Feuilleton.
D i r Doppelehe.
Frei aus dem Französischen, von Emma v. Nindorf.
(Fortsetzung.)
Das Gesicht gegen die Allee gewandt, Die nach Saint Leu führt, sah die Gräfin fortwährend auf die Straße und zwar zu sehr mit dem Ausgange ihrer Angelegenheit beschäftigt, um dem leichten Geräusche, welches das Nahen ihres Mannes aus der entgegengesetzten Seite erregte, die mindeste Aufmerksamkeit zu schenken. Eben so wenig gewahrte der graue Held seine Frau über sich im Gartcnhause.
„Denken Sie sich, Herr Delbecq, die Acten sind aus meinem Arbeitsbeutel, in den ich sie gesteckt hatte, verschwunden, verloren! . . . Wie schrecklich! Doch geschwind, sagen Sie, hat er unterschrieben?" rief die Gräfin ihrem Intendanten zu, der jenseits eines kleinen Heckengrabens ganz allein des Weges kam. „Nein, gnädige Gräfin, ich weiß nicht einmal, wo er hingerieth ! Der alte Gaul ist storrig geworden." — „Wir müssen ihn also doch zuletzt noch nach Charen- ton schicken, da er in unserer Gewalt ist."
Fast mit Jugendkraft setzte der Oberst über den Graben und stand in einem Augenblicke vor dem Intendanten; diesem versetzte er das schönste Paar Ohrfeigen, dessen sich eine Prokuratorswange je erfreute, und rief: „siehst Du, daß die alten Gäule auch ausschlagen können!"
Sobald sich der Zorn des Obersten entladen hatte, fühlte er sich nicht mehr stark genug, über den Graben zurückzuspringen. Die Wahrheit hatte sich in ihrer traurigen Blöße gezeigt, die Frage der Gräfin und Dclbccq'S Erwiederung das ganze Gewebe entschleiert. Die liebende Sorge, welche man dem Obersten zeigte, war also nur ein Köder, um Ersteren sicherer zu fangen. Jene verhängnißvollen Worte glichen feinen Gifltrvpfen, die in dem alten Krieger alle physischen und moralischen Schmerzen wieder ausregten. Er kehrte zögernd und gebückt ^urch das Parklhor nach dem Kiosk zurück: also für ihn weder Friede, noch Waffenstillstand! Von nun an mußte mit diesem Weibe der verhaßte Krieg eröffnet werden, von dem Derville sprach, ein Prozeßleben für Chabert beginnen; mit Galle sollte er sich sättigen, jeden Morgen von Neuem den bitteren Kelch leeren! Uno dann — welch quälender Gedanke! — woher das Geld nehmen, das du Unkosten Der ersten Instanzen erheischten? Den Oberst erfaßte ein solcher Lebensüberdruß, daß er sich in's Waffer gestürzt, oder mit einer Pistole das Hirn zerschmettert hätte, wenn nur gleich Gelegenheit da gewesen wäre. Dann sank er wieder in das Schwanken zurück, welches seit Derville's Unterredung bei dem Viehhalter das moralische Sein des Obersten völlig untergrub. Jetzt, am Kiosk angelangt, stieg er in das luftige Cabinet hinauf, dessen Fenster, wie durch einen Rahmen, des Thales reizendste Fernsichten entfalteten.
Hier saß die Gräfin, betrachtete mit ruhiger Haltung Die Landschaft, zeigte jene undurchdringliche Mienen, welche die Frauen anzunehmen wissen, wenn sie auf Alles gefaßt sind. Sie wischte sich die Augen, als wären sie thränenfeucht und spielte zerstreut mit ihrem langflatternden rosa Gürtelbanv, erbebte aber doch, trotz dieser anscheinenden Sicherheit, als sie ihren ehrwürdigen Wohlthäter mit übereinandergekreuzten Armen, bleichem Antlitze, ernster Stirne, vor sich sah.
