle von Theodor König.

(Fortsetzung.)

Er hat mir gesagt, zwei Menschen von verschiedenen Religionen könnten in der heiligen Ehe niemals Frieden oder Freude finden," antwortete Hyacintha feierlich.Er hat mir gesagt, ich dürfe Dich nicht heirathen, so lange Du dem Ketzerglauben anhingest."

Genau, was von so einem Padre zu erwarten steht," entgegnete Berthold spöttisch.

Und hat er Dir dafür Buße auferlegt, Cynthia, daß Du so einen Ketzer liebst?"

Ach Gott, ja," antwortete sie,meine Buße soll darin bestehen, daß ich der Verbindung mit Dir entsage.

Ach, Berthold, er hat mich schon schwer getadelt, weil ich überhaupt an diese Verbindung nur gedacht.

Er sagt, es ist unweiblich, nicht ehrenhaft von mir, einen Geliebten zu haben, ohne daß mein Adoptivvater damit einverstanden sei."

Berthold'S Stirn umdüsterte sich.

Der Vater hat sich kürzlich nicht in einem solchen GemüthSzustande be­funden, daß ich über diese Angelegenheit hätte mit ihm reden dürfen," sagte er dann.

Das ist sowohl Deine wie meine Entschuldigung, Cynthia.

Schon der schwere Kummer, der uns Alle drückt, sowie das furchtbare Ge- heimniß, das über unserem Hause schwebt, verbieten es mir ja, im gegenwärtigen Augenblicke zu irgend Jemandem, außer Dir, über meine Liebe, meine Freuden­hoffnungen zu sprechen."

Er nahm ihre Hand und küßte sie, Hyacintha aber antwortete nur durch einen Seufzer. e

Aber das ist noch nicht Alles, Berthold," fuhr sie dann weinend fort.

Der Abb6 sagt, man spreche entsetzliche Dinge von Deine Ehre be­treffend, man hege allgemein im Stillen entsetzlichen Argwohn.

So sprich es aus!" rief der junge Mann und seine Finger zogen sich krampfhaft um Hyacintha's kleine Hand zusammen,welchen Argwohn hegt man?

Daß daß, o mein Gott, ich vermag es nicht auszusprechen."

Ich sei ein zweiter Cain," sagte Berthold mit Bitterkeit.O, ich weiß cs ja nur zu wohl, Hyacintha. Ich bin von Anfang an beargwöhnt worden. Du aber, Du, gewiß, Du wenigstens kannst mich einer so entsetzlichen That nicht für schuldig halten?"

Nein, o nein," entgegnete sie.Ich vermöchte es nicht, ich könnte es nicht und wenn ich es selbst gesehen hätte. Ich würde eher meinen eigenen Sinnen mißtrauen wie Dir."

Ich danke Dir, o, ich danke Dir aus tiefster Seele für diese Worte! Möge Gott Dich dafür segnen, Cynthia!" rief der junge Mann lebhaft be­wegt aus.

, Aber mein gutes Kind, meine liebe, süße Cynthia, der Priester hat Recht," sagte Berthold nach einer Pause leise und traurig.

Du darfst Dich mit keinem Manne verbinden, auf welchem ein so fürchter­licher Argwohn lastet.

Nun, so will ich zu dieser Stunde offen, ganz offen gegen Dich sein, mein armer, mutterloser Liebling.

Ja, ich hatte in jener Nacht, als Carl verschwand im Walde einen Streit mit ihm, und zwar Deinetwegen. Wir liebten Dich Beide, Cynthia. Carl be- nahm sich edel, ich hart und ungerecht."

Dos junge Mädchen stieß einen schwachen Schrei der Ueberraschung aus.

O, mein Traum, mein Traum \" murmelte sie.

Nein, nein, ein Traum war cs nicht," sagte Berthold.Aber Cynthia, ich habe kein Haar auf dem Haupte meines Bruders verletzt.

Wir gingen erbittert auseinander und diese Erinnerung hat seitdem mein Herz wie mit einer Centnerlast bedrückt, aber ihn körperlich verletzt, auch nur die Hand gegen ihn erhoben habe ich nicht. Wirst Du mir das glauben, meine Cynthia?"

Sie nahm seine Hand und drückte sie warm.

