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Feuilleton.
D i e D 0 p p r i e h r.
Frei aus dem Französischen, von Emma v. Nindors.
(Fortsetzung.)
„Aber, Herr, ist die Gräfin Ferraud nicht meine Frau? Sie besitzt dreißig tausend Pfund Einkünfte, mein Eigenthum, und will mir nicht einen Liard geben! Wenn ich das Advocaten sage, Männern mit gesunder Vernunft; wenn ich, ich armer Bettler, gegen einen Graf und eine Gräfin klagen will; wenn ich Gestor- bener mich auflehne gegen Todtenschein, Ehevertrag und Taufscheine; hören mich Ihre AintSbrüver, je nach ihrer Gemüthsart, bald mit der höflichen Kälte an, Vie ihnen zu Gebote steht, wenn sie sich von Unglücklichen befreien wollen, bald grob, wie Leute, die es mit einem Gauner oder Narren zu thun haben. Ich war unter den Todten begraben, nun bin ich es unter den Lebenden, unter Acten, Thatsachen, unter der ganzen Menschengesellschaft, die mich unter die Erde zurückstoßen möchte." —
„Mein Herr, fahren Sie nun gütigst fort," sprach der Anwalt. „Gütigst!" rief der unglückliche Greis und faßte die Hand des jungen Mannes. „Das erste höfliche Wort, das mir wird seit . . . ." — Der Oberst weinte. Dankbarkeit erstickte seine Stimme. Jene tiefvringende Beredsamkeit in Blick und Ge- bährde, im Schweigen selbst, überzeugte Derville vollends, rührte ihn lebhaft. Er sagte zu seinem Clienten: „Sehen Sie, mein Herr, ich gewann heute Abend im Spiele 300 Franken und darf die Hälfte der Summe anwenden, das Glück eines Mensch », zu gründen. Ich werde die nöthigen Schritte thun, Ihnen besagte Acten zu verschaffen; bis zu Ihrer Ankunft zahle ich Ihnen täglich hundert SouS aus. Sind Sie Oberst Chabert, so mögen Sie die Kargheit des kleinen Anlehens einem jungen Menschen zu gute halten, der erst sein Glück in der Welt versuchen muß. — Fahren Sie nun fort." —
Der angebliche Oberst blieb einige Augenblicke wie erstarrt. Ihm war auf des Unglücks äußerster Polhöae jeder Glaube zerronnen. Vielleicht gehorchte er im Streben, KriegSruhm, Vermögen, sich selbst wieder zu erlangen, nur jenem räthselhaften Etwas, dessen Keim jede Menschenbrust birgt; jenem Orange, dem wir Forschungen der Alchymisten, Ruhmliebe, Entdeckungen der Sternkunde und Physik, alles, alles verdanken, was den Menschen treibt, sich aufzuschwingen, sich in Gedanken und Thaten zu vervielfältigen. In Chabert's Innerem war das Ich untergeordnet, gleich wie Befriedigung der Siegeseitelkeit und Gewinnlust dem Wetter mehr gilt, als der Gegenstand der Wette selbst. Wunderähnlich berührten des Anwalts Worte Den Obersten, Den Gattin und Gerechtigkeit, ja die ganze Schöpfung, seit zehn Jahren ausstießcn. Bei einem Advocaten die zehn Goldstücke zu finden, die seit so langer Zeit, durch so viele Menschen, auf so mannichsache Weise verweigert wurden! Der Oberst glich jener Frau, Die fünfzehn lange Jahre am Fieber litt, und als sie genas, nur eine neue Krankheit eingetauscht zu haben wähnte. Es gibt Freuden, an die man nicht mehr glaubt. Wie Der Blitzstrahl treffen und zünden sie. DeS armen Mannes Dank war zu innig, um sich in Worte zu ergießen. Oberflächlichen Menschen hätte er kalt gedünkt, aber Derville las aus dieser Bestürzung ein ganzes Leben voll Rechtlichkeit. Einem Schelme hätte Die Stimme nicht versagt.
