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D i e Namenlose.

Novelle von Theodor König.

(Fortsetzung.)

Treffe ich jemals mit dem Patron zusammen, bevor das Gericht seine Bestrafung übernommen hat, so wird er diese von meinen Händen in einer Weise erhalten, deren er während der ganzen Zeit seines Lebens eingedenk bleiben soll."

Ach, ich weiß nicht, lieber Papa, aber ich möchte Sie fast bitten, diesen Menschen ganz sich selbst zu überlassen," bemerkte Hyacintha schüchtern.

Für einen Charakter gleich diesem ist es schon Strafe genug, alle be­trügerischen Pläne und Entwürfe auf immer in sich selbst zerfallen zu sehen."

Der würdige alte Herr theilte diese Meinung augenscheinlich nicht, sondern fuhr vielmehr fort, in immer aufgeregterem, ärgerlicherem Tone über die gegen ihn ausgeübte Betrügerei zu reden, und Hyacintha mußte, so oft sie zu diesem unwillig aufflammenden Auge des alten Soltaten emporblickte, beben, wenn sie nur an die Möglichkeit dachte, daß er jemals mit dem Informator persönlich zusammentreffen könnte.

Schon nach wenigen Stunden beurlaubte sich Obrist von Goldstern von seiner Tochter, da er, wie er sagte, fest entschlossen war, ohne den mindesten Zeitverlust mit einem tüchtigen Juristen zu consultiren, auf welche Weise der Informator am leichtesten und sichersten zur Rechenschaft und Strafe zu ziehen sein mochte.

Es dunkelte noch nicht einmal, als er seiner Tochter Lebewohl sagte und das alte Haus verließ.

Ich werde zugleich alle nöthigen Arrangements treffen, liebe Tochter," sagte er, nachdem Hyacintha ihm auf seinen Wunsch Doctor Wilder'S Adresse über­geben,die Verwaltung dieses kleinen Erbgutes hier gänzlich den Händen dieses Herrn zu übergeben, da Du jedenfalls so schnell wie nur irgend möglich nach dem Rhein mit mir übersiedeln mußt."

* * *

Nachdem Oberst von Goldstern mit Doctor Wilder eine längere Eonferenz gehabt, blickte er am folgenden Tage, als er wieder im Pachthause erschien, sehr ernst und mißgestimmt.

Es würde ganz zwecklos sein, diesen Willert gerichtlich zu belangen," sagte er.

Wir können ihm nichts anhaben. Wir vermögen nicht die geringsten Beweise dafür beizubringen, daß er sich jemals etwas von jenem Gelde ange- eignet habe, noch daß Dein guter, braver Adoptivvater nicht vollkommen über Dich und Alles, was Dich betrifft, unterrichtet gewesen sei, mein armes Kind.

Unser Jurist behauptet geradezu, die Echtheit auch nur einer einzigen der Unterschriften des Barons in Zweifel zu ziehen, sei völlig unmöglich.

Wir ließen Willert zu uns entbieten und ich beschuldigte ihn geradezu der Gelvunterschlagung.

Er war hierüber ganz außerordentlich erstaunt und so empört, als wäre er wirklich, was er so gerne scheinen möchte, ein ehrlicher Mann.

Von dem Briefe, dem Du, wie Du sagst, als Exercitie für seine Unter­richtsstunde geschrieben und den ich ihm vorwies, wußte er nichts weiter, als daß der Baron ihm diesen eines Tages abgefordert und einem Briefe an mich beigeschlossen habe, welchen er dann auf Verlangen des alten Herrn adres- siren mußte.

Der Behauptung dieses Schurken nach hat der Baron von vornherein nur zu wohl gewußt, wer Du seiest, und auch das für Dich eingezahlte Geld jedes­mal zur rechten Zeit erhalten, eine Thatfache, die er verheimlichte, weil er es nicht bekannt haben wollte, daß überhaupt für Dich bezahlt würde.

Um das Unrecht, was er Dir hierdurch erwiesen, einigermaßeu wenigstens wieder gut zu machen, veranlaßte er, sagte Willert, seinen Sohn Carl, Dir diesen Pachthof abzutreten.

Daß der Informator selbst Dir niemals Aufklärung über Deine Abstam- mung gab, rührte seiner Aussage nach daher, daß der Baron ihm dies auf's Allerstrengste untersagt hatte.

Der Schurke fügte hinzu, der Baron habe ihm vor einigen Jahren die Mittheilung gemacht, die Geldsendungen für Dich seien ausgeblieben.

