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Das Testament des Großonkels.

Neuntes Kapitel.

(Fortsetzung)

Ich glaube allerdings," erwiederte Vieser,doch würden Sie mich ver­pflichten, wenn Sie mir vorher genau die Bedingungen mittheilen wollten."

Mit Vergnügen," antwortete Harri.Die Bevingungen lassen sich in wenig Worte zusammenfaffen. Wenn es ein mir durchaus Fremder wäre, so würde ich ihm, wenn er Lust hätte, hier ein Geschäft anzufangen, 5001) Dollar zu Gebote stellen; sollte er dagegen vorziehen an einem anvern Platze ver Union oder gar in Europa sich zu etabliren, so würde ich ihm zum Belauf dieser Summe einen Kredit auf mein Haus eröffnen. Wenn Sie aber Jeman­den im Auge haben, der mir irgendwie näher bekannt ist, oder mir sonst nahe steht, so biete ich ihm eine Stelle auf unserem Comptoir mit anständigem Ge­halt und zehn Procent Antheil an dem Gewinn des Hauses. Welchen Candi- daten haben Sie mir also ausgesucht?"

Ich habe sorgfältig gesucht und geprüft, doch Alle, die ich einiger Maßen Ihres Vertrauens für würvig halten dürste, habe ich zu leicht befunden; aus diesem Grunde habe ich mich denn entschlossen, selbst als Bewerber um Madame de Witt's Hand aufzutreten."

Sie überraschen mich, Jansen," antwortete Harri,soviel Selbstaufopfe­rung hatte ich von Ihnen nicht erwartet, doch Sie hätten mir keinen größeren Dienst leisten können; um Ihnen zu beweisen, wie ich denselben zu würdigen weiß, setze ich Ihren Gehalt jetzt auf 2400 Dollar jährlich, sie behalten die Procura, und haben zehn Procent am Nettogewinn. Sind Sie zufrieden?"

Ich werde es Ihnen dadurch beweisen, daß ich Ihrem Sohn ein Vater sein werde."

Glauben Sie ja nicht, lieber Jansen, daß ich denselben aus den Augen verlieren werde. Heute noch wird meine Mutter, die jeden Augenblick von Sa- ratoga zurückkommen kann, Maria de Witt mit dem Unvermeidlichen bekannt machen. Sie thun daher am Besten, Sie gehen hinüber nach Hoboken und fassen dort irgendwo Posto, wo Sie den Wagen meiner Mutter vorüberkommen sehen können. Dann folgen Sie ihr bis in die Nähe der Wohnung, und wenn Sie sehen, daß sie dieselbe wieder verläßt, so treten Sie ohne Weiteres zu ihr ein, und erobern die Festung mit Sturm. Ich habe sie seit meiner Rückkehr von Europa nur zwei Mal flüchtig des Morgens besucht und sie mit Ver­sprechungen hingehalten. Jetzt sagen Sie ihr, daß ich außer mir sei vor Kum­mer, und daß ich an einem heftigen Fieber darnieder liege, daß meine Krankheit nicht ohne Gefahr sei, daß meine Mutter aber trotzdem felsenfest auf ihrem Willen bestehe, und daß sie mir eine Wohllhat erzeigen werde, wenn Sie Ihre Hand annehme."

Sein Sie nur ruhig und haben Sie Geduld: Sie werden vollständig mit mir zufrieden sein."

Unv Sie mit mir, lieber Jansen; gehen Sie jetzt nach Hoboken hinüber und je eher Ihre Verbindung sein kann, desto besser, unv ich versichere Sie, daß Sie nie Ursache haben sollen, diesen Tag zu bereuen."

Kaum hatte Jansen den Rücken gewandt, als Harri seinem ersten Commis Lincoln klingelte, unv als derselbe vor ihm stand, ihm seine Befehle in Bezug auf vie laufenven Geschäfte ves Tages ertheilte. Sich dann derselben Vor­sichtsmaßregeln bedienenv, wie am vorigen Tage, und außerdem noch einen kleinen sechsläufigen Revolver in die Busentasche steckend, verließ er rasch sein Comptoir, denselben Weg nach der Pearlstrcet einschlagenv, den er am Tage vorher ge­nommen hatte. Anita schien mit dem Erfolge seines gestrigen zweiten Besuches schon zufriedener gewesen zu sein, denn ihr Willkommen äußerte sich dieß Mal auf eine etwas kräftigere Weise, als durch das bloße förmliche:

Buono giorno, Signore!

Harri war mit einem Satze oben und stand vor Tomasio.

Guten Morgen, Tomasio!"

Guten Morgen, Signore!"

Hast Du mir Nichts mitzutheilen, Tomasio?"

Haben Sie mir das Geld nicht mitgebracht, Signore?"

Wie konnte ich wissen, daß Du es so schnell verdienen würdest?"

Hatte ich Ihnen nicht gesagt, daß ich in weniger als 24 Stunden Ihre Wünsche erfüllen würde?"

Also es ist geschehen? Doch," fügte er schnell hinzu,ich will Nichts wissen. Sage mir nur, ob er tobt ist!"

