Jin Verlage von I. Schneider in Mannheim ist soeben erschienen und in allen Buchhandlungen zu haben:
Die Entstehung der geistlichen und weltlichen Macht des Papstthums
Bon Carl Scholl,
Prediger der freireligiösen Gemeinden in Mannheim und Heidelberg.
Gr. 8°. geh. Preis 15 Sgr. 48 fr. rhein-
Von demselben Verfasser sind früher erschienen:
Dreie Stimmen aus dem heutigen Frankreich, England und Amerika über Lebensfragen der Religion. 40 Bogen gr. 8° geh. Preis 2 Thlr. 10 Sgr. - 4 fl. rhein.
Der neueste Fastenhirtenbrief deS Erzbischofs von Freiburg, Herrmann von Vicari. Insbesondere für freisinnige Katholiken beleuchtet. Gr. 8° geh. Preis 4V2 Sgr. — 15 kr rhein.
Die freien religiösen Gemeinden in ihrem weltgeschichtlichen Beruf für Reu- gestaltung der Zukunft durch die Religion der Humanität. Gr. 8° geh. Preis 2 Sgr. - 6 kr. rhein._______________________________________________________
Uebei* Ooaks - Heiz ung.
Es dürfte von allgemeinem Interesse sein, über die Heizung mittelst Eoaks, die sich bereits in vielen Städten als angenehme und billige Zimmerheizung eingebür- gert hat, und welcher auch in unserer Stadt mit jedem Winter mehr Beobachtung geschenkt wird, hier Näheres zu erfahren.
Die Heizkraft der Eoaks ist denen der besten Steinkohlen gleich; fte geben, da sie bei ihrer Darstellung entschwefelt werden, nicht den unangenehmen Geruch der Steinkohlen, sind diesen gegenüber deshalb aus Gesundheitsrücksichten empfehlenswerther, verbrennen rußfrei, erfordern alfo nur selten das Ausputzen des Ofens und sind auch in Bezug auf Reinlichkeit den Steinkohlen sehr vorzuziehen.
Jeder gutziehende Steinkohlen-Ofen ist zur Eoaks-Feuerung tauglich.
Das Verfahren des Heizens ist Folgendes: Man macht zuerst, wie bei dem Steinkohlen-Feuer, auf dem gut gereinigten Roste ein gewöhnliches Holzfeuer an und wenn dieses im Niederbrennen begriffen ist, werden die trockenen Eoakes, die zuvor jedoch zu Stückchen von der Größe einer welschen Nuß zerkleinert sein müssen, in einer Höhe von ungefähr 1/2 Fuß aufgeschichtet. Das Zugthürchen muß während des Brennens geöffnet sein, nur wenn die Gluth zu stark werden sollte, kann dieselbe mittelst Schließen des Zugthürchens gedämpft werden. Das Auflegen neuer Eoaks — was übrigens nicht "so oft wie bei der Steinkohlen-Feuerung zu geschehen braucht — muß rechtzeitig (bevor das Feuer anfängt, schwarz zu werden) stattstnden, der Rost ist zuweilen, aber nur von unten, mittelst des Hakens von der Asche zu befreien.
Hansen sie in & Vogler
Zeitungs-Annoncen-Expedition in FRANKFURT AM MAIN.
Filialgeschärte: in Basel, Berlin, Hamburg, Leipzig, Wien.
(E i n g e s a n d t).
Nachdem nun die Frage definitiv entschieden ist, daß der neue Bahnhof der oberhessischen Bahnen gleichfalls auf dem Seltersberg erbaut wird, kann man auch getrost der Ueberzeugung sein, daß auch die andern zu errichtenden Bahnhöfe dort ihren Platz finden werden. Nach den Bahnhöfen führt bis jetzt für Gießen nur etil Fahrweg, der Seltersberg. Für die nordwestlichen Theile der Stadt würde es von eminentem Vortheil sein, wenn für sie eine neue kürzere Verbindung hergestellt werben könnte. Eine solche natürlichste und bequemste Verbindung wäre die, wenn ein guter Fahrweg über den sog. LooS'schen Felsenkeller durch die Neustadt nach dem Tiefenweg oder Reichensand geführt würde. — Hierzu bedürfte es der Erbauung einer festen Brücke über die Wieseck und lieber» Deckung des Schoorgrabens. Schon längst ist es ein schreiender Uebelstand, daß der Weg in so derangirtem Zustande sich befindet.
Wirklich zu verwundern ist, daß noch kein Unglücksfoll vorgekommen ist auf diesem oft bis in die Nachtzeit frequentirten Fußwege, welcher dicht an dem Graben vorbeiführt, ohne daß auch nur die geringste Umzäunung vorhanden.
