Anlage zu Ar. 38 des Kießener Anzeigers.
Fenilleton.
Das Testament des Großonkels.
Erstes Capitel.
(Fortsetzung)
„Ja, mein Kind, das war eine traurige Reise," antwortete die Mutter, „und er war immer noch da, wie mein böser Dämon. Wieder mußte ich nachgcben, und mußte ihn bitten lassen, ja bitten lassen, nach Europa zu gehen. Wie glücklich, wie leicht fühlte ich mich, als ich wußte, daß endlich die „Guten of the West" abgesegelt und er mit unter den Passagieren sei — ich hatte ja jetzt das Weltmeer zwischen uns gelegt, — durfte ich mich nicht freudigen Hoffnungen hingeben ?"
„Und doch warst Du nie ganz glücklich, liebe Mutter."
„Nur wenn ich von ihm hörte," antwortete diese rasch, „habe ich gelitten, denn selbst auf dem europäischen Continent ließ ich ihn nicht außer Augen, ich folgte ihm nach London, Edinburgh, Hamburg, Kopenhagen, Stockholm, PetcrS- bürg, und kein Dampfer von drüben brachte mir je die Nachricht, die ich so sehnlichst erwartete. Statt vessen kommt heute dieser unselige Brief und meldet mir seine Ankunft in London und demnächstige Abreise von da auf hier. Er wird sogar eher hier sein als Harri selbst! Und ich stehe wieder auf demselben Punkte wie vor sechs Jahren!"
„Und was kann er Dir wollen, Mama?" fragte Eveline. „Er wird uns nicht aufsuchen, diese Stadt ist groß und birgt ja so viele Tausende in ihren Mauern, warum sollte er nicht auch hier leben, ohne daß Du darum eine trübe Stunde haben solltest?"
„Das kannst Du nicht begreifen, mein Kind !" erwiederte die Mutter. „Ich kann keine ruhige Stunde haben, so lange ich ihn in diesen Mauern weiß, deß- halb muß Etwas gethan werden, und zwar sogleich; ich muß daher noch heute meinen Advokaten Ranzius sehen, da Veerenborg in Washington ist. Wir werden ihm telegraphiren lassen morgen oder übermorgen herüber zu kommen, damit wir gemeinsam berathen können."
Sie zog die Klingel und befahl einer eintretenden Zofe, ihren Wagen vorfahren zu lassen, und fuhr dann zu Evelinen gewendet fort:
„Ich gehe auf mein Zimmer, um einige Papiere zu ordnen und fahre dann hinunter nach Madison Square, von wo ich vor Abend nicht zurück sein werde, Du magst etwaige Besuche annchmen oder abweisen, denn ich werde heute Abend nicht empfangen."
Nach diesen Worten verließ sie das Zimmer.
Madame Gratman war die einzige von drei Schwestern am Leben gebliebene Tochter eines der wohlhabendsten Kaufleute New-Jorks. Ihr Vater, Mr. Fletcher, hatte während der französischen Continenalsperre den Grund zu seinem Vermögen gelegt, welches unter seinen umsichtigen Händen durch vorsichtige und glückliche Speculationen wuchs und sich verdoppelte. Man kannte und achtete ihn überall als einen Ehrenmann, und sein Name hatte guten Klang an der Börse. Doch es sollte ihm nicht lange beschieden sein mit der Familie hier auf Erden zu leben. Seine jüngste Tochter Meta war von Jugend auf schwächlicher Natur, sie kränkelte dahin, wie eine Eintagsblume, und starb, noch ehe sie das Alter der Jungfräulichkeit erreicht hatte. Seine zweite Tochter Louise schien dasselbe Schicksal theilen zu sollen, doch ein junger Arzt, der, was damals unter Amerikanern nur selten der Fall war, in Europa die Medicin studirt hatte und die reichsten Schätze des Wissens aus der alten Welt mit in sein Vaterland heimgebracht, wurde durch einen Zufall in die Familie des Kaufmanns eingeführt, und ihm gelang es, die schon am Rande des Grabes Schwankende mit kräftiger Hand zu erretten. Es war die verzehrende Schwindsucht, die in der Familie erblich zu sein schien, und welche schon die Jüngste dahingerafft, deren Keim auch der Vater im Busen trug. Bei ihm hatte die Krankheit schon zu große Fortschritte gemacht, und er sah trotz der Bemühungen seines geschickten Arztes sich seinem Ende nahe. Er machte daher bei Zeiten sein Testament, in welchem er seinen Schwager und Associe, Mr. Dryveck, zum Vormund seiner beiden hinterbleibenden Töchter Louise und Ellen einsetzte, mit der Verfügung, daß, so lange Drydeck sich nicht verheirathe, die alte Firma Fletcher und Drydeck fortbestehen, das ganze Vermögen in der Firma verbleiben und der Ertrag des Geschäftes in gleichen Theilen seinem Schwager auf der einen und seiner Hinterbliebenen Wittwe und beicen Töchtern auf der andern Seite zu Gute kommen sollte. Obgleich er alle seine drei Mädchen gewiß mit inniger Vater- liebe liebte, hatte er doch der ältesten, wenn auch nicht stets eine gcwiffe Vorliebe