Politische Rundschau
Darmstadt, 26. Febr. Ein dringlicher Antrag dir Abgeordneten Fink und Golbmann geht dahin, die Kammer wolle die Großherzogl. Regierung ersuchen: 1) mit aller Entschiedenheit auf Zu- rücknahme der im norddeutschen Bundesgesetzblatt veröffentlichten Verordnung über die Einführung der in Preußen bezüglich der Heranziehung der Militär- prrsonen zu Communalauflagen geltenden Vorschriften im ganzen Bundesgebiet hinzuwirken; 2) die Behörden anzuweisen, der Verordnung vorerst keine Folge zu geben; 3) von dieser Weisung an die Behörden dem Großherzogl. Kriegsministerium zur Be- Deutung der Offiziere rc. Kenntniß zu geben. Die Regierung hat nun eine von dem Abg. Goltmann in derselben Angelegenheit gestellte Interpellation gelegentlich der Sitzung der zweiten Kammer vom 18. d. M. in dem Sinne beantwortet, daß das diesseitige Mitglied des Bunkesrathes beauftragt sei, geeigneten Orts die Bedenken, welche auch die Regierung bei Ausführung der Verordnung habe, vorzutragen, und erkennen die Antragsteller an, daß dieß der formell richtige Weg sei, um die Beseitigung der fraglichen Verordnung (deren RcchtSgültigkeit schon in der be- treffenden Goldmann'schen Interpellation bestritten ist) zu bewirken: allein es erscheine bei der derma- ligen Lage der Sache nicht genügend, insbesondere, da das Kriegsministerium die Anwendbarkeit der Verordnung auch für Starkenburg und Rheinhessen behaupte. Unter diesen Umständrn und da es keinem Zweifel unterliegen könne, daß die mehrerwähnte Verordnung weder im ganzen Großherzogthum, noch in den zum norddeutschen Bunde gehörigen Theilen desselben Gültigkeit habe, sei es zue Wahrung der Interessen ter betheiligten Gemeinten und zur Aus- rechthaltung des inneren GesetzgebungörechtS des GroßherzogthumS nothwentig, daß voreist der Verordnung keine Folge gegeben und ter Status quo erhallen werte.
Schwerin, 20. Febr. Die Expectoration des ritterlichen Josias v. PlüSkow hat tre Aufmerksamkeit der Presse wieder auf unsere junkerlichen Kreise gelenkt. Aue tem Hahn'schen war seit lange nichts mehr gehört worden. Daß es tort aber nicht still geworden, geht aus nact stehcntcm NationalhymnuS hervor, ter unter tem schützenden Privilegio Derer v. Hahn auf Kuchelmiß seine poetischen Sctwingen entfaltet. Der „Danz. Ztg." wird von hitr geschrieben : „Unsere Freiheit ist zwar dahin, wie Josias v. Plüskow sagt, aber sie zuckt toch noch, und eine dieser letzten Zuckungen ist es, welche wir im Hahn'schen wahrnehmrn. Hier ist tie gute alte Sitte noch nicht vertragt von nortteutschcr „über- müthiger RucksichtSlosigkeck", hier neigt sich das Bauerlein, so Knecht als Magd, so Greis als Kind, noch in Demulh vor e nein H.rrn, hur waltet noch Zucht, Ordnung und Frömmigkeit, gepflegt von dem ehrwürdigen Pastor Pleß zu Serrahn. Besagter Pastor hat zum Geburtstage des gnädigen Grafen Max v. Hahn auf Schloß Kuchelmiß ein Carmen verfaßt, hat es von der festlich gekleideten Schuljugend singen und von der wohleingeübtcn Dorscapelle mit Posaunen und Elarinetten begleiten lassen, also daß die Fenster von Kuchelmiß erzitterten von ten Klängen des Liedes und tem Hurrah der „Untcrthanen". Dieses Mustergedicht unternürfigster deutscher Gesinnung lautet: „Heil unser'm Grafen Hahn auf feiner Lebensbahn, Gott segne ihn! Golt segne Weib und Kind, auch Freunde und Gesind'! Heil unser'm Gras! — O Heiland, Jesus Christ, ter £u gestorben bist für ter Welt Sund', tritt Du als Mittler ein, schmück' unfern Grafen fein, schreib' in Dein Büchlein ein: Heil unsei'm Graf! — O wenher hcil'ger Geist, durch den die Hahn's gepreist und Gott gedient: gib, daß ihr Lcbin mc verstumme spät und fiüb! Gib Du bei aller Muh': Heil un- Graf! — So bleib' zu aller Zeit in Notd und Fährlichkeit sein Volk iym treu. Was auch noch wankt und bricht — alte L eb' rost>t nicht bei H^rr und Untertban. Heil dem Graf Hadn!"