— „Wo bin ich geblieben?" — frug der Oberst mit kindlicher oder kriegerischer Naivetät, denn der ächte Soldat hat etwas vom Kinde, das Kind vom Soldaten, zumal in Frankreich. „Bei Stuttgart. Sie verließen das Gefäng- m'ß." — „Sie kennen meine Frau?" — „Ja," entgegnete Derville kopfnickend. „Wie ist sie? — „Immer noch bezaubernd." — Der Greis winkte mit Der vand und schien einen geheimen Schmerz zu unterdrücken, mit aller ernstfeierlichen Ergebung eines Mannes, Der auf Schlachtfeldern die Blut- und Feuertaufe empfing.
„Lieber Herr," sprach er mit einer gewissen Heiterkeit, denn er athmete wieder freier, der arme Oberst; entstieg noch einmal dem Grabe; hatte eine härtere Schneeschichte erweicht, Denn jene, welche einst sein Haupt erstarrte; tief schöpfte er Alhcm, als träte er aus einem Kerker; „lieber Herr, wäre ich ein schmucker Junge gewesen, mich hätte kein Unglück verfolgt. Die Weiber glauben solchen Leuten, welche ihre RcDen mit Dein Wörtlein „Liebe" übertünchen. Da rennen, schwatzen, lügen die Weiber für sechs! schmieden Ränke, verschreiben sich dem Teufel, dem Manne zu lieb, der ihnen zu gefallen weiß. Wie hätte ich meine Frau rühren sollen? Ich hatte ein Leichenbittergesicht, war gekleidet wie ein Sanskülotte, eher einem Eskimo ähnlich, als einem Franzosen; ich, der einst 1799 für Den hübschesten Zierbengel galt; ich, der Reichsgraf Chabert! Nun kurz,
am nämlichen Tage, wo man mich wie einen Hund hinausjagte, stieß ich auf den besagten Quartiermeister. Der Kamerad hieß Boutiu. Der arme Teufel und ich. wir bildeten das schönste Paar Mähren, das ich je sah. Ich bemerkte ihn in Den Anlagen. Obschon ich ihn erkannte, war es ihm doch unmöglich, nur entfernt zu rathen, wer lch sei. Wir gingen zusammen in eine Kneipe. Wie ein zerplatzender Mörser sperrte jener im gewaltigen Gelächter Den Mund weit auf, Da ich mich nannte. Dieses Gelächter, Herr, zählt unter meinen bitter empfindlichen Leiden, wies mir ungeschminkt allen Wechsel, Der über mich ergangen war. Also unkenntlich selbst Dem Auge Des dankergebensten Freundes! Einst hatte ich Boutin's L ben gerettet. Doch war es nur schuldige Heimzahlung: Ich will Ihnen nicht näher auSeinandersetzen, wie er mir den nämlichen Dienst leistete. Der Schauplatz war Italien, Ravenna, das Haus, wo Jener mich vor Erdolchung schützte, nicht das anständigste. Damals war ich nicht Oberst, schlechtweg Reiter, wie Boutin. Zum Glücke waren in die Geschichte nähere Umsiände verflochten, die wir nur allein wissen konnten; als ich ihm diese zurückrief, schwand sein Unglaube. Darauf erzählte ich ihm das seltsame Gewebe meines Schicksale. Obschon, wie er versicherte, Augen und Stimme sonderbar verändert waren, ich weder Haare, noch Zähne und Braunen hatte, unD weiß aussah, wie ein Albino: fand jener endlich, nach tausend glorreich von mir beantworte- ten Fragen, seinen Oberst im Bettler wieder. Da erzählte er mir auch seine Abenteuer — ungewöhnlich wie Die meinen ! Von China's Grenzen kehrte er jetzt roieDer, nachdem er aus Sibirien entwischt war. Von ihm erfuhr ich die Unfälle des russischen Feldzugs und Napoleons erste Thronentsagung. Die Kunde drückte sich mir tief in's wunde Herz! So stießen wir aneinander, wir wunderlichen Trümmer, nachdem wir auf der weiten Erdkugel umhergerollt waren, wie Kiesel im Meer?, die durch Stürme von einem Ufer zum andern geschleudert werden.