Er habe damals geglaubt, ich sei im Felde gefallen, und den Muth gefaßt, sich um Deine Hand zu bewerben.

Alles, was der Hallunke vorbringt, klingt, wie Du siehst, außerordentlich plausibel, und ich muß Dir offen bekennen, wäre es nicht um Deiner so unend- lich hohen Meinung von dem Character Deines Adoptivvaters willen und dieser nicht der leibliche Bruder des guten Fräuleins Mathilde gewesen, ich selbst würde nur zu geneigt sein, ihm Glauben zu schenken."

Und Doctor Wilder? Was sagt Doctor Wilder?" fragte Hyacintha unmuthig.

Doctor Wilder ist zu lange in der juristischen Praxis gewesen, um sich überhaupt noch über die Entdeckung gemeiner ober betrügerischer Handlungen wundern zu können," war die Antwort.Es seien schon Menschen der Ver­suchung erlegen, die sonst völlig so ehrenhaft dagestanden wie unser eben heim- gegangene Baron, meinte er mit großer Ruhe."

Hyacintha brach, als sie diese Worte hörte, in Thränen aus.

Nun, nur nicht weinen, meine liebe Kleine," sagte ihr Vater, ihr die Wange streichelnd.

Laß uns nun über die ganze Sache auch kein einziges Wort weiter ver- lieren. Nach Allem, was ich höre, haben sich ja die Mitglieder der Familie von Bergen in der letzten Zeit überhaupt nicht eben als musterhafte Menschen bewiesen."

Die Seufzer und Thränen Hyacintha's verdoppelten sich. Ueber die war- men, treuen, zärtlichen Freunde ihrer verlassenen Kindheit in so harter Weise aburtheilen zu hören, kränkte sie bis in'S tiefste Herz.

Und nun, mein liebes Töchterchen," fuhr der Obrist fort,wünschte ich, von Dir zu erfahren, wie bald Du bereit sein wirst, mit mir nach unserer neuen schönen Heimath am großen Deutschen Flusse überzusiedeln.

Dein Interesse in diesem Pachthofe wird während Deiner Abwesenheit auf'S Allersorgfältigste wahrgenommen werden, wenn Du nicht vielleicht Lust haben solltest, Dich des Geweses mit einem Male durch Verkauf zu entäußern."

Nein, nein, Vater, verkaufen möchte ich das Gewese nicht," entgegnete da­junge Mädchen.

Niemals, niemals würde ich mich entschließen können, es zu verkaufen, weil es so sehr lange zu den Besitzungen der Familie von Bergen gehört hat."

Die Stirn des alten Herrn zog sich in düstere Falten zusammen.

Ach, der so lange herbeigesehnte, erst jetzt aus der Dunkelheit hervorge­tretene Vater war ein ganz, ganz Anderer wie der weiche, nachsichtige Baron.

Es ist mir auf gutem Wege zu Ohren gekommen," sagte er sehr kühl, daß zwischen Dir und jenem jungen Berthold von Bergen, der sich jetzt ver­borgen hält, weil er, wie es allgemein heißt, aus Eifersucht seinen Bruder er­schlagen, ein unglückseliges Liebesverhältniß bestehe.

Höre nun ein ernstes, zugleich aber auch mein erstes und letztes Wort in dieser Angelegenheit von mir.

Die Familie von Bergen hat Dich in dem Glauben heranwachsen lassen, daß Dein Vater Dich vernachlässige oder gänzlich verlassen habe.

Ja, diese Familie hat Dich auf alle nur mögliche Weise hintergangen und Deine außerordentliche Eingenommenheit zu ihren Gunsten ist in Wahrheit Thorheit der allerschlimmsten Art. Jetzt aber, wo Dir die ganze Wahrheit be­kannt ist, wo Du auch weißt, daß mir ein Recht zusteht, Gehorsam von Dir zu fordern, muß ich Dir auf's Strengste einschärfen, Dir diesen Berthold von Bergen ein für alle Mal gänzlich aus dem Sinne zu schlagen, denn ich werde niemals zugeben, daß Du die Gattin eines wegen Mordes beargwöhnten Mannes wirst."

Es ist Alles unwahr, Alles Lüge!" rief die arme Hyacintha fast außer sich.

Man täuscht Sie auf's Entsetzlichste, Vater! O Gott, Gott, Ihr theuren, vielgeliebten Freunde meiner Kindheit! Will denn Niemand auftreten, um für Euch zu sprechen, außer mir, außer mir ganz allein?

Niemand, Niemand, keine menschliche Seele!" antwortete der alte Soldat mit rauher Stimme.