gezeigt, aber doch allen ihren Wünschen, selbst Launen nie das geringste Hinderniß in den Weg gelegt; sie hatte von frühester Jugend an nur zu befehlen, nie zu gehorchen gelernt; sie hatte nie sich einen Wunsch zu versagen brauchen, denn in ihr, in ihr allein sah der Vater mit Sicherheit seine Erbin. Keine Krankheit hatte je sich ihrem Lager zu nahen gewagt, die Rosen ihrer Wangen waren nie erblaßt, sie blühte empor voll und üppig wie eine Rose, das Bild der strahlendsten, immerwährenden Gesundheit. Wenn der Vater Eine seiner Töchter vorzugsweise liebte, so war sie es. — ob sie ibm, wenn er gelebt, diese Liebe vergolten haben würde, wagen wir nicht zu behaupten. Der alte Fletcher hatte zwischen dieser, seiner Lieblingstochter, und seinem jungen Arzte, John Gratman, dem er von Herzen zugethan war, eine entstehende Neigung zu bemerken geglaubt, und glaubte deßhalb dem Wunsche Ellens zuvorzukommen, wenn er Beide durch das Band der Ehe verbände. Es war der Wunsch des Vaters, Ellen willigte ein, den geistreichen, wissenschaftlich tief gebildeten Mann den Ihrigen zu nennen und Gratman, der gewiß mehr den Studien als der Liebe gelebt, vielleicht geblendet durch die reiche Partie, denn er war nur der Sohn eines unbemittelten Geistlichen, war schnell bereit, die Wünsche seines leidenden Patienten und bejahrten Freundes zu erfüllen. So wurden Ellen und John Gratman ein Paar unv bald nach ihrer Hochzeit raffte der Tod den alten Fletcher dahin, nachdem er seinen Lieblingswunsch hatte in Erfüllung gehen sehen. Zu jener Zeit war die Wohnung der Firma unten in der Greenwichstreet und Herr Gratman bewohnte mit seiner jungen Frau ein Haus am Broadway, wo heute das russische Konsulat ist.
Kehren wir jetzt zu Madame Gratman zurück.
Auf ihrem Zimmer angekommen, welches sie sofort hinter sich verschloß, näherte sie sich einem Mahagonysckretär, der, als sie ihn geöffnet, in seinem Innern eine zweite Klappe sichtbar werden ließ, die jedoch ganz von Eisen war. Auch diese wurde geöffnet und legte sich über die Erstere; dann erst zeigten sich verschiedene Laden und Fächer. Eine der ersteren öffnete sich auf den Druck einer Feder und zeigte verschiedene Rollen alter vergilbter Papiere, aus denen Madame Gratman eine hervornahm und sorgfältig entfaltete.
„Das also nennt man ein Testament," begann sie, „ein Stück beschriebenes Papier, — das soviel Geltung, — nein, mehr Geltung haben soll, als der Wille eines lebenden Menschen! Als ob die Menschen, wenn sie todt, wenn sic Nichts mehr sind, als Staub, Nichts, auch noch einen Willen haben könnten! Solche Wische waren gut genug in alten Zeiten, doch sie passen nicht mehr für uns, wir können ihrer entbehren. — Wie oft hat es mich nicht schon getrieben, diesen letzten Willen des Alten zu Asche zu verbrennen, und doch habe ich es nicht gewagt. Zwei Mal hat er mir gedroht, er sei int Besitz der Papiere seines Vaters! Ich kann es nicht glauben, daß sein Vater Papiere hinterlassen, — und doch, wenn es wahr wäre, so wäre dieses Testament das einzige Mittel, mir jene Papiere zu erkaufen. Wenn er sie hat, so hat dieselben bis jetzt noch Niemand gesehen und seinen bloßen Worten glaubt man nicht, denn mein Wort gilt mehr, doch wenn er wirklich diese Papiere hätte, so würde er dieselben schon als Expressungsmittel gegen mich benutzt haben; — er wäre wenigstens ein Thor, wenn er es nicht gethan, deßhalb kann ich nicht glauben, daß er sie hat; — und doch, wenn er sie hätte, sie wären eine gefährliche Waffe in seinen Händen, denn leider, die Macht der nichtswürdigen Presse ist heutzutage groß. O, wie hasse, wie verabscheue ich ihn! die Hälfte meines Vermögens würde ich für die Nachricht geben, der Dampfer, mit dem er herüberkomme, sei in Die Luft geflogen, — nur ihm nicht, ihm nie einen Dollar! — Bis zum heutigen Tage habe ich das Geheimniß allein mit Veerenborg getheilt, kein Anderer, nicht ein Mal mein Harri, kennt dieß Geheimniß, denn man kann Niemanden trauen, selbst er könnte mich verrathen, denn jedes Kind hofft auf den Tod seiner Eltern, um zum Besitz zu gelangen, und ich will noch lange leben, noch recht lange leben. Doch heute werde ich von diesem Documente Gebrauch machen, wenn auch nicht vom Originale, sondern von meiner eigenen Abschrift. Außerdem rede ich ja heute mit Ranzius allein, er war von jeher ein zu großer Tropf, als daß ich ihn hätte zu etwas Anderem, als zu einem Commentar gebrauchen können."
