Zur Feier des Jugendftstes.
Eltern und Freunden der Jugend diene hiermit zur Nachricht, dak nach einem früher gefaßten Beschlüsse auch in diesem Jahre ein Jugendfest und zwar Anfangs August abgehalten werden soll.
Zur Beschaffung der Gaben und Ehrenpreise ergeht somit an alle Frauen und Jungfrauen der Stadt Gießen und besonders an die Schülerinnen der verschiedenen Mädchenschulen die dringende Bitte, sich durch recht zahlreiche Handarbeiten za bethei- ligen. — Geldbeiträge von allen Denen, die sich für dieses Fest^intercssiren und die ein Herz für das gedeihliche Emporblühen der Jugend haben, sind ebenfalls willkommen.
Die unterzeichneten Mitglieder des Comitö's sind zu jeder Zeit bereit, Gaben in Empfang zu nehmen.
Uebei' die Zeit der Anmeldung derjenigen Knaben, welche sich betheiligen wollen, wird später Mittheilung gemacht werden-
Alb ach , Dr. Buchner, Curschmann, Müller , Rüb samcn, Steiner, V i g e l i u s, Dr. Wciffenbach, Dr. Wittmann, Z i m m er.
$rlefliayhifd)er Bericht, mitgctheilt von dem Haupt-Agenten (£♦ W. Dietz.
Das Postdampfschiff des Nordd. Lloyd „Berlin", am 16. Juni von Bremen abgegangen, ist am 2. Juli, Morgens 7 Uhr, wohlbehalten in Baltimore angekommen.
Das Postdampfschiff des Nordd. Lloyd „Deutschland", am 19. Juni von Bremen abgegangen, ist am 2. Juli, Nachmittags 3 Uhr, wohlbehalten in Newyork angekommen. .GflmaeeeamaMeBBamöMeeeDeeaeeMmeeBceiMHeMeHeeeHeÄeBeeeeeeeeeemMi
Telegraphischer Schiffsbericht,
mitgctheilt von Chr. Wallenfels Jun.
Angekommen in New-Uork r
Das Bremer Postdampfschiff Union, Reisedauer 10 Tage.
» Hamburger „ Hammonia, „ 9 „ 18 Stunden.
Den
Juli
Wegen Auskünften
und Passagen beliebe man sich an Obigen zu wenden.
6.
10.
10.
13.
14.
14.
15.
Baltimore.
Bahia, Rio und Santos.
Eity of Limerick Donau . . . .
Siberia. Germania Ohio ... Criterion . .
Bremen Liverpool Hamburg Bremen Hamburg
nach New-Aork. Antwerpen „ „
Abgehendr
Dampfer Paraguay . . . von Havre
Temperatur in Gießen, Juni 1869 : niederste.............. 4- 0,5» R.
mittlere.................4- 10 94 .
Mittel früherer Jahre............4-1315
höchste.................4-22,0 *
Niederschlag: an 7 Tagen......... o.7O Z^-,
„ im Mittel früherer Jahre: an 14 Tagen . . 2,83
NB. Der kühlste Juni, so lange hier beobachtet wird (22 Jahre).
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F e u i l l e 1 e) n.
D i e Doppelehe.
Frei aus dem Französischen, von Emma v. Nindorf.
(Fortsetzung.)
„War cs nicht nefbedeulungsvoll," fuhr Hrlmina zu Armand gewendet fort, „daß uns bei unserer ersten Unterredung Die Kinder aller Zonen so heiter umblühten, huldigend unserer Liebe? Und weißt Du noch, Armand, den kleinen Julius Ferraud, den goldenen Lockenkopf! Du standest mir fern unter den fremden, kalten Menschen; ich küßte die frischen Rosenlippen des Knab-n und sandte chn dann Dir zu . . . Du küßtest ihn ab . . . so trug der holde Kindermund, ein Unschuldsbot>, unsere Küsse bin und her! Siehst Du, ich bewahrt' treu jede Erinnerung, jedes Zeichen von Dir. Alles Uebrige aber habe ich vcigessin, feit wir allein auf der Erde sind . . . Later und Mutter! — Ich besinne mich nicht auf sie . . . Meine Kinderjahre? — Ich weiß nichts von ihnen . . . das bist ja nicht Du — und mir däucht, ich sei immer, immer, wie jetzt, mit Dir allein auf der Welt gewesen!"
Der arme Battr zitterte. In unendlichem Jammer, in t dem Drange nach Mitgefühl suchten seine Augen die Gräfin von Fcrraud — und sie? — sie vermied seinen Blick und hob den ihren frömmelnd zum Himmel empor!
Man meldete einen berühmten Arzt, der sich bemühen wollte, durch ost bewährte Kunst die Geisteskranke zu heilen. Der Herzog winkte abwehrend mit der Hand: „Ich möchte ihr dies Leib nicht bereiten. Sie würden den zarten Körper tausendfach martern, ausreiben, den Geist vielleicht nur heilen, indem sie seine ltzten Fesseln sprengten. Ich kenne das. Und dann — ist mein Kind so nicht glücklicher? Wer will ihr den schönen Traum ersetzen? Konnte sie die Wirklichkeit ertragen ? !"