Mannheim, 24. Febr. Das „Monnh. Journ." enthielt vor Kuizem eine Aufforderung an die freisinnigen Katholiken Mannheims, den Anlaß (die Ex- communicalionsangelegenbeit) zu benüzt n und einen Verein zu bilden, welcher ter katholifchen Laienschaft ihren rechtmäß gen Einfluß auf die kirchlichen Dinge zurückzugrwinnen bestrebt fei. Wie ter „Warle" geschrieben wird, ist nun ein solcher V.rein wirklich ins Leben getreten.
Wien, 25. Febr. Die zweifellose Abneigung des Miniiteriums Taaffe-Giskra gegen eine gründliche Parlamenlsrefvrm vermehrt tie Unzufriedenheit, welche in den mittleren und niederen Schichten der Bevölkerung durch Die Steuerprojecte ter Regierung
hervorgerufen wurde. Der Steuerdruck ist in Oesterreich bereits härter als in Preußen, und anstatt durch die Einziehung der Kirchengüter eine Erleichterung für die Uebergangsperiode zu schaffen, denkt das sogenannte Bürgerministerium an weiter nichts, als an die Verstärkung ter fiscalischen Steuerschraube, um die zur Deckung des permanenten DeficitS erfor- terlichen Millionen aus dem Volke herauSzupreffen. Zu Dem gegenwärtigen AbgcorDnetenhause, welches im Mai 1867 mit Dem Versprechen einer Erleichte- rung ter Lasten begann unD Der Regierung schon im vorigen Jahre eine Steuererhöhung nach ter antern bewilligte, hat das Volk nicht das geringste Vertrauen mehr. Deßhalb findet das Beispiel des Wiener Gemeinderaths, ter eine Erneuerung tes Abgeordnetenhauses durch unmittelbare Wahlen aus dem Volke und tie Vertagung der Berathung über die Stkuergesetzentwürse bis nach der Durchführung der Parlamentsreform verlangt, in vielen Städten Nachfolge und die bezüglichen Petitionen an den Reichs- ratb mehren sich von Tag zu Tag.
Paris, 26. Febr. Wie man in den Kammern erzählt, hat Der Abgeordnete Picard privatim schon Mittheilung von Dem neuen Vertrage erhalten, durch welchen sich Die Statt Paris wieder für vierzig Millionen engagirt. Es hantelt sich um tie Arbeiten der Entrepotö von Berry und ter von Den Herren Haußmann unD MorainvillierS gezeichnete Vertrag ist vom 15. Febr. tatirt, allerdings noch nicht vom Kaiser genehmigt. Der Concessionär hat wieder als Caution Die ganzen vierzig Millionen, welche auf Die Arbeiten auSgegeben werden sollen, bei Der Statt zu hinterlegen und in kurzer Frist eine Anzahlung von fünfzehn Millionen zu leisten.
Lissabon, 19. Febr. Man schreibt der „Corr. Havas": „Die spanischen Ereignisse, oter vielmehr die Ungiwißheit, in welcher man hier über Die Regie- rungssorm schwebt, welche Spanien aDoptiren wird, beunruhigen Die Portugiesen, welche immer für ihre Unabhängigkeit fürchten, außerordentlich, Da man in Spanien nicht aufhört, von Der iberischen Frage zu sprechen, von Der namentlich Die unteren Classen Durchaus nichts toifftn wollen. Allg mein wird versichert, Daß Der König Don Fernando Die Krone nicht annehmen wird, falls sie ihm vom spanischen Volke angebvten werden sollte. Das Eabinet befindet sich einer starken Opposition im Lande gegenüber. Es beschädigt sich augenblicklich mit einem neuen Wahlgesetz mit muen Wahlbezirken. Auf diese Weise glaubt es seiner Politik durchaus günstige Wahlen zu erzielen. Die progressistische Partei hat gegen daö Wahlgesrtz protestiit; außerdem herrscht in einigen Corps Der Armee Unzufriedenheit gegen Die Regierung, so Daß letztere einen AufstanD befürchtet. Der Herzog von Montpensier ist hier sehr populär; er zeigt sich überall, in den Theatern, bei Den Straßen- Prozessionen, auf Den Privatbällen und er spendet Den Armen viel Almosen.
Athen, 26. Febr. Ein vom Marineminister erlassenes Cireular meldet Die Wi Derausnahme Der Diplomatischen Beziehungen zwischen Griechenland und Der Türkei und Die Zulassung Der griechischen Schiffe in Den türkischen- Häfen, sowie Die Abreise Der bei- Derjenigen Gesandten auf ihre resp. Posten als nahe bevorstehenD.