Er ist mausetvdt, und wird Sie nicht mehr belästigen. Wann werde ich mein Geld bekommen?"

In einer Stunde, Tomasio, bin ich wieder hier."

Es scheint, als ob unser Eins mehr Vertrauen zu Ew. Gnaden hat, als Sie zu uns haben. Wer steht mir dafür, daß ich Sie je Wiedersehen werde?"

Tomasio, Du solltest mich besser kennen, mein Freund! In einer Stunde ist das Gelv in Deinen Händen, ich gehe nur es zu holen."

Und Harri verließ das Zimmer, nahm dann unten schnell Abschied von Anita und eilte nach der nächsten Bank, wo er gegen seine Unterschrift 3000 Dollar entnahm, und nachdem er Tomasio befriedigt, rief er die erste beste Miethskutsche herbei und ließ sich die fünfte Avenue hinauf in die Nähe des Hauses seiner Mutter fahren. Dort war noch Alles in Bewegung, denn Mad. Gratman war kurze Zeit vorher von Saratoga zurückgekommen. Harri trat in den Salon, wo er Evelinen allein fand.

Wo ist Mutter?" fragte er.

Ausgefahren," antwortete sie, dann fügte sie nach einer Pause hinzu: Hast Du Nichts über unseren Bruder gehört?"

Gott Lob und Dank, daß ich Nichts über ihn gehört habe!" antwortete er, ich bekümmere mich nicht um ihn, ich Habeleiderdrüben genug über ihn hören müssen."

Und was sagte man von ihm?" fragte Eveline.

Was man von ihm sagte? Was die Wahrheit war! Daß er ein elender Spitzbube und reif für den Galgen ist. Ich habe Mutter Nichts davon erzählt, aber cs ist empörend. Denke Dir nur, daß er in London bei Verschiedenen von unseren Geschäftsfreunden herumgegangcn ist und Geld auf die Unterschrift un­seres Hauses geliehen hat. Ich habe überall diese Anleihen aus meiner eigenen Tasche bezahlt, um nicht die Schanvc zu erleben, den Sohn meiner Mutter im Schuldgefängnisse, oder was noch schlimmer ist, wegen Betrugs eingespcrrt zu

sehen. Ein solches Enve wird es doch wohl noch ein Mal auf die oder andere Weise mit ihm nehmen."

Nach diesen Worten ging Harri auf sein Zimmer, dem Bedienten befehlend, ihm sofort die Evening-Post zu bringen, sowie dieselbe angekommen sei. Wir aber ersuchen unsere Leser, uns nach Hoboken hinüber zu folgen, um der Zu­sammenkunft zwischen Harri's Mutter und Maria de Witt beizuwohnen.

Die Letztere war nicht wenig erstaunt, als sie vor ihrer Cottage unter der Veranda sitzend und mit ihrem Knaben spielend, Mad. Gratman's Equipage vor- sahrcn, unv diese selbst ausstcigen -und auf das Haus zukommen sah. Maria erhob sich, um ihren Gast zu empfangen. Harri's Mutter blieb unter der Ve- ranva stehen, und sie kalt anblickend, sagte sie:

Gehen wir hinein, Madame, ich habe mit Ihnen zu reden und ich denke, wir machen diese Angelegenheiten besser drinnen unter vier Augen ab, als hier an dec Landstraße.

Wollen Sie die Gewogenheit haben, mir zu folgen," antwortete Maria, vorangehend, und Mad. Graiman in einen Salon des Erdgeschosses führend.

Mav. Gratman nahm auf einem^Sessel Platz und auf einen andern deu­tend, sagte sie:Nehmen Sie Platz, sie erwarteten meinen Besuch wohl nicht?"

In Wahrheit, ich wußte nicht, was mir die Ehre dieses Besuches ver­schaffen sollte," erwiederte Maria.

Es ist allerdings betrübend für mich, daß ich diesen Schritt habe thun müssen, aber die Mutterpflicht läßt mich hier alle anderen Rücksichten außer Au­gen setzen, und ich unterziehe mich ihr, wenn auch mit Widerstreben."

Ich wüßte nicht, daß ich Ihnen jemals Etwas zuwider gethan hätte.

Es handelt sich hier nicht um mich, es handelt sich hier um meinen Sohn. Ich wußte bereits seit Jahren, daß Sie mit ihm in einem vertrauten Verhält- nisse lebten, und da ich nie ven Launen und Vergnügungen meines Sohnes ir­gend ein Hinderniß in den Weg zu legen gewohnt gewesen bin, so habe ich auch zu dieser Extravaganz stille geschwiegen, in der Erwartung, daß Sie jedenfalls vernünftig und erwachsen genug sein müßten, um zu wissen, was Sie thäten. So lange mein Sohn ein bloßes Liebesverhällniß zu Ihnen hatte, ging mich das weiter Nichts an, jetzt aber, wo er an eine Heirath denkt, wo er mir eine Schwiegertochter in's Haus bringen will, fangen meine Rechte an, sich gleich­falls geltend zu machen, und ich erkläre Ihnen rund heraus, daß ich nie und nimmer zu einer derartigen Heirath meine Zustimmung geben werde."