„Gnädige Frau!" sagte der Oberst, nachdem er sie einen Augenblick scharf in'S Auge gefaßt und ihr ein Errölhen abgedrungen hatte. „Gnädige Frau, ich fluche Ihnen nicht, ich verachte sie! Jetzt danke ich dem Zufalle, Der uns getrennt hat. Nicht einmal Rachedurst regt sich in mir — ich liebe Sie nicht, will nichts von Ihnen. Leben Sie in Ruhe, auf mein Wort! Es gilt mehr, als daö Gekritzel aller Notare von Paris. Ich fordere den Namen nicht zurück, Dem ich vielleicht Ruhm lieh, bin nur ein armer Teufel, Hyacinth geheißen, der nichts weiter begehrt, als das Bischen Tageslicht. Leben Sie wohl . . ."
Die Gräfin warf sich zu den Füßen d-s armen Helden nieder, nahm seine Hände und suchte ihn festzuhalten; er aber stieß sie mit Widerwillen zurück, und sprach: „Rühren Sie mich nicht an."
Die Gebärde Der Gräfin, als Die verhallenden Schritte ihres Gatten zu ihrem Ohre Drangen, läßt sich nicht malen. Mit allem Scharfsinne, Den tiefe Verworfenheit oder grausamer Weltegoismus verleihen, glaubte die Dame nun, auf das Versprechen und Die Verachtung des biedern Kriegers hin, in Frieden leben zu dürfen. Chabert aber verschwand in der That.
Der Herzog von Saint Val feierte die Verlobung seiner Tochter mit dem Vicomte von Harcourt. Eine glänzende Gesellschaft hatte sich auf der Villa des Ersteren versammelt und zerstreute sich nun beim Sonnenuntergänge im Parke. Das glückliche Paar flüchtete auf einen einsamen Sitz, Den dichte Jasmin- und Orangenbüsche umblühten. Die Lust war von süßen Düften schwer. Weither aus den Schatten tönten sanfte Hörnerklänge, wie durch vielfaches Echo, aus allen Richtungen der Anlagen, bald fern, bald näher, beantwortet
Robert sah nur feine Helmine, Die der Abendschein mit rosiger Verklärung übergoß. Sie schmiegte das Haupt an feine Schulter und sagte: „Tönt nicht tief in uns Der heilige Ruf nach einer Schwesterseele, welche Die unsere ergänze und erfülle, nach einem zweiten Ich für das Vereinzelte? Denn ach! jedes Herz ruht einsam und getrennt in seiner Brust und sehnt sich hinaus nach seiner besseren Hälfte. Nicht wahr, Armand? zwei Seelen in eine verschmolzen: Der Himmel! Begegnet man ihr enDlich, Der Ersehnten, o wie fühlt man sich unwi- Derstehlich zu ihr gezogen ! ..." — „Ja, Helmina, hingerissen von Dem Räthsel der Sympathie, weit, weit über alle Vorurtheile der armseligen Welt emporge- tragen zum Gipfel Der Seligkeit, wie sich Der ADler über Wolken emporschwingt, im Fluge starre Eisregionen Durchdringt: um, Der Sonne näher, ihre Gold- strahlen zu trinken, zu segeln im flammenden Gluthmeere."