Wir beide für unfern Theil hatten nicht mehr und weniger gesehen, als Egypten, Syrien, Spanien, Rußland, Holland, Deutschland, Italien, Brittanien, China, Die Tartarei und Sibirien; nur nach Indien unD Amerika hätten wir noch kommen müssen! Boutin, Der besser zu Fuße war als ich, übernahm zuletzt, so flink als möglich, nach Par-s zu roanDern, um meiner Frau Bericht zu machen. Einen sehr ausführlichen Brief schrieb ich ihr, Den vierten, Herr! Ja, hätte ich Eltern gehabt, Verwandte, Dann wäre es nicht so weit mit mir gekommen; so aber, ich will es nur gestehen, war ich ein Findling, ein Soldat, hatte nur Muth zum Erbtheil, Die ganze Welt zu Angehörigen, Frankreich als Heimath und allein Den lieben Gott zum Beschützer. Nicht doch! ich hatte einen Vater: Den Kaiser! Ja, wenn er noch am Ruder stünDe, Der Ehrenmann, und seinen Chabert, so nannte er mich, so zugerichtet sähe — ob er nicht zornig würde!! Was hilfts? Unsere Sonne ist hinunter — wir frieren nun alle. Indessen konnten noch die politischen Ereignisse das Schweigen meiner Frau entschuldigen. Boutin reiste ab. Der Glückliche! Er hatte zwei prächtig abgerichtete weiße Bären. Die ihn ernährten. Begleiten konnte ich ihn nicht; meine Schmerzen gestatteten mir keine langen Tagmärsche. Ich weinte, lieber Herr, als wir uns trennten, nachdem ich mit ihm unD feinen Bären so lange gezogen war, als ich vermochte." —
„In Karlsruhe," fuhr Der Oberst in feiner Erzählung fort, „hatte ich einen Anfall von Kopffieber, lag sechs Wochen in einem Wirthshause auf Der Streu. Nicht enden würde ich, müßte ich Ihnen alles Ungemach meines Bettlerlebens schildern. Gemüthsleiden, neben welchen Körperschmerzen in Nichts zerfließen, erregen weniger Mitgefühl, weil jene kein Auge steht. So erinnere ich mir, daß ich in Straßburg an einem Palaste Thränen vergoß, wo ich einst ein glänzendes Fest gab unD nun nichts erhielt, nicht einmal einen Bissen Brod! Da ich mit Boutin meine Marschroute verabredet hatte, frug ich auf allen Posten nach Brief und Geld für mich. Ich kam bis nach Paris, ohne etwas erhalten zu haben. Ich nährte mich so zu sagen von Sorgen. Boutin's Tod schien mir gewiß, und wirklich kam der arme Teufel bei Waterloo um, was ich erst später und zufällig erfuhr. Seine Sendung an meine Frau blieb wohl erfolglos. Endlich zog ich, und zwar zu gleicher Zeit mit den Cosaken, in Paris ein. Schmerz über Schmerz für mich! Die Russen in Frankreich! Darüber vergaß ich, Daß ich feinen Schuh am Fuß, fein Gelt) im Sack hatte. Ja, Herr, meine Kleider waren zerfetzt.
(Fortsetzung folgt.)
P 0 L r r i s etz § N $i rr D s d> a M.