So werden wir diese Heirath ohne Ihre Zustimmung schließen," antwor­tete Maria fest und bescheiden.

Sie scheinen ein ungeheures Vertrauen auf Ihres Liebhabers Standhaf­tigkeit zu setzen," erwiederte Mad. Gratman nicht ohne Hohn.Sie glaubten wohl, er könne mich zwingen, zu geben; Sie sind sehr, sehr bedeutend im Jrrthume. Wissen Sie, vaß ich meinem Sohne auf alle seine Bitten und auf alle seine Drohungen stets nur das Eine geantwortet habe, baß ich ihn, wenn er auch nur noch im Entferntesten an eine solche Verbindung denkt, gänzlich verstoße, daß er auch nicht einen Cent von meinem Vermögen zu erwarten hat, vaß er in demselben Augenblicke ein Bettler ist."

So wird er selbst, auch ohne Ihre Hülfe, Fähigkeit und Kraft besitzen, die Mittel zu erwerben, die zum Unterhalt seines Weibes unv seines KinvcS nothwendig sind."

Glauben Sie das nicht," antwortete Harri's Mutter,auch hier werde ich ihm hindernd in den Weg treten, denn ich werde all' meinen Einfluß an« wenden, ich würve kein Mittel unversucht lassen, um ihm jede Quelle etwaigen Erwerbs zu verstopfen, was mir nicht schwer werden dürfte, denn w.ssen Sie, ich habe auch noch einen anderen Sohn, der augenblicklich hier ist."

Wie aber, Madame," fuhr Maria zornig aus,wenn ich die Gesetze gegen Ihren Sohn in Anspruch nähme? Er ist der Vater meines Sohnes."

Thun Sie das, Madame," antwortete Mad. Gratman lächelnd,ich habe Nichts dagegen, daß Sie meinen Sohn heirathen, wenn Sie einen Bettler hei- rathen wollen, der selbst, wenn er wollte, nicht ein Mal gelernt hat zu arbeiten. Verstehen Sie mich also wohl, vaß mein Sohn, so lange er an diese Heirath denkt, nie und nimmer einen Cent besitzen wird, unv vaß Sie vieses Haus, welches mir so ziemlich luxuriös eingerichtet zu sein scheint, sofort mit einer Dachstube werven zu vertauschen haben. Doch jetzt hören Sie auch auf der andern Seite vie Anerbietungen, Vie ich Ihnen mache, wenn Sie mir ven Willen thun wollen, Harri's Bewerbungen abzuweisen, wenn er thöricht genug fein sollte, vieselben zu erneuern. Ich bin bereit, ein Opfer zu bringen, unv Werve, wenn Sie Harri nicht mehr ermuthigen wollen, Ihre Zukunft sicher stellen. Schenken Sie mir Ihre g.mze Aufmerksamkeit. Ich bin gesonnen, Ihnen ganz dieselben Mittel zu Ihrem Unterhalt zukommen zu lassen, vie Harri Ihnen bis­her ausgesetzt hat, so lange Sie sich nämlich nicht verheirathen; sobalv Sic sich aber verheirathen, betrachte ich mich meiner Verpflichtungen Ihnen gegenüber als enthoben. Jetzt also wählen Sie zwischen einer wohl versorgten Zukunft unv dem unvermeidlichen Bettelstab."

Und was sagt Harri dazu?"

Was er dazu sagt, kann Ihnen ganz gleichgültig fein. Ob er mit Ihnen betteln geht, oder ohne Sie, wird an Ihrer Lage nichts ändern. Soviel ist ge­wiß, daß mein Wille unabänderlich fest steht. Ich gebe Ihnen Zeit bis mor­gen früh, und wenn Harri bis dahin nicht vollkommen frei ist, darf er mein Haus nicht wieder betreten. Ueberlegen Sie sich daher die Sache und somit Gott befohlen!"

Harri's Mutter hatte sich erhoben und war im Begriff zu gehen, als Maria ihr nacheilte und ihren Arm mit der einen Hand erfassend, mit der andern auf ihren Knaben deutend, in die Worte ausbrach:

Und was soll aus diesem Knaben werden, Madame, Er ist Ihr Enkel !"

Ich freue mich, daß er Ihnen ähnlich sieht, und nicht ihm, da wird ihn wenigstens Niemand für meinen Enkel halten, antwortete sie stolz und ver­ließ das Zimmer. Das Geräusch ihres davonfahrenden Wagens war längst ver­hallt, Maria war auf einen Sessel niedergesunken und hielt ihren Knaben um- schlungen, der ahnungslos mit seinen großen dunklen Augen zu ihr emporsah, sie hatte für Nichts mehr Gehör noch Gefühl, sie war ganz und gar in ihre Gedanken versunken, und bemerkte es daher durchaus nicht, daß feit einigen Mi­nuten eine dritte Person hereingetreten war, welche sie schweigend betrachtete. Es war Jansen, welcher seine Gegenwart durch Husten und Räuspern bemerkbar zu machen suchte. Als ihm Alles Nichts half, trat er auf sie zu, und sagte mit vernehmlicher Stimme:Guten Tag, Miß de Witt." (Forts, folgt.)