Ausgabe 
7.1.1869
 
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Feuil

Soldatrnglück.

NooeÜette von Heinrich Hensler.

(Fortsetzung.)

Die Stimmung des jungen Burschen war zuletzt ruhiger und fast weich ge­worden, sein fernerer Redefluß wurde plötzlich unterbrochen, er trat an das Fenster und starrte hinaus und sah an den Himmel; er fing leise an zu weinen .... bald wurde dieses Weinen stärker, und zuletzt so krampfhaft, baß er nur mit Mühe sich aufrecht erhalten konnte.

Maria ließ auch diesen Sturm vorüber gehen, und erst als Jener ruhiger wurde, benutzte sie diesen Zeitpunkt, ihn wieder an ihre Seite zu rufen, worauf sie mit fester Stimme fragte:

Du liebst mich also, Andrea?"

Kannst Du noch fragen?" antwortete er.

So sprich mit meinem Vater,* fuhr Maria fort,uno halte um meine Hand an !"

Ist das Dein Ernst?" fragte Andrea ernannt und sie scharf ansehend.

Mein völliger Ernst," erwieverte Maria, indem eine sanfte Röthe ihr schönes Gesicht verklärte.

Wird aber Dein Vater," fragte Andrea,mir seine einzige Tochter zum Weibe geben?"

Ich glaube nicht," antwortete Maria.

'Was soll aber daraus werden, wenn Du das jetzt schon weißt?" fragte Andrea weiter.

Das eben will ich von Dir wissen," erwieverte Maria und fuhr nach einer Weile, während Jener stille vor sich hin sah, fort:

Siehst Du nicht ein, daß, selbst wenn mein Vater so thöricht wäre, in unsere Heirath einzuwilligcn, doch nichts daraus werden könnte? Du weiß ja, daß wir nicht reich sind. Unser ganzes Vermögen besteht in dem Gute; ei­nige Mißjahre haben die darauf ruhende Schuldenlast so vermehrt, daß sie mit dem Werthe des Gutes in ziemlich gleicher Linie stehen. Wer das Gut einmal übernehmen will, muß die Landwirthschaft tüchtig verstehen und wenigstens etwas Vermögen haben. Beides ist bei Dir leider nicht der Fall, und deßhalb kannst Du es nicht übernehmen. Ich frage Dich aber: wie willst Du eine Familie ernähren, Andrea? Ich bin ein schichtes Bauernmädchen auf einem kleinen Torfe, kann, also keine großen Ansprüche machen, darum verlange ich auch kein glän­zendes Loos; ist das aber Deine ganze Liebe zu mir, daß Du mir zumuthest, mit Dir betteln zu gehen denn Dein Dienst ernährt ja kaum Dich selbst so erkläre ich Dir hiermit, daß ich in keinem Falle darauf eingehen würde, einen Ziegenhirten zu heirathen, überhaupt Niemanden, der nicht im Stande ist, eine Familie zu ernähren, und selbst dann nicht, wenn mein Vater seine Ein­willigung dazu gäbe, oder es haben wollte."

Andrea hatte dem Mädchen, ruhig werdend, zugehört, und sagte nun, als dasselbe schwieg:

Glaubst Du denn, ich würde Dir je zumuthen, meine Frau zu werden, so lange ich nichts als ein verächtlicher Ziegenhirte bin? Zweifelst Du daran, daß ich den Muth in mir habe und die Kraft, etwas Tüchtiges zu werden, wenn ich die Hoffnung habe, Dich dereinst als mein Weib heimführen zu können? Sage mir, daß Du mich liebst, daß Du, wenn ich Dir ein anständiges Loos bieten kann, mich heirathen willst, dann gehe ich heute, in dieser Stunde fort, und die Welt soll sehen, daß ich zu etwas Anderem geboren bin, als mein Leben lang Ziegen zu hüten. Nur drei Jahre sollst Du warten; Maria! wie schnell Hetzen drei Jahre vorüber! Ja, wenn ich Dir nicht schon in der Hälfte dieser Zeit schreiben kann, daß ich auf dem besten Wege bin, meine Ab­sicht zu erreichen, dann bist Du von Deiner Zusage befreit und kannst thun, was Du willst. Ich muß Beweise darüber beibringen, triftige Beweise, daß es so ist, wie ich Dir schreibe. Du bist erst achtzehn Jahre alt und kannst recht gut warten; Du würdest es gewiß gerne thun, wenn Du mich nur halb so gerne hättest, wie ich Dich habe."

Seit vier Jahren bist Du Ziegenhirte bei uns," versetzte Maria,warum hast Du während dieser ganzen Zeit nichts Besseres angefangen, wenn es Dir mit diesem Vorhaben Ernst ist?

