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Gießen. Durch das vom Präsidium des nord­deutschen Bundes kürzlich publicirte Gesetz, betr.: die Aufhebung der polizeilichen Beschränkungen der Eheschließung" sind für die Provinz Oberhessen be­seitigt : 1) Der Art. 2 des hessichen Gesetzes vom 19. Mai 1852, die ortsbürgerliche Niederlassung und Verheirathung eines Mannes wird erfordert, daß er das fünf und zwanzigste Lebensjahr zurückgelegt." Da nun nach dem Gesetz vom 28. Decbr. 1826 die Volljährigkeit schon mit dem zurückgclegten 21. Lebensjahr eintritt, das norddeutsche Bundesgesetz aber verbietet, die Ehefähigkeit über diesen Termin hinauszurücken, so ist, vom 1. Juli an, den Ober­hessen gestattet, schon mit cintreteneer Großjährigkeit, d. h. mit dem vollendeten 21. Jahre, eine Ehe ein­zugehen. 2) Das Gesetz vom 6. Juli 1847, die Beschränkung der Befugniß zur Verehelichung betr., wonach dem Gcmeindcrath das Recht zusteht, gegen die Verehelichung eines Gemeindeangehörigen Wider­spruch einzulegen,wenn dieser Angehörige sich mensch­lichem Ansehen nach außer Stand befindet, eine Familie redlich zu ernähren, weil er weder zur Ausübung einer Kunst oder Wissenschaft, noch zum Betrieb eines Ge- Werkes oder der Landwirthschaft oder eines anderen Erwcrbszweiges befähigt ist, noch ein für den selbst- ständigen Unterhalt einer Familie hinreichendes Ver­mögen besitzt."

Berlin. An Stelle der oberirdischen Telegra- phenleitungen im norddeutschen Bunde sollen unter- irdische treten. Man glaubt dadurch den größten Theil^der jetzt ost den Telegraphenverkehr hemmen­den Störungen zu beseitigen. Die General-Tele- graphen-Direction beabsichtigt zu dem Zwecke beim Bunde eine Anleihe von 2 Millionen Thaler zu beantragen. Als die elcctro-magnetischen Telegra­phen vor circa 20 Jahren eingeführt wurden, hatte man bereits unterirdische Leitungen, welche sich da­mals aber nicht bewährten, und nach wenigen Iah- ren durch oberirdische ersetzt wurden. Die Ersah- rungen, welche seitdem in der Legung von Leitungs­drähten gemacht sind, haben zur Beseitigung der Uebelstände geführt, welche damals zum Aufgeben der unterirdischen Leitungen bewogen.

Berlin. Von den 58 Mitgliedern dersüd­deutschen Fraction" des Zollparlaments haben sich wieder 26 Süd-süddeutsche abgesondert, und eine Er­klärung an ihre Wähler erlassen, worin sie die Kräfte Süvdeutschlanvs sammeln zu wollen erklären, und Süddeutschlanveine vermittelnde Stellung" zwischen den Großmächten einnehmen soll. Das Reccpt zu diesem originellen Mittel zur Einigung Deutschlands haben die Herren vergessen mitzuthcilen.

Berlin, 24. Mai. Am Mittwoch, 27., findet Mittags 12 Uhr eine Sitzung des Reichstags, die erste nach den während der Zollparlaments-Ses- sion stattgehabten Ferien statt; auf der Tagesord- nung derselben steht 1) der vom Abgeordneten Dr. Hüffer erstattete Bericht der Petitions-Commission über die Petition des A. Bernstein wegen Ausrü­stung einer Expedition zur Beobachtung der totalen Sonnenfinstcrniß am 18. August v. I. und 2) der Ge­setzentwurf, betreffend Vie Aufhebung der Schuldhaft.

Kassel, 19. Mai. DieHess. Morgen;." schreibt: Die Betyeliigung an der siebenzehnten deutschen Leh­rerversammlung in hiesiger Stadt ist größer, als erwartet wurde. Bis zum 16. Abends waren mehr als 1500 Anmeldungen dahier eingetroffen.