Unsere großen Jahrmärkte werden jedenfalls an Bedeutung gewinnen, wenn die verschiedenen, bereits in Bau begriffenen und noch projectirten Bahnen beendigt sind, auch für sie würde ein guter naher Fahrweg nach den Bahnhöfen von großem Vortheil sein. — Das Bedürfniß nach einem solchen Fahrwege wird, je mehr Gießen an Verkehr gewinnt, desto nachhaltiger fühlbar werden und auf diese Umwandlung des bisher schlechten Fußweges dringen. —
Möge unser Stadtvorstand diese Angelegenheit in Erwägung ziehen und möge er den Jntereffen der Neustadt und des Walllhors gerecht werden. In diesen Stadttheilen sind bedeutende Firmen, welche sehr viel Maaren aus- und einführen; in ihrem Interesse und zuletzt zin dem der Stadt liegt eine rasche und schleunige Erledigung dieser Angelegenheit.
F e u i l
Verschwiegene Liebe.
Erzählung von Hermann Semmig.
(Fortsetzung und Schluß.)
Es ist vielleicht noch Zeit," fiel er hastig ein, als Frau v. N. erschrocken auffuhr; „suchen Sie das Vertrauen Ihrer Fräulein Tochter zu gewinnen, aber seien Sie zart und vorsichtig." Als sie aber noch immer zweifelnd einwarf, daß bet der einfachen Lebensweise und dem beschränkten Freundeskreise der Familie an einen Roman, wie er es nenne, gar nicht zu denken gewesen sei, drang er mit Entschiedenheit auf eine sofortige Unterredung der Mutter mit der Tochter, wenn er noch länger nützen solle. Die Unterredung hatte noch am selben Abend statt. Bei der zu großen Vorsicht, die die Mutter anwandte, fand ihre Frage lange keine Antwort, nicht einmal ein Verständniß, wie es schien; endlich in der Höch- sten Seelenangst bestürmte sie das Herz ihrer Tochter mit den zärtlichsten, dringendsten Bitten um ein offenes, vertrauensvolles Bekenntniß. Da stand Marie auf, schien, während sie ihre Mutter ansah, einen heftigen inneren Kampf zu kämpfen und sank dann auf das Sopha zurück, ihr Haupt unter lautem Schluchzen und Weinen in die Kissen verbergend. Ihre Mutter umschlang sie mit Küssen und Tdränen und entwand endlich ihrem Herzen das süße Gift, an dem es hinstarb; Marie gestand, daß seit dem Tage, wo Wilhelm sie mit Gefahr seines Lebens gerettet hatte, sie von einer unbezwinglichen Liebe zu ihm ergriffen worden war. Dieser Zug männlichen Muthes und aufopfernder Freundschaft hatte ihr auch die Augen für seine männliche Schönheit geöffnet, die nur der Wiederschein seines reinen edeln Herzes war. „Aber," sagte Marie, „er war arm und niedrigen Standes, ich bin reich und dazu von Adel; bei aller Freundlichkeit, mit der er bei uns ausgenommen war, fühlte ich wohl, daß Ihr in ihm nur das arme Nachbarkinv von unserm Dorfe saht, das durch unsere Annahme geehrt ward, nie, meinte ich, würdet Ihr meine Liebe billigen, die Euch nur Kummer bereiten würde, und ich habe lange und schmerzlich mit ihr gerungen ; aber sie war stärker als ich, ich unterlag ihr." Stumm und nachsinnend hatte ihre Mutter ihr zugehört, stumm hielt dieselbe fte noch eine Zeit lang in den Armen, dann küßte sie sie auf die Stirn und sprach mit tröstendem Tone: „Sei ruhig, meine Tochter, wir lieben Dich, und es kann noch Alles gut werden." Marie preßte ihre Mutter heftig an ihr Herz, dann schüttelte sie den Kopf und sagte: „Ich fürchte, es hat mich nur zu sehr angegriffen; Alles, was ich bitte, ist, daß meine Eltern ihrer Tochter nicht zürnen." Noch am feiten Abend sprach Frau von N. mit ihrem Gatten, und als derselbe am nächsten Morgen seine Tochter zum Spaziergang an den Arm nahm, sagte er: „Mache Dich auf eine Ueberraschung bereit, meine liebe Marie; ich glaube, Wilhelm wird in einigen Tagen kommen, ich habe ihm heute Morgen geschrieben." Marie zitterte bei diesen Worten zusammen und umschlang mit herzlichem Kuß ihren Vater, Worte aber konnte sie nicht finden. In der That waren die Eltern nicht so sehr von Standesvorurtheilen befangen, daß sie denselben, zumal in so drängender Gefahr, das Leben ihrer einzigen Tochter geopfert hätten. Herr von N. hatte sofort um einen Urlaub für Wilhelm und zugleich um seine gänzliche Dienstfreiheit geschrieben, und eine verweigernde Antwort stand bet seinen einflußreichen Verwandten nicht zu befürchten, wie auch die Erfüllung bald zeigte; übrigens war er fest entschlossen, fein Opfer zu scheuen, wofern er Marien retten könnte."