Vermischtes.
Darmstadt, 27. gebr. Das heute erschienene Regie- rungsbiari Dir. 6 enthält:
I. Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums d S Innern, den Nachtrag der Statut, n der Hessischen Ludwigs senbahn. Gesellschaft «hier dessen AllerhöchUe Genehmigung) belr.
11. Bekanntmachung Gioßherzoglichen Ministeriums des Innern, die Benennung der in ten Provinzen Nheinhessen und Starkenburg zu eibauenden Eisenbahnen beir.
Des GroßherzogS Königliche Hoheit haben zu bessimmen geruht, daß die durch die Allerhöchsten Verufgungen vom 20. Februar und 4. April v. J. in den Provinzen Rbein- heffen ui b Starkenburg concessionirten Bahnstrecken folgende offierelle Benennungen erhalten sollen:
1) Balm von Darmstadt nach Hofheim resp. Worin«: Riedbahn;
2) Bahn v.n Mainz über Alzey an die LandeSgrrnze in der Richlung nach Kirchheimbolanden: Rhein-Donners- b e r g - B a h n ;
3) Bahn von Bingen über Alzey an die LandeSgrenze bei Monsheim in der Richtung nach Giunstavt: R Hein- Ha a r d't - B a h n ;
4) Bahn von WormS an die LandeSgrenze bei Monsheim in der Richtung nach Marnheim: Pfrimmthal-Bahn;
5) Bahn von Worms nach Beneheim: Rhein-Bergstraße-Bahn;
6) Bahn von Darmstadt über Reinheim und Höchst bis Erbach mit einer Abzweigung über Groß-Umstadt bis Babenhausen : Odenwald-Bahn.
Dieses wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
111. Uebersichl der im Jahr 1865 durch tue Großkerzogliche Gendarme»ie geschehenen Arrestationen imd Denunciationen.
Im Ganzen find 5132 Arrestationen und 15753 Denunciationen erfolgt.
IV. Nachweisung der in der Großherzoglichen Münz« zu Darmstadt seit dem Abschluß der Münz-Eonvention vom 25. August 1837 bis zum Schluffe dcS Jahre» 1868 stattgehabtea Großherzoglich Hessischen AuSmünzungen.
V. Bekanntmachung Großherzoglicher Eommission für Post- Angelegenheiten, den Personengeldtarif auf dem Postcourse zwischen Hanau und Heldenbergen betr.
VI. Bekanntmachung Großherzoglichen KreiSamtS Ben», heim, die Erhebung einer Umlage zur Bestreitung der Bedürf« mffe des israelitischen FriedhofsverbandS zu Alsbach für 1869 biö 1871 betreffend.
VII. Uebersicht der für das Jahr 1869 genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Eommunalbedurfniffen in den Gemeinden dcS Kreise» Grün berg.
VIII. Uebersicht der für daS Jahr 1869 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Evmmunalbedürfnisse in den Gemeingen des Kreiseß Bingen.
IX Uebersicht der für das Jahr 1869 genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Eommunalbedürfnissen in den Gemeinden des Kreises Wimpfen.
X. Bekanntmachung de« Großherzoglichen KreiSamtS Lauterbach, die Umlagen zur Bestreitung der Bedürfnisse für die israelitische Religionsgemeinde Crainfeld, Kreises Lauterbach, für 1869 bctr.
XI. Uebersicht der für daS Jahr 1869 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Bedürfnisse der israelitischen ReligionS- gemeiuden des Kreises Groß-Gera».
XII. Uebersicht der für daS Jahr 1869 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Bedürfnisse der israelitischen Reli- givnSgemeinden de« Kreises 91 e u ft a b t.
XIII. Namensveränderung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 6. Febr. dem Friedrich Ernest aus Mainz zu gestatten, statt seine« bisherigen Familiennamens Ernest in Zukunft den Familiennamen Otto zu führen.
XIV. Dienstentlassungen. Seine Königliche Hoheit der Grvßherzog-haben allergnädigst geruht: am 30. Jan. den Unteradjutanten Göttmann, Oeconom bei dem Haupt-Hospi- lal zu Darmstadt, zum Hofgerichts-Kanzlisten bei dem Hvsge- richle der Provinz Starkenburg — und an demselben Tage den von dem Herrn Grafen zu Erbach-Fürstenau auf die erst« evangelische Schulstelle zu Steinbach präsentirten evangelischen Schullehr r zu Gammclsbach, Bernhard Kredel, für diese Stelle zu bestätigen.