Hildesheim, 18. Mai. Ein kleiner Anachro­nismus in den Tagen der norddeutschen Paßfreiheit und eine Illustration zur Geschichte der letzteren wird durch einen Vorfall gegeben, der vor Kurzem in unserer Umgegend gespielt hat. Am 5. d. M. wurde ein Pastor, der den Zug versäumt hatte und sich in einem Dorfe nach einer Nachtherberge umsah, von dem Gensv'armen, weil er sich nicht durch Paß ober andere Papiere legitimiren konnte, arretirt, noch in derselben Nacht nach Hildesheim transportirt und in das Gefängniß abgelicfert. Am andern Tage wurde er von einem Amtsgenossen recognoscirt und alsdann entlassen.

München. Der Generalquartiermeisterstab hat den Feldzug der baierischen Armee im Jahre 1866 veröffentlicht. Es wird dem Buche Klarheit und Wahrheit nachgerühmt; willkommen sind auch die Karten ter Gefechte bei Zella und Roßdorf, Hün­feld, Kisstngen, Hammelburg, Helmstadt, Uettingen, Nvfibrunn und Hettstadt.

München, 22. Mai. Um eine Abwechslung in dem Terrain für größere Umgebungen zu erhal­ten, ist, wie man hört, für diesen Herbst die Gegend bei Schweinfurt ausersehen, wo ein Uebungslager öon 1718,000 Manu bezogen werden wird; auch eimge Landwehrabtheilungen sollen auf kurze Zeit

beigezogen werden. Bei dieser Gelegenheit werden auch die neu einzuführenden Schutzzelte und neuen Feldkeffel, wovon 10,000 Stück bereits in Aecord gegeben und in 2 Monaten zu liefern sind, in größe­ren Massen in Gebrauch kommen.

Freiburg, 19. Mai. Wie man erzählt, wäre die von dem Ordinariat nach Ablauf der statuten­mäßigen Frist eingesendete Candidatenliste von der Negierung definitiv abgelehnt.

Wie«. Der österreichische Reichstag hat für den Kaiser und seinen Hof 3,420,000 Gulden be­willigt. Prinz Moritz von Hanau, ein Sohn des Kurfürsten, ist aus dem preußischen Militärdienst ge- schieden. Er war Major und wurde mehrmals im Avancement übergangen. Julie Ebergenpi ist auf 20 Jahre nach Rcudorf gebracht worden. Sie zeigt auch im Gefängniß sehr lebhafte Gefühle für ihre Mitgefangenen. In Arnstein tödtete ein einziger Blitzstrahl 54 Schaafe, die sich vor dem Gewitter unter alte Lindenbäume geflüchtet hatten.

Wien, 24. Mai. Der Finanzausschuß nahm in seiner Schlußsitzung den Generalbericht Skene's an, welcher erklärt, daß das Haus sich nicht für drei Jahre des Steuerbewilligungsrechts begeben könne, und in den Regierungsvorlagen die erwartete Sta­bilität vermißt werde. Der Bericht erkennt ferner die Möglichkeit an, daß die Staatsgläubiger und die Steuerträger zur Beseitigung des Deficits her­anzuziehen feien, deßhalb die Convertirung mit den bekannten Abzügen beantragt und die Regierung zu ungesäumter Vorlage der Vorschläge zur Deckung des verbleibenden Deficitrestes aufgefordert werde.

Turin. Die Eisenbahn über den Mont-Cenis nach dem System Fell ist vollendet und inaugurirt. Das Interessanteste an der Fahrt ist das Nicver- fahren von der 1400 Kilometer über das Meer auf» steigenden Paßhöhe, daß sich in 30 Minuten voll­zieht, und trotz der erstaunlichen Geschwindigkeit die größte Sicherheit in der Bewegung der Berg-Loco- motiven und Züge beweist, die sich so lenksam zei­gen, wie ein wohlgeschultes Pferd.

Rom, 21. Mai. Die päpstliche Regierung hat amerikanischen Bischöfen die Ermächtigung erthcilt, 1000 Freiwillige nach Rom zu senden, unter der Bedingung, daß sie selbst für deren Unterhalt sorgen.