O, daß es für den Menschen Leiden gibt, in welchen selbst der Wahnsinn zum Balsam wird! In seinen Tiefen fluthet der fabelhafte Lethe. Gönnt dem Unglücklichen dies Vergessen, laßt ihm sein müdkrankes Haupt untertauchen in den träumerischen Wellen. Gönnt dem Unglücklichen die wahre, vor allen Täuschungen gesicherte Wirklichkeit, die er sich selbst schafft, seine Wirklichkeit, die er unverlierbar besitzt, mehr als wir Die unsere. Wirklichkeit! Was ist Wirklichkeit, was Traum? Alles 0 er nichts! Nichts oder alles! Und das Gedächtniß, die Erinnerung? Was gibt denn die Erinnerung den meisten Sterblichen? Fluch statt Segen; giftigen Mehlihau auf junge Knosp.'N ; für neuaufgegangene Lenze das Andenken Der zerschmetterten; bis an des Lebens fernste Marken ewigen Widerhall einer Klage!
Derville hörte mehrere Monate nichts mehr von der Gräfin, noch von dem Obersten, und glaubte daher, cs sei zwischen Beiden ein Vergleich zu Stande gekommen, den die Gräfin aus Rachsucht in einer andern Amtsstube hätte aufsetzen lassen. Demnach berechnete der Anwalt die besagtem Ehabert vorgestreckte Summe, fügte die Unkosten bei und ersuchte die Gräfin Ferraud, den Grafen Ehabert um den Betrag anzugehen, da sie zweifelsohne den Aufenthalt ihres ersten Gemahles kenne.
Der gräflich Fcrraud'sche Intendant, welcher erst kürzlich zum Tribunalpräsidenten einer bedeutenden Provinzialstadt ernannt worden war, schrieb schon am folgenden Tage an Deroille die trostlosen Worte:
„Mein Herr!
Die Frau Gräfin von Ferraud beauftragt mich, Sie zu benachrichtigen, daß Ihr Client Ihr Vertrauen gänzlich mißbrauchte, und das Individuum, welches sich für den Grafen Ehabert ausgab, selbst einge- stand, sich widerrechtlich einen falschen Namen angemaßt zu haben.
Genehmigen Sie ic.
Delbeeq."
„Es gibt doch auf Ehre auch gar zu dumme Leute!" rief Derville. „Man hat gut mitleidig, großmüthig, Menschenfreund und Advocat zu sein — man läßt sich doch fangen. Den Teufel auch! Der Handel kostet mich mehr denn tausend Franken."
Kopfschüttelnd durchblätterte der Anwalt noch einmal die bewußten Eha- bert'schen Acten. Seltsam! Er stieß jetzt auf manches, was ihm verdächtig schien. Wie konnte mir das früher entgehen?" fragte er sich selbst und schlug sich vor die Siirne. „Ich muß wahrlich nun selbst an Der Aechtheit dieser Do- cumente zweifeln!"
Die junge, hübsche Frau Advocatin, welche sich unbemerkt gemacht hatte, küßte ihrem Manne die Falten von der Stirne und sagte: „Der gute Oberst! Nein, daß er ein Betrüger war, kann und mag ich nimmermehr glauben. Sieh, müßte ich denn sonst in all meinem Glücke jedes Mal, wenn ich an ihn denke, ihm eine Thräne weinen?"
Glückliche Nina, die nicht wußte, daß die Thränen, welche wir über den gefallenen Engel im Menschen vergießen, die reichlichsten, wenigstens Die schärfsten (tnD !
Zwei Jahre nach Empfang jene, Zeilen suchte Derville im Gerichtshause einen Advocaten, Den er sprechen wollte. Dieser Amtöbruder hatte bei Der Strafpolizei zu thun. Der Zufall fügte es, daß Derville eben in das sechste Zimmer trat, als der Präsident daselbst Den Landstreicher, Hyacinth genannt, zu zweimonatlichem Gefängnisse verurtheilte.
Bei dem Namen Hyacinth betrachtete Derville den Delinquenten, der zwischen zwei Gensd'armes s.-ß, und erkannte in Der Person des Verurtbeiltcn seinen falschen Oberst Ehabert. Der alte Soldat war ruhig, regungslos, fast zerstreut. Trotz den Lumpen, trotz dem uelften Elend«, das aus allen Zügen sprach, trugen sie das Gepräge edlen Stolzes. Im Blicke lag so viel stoischer Gleichmuth, daß Der Richter dieses Siegel nicht hätte verkennen sollen; sobald ober ein Mensch Der Justiz in die Hände fällt, ist er kein moralijches Wesen mehr, keine Seele, nur eine Rechtsfrage, gleich wie er sich in Den Augen des Statistikers in eine Zahl verwandelt.
