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Novelle von Theodor König.
(Fortsetzung.)
Nicht wenige der Fieberreden Hyacintha's enthielten, wie verworren sie auch im ersten Augenblicke klingen mochten, Mittheilungen, die den alten Herrn auf'S Aeußerste in Erstaunen setzten und seinen Glauben an die Wahrheit mancher der Aussagen Willert'S wesentlich zu erschüttern drohten.
Felicie's treue, unerschütterliche Anhänglichkeit an Hyacintha, ihre Erzäh- langen von den glücklichen Familienverhältnissen, unter welchen man auf dem Herrenhose stets gelebt hatte, und die warmen Lobsprüche, welche die gute Französin dem liebenswürdigen und dabei streng ehrenhaften Charakter des Heimgegangenen Barons zollte, mußten wohl ebenfalls mit dazu beitragen, seine Anschauungsweise wankend zu machen.
Ueber den Umzug nach dem Rhein beschloß der alte Herr nun für'S Erste mit Hyacintha gar nicht weiter zu reden, denn er fürchtete, derselben dadurch Aufregung oder Kummer zu verursachen.
So ging der „wonnevolle" Frühling vorüber und die Sommerrosen blühten bereits, bevor er die Übersiedelung nach dem Süden auf's Neue auf'6 Tapet brachte.
Unsere junge Freundin erklärte sich sogleich bereit, ihm zu folgen, sobald er nur aufzubrechen wünsche.
Es war nur wenige Tage vor der projectirten Abreise, als der alte Herr in nothwendigen Geschäften vom Gehöfte abwesend sein mußte und Hyacintha auf den Gedanken kam, sich diesen Umstand zu Nutze zu machen, um die alte Heimath ihrer Jugend noch einmal zu besuchen und von ihr und so manchen ihr thcuer gewordenen Plätzen in der nächsten Umgebung derselben Abschied zu nehmen.
Das Herrenhaus stand jetzt, wie sie ja wußte, öde und verlassen do.
Sie bestimmte also einen Ort, an welchem Felicie sie zu finden vermöchte, falls der Oberst früher zurückkehren sollte, wie er beabsichtigte, und trat ihren Weg an.
Nachdem sie den Park durchschritten, betrat sie ihren früheren Blumengarten, in welchem Alles im üppigsten Flor blühte, während die Luft allent- halben mit den herrlichsten Düften geschwängert war.
Hier hielt sie an, um traurig nach dem alten Hause hinüber zu blicken.
Es lag eben so verlassen und vereinsamt da, wie ihr eigenes Leben es gethan hatte.
Seufzend ließ sie sich auf die alte Steinbank nieder und blickte lange und sehr trübe von einem Fenster zu dem anderen hinüber.
Liebkosend umsäuselten sie laue Lüftchen.
Das Gesumme der Bienen, alle die lieblichen Laute und Stimmen, in denen der schöne Sommer spricht, — Alles rings umher — die ganze Natur schien sich kaum eines anderen Zweckes bewußt, wie die tiefe Traurigkeit des armen jungen Mädchens durch ihre lindesten Einflüsse zu sänftigen.
Hyacintha war noch immer von ihrer Krankheit her angegriffen und außerdem jetzt auch durch den zurückgelegten Weg ermüdet.
Ihre Augenlider senkten, ihre Gedanken verwirrten sich.
Sie versank in Schlaf, und während sie so im stillen Sonnenscheine ruhig schlummernd dasaß, hatte sie einen Traum, — einen Traum, den sie während ihres ganzen ferneren Lebens nicht wieder vergessen sollte.
Es war ihr, als stände Mathilde von Bergen in noch von Seewasser triefendem Kleide neben ihr.
„Auf gewöhnlichem irdischem Wege giebt es keine Rettung mehr, meine Hyacintha," flüsterte sie in melodisch sanftem Tone, „und deßhalb komme ich Dir zu Hülfe. Stehe auf, gehe in das alte Haus und steige die nur uns Familiengliedcrn bekannte Treppe hinab, bis Du zu dem sogenannten königlichen Gemache gelangst. Dort wirst Du den Schlüssel zu allen den seltsamsten Räth- seln der jüngsten Vergangenheit finden."
Die Erscheinung lächelte freundlich und verschwand.
Hyacintha erwachte und fuhr mit einer raschen Bewegung vom Sitze in die Höhe.
Ihr Traum war so außerordentlich lebhaft gewesen, daß sie während der ersten Augenblicke völlig der Ueberzeugung lebte, eine wirklich überirdische Erscheinung gehabt zu haben.
Sonnenschein und Rosen sind indessen dem Aberglauben wenig günstig, und unsere Heldin gelangte schnell zu der Ueberzeugung, daß sie nichts gesehen wie ein Traumgebilde, nur ein Traumgebilde.
Aber die Rathschläge, die ihr dieses ertheilte, konnte es nicht immerhin seine nützlichen Folgen haben, wenn sie ihnen nachlebte?
Gewiß konnte es das, und hatte es sie nicht, nun, was konnte dann eben auch noch Besonderes daran gelegen sein!
Hyacintha fühlte einen unwiderstehlichen Drang, den Instructionen der Erscheinung nachzukommen.
Sie durchschlüpfte rasch Vie Gänge des Blumengartens, öffnete die zum Speisezimmer führende Glasthür, welche seltsamer Weise nicht verschlossen war, und durchschritt mit fliegenden Schritten die leeren Zimmer, ohne sich weder nach Links oder nach Rechts umzublicken, einzig und allein den Zweck ihres Ganges im Auge.
Es war unserer Hyacintha selbst nicht einmal in den Sinn gekommen, sich darüber zu wundern, daß sie in dem völlig leeren Hause jene Glasthür geöffnet gefunden.
Sie schritt durch die große Halle, durch die Gemächer der Dienerschaft, und befand sich nun, nachdem sie nur wenige Stufen in die Höhe gestiegen, in einem Corridor, in welchem sie zu den Zeiten ihrer Kindheit mit den Knaben so häufig ihre Spiele getrieben.
Eine neue Anzahl von Stufen abwärts hinter einer maskirten Thür und sie stand vor einem Hindernisse, das genau so aussah, wie eine kühle Wand, deren Geheimniß ihr indessen keineswegs unbekannt war.
Sie drückte an einer gewissen Stelle derselben auf einige leicht, fast aanr unmerklich vorstehende Steine.
Das Mauerwerk bewegte und öffnete sich.
Unsere Freundin trat in eine Art von Höhle und stieß dabei einen matten Schrei des entsetzlichsten Erstaunens und Schreckens aus. In der sogenannten
geheimen Schatzkammer brannte eine Lampe und auf einem elenden Bette in einem Winkel derselben lag eine menschliche Gestalt ausgestreckt.
Beim Klange von Hyacintha's Stimme wandte sich diese mit großer Mühe um und stieß dabei einen matten Schmerzensschrei aus.
Mit einem Entsetzen, dem es an Worten gänzlich fehlte, sah unsre Freundin die todtbleichen, geisterhaften Züge ihres AdoptivbruderS Carl vor sich.
Ja, das grenzenlose Erstaunen und fürchterliche Entsetzen Hyacintha's machte diese rann für den ersten Augenblick völlig sprachlos.
Aus diesem Zustande der plötzlichen Erschlaffung aller geistigen und körperlichen Kräfte erweckte sie jedoch dann sogleich die matt und hohl wie aus dem Grabe hervor tönende Stimme des unglücklichen Gefangenen.
„Cynthia, ach, meine liebe, kleine Cynthia, hauchte sie. „Und so bist Du denn wirklich gekommen, um mich zu holen? Lebst denn auch Du schon in jener schöneren Welt, die mich jetzt so ganz in Kurzem aufnehmen wird?"
„O, theuerster, bester, geliebtester Carl!" rief sie außer sich. „Wie bist Du nur hierher gekommen? Aber Du lebst? Du lebst! Gott im Himmel sei gedankt, daß Du noch lebst!"
Sich über ihn niederbeugend weinte sie bitterlich.
Schwer und heiß strömten ihre Thränen auf die zum Skelett abgemagerte Hand nieder, welche sie in der ihrigen hielt.
Der arme Carl war so entsetzlich verändert, daß cs ihr fast wunderbar erscheinen wollte, daß sie ihn überhaupt noch wiedererkannte.
Doch die Zeit war vielleicht kostbar.
Die Bösewichter, welche den armen jungen Mann hier so lange gefangen gehalten, konnten zurückkehren und sie, um ihr scheußliches Verbrechen vor Entdeckung zu schützen, alle Beide ermorden.
„Dein Gefängniß ist offen, theurer Carl," sagte Hyacintha. „Stehe auf und fliehe mit mir. Schnell! Schnell!"
„Ach, Du lieber Gott," war die traurige Antwort, „ich bin ja so hülf- loS, wie ein neugebornes Kind. Meine Glieder sind verkrüppelt. Ich besitze die Kraft nicht mehr, mich von diesem Bette zu erheben."
Mit Schaudern nahm sie nun den Zustand ffcer ^jammervollsten Verkommenheit unter Schmutz und Lumpen wahr, in welchem der reiche Erbe unter dem eigenen Dache lag.
Die Kammer oder Höhle starrte, wohin man nur blickte, vor der entsetzlichsten Unsauberkeit, und die dort herrschende Luft war mit so abscheulichen Dünsten geschwängert, daß diese genügend erschienen, in der kürzesten Zeit das gesundeste Leben zu vergiften.
Carl's Kopf hing tief auf die Brust, seinem Gesichte war Wasser und jedes andere Reinigungsmittel augenscheinlich schon seit längerer Zeit völlig fremd gewesen.
Hyacintha beugte sich über ihn hin, um den Versuch zu machen, ihn durch Kraft vom Lager in die Höhe zu heben, doch schon ihre leichteste Berührung verursachte ihm Schmerz, und als sie sein Haupt auf das aus einem zusammengebundenen Bündel halbfaulen Strohes bestehende Kopfkissen zurücksinken ließ, stöhnte er schwer.
„Ich muß Hülfe herbeiholen, bester Carl," sagte sie; „aber sorge Dich nicht, ich werde schnell genug zurück fein."
* *
Hyacintha verließ jetzt auf's Eiligste das Gewölbe, gebrauchte indessen die Vorsicht, den Eingang auf dem gewohnten Wege wieder zu schließen, damit der Kerkermeister bei seiner etwaigen Rückkehr inzwischen nicht zu sehen vermöchte, daß sein schurkisches Geheimniß entdeckt sei.
Vorwärts, Vorwärts, so rasch ihre Füße sie nur zu tragen vermochten, eilte sie durch den Park und aus diesem in's Freie, um die in der nächsten Nähe anzutreffende Hülfe, nämlich die der Dorfbewohner, aufzusuchen.
Glücklicher Weise war soeben eine Anzahl von ihnen in einer unmittelbar neben der Parkeinfriedigung liegenden Wiese mit dem Heumähen beschäftigt und auf Hyacintha's verzweifelten Hülferuf stürzten sogleich ^mehrere von diesen Männern herbei.
Wenige eilige Worte, ein allgemeiner Aufschrei des Erstaunens und Schreckens und sie kehrte mit einem halben Dutzend starker, warmherziger und hülfebereiter Feldarbeiter nach dem Hause zurück. Leicht wie eine Fee vor ihnen herschwebend, führte sie die Männer rasch vor Vie geheimnißvolle Wand.
Als sie durch den Druck auf jene Steine die geheimnißvolle Kammer oder Höhle erschlossen hatte und die Landarbeiter nun den unglücklichen Carl auf seinem Strohlager vor sich liegen sahen, den Bart lang bis tief auf die Brust herabgewachsen, die Augen gänzlich eingefallen und hohl, seine ganze Gestalt nur noch diejenige eines Skeletts, stießen Alle laute Ausrufe des Unwillens und der höchsten Erbitterung aus.
Er war einst bei den Feldarbeitern allgemeiner Liebling gewesen.
Ihr Mitleid über seinen jetzigen so elenden Zustand, ihre Wuth auf die scheußlichen Bösewichter, die ihn in denselben versetzt, machten sich jetzt in grimmigen Schwüren der Rache Luft.
Man fragte mit der größen Ungeduld, wo jene Schurken zu finden seien, indem einige der Leute sogar den Vorschlag machten, sofort ohne allen richter- terlichen Ausspruch summarische Gerechtigkeit an diesen auszuüben.
Während jene Männer den elenden Carl aus seinem dunklen, schmalen und schmutzigen Gefängnisse hervortrugen, eilte Hyacintha, in ihrem eigenen einstigen Wohnzimmer mit allem Material, dessen sie nur habbaft werden konnte, ein anderes, bequemeres Lager für den Unglücklichen herzurichten.
Einer der Feldarbeiter ging auf ihr Verlangen nach dem Pachthause hinüber, um Felicie aufzufordern, ihr zu Hülfe zu kommen.
„Sagen Sie ihr, sie möge sich so sehr beeilen, wie nur irgend möglich, — auch möge sie Wein und Brod und etwas von meines Vaters Wäsche mitbringen."
Der Mann wandte sich rasch zum Gehen, doch das junge Mädchen ries ihn noch einmal zurück.
„Dieser Rusch und seine Frau dürfen jedoch um Alles in der Welt nichts davon erfahren, was hier vorgefallen ist."
Der Mann machte zwar ein etwas verwundertes Gesicht, als er jene Be- merkung hörte, versprach jedoch, Stillschweigen gegen den Vogt und seine Frau zu beobachlen.
(Fortsetzung folgt.)