Hclmine erhob die Augen und verlor sich im lichtblauen Aether. Hesperus stieg glänzend h nter Den Orangenhecken auf: „Siehst Du Dort unfern Stern," lispelte jene, „das geheimnißreiche Sinnbild stiller Liebe? Ich liebe diesen Stern, weil unsere vereinten Blicke so oft seinen Silberstrahlen folgten auf ewiger Bahn." — „Und weißt Du, Engel, was ihn mir so lieb macht? Ihn wählte ich aus dem weiten Sternenhimmel, ihn unter Milliarden; er, Andern gleichgültig, ist mir so treuer, Dem liebenden Herzen gleich, Allen unbewußt, nur von dem Einen gekannt. Leuchte, du unbekannte Welt, leuchte aus deiner Schwestern Reihen auf unser süßrS Band! Helmina, vertraue unserem schönen Sterne jeden Abenv, daß Du wein gedenkst; denn ich lese manche Stunde Der Nacht in feiner flimmernden Scheibe und . . Ein Schuß knallte im Gebüsche. Robert sinkt,
wahrscheinlich von den gereizten Fr unden getroffen: sie hatten ihre Drohung erfüllt! Helmina kniet neben ihm, umschlingt ihn mit ihren Armen. Ihr ZNage- schrei schallt durch den Park. Von allen Seiten stürzen Leute herbei, Der alte Herzog an ihrer Spitze. In wenig Augenblicken hat sich ein großer Theil der Gesellschaft um die Verlobten versammelt. Robert liegt bleich, mit geschlossenen Augen, die Faust auf Der Brust geballt. Blut strömt aus Der Weste. Man reißt die Kleider auf: zum Glücke hat Die Kugel nur Die Brustknochen gestreift. Aller Augen sind auf Die Wunde gerichtet; auch Helmina'ö Blicke voll Angst der Liebe! aber noch Etwas fesselte jene: sie starrt geisterbleich, athemlos nach einem fürchterlichen Punkte. Ein gellender Schrei dringt über ihre Lippen; ohne Regung, wie in Stein verwandelt, Deutete sie mit ausgestrecktem Finger nach der entblößten Schulter ihres Armand's: dort ist das Zeichen Der Galeere eingebrannt, das entsetzliche!
Es war, als erwache Robert beim Klange Der geliebten Stimme; er öffnete Die Augen; schaudernd Übersah er seine Lage. Die bunte Menge ringsum staunte das Gräßliche an. — „Ein entsprungener Galeerensklave!" rief die Gräfin von Ferraud eiskalt und fixirte -ihren Gemahl. „Bindet ihn! Bindet ihn!" scholl es von allen Seiten. Einige Diener drängten sich vor. Ehe sie aber wagten, Hand zu legen an den Verlobten ihrer Herrin, raffte er sich auf mit schnell erwachter Besonnenheit, siel über sie her, wie das Naubthier, das, lange gezähmt, plötzlich zur alten Wildheit erwacht, und war pfeilschnell im Parke verschwunden.
„Nun, das heiße ich Glück, gute Frau Gordout!" sprach Ninette mit glänzenden Blicken. „Das große Loos! Wer batte gedacht, daß die Nummero, die ich dem armen Peter abnahm, bloS aus Mitleid, denn ich spiele ja nie in Der Lotterie . . . Laßt nur gleich Pfaffenkuchen kaufen für die Kinder . . . Und meine Eltern und Brüder! Joseph muß studieren . . . Wäre nur Der gute Oberst noch Da, Der sollte nicht mehr darben!" — Es klopfte. Unwillkürlich fuhr Nina mit dem Zettel in Die Tasche und ward flammenroth, als sie Der- ville eintreten sah. Er war seither öfters wiedergekehrt, unter verschiedenen Vorwänden, und hatte des Mädchens Werth immer höher schätzen gelernt.
Nach Den ersten Begrüßungen fingen die Weiber an, einander in's Ohr zu zischeln. Frau Gordout trat endlich vor und überreichte Dem Anwälte ein Batisttuch „Ninette hat es mit dankbarem Herzen für Sie gestickt; nun will sie es Ihnen aber durchaus nicht überreichen. — In Die Ecke war ein großes G (Gustav) gemacht, aus Blüthen und Ranken geschlungen. Gerührt betrachtete Derville die feine Arbeit und näherte sich dankend dem Mädchen, das sich indessen auf ihren Schemel gesetzt hatte und tief auf die Näherei niederbückte. Frau Gordout setzte sich an das andere Fenster und machte unerhört lange Stiche, weil sie allzuoft hinter der grünen Brille vor nach dem Pärchen schielte.