Nein, noch mehr. Deine Anhänglichkeit an diese Familie, Dein be­kanntes Verhältniß zu einem Manne, von welchem man glaubt, daß er um Deinetwillen zum Brudermörder geworden, haben Dich der ganzen Nachbarschaft entfremdet und Du stehst in diesem Augenblicke ohne einen einzigen Freund, ohne eine einzige Freundin da.

Es ist die höchste Zeit, daß Du einen Ort verläßt, wo Du in den Augen Eines und Aller eine so arg compromittirende Stellung einnimmst."

Hyacintha's Gehirn schwindelte.

War dem denn in Wirklichkeit so?

Hing ein solcher entsetzlicher, dunkler Verdacht denn wirklich auch sogar über ihr ?

Ach, sie erinnerte sich jetzt nur zu wohl, daß seit der Bestattung des armen Carl auch nicht der Fuß eines einzigen Besuchers ihre Schwelle be- rührt hatte.

Als jetzt mit einem Male die ganze volle Wahrheit über sie hereinbrach, als ihr Blick den trüben, kummervollen Ausdruck wahrnahm, der die reinen, edlen Züge des Obristen umflort hielt, sank sie mit einem schweren Seufzer zu den Füßen des Letzteren nieder.

Mein Vater, mein Vater, o, rette mich, rette mich!" rief sie schluchzend, die Hände zu ihm emporstrcckend, aus.

Er hob sie auf.

Sie war nicht ohnmächtig geworden, schien jedoch kaum ihrer vollen Be­sinnung mächtig zu sein.

Auf seinen Ruf erschien Felicie, die selbst außerordentlich erschrocken und ängstlich, ihr Bestes that, die junge Dame, welche vom Kopfe bis zum Fuße wie Espenlaub bebte, zu beruhigen.

Mit vieler Mühe gelang es endlich der treuen Französin, das junge Mäd­chen unter dem Beistände des Obristen in ihr Schlafgemach zu führen nnd dort auf das Bett niederzulassen.

Hier lag nun Hyacintha, ohne irgend ein Lebenszeichen von sich zu geben, nur daß sich ihr dann und wann ein leiser Seufzer vom Munde stahl.

In einem Zustande entsetzlicher Angst eilte Felicie zu dem Obersten zurück und schilderte ihm mit geläufiger, bebender Zunge, wie außerordentlich gefähr- lich es sei, Hyacintha jetzt in irgend einer Weise aufzuregen, wie außer­ordentlich leicht jener fürchterliche Zustand des Starrkrampfes, der so häufig das Leben koste, noch einmal bei ihr wiederkehren könnte.

Der arme Obrist befand sich, die in jeder Beziehung so plausibel klingen­den Aussagen Willert'S nur zu sehr zu glauben geneigt, eigentlich eben in einer so aufgeregten, empörten GemüthSstimmung wie kaum jemals zuvor in seinem Leben, der Gedanke aber, daß seiner so eben erst wiedergefundenen schönen Tochter Gefahr drohe, verscheuchte sofort jeden anderen aus seiner Brust.

Er stieg sogleich zu Pferde, um aus der nahen Landstadt den Arzt herbei zu holen.

Dieser schüttelte bei der Beobachtung der jungen Kranken mit bedenklicher Miene den Kopf.

Armes, armes Kind," sagte er. Sie hat in letzter Zeit viel, sehr viel Schweres erleben müssen und das unerwartete Zusammentreffen mit Ihnen, Herr Oberst, war zweifelsohne gar zu viel für ihre Nerven.

Daß sie in einen neuen Starrkrampf verfällt, fürchte ich allerdings nicht, wohl aber in eine Krankheit, die zwar weniger schlimm, dennoch aber ebenfalls traurig genug ist. Ich fürchte, Fräulein Hyacintha hat das Nervenfieber."

Der Doctor hatte Recht.

Wochen lang schwebte das junge Mädchen zwischen Leben und Tod, denn die Krankheit schlug ihren Hauptsitz im Gehirn auf, und als Hyacintha endlich ihr Bett und ihr Zimmer verlassen durfte, befand sie sich in einem außerordent­lichen Zustande von Schwache, daß sie weder allein zu gehen, noch zu stehen vermochte.

Während jener langen Krankheit und der langsamen Genesung vergaß Oberst von Goldstern die düstere, verbitterte Stimmung, deren Opfer er so lange gewesen war, gänzlich über den Eifer und die Zärtlichkeit, womit er die sieche Tochter nicht nur vom Morgen bis zum Abende, sondern häufig auch noch ganze Nächte hindurch pflegte

(Fortsetzung folgt.)