Als Der Veteran in Die Gerichtsstube znrückgebracht wurde, und später mit einem Haufen Vagabunden, über Die man so eben aburtheilte, weggesührt zu werden, machte Derville von Dem Advocatenrechte Gebrauch, im Gerichtshause ein- und auszugeben: Er begleitete Den Soldaten in Die Gerichtsstube und beobachtete ihn da einige Augenblicke, sowie Die merkwürdigen Bettler, welche ihn umr'ngten. Diese Vorhalle Der TbemiS bot eines jener Gemälde, Das leider weder Gesetzgeber und Philosoph, noch Maler und Schriftsteller studieren. Diese Räume waren dunkel, mit Pestluft erfüllt; längs Den Mauern reihten sich, durch steten Gebrauch geschwärzte, Bänke, Der Ruhesitz aller Unglücklichen, Die sich bet diesem Stelldichein des gesummten menschlichen Elends einfinden. E n Dichter würde sagen: das Tageslicht schämt sich, in diese Kloake zu Dringen, durch welche so viel Jammer fluthet. Keine Stejle hier, Die nicht durch ein vergangenes oder künftiges Verbrechen vergiftet wäre; kein Platz, auf Dem nicht ein Mensch saß, Der, voll Verzweiflung über den Schandflecken, mit welchem Die Gerechtigkeit feinen ersten Fehltritt stempelte, eine Laufbahn begann, an Deren Ziele sich die Guillotine erhebt, oder das Pistol des Selbstmörders knallt! Alle, Die auf Den glatten Pflastersteinen Der Hauptstadt gleiten und fallen, prallen an Diese gelblichen Wände zurück; auf ihnen könnte der Menschenfreund Die Rechtfertigung zahlloser Selbstmorde entziffern, über Die scheinheilige Schriftsteller klagen, ohne einen Schritt zu thun, um dem UebcI vorzubeugen. So bildet diese Halle wahrhaft eine Art Vorspiel zu den Dramas der Morgue und des GrevcplatzeS.
Der Oberst Ehabert setzte sich jetzt mitten unter alle die Menschen mit kraftvollen Gesichtern, Die in tiefes Elend gehüllt waren. Sie schwiegen, in langen Zwischenräumen oder plauderten leise, Denn Gensd'armes lustwandelten auf und ab und ließen ihre Säbel auf Dem Fußboden klirren.
„Erkennen Sie mich?" fragte Derville Den alten Militär und stellte sich vor ihn bin. „Ja, mein Herr," entgegnete Ehabert, indem er ausstand. — „Wenn Sie ein rechtlicher Mann sindsagte jener leise, „wie mochten Sie mein Schuldner blechen?" — Der alte Soldat errothete wie ein junges Mädchen, das von Der Mutter über eine heimliche Picbe zur Rede gestellt wird. „Wie, Frau von Ferraud bat Sie nicht bezahlt?" rief er laut. — „Bezahlt? Sie schrieb mir, Daß Sie ein Betrüger sind." —
Der Oberst hob Die Augen mit einer wahrhaft erhabenrn Bewegung voll Abscheu und Fluch empor, als wolle er bei Der ewigen Gerechtigkeit im Himmel über Diesen neuen Trug klagen. „Herr," sagte er mit einer Stimme, welche Durch das Uebermaß Der Erregung gedämpft ward, „wirken Sie bei Den Gens- D'armen fii’r mich Die Erlaubnis; aus, daß ich in Die Gerichtsstube treten darf; ich will Ihnen eine Vollmacht geben, Die gewiß ausgelöst werden soll. Ein Wort von Derville genügte, um Dem Elicnten Den erbetenen Eintritt zu verschaffen. Hyacinth schrieb einige Zeilen an die Gräfin Ferraud. „Schicken Sie ihr das," sagte er, „und alle Ihre Vorschüsse und Kosten sollen getilgt werden. Glauben Sie mir, Herr, wenn icb Ihnen auch für Ihre Leistungen meinen Dank nicht aussprach, so steht er deßhalb nicht weniger hier geschrieben" — er legte die Hand auf das Herz — „ja hier, hier, warm und treu ! Wag kann ein Unglücklicher ? Lieben — dies ist Alles." — „Wie," srug Dcrvillc, „Sie haben sich keine Einkünfte stipulirt?"
„Still davon," entgegnete der Greis. „Sie wissen nicht, wie tief ich das Außen leben verachte, an Dem Die Meisten so innig hängen. Mich hat plötzlich eine Krankheit überfallen: Widerwillen vor der Menschheit. Denke ich, Daß Napoleon auf Sanct Helena ist, wird mir alles hienicden gleichgültig. Ich kann nicht mehr Soldat fein — Da liegt mein ganzes Unglück. Ueberhaupt," setzte er fast kindisch hinzu: „besser Luxus in Gefühlen, als in Kleidern! Verachte mich, wer Lust hat!"
Mit Diesen Worten nahm er den verlassenen Sitz auf Der Bank wieder ein. Derville entfernte sich. Da er in feiner Amtsstube anlangtc, sandte er gleich Den Oberschreiber zu Der Gräfin Ferraud, Die nach Lesung Des Billctö ungesäumt Die schuldige Summe auSzahlen hieß.
(Schluß folgt.)