Dafür möge Dich Gott segnen, Geliebte!" rief der junge Mann.

Du vermöchtest das nicht, wenn Du wirklich argwöhntest, daß Bruder- blut an dieser Hand klebe."

Höre mir zu, Berthold," sagte Hyacintha ruhiger.Du mußt Dich von diesem Verdachte um jeden Preis reinigen, mußt Deine Nachforschungen nach Carl noch eifriger, noch sorgfältiger fortsetzen wie Du sie bisher betrieben.

Lebend oder todt, wir bedürfen völliger Gewißheit über sein Schicksal.

lieber dieses Gewißheit und Beweise zu schaffen, mußt Du Dir von jetzt an zum ganzen Lebenszwecke machen."

Das will ich, meinte Cynthia, das will ich und, bei Gott, das habe ich auch bisher schon getban, wiewohl ich es nicht für Sünde hielt, auch einige Stunden stillen Glückes in Deiner Nähe zu verbringen," entgegnete der junge Militär.Wo aber, wo, nur das sage mir, wo wo bleibt es mir jetzt noch übrig, meine Nachforschungen fortzusetzen,Cynthia?"

Durchsuche die ganze Insel Rügen, Berthold," war die Antwort des jungen Mädchens,jedes Wäldchen, jedes Gehölz, halte Nachfrage auf jedem Gute, jedem kleinen Gehöft, bei jedem Arbeiter im Felde, jedem Fischer an der Küste, bis Du Gewißheit über sein Schicksal erhalten wirst.

Nicht hier, hier in unserer Nachbarschaft, spüre dem Verschwnndenen länger nach, sondern in weiterer Entfernung, selbst, wenn Du dies auch vergebens fin- den solltest, bis nach Pommern hinüber."

Aber ach, Cynthia, Meilen und Meilen weit sind die Nachsuchungen be­reits vergebens ausgedehnt worden," warf Berthold zagend ein.

So wiederhole sie aus's Neue und immer auf's Neue!" rief Hyacintha mit Entschiedenheit aus.

Carl oder seine Leiche müssen und müssen gefunden werden, koste es, was es wolle!"

Und wirst Du meiner während meiner Abwesenheit auch nicht vergessen, Geliebte?" flüsterte der junge Mann zärtlich.

Dich vergessen? O, niemals, niemals!" entgegnete Hyacintha mit In- nigkeit.

Daß ich aber niemals Deine Gattin werden kann, Berthold, ist ja jetzt gewiß.

Dein guter Vater liebt mich, als wäre ich sein eigenes Kind, aber er wird niemals zugeben, daß sein Erbe eine Katholikin, ein Mädchen von unbekannter Herkunft, heirathet.

Auch ich," fügte sie, sich stolz in die Höhe richtend, hinzu,gehöre sicher­lich noch irgend Jemanden an, und bis ich älter, noch um manches Jahr älter werde, wird es mir gar nicht einmal zustehen, ganz eigenmächtig über mich zu verfügen.

Ich werde niemals aushören, Dich zu lieben, Berthold, heirathen aber, heirathen kann ich Dich nicht."

Sie schwieg und brach in Thränen aus, Berthold aber suchte sie zu be- ruhigen.

Er umschlang sie mit den Armen, flüsterte ihr Worte der Zärtlichkeit und Hoffnung zu und gelobte ihr ewige Treue, während Willert aus einem Fenster an der südlichen Fronte des Hauses, vor Wuth kochend und von allen Qualen der Eifersucht gemartert, Zeuge der ganzen Scene war.

* * *

Sehr ruhig und öde erschien das alte große Herrenhaus jetzt.

Das Geticke der großen Uhr allein unterbrach die dort fast allenthalben herrschende Todtenstille, denn sämmtliche Zimmer des unteren Geschosses lagen leer und unbenutzt da.

Hyacintha saß bei dem armen Baron in dem neben seinem Schlafgemache für ibn hergerichteten Wohnzimmer.

Aus ihnen Beiden bestand jetzt, die Dienerschaft natürlich ungerechnet, die ganze Bewohnerschaft des Hauses.

Berthold war behufs neuer Nachforschungen nach seinem Bruder abwesend und Willert bald nach ihm zu dem gleichen Zwecke fortgereist.