Paris, 21. Mai. DerAbend-Moniteur" er­wähnt in feiner politischen Wochenschau der Verhand­lungen des Zollparlaments, die auf die Tabakssteuer Bezug haben, übergeht jedoch die durch Bamberger's Amendement hervorgerufene Discussion mit Schwei­gen. Wie diePresse" meldet, ist über die Zu­sammenkunft des Kaisers Napoleon mit dem König von Preußen noch nichts festgesetzt. Sollte sie statt­finden, so würde dieß wahrscheinlich in Baden der Fall sein. DerAvenir national" dementirt die Nachricht, daß von fremden Regierungen beim Groß- Herzog von Luxemburg Schritte gethan worden seien, nm diesen aufzufordern, endlich die vertragsmäßige Rasirung der Luxemburger Festungswerke zur Aus­führung zu bringen. Vor einiger Zeit, meldet dieFrance," war der französischen Regierung zur Kunde gekommen, daß in Marocco von Untertanen des Sultans dieses Landes Attentate gegen franzö­sische Juden, die sich dort aufhalten, unternommen worden waren. Eine Fregatte, diePanama," wurde abgesandt, um Genugthuung zu fordern. Jedoch hatte der Sultan, bereits als er Kenntniß von die­sem Entschluß der französischen Regierung erhalten hatte, den Befehl erlassen, den Anführer der Mör­der, Haissa und zwei seiner Mitschuldigen, enthaup­ten zu lassen und die Köpfe der drei Missethäter einzusalzen und ihm so zuzuschicken. Eine Ge- nugthuung dieser Art hätte allerdings Frankreich nicht gefordert.

Paris, 23. Mai. Obwohl die letzte Bismarck'sche Erklärung im Zollparlament von fast allen Blättern im Wortlaut gebracht worcen ist, haben doch wenige ein präcises Urtheil darüber ausgesprochen. Nur das Journ. de Paris" ist sehr ungehalten über den Zwi­schenfall. Es bestreitet Hrn. v. Bismarck alles Recht, überhaupt nur Ein Wort von politischer Bedeutung int Zollparlament zu sprechen. Uebrigens sei vor- auszusehen gewesen, daß das Zollparlament nur zur Entwickelung der deutschen Einheit und zu ihr gün- stigen Manifestationen gebraucht werden sollte.Wenn wir also von der Rede des Hrn. v. Bismarck spre- eben," fügt dasJourn. de Paris" hinzu,so ge« sipieht dieses weniger, um unser Erstaunen und unseren Verdruß darüber an den Tag zu legen, als um Tag für Tag die Geschichte der gänzlichen Uni« fication Deutschlands zu verfolgen." Der Staats- rath hat sich, wie wir vernehmen, mit dem Anträge, daß das Budget der Stadt Paris in Zukunft, wie

das Staatsbudget, von dem gesetzgebenden Körper derathen und votirt werden soll, einverstanden erklärt. Um dem Seinepräfecten diese Pille zu versüßen und gleichzeitig, um demselben einen Platz am Regie­rungstische in der Kammer zu verschossen, soll Ba- ron Haußmann nun doch in den Rang eines Mini- sters der Stadt Paris erhoben werden. So wurde wenigstens heute in Abgeordnetenkreisen versichert. Wie DiePresse" meldet, wird das italienische Kron- prinzenpaar demnächst eine Rundreise an die verwand- ten und befreundeten Höfe von Wien, Prag (Kaiser Ferdinand), Dresden und Berlin antreten. Der Figaro" glaubt aus einer zuverlässigen Quelle ver- sichern zu dürfen, daß das Projcct einer Amnestie ans Anlaß des neuen Preßgesetzes von der Regie- rung keinesweg fallen gelassen sei;im Gegentheil," fügt das Blatt lakonisch hinzu. Es ist freilich nicht abzusehen, wie eine solch! Angelegenheit, wenn sie einmal im Principe entschieden ist,>noch Gegenstand langwieriger Berathungen fein kann.