Das will ich Dir sagen," erwieverte Andrea, ohne sich zu besinnen.Als ich hier in das Haus kam, waren wir Beide noch Kinder. Ich hatte Dich wohl schon in den ersten Tagen lieb gewonnen, das waren aber Kindereien, und erst später, wie ich Dich zur schönen Jungfrau herannahen sah, Dein gutes Herz kennen lernte und Deinen Verstand, und wie bei mir die Reife der Jahre eintrat, daß ich alle diese Eigenschaften schätzen lernte, erst dann enstanv die Leidenschaft in mir, welche jetzt so mächtig ist, daß sie meine Brust zu zerspren­gen droht, und daß ich sie unmöglich bewältigen kann. Erst mit dem Entstehen und Wachsen dieser Leidenschaft fühlte ich das Unwürdige meiner Lage, täg­lich wurde mein Verlangen größer, etwas Anderes zu ergreifen, um mich Deiner Gegenliebe würdig zu machen, aber da trat Battista wie ein böser Geist zwischen mich und meine Pläne. Ich merkte bald, wie Dein Vater ihn lieb ge­wann, und daß er auch Dein Wohlgefallen sich zu erwerben gewußt hatte. Da entstand Eifersucht in mir, sic wuchs mit meiner Liebe nnd machte mich un­glücklich, je mehr ich Ursache dazu erhielt. Ich fühlte, daß ich ihm das Feld nicht räumen durfte, ihm, der mir das Liebste, das Einzige, was mir das Leben erträglich macht, zu entreißen drohte. Was hätte es mir geholfen, was hilft es mir heute noch, wenn ich fortgehe und nach drei Jahren wieder komme und Dir ein Loos anbieten kann, das Deiner würdig ist, ich treffe Dich aber als die Frau eines Andern, des mir in den Tod verhaßten Nebenbuhlers für mich auf immer verloren! O, ich darf das gar nicht denken, ich würde sonst wahnsinnig werden!"

Damit sprang er auf und lief wie früher in heftigster Aufregung in der Stube hin und her.

Andrea," sagte nun Maria nach kurzer Puuse,Du mußt ruhig bleiben und mich ruhig anhören, bis ich zu Ende bin. Komm, setze Dich wieder her zu mir und höre weiter und bis zu Ende, was ich Dir sagen will und nicht länger vorenthalten darf. Ich könnte allerdings noch recht gut drei Jahre und auch noch länger warten, es würde aber noch immer ein Anstand zu beseitigen sein, wenn auch der Vater einwilligte. Du weißt ja, daß mein Vater schon seit einigen Jahren krank ist und nichts mehr arbeiten kann, wenigstens nichts von Bedeutung. Es ist leider nicht die mindeste Hoffnung da, .daß es noch aw

l e t o n.

bers in seinem Leben wird. Du weißt auch, daß wir kein Vermögen Haben, wovon soll mein Vater nun in diesen drei Jahren leben? Es ist doch nicht zu bezweifeln, daß Battista, so wie der Vater ihm meine Hand versagt, augenblick­lich aus dem Dienste tritt und das Gut verläßt. Wo wird er einen andern Oberknecht finden, der im Stande ist, das zu leisten, was dieser leistet? Glaubst Du, er würde Tag und Nacht so unverdrossen arbeiten, wie er es dermalen schon seit zwei Jahren thut, wenn er nicht die Hoffnung und die Zusicherung hätte, dermal einst Eigenchümer des Gutes zu werden? Glaubst Du, ich würde auf dieser Welt noch eine ruhige Stunde haben, und in jener Welt mit gutem Gewissen und ohne Furcht vor einer ewigen Verdammniß vor meinem Richter stehen können, wenn ich Schuld daran wäre, daß mein Vater in seinen alten Tagen das Gut verlassen und darben müßte? Auf mich kommt doch bei der ganzen Sache am wenigsten an. Der Vater will und muß das Gut erhalten, damit er nicht darben oder gar, was unausbleiblich wäre, betteln muß. Das kann nur geschehen, wenn er mich an Battista verheirathet; dadurch bin ich auch im Stande, ihn kindlich zu verpflegen, was ja meine Schuldigkeit ist. Das hat er mir vorgestellt, wir haben Alles reiflich hin und her überlegt, aber keinen andern Ausweg gefunden. Deßhalb hat der Vater dem Battista meine Hand zugesagt, und deßhalb konnte ich mich unmöglich weigern, mein Jawort zu geben. Ich betrachte Dich als meinen Freund, lieber Andrea, als meinen verständigen, wohlmeinenden Freund, und ich frage Dich auf Dein Gewissen: was würdest Du in diesem Falle an meiner Stelle gethan haben? Denke aher dabei nicht an Dich, sondern nur an mich, an meine kindliche Pflicht, die mir das Nächste ist, worauf es hier allein ankommt, und Du wirst gewiß, das bin ich über­zeugt, auch keinen Augenblick zweifelhaft sein."

Andrea war wieder aufgesprungen, Maria war zu schwach, ihn zurück­zuhalten und war an das Fenster getreten, doch sah er nicht hinaus,-sondern er bedeckte das Gesicht mit seinen Händen. Gewaltig hob und senkte sich seine Brust, man sah deutlich, wie er sich Mühe gab, die Gefühle, welche sein Inne­res durchtobten, zurückzudrängen . . . einzelne Thränen entfielen seinen Augen.