Wilhelm kam an. Der erste Empfang war peinlich für Alle, für die Eltern, weil sie sich nicht erwehren konnten, in Wilhelm die erste, wenn gleich un- freiwillige Ursache deS Unglücks zu sehen; für diesen, weil ihn, der sich solchen Eindrucks auf Marien gar nicht versehen, nur eine rein freundschaftliche Neigung zu ihr gehegt und immer an einen äußeren Anlaß zur Krankheit gedacht hatte, die Nachricht gänzlich unvorbereitet getroffen und er daher nur mit Verlegenheit ein Glück begrüßen konnte, das er so schmerzlich erkaufte, und das ihm, wie er wohl empfand, nicht ganz leichten Herzens gegönnt ward; für Marien endlich,
l e t o n.
weil ihr zartes Herz dies Alles ahnte und fühlte und mit beiden Theilen, alfo doppelt litt. So ward der Balsam der Genesung selbst zu Gift. Indessen leuchteten doch einige schöne Tage tröstend in diese Trauer hinein; durch das Unglück sanfter gestimmt, schlossen sich die Herzen bald in weicher Ergebung an einander an und wurden durch die Hoffnung, daß nun Marie und mit ihr das Glück Aller wieder aufleben würde, noch inniger verkettet. Die selige Täuschung währte indessen nicht lange, die Kranke brach sichtlich zusammen, das Hebel hatte zu tief Wurzel geschlagen gehabt. Schmerzlos fühlte sie ihre Kräfte hinschwin- den, glücklich, mit dem Geliebten vereint zu sein und ihr Glück endlich vorder Welt bekennen zu dürfen, denn durch das Bekenntniß des Glückes fühlt sich das Herz erleichtert wie durch das der Schuld. Eines Abends entschlief sie sanft in Wilhelms Armen, sanft wie das Abendroth am Himmel verlosch. Sie starb an verschwiegener Liebe.
Ich sage Nichts von dem Schmerz der Zurückgebliebenen. Die Mutter war untröstlich. Was Wilhelm leiden mußte, von welch' widerstreitenden Empfindungen sein Herz zerrissen ward, werden zartfühlende Seelen sich selbst sagen. Als die Unglücklichen nach längerer Zeit endlich wieder Worte fanden, sagte Herr von N. zu Wilhelm: „Mein lieber Wilhelm, Sie sind uns ein geliebtes Vermächtniß unserer unvergeßlichen Marie, das Vermögen der Dahingeschiedenen geht auf Sie über, Sie bilden von nun an ein Glied unserer Familie." Wilhelm erwiederte nichts, einige Tage daraus war er heimlich abgereist; man brachte Herrn von N. folgenden Brief:
„Innig verehrter Herr!
Meine bloße Gegenwart würde für Sie eine stete qualvolle Erinnerung fein. War ich schon unschuldiger Weise die Üuelle Ihres Unglücks, so will ich doch nicht wissentlich Wunden von Neuem aufreißen, die an sich schmerzlich genug sind. Ich verlasse Sie, um Sie nie wiederzusehen ; nur den Einen Trost wollen Sie dem Scheidenden nicht versagen, Ihren Segen und die Vergebung alles Elends, das er so unglücklich gewesen ist, über Sie zu bringen. Weiter bitte ich Nichts von Ihnen. Nachdem ich diesen Engel verloren habe, dessen Liebe allein mich glücklich machte, hat aus der Welt Nichts mehr Werth für mich. Leben Sie ewig wohl, ich küsse Ihnen mit Hochachtung die Hand. Tröste Gott die Mutter meiner Marie.
Ihr Wilhelm."
Die unglücklichen Eltern hatten wenigstens den Trost, daß Marie einen ihrer Würdigen geliebt hatte. Nie fanden sie eine Spur von ihm. —
Lange nachher, gegen das Ende der dreißiger Jahre, konnte man durch die Straßen Leipzigs einen noch jungen, ärmlich gekleideten Mann schleichen sehen, dessen bleiches abgezehrtes Antlitz, von grauem Haar nachlässig umflattert, ein frühes Alter andeutete; Gram und Elend schienen zugleich an ihm zu nagen. Es war Wilhelm. Kümmerlich lebte er hier in strenger Zurückgezogenheit von Notenabschreiben nnd schien fast absichtlich nicht mehr verdienen zu wollen, als eben nöthig war, um ein ihm längst zur Last gewordenes Leben zu fristen, ohne gerade Hungers zu sterben. Sein einziger Trost, feine einzige Erquickung war die Musik. An schönen Sommerabenden, wenn die Spaziergänger aus dem Rosenthal über den alterthümlichen, fast reichsstädtischen Marktplatz der reichen Handelsstadt heimkamen, konnten sie oft an einem der hohen Häuser, mit denen hier die PeterSstraße auf den Markt ausläuft, eines der mondbeglänzten Fester im höchsten Stock sich offnen sehen; schmelzend süße Flötentöne quollen dann von dort, wehmüthig, innig, wie Nachtigallenlaute, durch die stille Abend- luft zum Vollmond auf und trugen die Seufzer des Schmerzes und der Sehnsucht aus Wilhelms müdem Herzen der himmlischen Heimath der Geliebten zu. Bald verstummten auch sie. Wilhelm war verschwunden. Ich weiß nicht, wo er geblieben, o b er geblieben.