Paris, 24. Mai. DerConstitutionnel" findet, daß Vie Rede des Königs von Preußen beim Schluß des Zollparlaments von einem Geiste beseelt sei, der sich hoch über die im Parlament zu Tag getretene Engherzigkeit erhebe. Da« officiöse Blatt fügt bei: Diese Rede ist die erste osficielle Kundgebung, welche dem Geist der Prager Verträge vollkommen entspricht. Alle aufrichtigen Friedensfreunde, alle wahrhalt po­litisch denkenden Köpfe, müssen diese Rede billigen."

Paris. 757 Hannoveraner der Welfenlegion in Frankreich haben dem preußischen Gesandten er­klärt, daß sic von der angebotenen Amnestie des Kö­nigs keinen Gebrauch machen wollen. König Georg zahlt ihnen Sold, und sie verbummeln im fremden Lande und schämen sich nicht zu sagen, daß sie nur mit den Franzosen als Befreiern zurückkehren wollen.

London, 23. Mai. Nachrichten aus Melbourne vom 26. April melden: O'Farell gestand vor seiner Hinrichtung am 21. v. M. ein, sein Attentat auf den Herzog von Edinburg ohne Mitschuldige verübt zu haben. Die Besorgniß fenischer Mithülfe sei völlig grundlos. Der Herzog von Edinburg ist auf derGalata," die er selbst commandirt, am 6. #. M. von Sidney abgefahren.

London, 23. Mai. Nach einer Depesche Napier'« befand sich derselbe mit der rückkehrenden Nachhut­brigade in Ashangi, 130 Meilen nordwärts von Magdala. Das 5. und 8. Jnfanterie-Regiment sind nach Bombay eingeschifft. Die Vorräthe der Armee wurden schleunigst nach Zulla rückverladen. Der Gesundheitszustand der Truppen ist vortrefflich. Napier richtete am 30. April einen Tagesbefehl an die Trup­pen, worin er dieselben wegen ihrer Erfolge beglück­wünscht und ihre Ausdauer und Disciplin lobt.

Bergen, 24. Mai. Die deutsche Nordpol-Ex­pedition ist heute Nachmittag 3 Uhr bei außeror­dentlich günstigem Wetter aus hiesigem Hafen aus- gelaufen.

Amerika. Während die Auswanderung nach Amerika in diesem Jahr eine ungeheuere ist, wird aus Newyork berichtet, daß von dort aus eine mas­senhafte Auswanderung nach Californien, China und den Ländern am stillen Meere stattfindet. Die Staatszeitung von Tenesse warnt die deutschen Ein­wanderer vor Verlockungen nach den Südstaaten; sie würden dort von Bielen wie wilde Thiere be­trachtet und demgemäß behandelt werden.

Washington, 16. Mai. (Kabeltelegrämm ausReuter's Office.") Der Senatsgerichtshof ver­weigerte mit 35Ja" gegen 19Nein" Johnson wegen Artikel 11 der Anklage, welcher als erster Artikel zur Abstimmung gestellt war, zu verurtheilen. Art. 11 klagt Johnson an, durch versuchte Verhin­derung Stanton's, das Kriegsamt zu übernehmen und durch Verhinderung der Ausführung der Recon­structionsacte die Macht des Congresses bestritten zu haben. Die Abstimmung über die andere» Arti­kel ist bis zum 26. d. M. vertagt. (Zur Vcrur- theilunz Johnfon'S fehlte also die erforderliche Zwei­drittel-Majorität.)

Aus Herrieden, 19. Mai, schreibt der Witte­rungsbeobachter : Das europäische Luftmeer ist ge­genwärtig in großer Ruhe, so daß, abgesehen von localen Gewitterstürmen, nur am mittelländischen Meere eine stärkere Luftströmung sich vorfindet. Ob­wohl der über Centraleuropa gelagerte Luftberg all- mählig wellenförmig zu sinken beginnt, so Dürfte Doch bei den geringen Luftdruckdifferenzen Europa's heitere« Wetter vorherrschend bleiben, und, wie bisher, nur durch Gewitterregen unterbrochen werden.

Redaetion, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.