Maria war leise an Andreas Seite getreten, sie legte ihre Hand auf seine Schulter und fuhr fort, zu ihm zu sprechen, doch war auch ihre Brust von mäch­tigen Gefühlen aufgeregt, weshalb ihre Stimme zitterte:

Siehe, lieber Andrea!" sagte sie,wenn Du in die Fremde gehst, um Dein Glück zu suchen, so wirst Du bald unser stilles Dörfchen und seine Be­wohner vergessen haben, das ist so der Welt Lauf. Wenn Du ein anderes Leben anfängst und thätig wirst, so kann es nicht fehlen, daß die vielfachen neuen Eindrücke, welche sie Dir allenthalben darbieten werden, Dich wenig­stens nach und' nach andern Sinnes machen. Du wirst bald Alles mit ganz anderen Augen ansehen, als wie hier, wo Du den ganzen Tag, ohne durch ir­gend eine Beschäftigung gestört zu werden, immer nur einerlei Gedanken hattest und Pläne^ machtest, die vielleicht recht schön waren, aber doch nicht verwirklicht werden konnten. Es gibt ja noch viele Mädchen in der Welt, die viel hübscher, besser und reicher sind, als ich, und deren Eine, die Dich lieben wird, Du ge­wiß findest, wenn Du Dir einmal Etwas erworben hast, oder im Stande bist, eine Familie zu ernähren. Füge Dich in-das Unvermeidliche, denke, es kann einmal nicht fein, und sei ein Mann!"

Andrea wandte sich plötzlich um und sah Marien an; sein Gesicht war blaß, aber seine Augen funkelten von einem unheimlichen Feuer, indem er mit unterdrückter Stimme fragte:

Liebst Du denn Battista?"

Maria schlug erröthend die Augen nieder und sagte:

Ich bin, wie ich Dir schon gesagt habe, nur die zweite Person bei die­sem Handel. Mein Vater befiehlt, ich sehe, daß er Recht hat, daß es kein anderes Mittel giebt, um hier zu helfen, und ich gehorche, weil es die Kindes- pflicht so haben will. Ich gehorche sogar gerne, denn Battista ist ein braver Bursche, der meinen alten kränklichen Vater wie ein liebender Sohn behandelt; darum mag ich ihn auch wohl leiden. Wie kann es bei mir und in meinen Verhältnissen darauf ankommen, was mein Herz dazu sagt?

Du willst mir ausweichen, Maria," sagte Andrea,ich lasse mich aber nicht täuschen. Du liebst den Battista, Du hast nicht nöthig, es mir zu sagen; ich habe es längst gemerkt, sonst würdest Du auch auf meine Frage mit einem einfachenNein, ich liebe ihn nicht" geantwortet haben."

Uno wenn es so wäre," erwieverte Jene in größter Ruhe,wäre VaS was Unrechtes? Wer gibt Dir überhaupt ein Recht, darnach zu fragen?"

Ich habe allerdings kein Recht dazu," antwortete Andrea,doch sehe ich aus Allem, daß Du schon lange Zeit ein falsches Spiel mit mir getrieben hast."

Ein falsches Spiel hätte ich mit Dir getrieben?" unterbrach ihn Maria mit Lebhaftigkeit.Wer kann das sagen? Habe ich Dir je ein Versprechen ge­geben, das ich nicht gehalten hätte habe ich Dir je Hoffnung auf meine Liebe gemacht? Es ist wahr, ich habe längst gemerkt, daß ich Dir nicht gleich- gültig bin ich habe gesehen, wie Du Dir Mühe gabst, mir zu Gefallen zu leben, und wie Du mit aller Bereitwilligkeit jeden Dienst mir leistetest, um den ich ansprach, over von dem Du glaubtest, daß er mir angenehm oder doch er­wünscht sei; das habe ich mit Wohlgefallen bemerkt, und deshalb wurde ich Dir im Herzen gut und ich nahm Dich jederzeit in Schutz, wo und wie ich konnte, und wenn Alle über Dich klagten, und kein gutes Haar an Dir ließen, so vertheidigte ich Dich immer gerne. Und nie werde ich es Dir vergessen, daß Du mich gerettet hast, als ich aus Unachtsamkeit in den Bach gefallen war. Hast Du dieses Wohlwollen aber für Liebe genommen, für eine Leidenschaft, welche im Stande sein könnte, mich die Pflicht vergessen zu lassen, die mir die Religion gegen den Vater auferlegt so thut es mir leid, es war jedenfalls gegen meine Absicht. Ich werde Dir stets ein aufrichtiges Gefühl der Dankbarkeit und Theilnahme bewahren, und meine besten Wünsche für Dein Wohlergehen werden Dich auf Deinen ferneren Lebenswegen begleiten. Ueberlege Dir Alles wohl, was ich Dir gesagt habe, Dein Verstand wird Dir gewiß den richtigen Weg zeigen. Gehe jetzt hinaus, unsere Leute kommen, und die sollen Dich nicht bei mir antreffen, der Vater zankt uns sonst tüchtig."

Andrea warf noch einen schmerzlichen Blick auf Maria dann eilte er hinaus und ging in seine Kammer.

Er war nicht bei dem Mittagessen er war mit schnellen Schritten aus dem Hause gegangen, Niemand wußte wohin.

(Fortsetzung folgt.)