Eine unbeschreibliche Stille, düstere Feierlichkeit, Tod, Zweifel und Argwohn herrschten in Dem alten Herrenhause.

Die Diener schlichen leise und mit ernsten, scheu blickenden Gesichtern umher.

Hyacintha bot das Aeußerste auf, unter ihrer schweren Prüfung Muth und Hoffnung aufrecht zu erhalten, was ihr in der Gegenwart des alten Herrn auch gelang.

Dieser empfand das Elend feiner Lage und das düstere Verhängniß, welches über ihm und den ©einigen schwebte, gerade am allerwenigsten, weil sein Geist durch den Schlaganfall bedeutend geschwächt worden war.

Fast zum Kinde geworden, fühlte er sich befriedigt, wenn er die langen Stunden verplaudern konnte und dabei eine so stille, geduldige Zuhörerin hatte wie Cynthia.

In diesen halb gedankenlosen Plaudereien theilte er ihr sonderbarer Weise auch das Geheimniß mit, daß Carl sie Hebe, - er selbst aber seinem Erben die Zustimmung zu der Heirath mit einem Mädchen von unbekannter Abstammung entschieden verweigert habe.

Wenn Berthold Dich geliebt hätte, siehst Du, so wäre das etwas ganz Anderes gewesen," fügte er hinzu,weil dieser eben nicht der älteste Sohn des Hauses ist, deshalb ist er aber auch zugleich zu arm dazu, Dich zu heirathen.

Du findest doch wohl nicht, liebes Kind, daß ich zu hart gegen Carl ge­wesen bin ?

Der Gedanke hat mir, seit er nicht mehr bei uns ist, manchmal im Stillen Qual verursacht."

Das Darf er nicht, thcurer Papa," suchte Das junge Mädchen ihn zu beruhigen.

Wenn Du ihm erlaubt hättest, sich um meine Hand zu bewerben, so hätte ich ihn abweisen müssen, denn ich habe ihn zwar geliebt, doch immer nur als Bruder."

Trotz des Versuches, ihr AeußereS zu beherrschen, bebten Hyacintha's Lippen bei diesen Worten und ihre Augen füllten sich mit heißen Thränen.

Es ist nun schon eine so lange Zeit verflossen, seit er fort ist. Ich be­greife doch gar nicht, wo er eigentlich bleibt," seufzte der alte Herr,und nun haben mich außerdem auch noch Berthold und Willert verlassen.

Bisweilen fühle ich mich doch recht einsam, Cynthia, obgleich Du mich stets so angenehm unterhälst."

Daß sie selten sprach, fast stets nur feine geduldige Zuhörerin war, schien er gar nicht zu wissen.

Ich wollte nur, Willert wenigstens wäre nicht auch fortgereist, denn dieser ist meine rechte Hand," fügte er mürrisch hinzu.

Schreib' doch an ihn, Cynthia, er solle zurückkommen, und daß ich den ihm gegebenen Urlaub widerrufe."

Ich weiß nur seine Adresse nicht, bester Papa," entgegnete Hyacintha.

Nicht? Nun so habe ich sic," sagte der Baron,-sie liegt dort im Secretär. Geh' und hole sie. Sie befindet sich rechts in der obersten kleinen Schieblade."

Richtig, das ist sie," bestätigte Der alte Herr.Du wirst nun sogleich an ihn schreiben. Ich lasse ihn auffordern, unverzüglich nach Hause zurückzu- kommen."

Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß Hyacintha dem Adoptivvater nicht gehorchte.

Der Informator war ihr so außerordentlich zuwider, sie fürchtete, ohne so recht eigentlich zu wissen weshalb, seine Rückkehr so sehr daß sie nicht dazu im Stande war.

Sie hoffte, Der Baron würde das geäußerte Verlangen über andere neue Gedanken vergessen, irrte sich hierin jedoch.

Der Wunsch, Willert wieder in feiner Nähe zu haben, verschlang jeden anderen in ihm, und er äußerte täglich, fast stündlich seine Verwunderung dar­über, daß der Informator noch nicht wieder auf dem Gute eingetroffen war.

So stahl sich die Zeit langsam dahin.

Berthold schrieb an Hyacintha und theilte ihr feine Adresse in Stralsund mit.

(Fortsetzung folgt:)