XV. CharakterertHeilungen. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben allergnädigst geruht: am 10. Febr. dem Tapezier Gluckert zu Darmstadt den Charakter als ^oitapezier und dem Kappenmacher Heß zu Friedberg den Charakter als Hofkappenmacher zu ertheilen.
XVI. Cvncurrenzeröffnung. Erledigt ist: die zweite evangelische Schulstelle zu Westhofen mit einem jährlichen Gehalte von 300 fl.
XVII. Gestorben: am 4. Febr. der pensionirte Bezirks- gerichtS-Präsident Friedrich Joseph Stephani zu Mainz; — am 10. Febr. der Schullehrer Johann Adam Niepott zu Uetzhausen.
(Die Controverse über Nelsons Degen.) Nach einer langen Controverse, ob Admiral 91elsvn den im Museum des Greenwicher Matrosenasyls aufbewahrten Degen wirklich in der Schlacht von Trafalgar getragen oder nicht, stellt sich endlich heraus, dast er während dieser seiner letzten Schlacht eigenthümlicher Weise gar keinen Degen getragen hat. Sir William Beatty hebt es nämlich in feiner gc auen Beschreibung der Ereignisse de» TageS als eine bemeikenSwerthe Ei- genthümlichkeit hervor, daß dieß die einzige Schlacht gewesen, in welcher der Admiral keinen Degen getragen habe. Früh Morgens habe er sich angekleidet imd sei an Deck gegangen, ohne aber den Degen, welcher auf dem Tische lag, umzugürten. Erst später am Tage, alö einige Zimmerleute hinuntergeschickt wurden, um das Portrait der Lady Hamilton und einigen anderen Schmuck der Kajüte vor Beginn des Engagement« zu entfernen, habe man dieß bemerkt. Da aber Lord Nelson noch ganz kurz zuvor in der Kajüte gewesen sei und dort feine letzten Gebote niedergeschrieben habe, ohne auch dann den Degen mitzunehmen, habe man ihn auf dem Tische liegen gelassen.
Paris, 21. Febr. Vorgestern stürzte auf dem Boulevard ein sehr elegant gekleideter Herr zu den Fußen einer Dame nieder umklammerte deren Kniee und ließ sich nicht zuruckhal- ten durch die Schläge, d'"e ihm die Dame mit dem Regenschirm auf den Kopf versetzte, auch durch die Fußtritte nicht, mit welchen das Publikum daS hulfeschreiende Mädchen zu befreien suchte. Endlich erkannte man, daß die Kleider der jungen Dame von unten her verbrannt waren, und daß der edelmuthige Retter mit Schlägen und Fußtritten für die Brandwunden an den Händen belohnt worden war. Offenbar hat ein weggeworfeneS Zündhölzchen die Kleider in Brand gesetzt und die junge Dame kann von großem Gluck sagen. — An demselben Tage stürzte sich ein noch junger Mann au« Verzweiflung über den Tod seiner Frau aus dem Fenster, brach den Arm und verletzte sich sonst mehrfach; mühselig schleppte er sich wieder hinauf, stürzte sich zum zweiten Mal« aus dem Fenster und zerschmetterte sich den Kopf auf dem Pflaster. — Ganz Rouen ist in Aufregung, denn man hat auf der Brückenflraße daselbst ein seltsam eingewickelteS frisch abge- schniltenes Frauen-Ohr gefunden. Woher die Rouenesen wissen, daß eS ein Frauen-Ohr, ist wieder ein Geheimniß für sich.
— (Eine Gruftgeschichte.) Unter den verschiedenen Posten, welche vom Budget - Ausschuß im Congreß der Vereinigten Staaten durchberalhen wurden, fand sich auch „Gehalt für den Aufseher der Crypta". Man schüttelt« den Kopf und 91iemand wußte zu sagen, was «S mit der bewußten Crypia und ihrem Aufseher für ein Bewandtniß habe. Man schlug die Suter nach und fand, daß seit 50 Jahren regelmäßig dieser Posten gefordert und bewilligt wor, den, und endlich, nach weiteren Untersuchungen, wies sich aus, daß kurz nach dem Tode Washington s der Congreß die Herrichtung einer Gruft unter dem Capitol veifügl hatte, welche die Ueberreile des Generals aufnehmen und den Namen „die Crypta" führen solle. Eine Lampe füllte stets in dem Gewölbe brennen und ein Aufseher dieselbe in Ordnung halten. Die Gruft wurde auch in der That gebaut und feit 50 Jahren hat dort die Lampe gebrannt und der Hüter angeblich Wache gehalten, obschon Washington « Gebeme nie an diesem Orte beigesetzt wurden.
Ncdactiou, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