Berlin, 28. Mai. Heute Mittag ist der Prof. Dr. Hengstenberg gestorben. — Die „Zukunft" macht sich einmal wieder in ihrer Weise lustig und schreibt: „Den freien Reichsstädtern zu Bremen Droht bei dem Gastfreundschafts-Enthusiasmus, Den sie demnächst zu entfalten gedenken, ein gar unbequemer Störenfried in die Quere zu kommen. Da haben sie in der Nähe des Heerdenthores, inmitten Der Wallanlagen, eine sehr stattliche Ehrenpforte nach otai Muster des Brandenburger Thores erbaut, an ivilcher sich König Wilhelm die üblichen BegrüßungS- reben anhören soll. Aber außer Bürgermeister und Senatoren, welche Dort das Echo probiren wollen, haust da auch in Den Gebüschen kraft norddeutscher Freizügigkeit ein frecher — Kukuk, Dem wohl zu- zulrauen ist, daß er in Der feierlichsten Stille De« feierlichsten Moments plötzlich sich als officiös berufen fühlen und seinen mißliebigen Gruß ertönen lassen möchte. Die Republik wird, wie man hört, um Unheil zu verhüten, ein Freiwilligencorps aufbieten, das mit Schnarren unD Knarren Dem Un- holde zu Leibe geht, das Exerzierreglement Dazu läßt Herr Meier, Der Vertreter Bremens im Reichstage, sich gegenwärtig von Den befreunDeten preußischen
Junkern ausarbeiten, Deren Hofgesinde in Der Kunst, Die Frösche im Schloßteiche währenD Des Nachmittagsschlafes des gnädigen Herrn zu bändigen, schon länger erfahren ist.
Berlin, 28. Mai. Im Reichstage fand heute Die zweite Berathung Des Antrags von Hagen gegen Die Communalsteuerfreihelt des Militärs statt. Hr. von Roon vertheidigt Die Befreiung des Militärs von Communalsteuern. Es sei Dieß ein altes Recht Der preußischen Armee, welche Den größeren Theil Der norDDeutschen Bundesarmee bilde, und nicht rath- sam, weil Dem kleineren Theile Des Heeres dieß Recht fehle, der Gleichmäßigkeit halber Der preußischen Armee ihr altgewohntes Recht wegzunehmen. Der hessische Bundescommiffär Hoffmann conftdtirt Die Meinungsverschiedenheit im BunDesrathe über Die Rechtsbeständigkeit Der Verordnung unD räth ab, Die durch Einführung des preußischen Militärsystems erwachsenen Drückenden Lasten noch zu vergrößern, zumal die Freiheit von Communalsteuern mit der Sicherheit des Staates nichts zu thun habe.
Berlin, 29. Mai. Der Reichstag setzte heute die zwecke Berathung des BranntweinsteuerglsetzeS fort. Der in §. 2 beantragte Steuersatz von 4
Silbcrgroschen wird bei namentlicher Abstimmung mit 202 gegen 15 Stimmen adgrlehnt und somit die Erhöhung der Steuer verworfen.
Berlin, 29. Mai. Der Antrag Hagen, Der die Präsidialverordnung aufgehoben wünschte, welche Den Militärs das Privilegium Der Steuerfreiheit zu- spricht, hat im Reichstag schmählich FiaSco gemacht. Ebenso ist ein hierzu von Forckenbeck und Schwerin gestellter Vermittlungsantrag schonungslos verworfen worden. Der confervativen Fraktion ist eö gelungen, jene Verordnung in intinituin über Wasser zu halten. Wird sie auf legislatorischem Wege früher modifieirk, so wird dieß Den WiDersprüchen zu danken fein, Die sie innerhalb des Bundesraths gefunden hat. Es machte einen ganz eigentümlichen, aber sehr starken Eindruck, als Der Vertreter Hessen-, Hr. Hoffmann, sich erhob, um gewissermaßen Preußen vor versammeltem Parlament anzuklagen. Begreiflicher- weise zündeten auch Hoffmanns Deduktionen nicht, weil sie von einer Mißachtung gegen Die öffentliche Meinung erfüllt waren, zu Der sich nur Der aller- reactionärste Diplomat verstehen kann.
Hannover, 28. Mai. Die InspcctionSreise des Königs ist abermals aufgeschoben worden und


