Aeilage zu Ar. 87 des Kreiener Anzeigers.
Feuilleton.
Die Verschwörer von 1799.
Roman von de Saint-Felix.
(Fortsetzung)
— Herr de Vitry ist, antwortete Helene, als er hierhcrkam, sich gewiß bewußt gewesen, daß es vieler Vorsicht bedürfe. Mein Vater befindet sich in einem Zustande beklagenswerther Schwäche — die Gegenwart des Herrn de Vitry würde ihm sehr schädlich sem--
— Ich we ß es, mein Fräulein, sagte Reymond seufzend. Ich erfuhr in Tours, aber indirekter Weise und ohne daß ich ein Interesse daran zu nehmen schien, den schrecklichen Zustand des Herrn von Rencey.
Helene schlug die Äugen nieder, und Reymond sah eine Thräne am Rande der schwarzen Wimpern des ernsten jungen Mädchens glänzen.
— Verzeihung! fuhr er fort. Ich komme nach Rencey, um Ihnen meine Dienste oder vielmehr die Huldigung einer Hingebung anzubielen, die schon sehr alt ist und nur nut meinem Leben erlöschen wird.
— Ich danke Ihnen, mein Herr, sagte die stolze Jungfrau. Gott hat uns nicht verlassen, und wir hoffen, daß man uns hier im Lande hinlänglich achtet, um uns auf keine Weise Kummer zu bereiten. W r haben schreckliche Zeilen erlebt — durch eine besondere Gnade der Vorsehung sind wir von keinem zu empfindlichen Unglück betroffen worden.
Der Hauptmann begriff mit einer unbeschreiblichen Herzensbeklemmung, daß es Fräulein de Rencey widerstände, einen Mann, der unter den Fahnen der Republik diente, zum Beschützer anzunehmen. Seine ganze Vergangenheit, jenes glänzende, freundliche Traumbild, trat ihm in diesem Augenslicke vor die Seele; Schmerz, Reue, beleidigter Stolz und vor Allem die leidenschaftliche Liebe, die ihn von jeher für Helene erfüllt hatte, alle diese brennenden und unbeschreiblichen Gefühle erschütterten seine Seele. Er hatte Mühe, den Slurm, der in ihm tobte, zu beschwören.
Helene war einige Schritte in einer Allee vorgcgangen.
Reymond folgte ihr, aber in einiger Entfernung. Marguerite, die sich auf eine Bank vor der Fasanerie gesetzt hatte, blickte verwundert auf Vie beiden jungen Leute, die in der Allee auf- und abgingen und so ernst mit einander sich unterhielten.
— Sollten sie sich zum ersten Male sehen? fragte sich das frische Land- mädchen, dessen klarer, sanfter Blick und offenes Gesicht eine lustigere Scene zu erwarten schtenen.
Marguerite hatte gewissermaßen recht. Reymond und Helene sahen sich zum ersten Mal seit dem Jahre 1792 wieder, seil sieben Jahren, seitdem eine Revolution sonder Gleichen das Antlitz von Frankreich verändert hatte; seitdem blutige Mißgeschicke ihre Familien in Trauer versetzt hatten; kurz, seitdem der Graf de Vitry, Page der Königin Marie Antoinette im Jahre 1788, Offizier des Königs am Ende jenes denkwürdigen Jahecs und Emigrant im Jahre 1792 — seitdem dieser unglückliche Edelmann, mit seiner ganzen Vergangenheit brechend, das Territorium der Republik wieder betreten und sich mit Leib und Seele unter die Fahne der Freiheit gestellt hatte, um seinen Theil an Ruhm und Gefahren mit den französischen Heeren zu erkämpfen.
Ja, Marguerite hatte recht: Helene und Reymond, die beiden von der Königin geliebten, durch sieben Jahre von einander getrennten Kinver, Raymond und Helene, von Venen ver Eine bas Alter von scchsunvzwanzig, die Andere von vreiunvzwanzig Jahren inmitten so vieler stürmischen Tage erreicht hatte, fanven sich gegenseitig so gänzlich veränvert, daß sie sich in Wahrheit zum ersten Male sahen.
Indessen wurde, nachdem sie fast schweigend einige Minuten lang ihren Spaziergang fortgesetzt hatten, der Hauptmann, dessen Kopf zu brennen anfing — kenn Fräulein ve Rencey war für ihn das Höchste in der Welt — plötzlich belebt, als wenn ei» Lichtstrahl in die Nacht feiner Seele gefallen wäre.
— