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Politische Rundschau

30. October.

Ein Erlaß des baierischen Ministeriums des In­nern an die Präsidien der Kreisregierungen legt die Motive der Abänderung der Wahlbezirke dar und sagt, auf die ultramontanen .Agitationen hinweisend: Die Staatsregierung hält es mit Rück- sicht auf das Wohl des Landes für ihre Schuldigkeit, diesen Extremen mit allen gesetzlichen Mitteln ent; gegenzutreten. Steht sie auch nicht mit allen For­derungen der liberalen Parteien im Einklänge, wird sie insbesondere den Standpunkt der Wahrung der Selbstständigkeit Baierns auch künftig einnehmen und durchführen, so muß sie doch als dringendste nächst- liegende Aufgabe betrachten, vereint mit den liberalen Parteien den ultrakirchlich-ultramontancn Forderun­gen und Extremen vorzubeugen.

DerAllgem. Ztg." wird aus Berlin geschrieben: Die Aufmerksamkeit Berlins ist augenblicklich nicht so sehr auf den österreichischen Reichskanzler gerichtet, der sich ja eben anschickt nach Konstantinopel und Kairo zu gehen: man blickt letzt viel angelegentlicher nach Paris, wo nach allem Anschein ernste Er­eignisse sich vorbereiten. Nach glaubwürdigen Mittheilungen aus der französischen Hauptstadt ist die parlamentarische Opposition nicht mehr im Stande die Geister zu bannen, welche sie heraufbeschworen hat, und wenn auch nicht gerade am 26., meint man doch in kurzer Frist einen gewaltsamen Zusammenstoß an der Seine erwarten zu müssen. Nun zweifelt freilich Niemand daran, daß die Chassepots und die Kugelspritzen die Oberhand behalten werden, aber gleich einem düsteren Schatten heftet sich an diese Ueberzeugung die Ahnung, daß eine innere Katastrophe in Frankreich auch auf die auswärtige Politik des Kaiserreichs zurückwirken werde, und es ist immerhin bezeichnend für die diesfälltgen Anschauungen der leitenden Kreise, daß der neue Botschafter in Paris, Frhr. v. Weither, nicht erst, wie üblich, hierher kommt, um persönlich seine neuen Accreditive abzu­holen, sondern unverweilt von Wien nach Paris sich begeben wird.

Der Berichterstatter derTimes" in Spanien ent­wirft ein düsteres Bild von dem Kampfe zwischen den Truppen und den Aufständischen in Valencia. Statt der 18 Bomben bemerkt er unter Anderem, die nach Ansicht mancher Leute hinreichen sollten, um die Aufrührer zu Paaren zu treiben, gab es ein vielstündiges Bombardement, ohne daß die Aufstän­dischen Miene gemacht hätten, sich zu ergeben. Wäh­rend einer sechsstündigen Kanonade wurden 190 zwölf- zollige Bomben, 150 neunzöllige Granaten und 1000 andere Geschosse in die Stadt geschleudert. Dann erst kam es zur Uebergabe oder vielmehr zur Flucht; denn Diejenigen, welche die Waffen streckten, bildeten nur die Masse. Die Führer waren todt oder ver­wundet oder aber, und das gilt von der Mehrzahl, sie hatten sich versteckt. Die Zerstörung ist ungemein groß und werden Jahre dazu gehören, um die Stadt wieder so aufzubauen, wie sie vorher war. Spitäler, Kirchen, Banken und zahlreiche Privatwohnungen sind vollständig zertrümmert und viele andere sehr übel mitgenommen. Am 9. und 10. waren die Repu­blikaner in der Offensive, welche natürlich ihr Bar- ricavensystem gleichzeitig nach allen Seiten vom Markt aus vorschoben; sie sollen nicht weniger als 940 Barrikaden errichtet haben. In der Nacht vom 10. auf den 11. kam die erste Verstärkung von 574 GenSd'armen an; am Nachmittage des 11. erschien das erste Dampfschiff mit 300 Mann, und nun kamen in rascher Aufeinanderfolge Truppen von Norden und Süden, zu Wasser und zu Land, in solcher Zahl, daß sich am 15. der Generalcapitain an der Spitze von 1215,000 Mann sah; dabei ist es bemerkens» werth, daß auch die Freiwilligen von mehreren be­nachbarten Orten zu den Truppen stießen, während die Republikaner vom Lande keinerlei Unterstützung empfangen zu haben scheinen. Inzwischen batte der Commanvant unter täglichen Scharmützeln seine Stellungen beträchtlich vorgeschoben und rings um einen großen Theil der Stabt Batterien ausgepflanzt. So konnte er am Morgen des 16. die Feinde zur Capitulation auffordern. Aber auch jetzt wurden seine Parlamentäre zurückgewiesen. Darauf begann der Sturm. Sechs Stunden lang wurde die un­glückliche Stadt von außen bombardirt, während im Innern die Angriffscolonnen, zum Theil wieder durch die Häuser brechend, vordrangen.

Ein Brief des WienerWanderer" aus den Bocche di Cattaro enthält folgende interessante No­

tizen : Die Insurgenten lagern auf den Gebirgen, gctheilt in kleine Gruppen von 3040 Mann; ihr Führer heißt Broncic, und ist ein sehr reicher Bauer von Zuppa. Ein hoher, schöner Mann, leitet er mit zwölf anderen intelligenten Bocchesen den ganzen Auf­stand, welcher nur von 1800 in Waffen tüchtig geübten jungen Leuten geführt wird. Jeder Mann besitzt^ ein Gewehr, 3 bis 4 Pistolen (die Waffen nach dem neuesten System), Handjar und kleinere scharf geschliffene Messer; gekleidet sind die Leute in ihr malerisches, mit Silber gesticktes orientalisches Costume; mit Nahrungsmitteln sind sie reichlich ver­sorgt. All ihr Vieh, Esel, Ochsen, Schafe und Schweine haben sie, sowie ihre Familien nach Gra- hovo (türkisches Gebiet) geschickt. Eine Abteilung wird von der andern durch einen Gewehrschuß ver­ständigt, und durch Boten über.jede Disposition des Besehlshabers mündlich in Kennlniß gesetzt. Wenn ein Lleyddampfer durch den Canal von Cattaro zieht, wird von jedem Gebirgshügel ein Schuß abgefeuert als Signal, aber nicht gegen die Passagiere oder das Schiffspersonal. Wenn sie eines Kriegsdampfers mit Truppenn ansichtig werden, so wird er durch zwei Gewehrschüsse avisirt. Alle Straßen, selbst die kleinsten Wege, haben sie durch hingeworfene Steinmaffen un­fahrbar gemacht. Rings um ihre befestigten Lager haben sie tiefe Gruben gemacht, so daß ihnen schwer beizukommen ist. Gegen solche Streitkräfte wird un­sere Armee schwere Kämpfe zu bestehen haben, man vernichtet sie zum Theil schon mit Steinmassen, die von den Hügeln geworfen werden, ohne daß ein Ge- wehrschuß fällt.

Bei der rumänischen Bevölkerung hat die Nachricht von der Verlobung des Fürsten Carl mit der Prin- zessin Elisabetha von Wied den allerschlechtesten Ein- druck gemacht. Die Enttäuschung ist groß. Man hoffte auf eine Prinzessin von Rußland, dann von Italien; weniger befriedigt war man bereits durch die in Aussicht genommene Verbindung mit einer dänischen Prinzessin. Eine Prinzessin von Wied kennt Niemand in Rumänien, und man weiß nur so viel, daß die Hoffnung, die Gemahlin werbe dem Fürsten Carol den Königstitel und dem Lande die Unab­hängigkeit als Mitgift zubringen, durch die jetzige Braut nicht erfüllt werden wird.

Bei der täglich größer werdenden Bedeutung des I Aufstandes wird österreichischer Scits Vermehrung und Concentrirung der Truppen nöthig, was Zeit erfordert und es dürfte somit ein entscheidender Schlag gegen die Insurgenten nicht sobald zu erwarten sein. Zur Niederwerfung des Ausstandes wird kaum we- Niger als ein ganzes Armeecorps genügen. Die l Bocche di Cattaro zählen an 35,000 Seelen und können eine waffenfähige Mannschaft von 5000 Mann | stellen. Die Zuzüge aus Montenegro und der Her- : zegowina können aber diese Streitkräfte erheblich i vermehren. Montenegro zählt 130,000 Einwohner, 1 und die Zahl der Manner, vom 18. bis zum 50. Jahre nur zu 20 pCt. veranschlagt, gibt 26,000 Mann, welche, da fast alle dem primitivsten Stande angehörig, zu den Kampffähigen zu zählen sein dürf­ten. Bosnien zählt über 1 Million Einwohner, bei 20 pCt. 200,000 Kampffähige; hiervon Vio iu dem an Dalmatien angrenzenden Gebietstheile gerechnet, gibt 20,000, aus welchen die Aufständischen sich, bei dem kriegerischen Charakter derselben, leicht an­sehnlich rekrutiren können, namentlich wenn Rußland tüchtig vorgearbeitet hat. Es verlautet übrigens, daß der bekannte Wojwode Lula Vukalowitsch aus Odessa in seine Heimath, die Herzegowina, zurückge» kehrt sei, um die Führung in dem Aufstande gegen die Türken zu übernehmen.

Hessen. Darmstadt. Nach einer Mittheilung des Fr. I." hatte der hier anwesende Ehef beS preußischen Mili- tärcabinets, v. Treskow, ein Handschreiben deS Königs Wil­helm an den Großherzog überbracht, welches eine Reihe vvn Desiderien enthalt, die mehreren unserer höheren Offiziere be­reits Veranlassung gegeben haben sollen, um ihre Pensioni- rung nachzusuchen. In diesem Schreiben soll dem Wunsche, die Organisation der Division einer gänzlichen Umgestaltung zu unterwerfen, in sehr bestimmter Form Ausdruck gegeben sein. Die Mission deS Hrn. v. TreSkow wird als eine Frucht der vom König gelegentlich der kürzlich abgehaltenen Manöver gemachten Wahrnehmungen betrachtet. DieHess. Landeöztg." schreibt über die Anwesenheit des Hrn. v. TreSkvw: Schon wieder beunruhigt das Gerücht von zahlreichen Pensionirungen in den Reihen unserer Armeedivision die militärischen und bür­gerlichen Kreise. Man spricht von 1 Generalmajor, 3 Ober­sten, 1 Oberstlieutenant, 1 Major und 1 Hauptmann. Man bringt damit in Zusammenhang die Anwesenheit de«. Ehef« deS preußischen MUitärcabinets, welcher ein eigenhändiges Schreiben seines Königs an unfern Großherzog überbracht

habe, in welchem eine vollständige neue Organisation der hes­sischen Truppen verlangt wird. Die Kostenrechnung wird wohl auch nicht auSbleiben, und sind wir nur begierig, zu er­fahren, was unsere demnächst zusammentretenden Stände zu diesen weiteren Annerionsversuchen sagen werden. Nach demFr. 3." sollen Oberst Laut und Major Habermehl nach der Ankunft des Generalmajor v. TreSkow aus Berlin um ihre Penfionirung bereits gebeten haben. Außerdem sollen noch vier andere Stabsoffiziere aufgefordert worden fein, ihre Penfionirung zu verlangen. Nach derM. Ztg." wäre Generalmajor v. Jungenfeld bereits pensionirt, andere Stabs­offiziere hätten um Penfionirung nachgesucht. Das Blatt meint dazu: Steht dies richtig, dann haben wir nur die enorme neue Erhöhung der Militärlasten zu beklagen, wodurch eine günstige Stimmung für die neueren Zustände gewiß nicht gefördert werden kann.

Preußen. Berlin, 28. Oct. Die Auswechselung der RatifieationSurkunden des zwischen dem Norddeutschen Bund und dem Großherzogthum Baden abgeschlossenen Vertrags über militärische Freizügigkeit fand gestern im Bundeskanzler­amt Statt.

Berlin, 28. Oct. Der Justizminister Dr. Leonhardt hat dem Landtage zunächst im Abgeordnetenhause zwei Gesetz­entwürfe vorgelegt, welche eine Reform deS Hypothekenrechts und eine neue Einrichtung der Grundbücher oder Hypotheken- bücher bezwecken. Der erste Entwurf ist bezeichnet als Ent­wurf eines Gesetzes über den EigenthumSerwerb und die ding­liche Belastung der Grundstücke, Bergwerke und selbstständigen Gerechtigkeiten. Derselbe war schon im vorigen Jahre dem Abgeordnetenhause vorgelegt, aber nicht zur Erledigung ge­langt. Die Regierung hatte inzwischen den Entwurf veröffent­licht. Bei der jetzigen Vorlage sind die demzufolge erschienenen Gutachten sorgfältig benutzt und erwogen worden. Daß eine tiefgreifende Reform deS Hypothekenrechts ein unabweisbares Bedürfniß ist, gilt als allgemein angenommene Thatfache. Dieselbe hat die Regierung seit dem Jahre 1863 unausgesetzt im Auge gehabt, und soll nunmehr zur erneuten Berathung mit der Landesvertretung kommen.

Berlin, 29. Oct. Die National'Liberalen beabsichtigen, bei der EtatSberathung zu beantragen, die Seehandlung auf­zulösen und das 7 Millionen betragende Vermögen zur De­ficitdeckung zu verwenden.

Sachsen. Dresden, 28. Oct. Vorberathung dis ,Ge­setzentwurfs, betr. di« Gemeinderewrm in der Abgeordneten­kammer. Der Minister des Innern verspricht für den nächsten Landtag die Vorlage eines Gemeindegesetzes und die Reform der Verwaltung. Die Kammer beschloß: eine gemeinsame Gemeindeordnung für Stadt und Land mit allen gegen 20 Stimmen, ferner Wegfall deö BestätigungSrechteS der Regie­rungsbehörden mit allen gegen 15 Stimmen, endlich einstim­mig die Herstellung einer ausgedehnten Selbstregierung der I Gemeinden.

Baden. Karlsruhe, 28. Oct. Die Abgeordnetenkammer berieth in ihrer heutigen ^/zstündigen Sitzung den Gesetzent­wurf, der die Aenderung einiger Bestimmungen der Verfassungs­urkunde enthält. Unter diesen beabsichtigten Aenderungen be­findet sich auch der Vorschlag allgemeiner und geheimer, jedoch indirecter Abgeordnetenwahlen. Die DiScussion drehte sich hauptsächlich um die Frage: Ob directe oder indirecte Wah­len? Es wurden verschiedene Anträge gestellt. Die Special- discusfion findet morgen Statt.

Karlsruhe, 29. Oct. Die Abgeordnetenkammer lehnte mit großer Majorität den Antrag auf Einführung der directen Abgeordnetsnwahten ab. Es sollen sonach in allgemeiner ge­heimer Wahl Wahlmänner gewählt werden, durch welche die Abgeordneten zu wählen find. Für directe Wahl stimmten circa 12 Abgeordnete.

Oesterreich. Wien, 28. Oct. DieWiener Ztg." veröffentlicht eine kaiserliche Verordnung, nach welcher dem jeweiligen Militärcommandanten des Bezirks von Cattaro die gesammte ErecutionSgewalt für die Dauer der dort obwalten­den außerordentlichen Verhältnisie übertragen wird.

Ungarn. Pesth, 27. Oct. Das Stadtgericht hat dem Criminaigerichte die Acten im Prozeß Karageorgiewitsch vorge­legt. Das Stadtgericht beantragt gegen den Fürsten die To­desstrafe, gegen feine beiden Mitschuldigen Stankewitsch und Trifkowitsch 15, resp. 2Ojährigen schweren Kerker.

Verrutschtes.

Gießen, 1. Nov. Einer unserer Leser schreibt uns heute Folgendes: Gestern Abend gegen halb 6 Uhr etwa merkte ich, mit meiner Familie ruhig um den Ofen fitzend und bei vollständigster Ruhe im ganzen Haufe, ein plötzliches (wellen­förmiges) Wanken deS HaufeS in der Richtung von N. W. nach 8 0. ungefähr. Das Krachen einer geschlossenen Thür ' ging dem Wanken unmittelbar voraus und erregte zunächst un­sere Aufmerksamkeit. Ich schloß sofort, daß eine Erderschütte- rung stattgefunden und erfahre eben durch Andere, daß in ver­schiedenen Häusern ähnliche Beobachtungen gemacht worden seien. Auch zwischen 4 und 5 Uhr heut« Morgen will Jemand eine Erschütterung bemerkt haben. Vielleicht eignet sich die Beobachtung zur Mittheilung, um weitere Veröffentlichun­gen zu veranlassen.

g z Darmstadt, 25. Oct. Auf Anregung de« Prinzen und der Prinzessin Ludwig wird im Laufe dieses Winters ein Cy- clus wissenschaftlicher Vorträge stattfinden. Von auswärtigen Gelthrten werden sich hieran betheiligen: Dr. Riehl aus Mün­chen, Dr. Büdinger au« Zürich, Dr. v. Fritsch aus Frankfurt a. M., Jürgen Bona Meyer aus Bonn, Dr. Brehn au« Berlin, EmminghauS aus Karlsruhe, Köchly aus Heidelberg, Gott­fried Kinkel aus Zürich, Pauli aus Marburg und Dr. Zöppritz au« Gießen. Der erste Vortrag:Der Kampf deS Schrift­steller« und de« Gelehrten" von Dr. Riehl, wird am 30. Oct. stattfinden.

Berlin, 29. Oct. Zastrow, der de« Morde« eines Kna­ben angeklagt war, wurde de« versuchten MordeS für nicht- | schuldig befunden, dagegen wegen widernatürlicher Unzucht, verübter Noihzucht und erheblicher Körperverletzung für schul- I big erklärt und zu 15jähriger Zuchthausstrafe verurtheilt.

Nedaction, DrnS und Verlag der Rrühl'schen Druckerei (Fr. Cbr. Pietsch) in Gießen.

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