Sie legte das Original des Testamentes wieder in die Schublade, und nahm statt dessen eine von ihrer eigenen Hand geschriebene Copie, welche sie in die Tasche ihres Kleides steckte. Dann, nachdem sie Alles wieder sorgfältig verschlossen, legte sie eine Mantille um, nahm Hut, Handschuhe und Sonnenschirm und verließ das Zimmer, um sich zu dem vor dem Hause ihrer wartenden Wagen zu begeben, der, sobald sie eingestiegen, rasch mit ihr davonfuhr.
Mittlerweile war es Abends sieben Uhr geworden, und wenn auch, da es Sommer, die Sonne noch nicht untergegangen war, so warfen doch schon die Häuser lange Schatten und ließen auf eine baldige Dämmerung schließen. Den Doppelsaal im Erdgeschoß öffnete im Hintergründe eine große GlaSthüre, die in einen zwar kleinen aber schattigen Garten führte, der mit den schönsten Blumen unv exotischen Gewächsen angefüllt war. In demselben befand sich ein nach allen Seiten hin offener Kiosk, von Jasmin, Kaprifolien und Chyrrhamin umschlängelt, Evelinens Lieblingsplätzchen, ■— hierhin hatte sie sich, nachdem sich die Mutter entfernt, zurückgezogen. Sie hatte ja so Manches nachzudenken über das, was ihr die Mutter gesagt, denn sie war die Einzige, die der Mutter von fünfen geblieben. Der älteste Sohn war todtgkboren, Bruder John war lange, lange fort, fern von New-Iork, wollte doch die Mutter seinen Namen nicht hören, Schwester Ellen war verheirathct, und Bruder Harri war seit zwei Jahren in London, — so war sie allein bei der Mutter zurückgeblieben, und hielt es für ihre Pflicht, ihre Sorgen nicht blos getreulich zu theilen, sondern sic wo möglich ganz auf sich zu nehmen. Sie war so in Träumereien versunken, daß sie nicht ein Mal das Kommen ihrer Zofe hörte, und diese sie drei Mal mit den Worten anreden mußte:
Miß Eveline, befehlen Sie, daß Der Thee servirt werDe?"
„Ich nehme heute keinen Thee, Annie," anwortete Die Gefragte, „Mama ist ausgefahren; unD wenn Besuch kommen sollte, sage ihnen, ich sei gleichfalls spazieren."
„Soll ich Das Allen sagen, Miß Eveline?"
„Gewiß; ich wünsebe heute allein unD ungestört zu sein."
„Ich meinte nur," fügte Die Zofe hinzu, „weil ich Mr. Perry vorhin Vorbeigehen sah, Daß Der vielleicht ausgenommen sein Dürfte!" unD nach diesen Worten wollte sie gehen.
„Eveline erröthete leicht, doch schnell sich fassend antwortete sie:
„Ganz recht, Annie, ich dachte nicht, daß Mr. Perry kommen könnte, doch Wenn er kommen sollte, so laß ihn hiehcr zu mir in den Garten kommen, mit ihm kann man schon eine Ausnahme machen."
„Das wußte ich im Voraus," murmelte Annie für sich, „Denn wenn er heute AbenD nicht gekommen wäre, so wäre das die erste Ausnahme gewesen.
(Fortsetzung folgt.)
Miscelle.
Ein sächsischer Landmann kam mit seiner Frau nach Berlin. Als er unter den Linden bei Moser vorüberkam, sah er in einem Stereoskop eme Venus. Uc rief seine Frau und sagte zu ihr: „Siehste, Frau, so scm de Berltner: mscht nich haben sc anzuziehen; aber photographiren lassen se sich Doch -
Frage.
Durch Zahlen lassen sich enorme Summen ausdrücken, aber welche Zahl ist wohl die umfassendste?