„Gute Nina," sprach Derville, „Sie haben meinen Namen mit so zierlichen Blumen gestickt — aber noch schöner müßte er sich ausnehmen, wenn er von Ihren Lippen käme Wissen Sie Denn auch,-wie ich heiße? O sagen Sie . Er bog sich zu ihr nieder; sie fuhr verlegen mit Dem Kopfe zurück, schluckte einige Male, tippte Dann mit dem kleinen Finger auf das große G in Dem Bat- tisttuche und lächelte schelmisch „Kind!" rief er, „holdes Kind!" — und das letzte Nestchen Advokatenernst scheiterte — „Kind, Sie haben mir es wahrlich angethan! Aus Den Runzeln meiner Clienten, Den Amtsfalten meiner Gefährten, Den staubigen Acten, Dem funkelnden Weinglase: überall lächelt mir meine Nina entgegen; kurz, feit ich Sie zum Erstenmale sah, folgt mir Ihr Bildchen unablässig , im Wachen, wie im Träumen ..." — „So gebt es mir ja gerade auch, lieber Herr," platzte Nina, die ihm kopfnickend zugehört batte, voll Ent» zücken heraus, erschrack aber vor ihren eigenen Worten und bedeckte Das Gesicht mit Der Schürze. Er zog ihr weiches Händchen an feinen Mund: „Ich hatte es nicht aus, Nina, Da muß Ruhe werden; schon wegen meinen Geschäsden . . . Ja, wäre ich nicht selbst arm ..." — „Wenn es nur Das ist, lieber Herr," sagte sie in froher Hast und zog Den Zettel hervor: „sehen Sie, id> habe in Der Lotterie viel, viel Geld gewonnen, mehr als ich zählen kann. Nun hat's keine Noth mit uns — schlagen Sie ein." «sie hielt ihm Das Pfötchen hin. Er trat einen Schritt zurück und entgegnete: „Wenn ich nicht soeben von Deinem Vater käme, Den ich gefragt habe, ob er Dich mir anvertrauen will, wenn ich so weit hin, eine Frau zu ernähren: müßte ich jetzt verstummen, aber so . . ." Er Drückte den Verlobungskuß auf ihre frischen Lippen. Frau Gordout nahm die Brille ab und faltete Die HänDe.
Helmina saß in ihrem Boudoir. Heute hielt sie feinen blühenden Strauß in der Hand; heute war kein glänzender Tand um sie aufgehä'ust. Das Haupt an die Schulter Der Gräfin von Ferraud gelehnt, Die Helmina's Hand hielt, saß sie bleich da, mit stieren, glanzlosen Augen, mit Den Augen des Wahnsinns! Mit Der Vernunft war auch die Erinnerung jener schauerlichen Minute verloschen, und Der Glaube hatte feste Wurzeln in Helmina's Seele gefaßt, Daß sie mit Armand jetzt allein auf Der Erde lebe! Er, Armand, ist Der unbewegliche, einzige, ewige Gedanke, Der im Flammenkelche ihres Herzens glüht; er, das einzige, letzte Bewußtsein, in Dem sich, wie in einen Brennpunkt, Die reine, liebevolle -Seele zusammenDrängt; er, Der Fixstern, um Den sich ihr ganzes Jdeen- system Dreht!
Der Herzog stand vor seinem Kinde, wandte keinen Blick von ihr und suchte Thränen gewaltsam zurückzuDrängen. Helmina heftete Die lieben, starren Augen auf Den Vater, ein Lächeln, wie ein Traum, flog um Die blassen Lippen. „Armand," sagte sie mit sanfter, wohllautreicher Stimme zu dem Greife, „Armand, weich' Glück, Daß wir allein auf Der Erde geblieben sind, Daß alle Pracht Der Natur nur uns gehört, uns beiden! Hörst Du? uns beiden. Wie hold klingen diese Worte — schließen sie nicht ein ganzes Leben ein, Diese lieben zwei Worte, Die nur Eines bilden sollten? Uns beiden ! O, Der Gedanke ist ganz aus Liebe und Egoismus zusammengesetzt! — Armand gedenkst Du noch Des Tages, wo ich Dich zum Erstenmale sah? Dein Blick hing alsbald an dem meinen, und Da ich die Augen senkte, um sie bald von Neuem zu erheben . . begegnete ich wieder Den Deinen . . . ich erröthete ... nie gekannte Wonne ging in meiner Seele auf . . .
(Fortsetzung folgt.)


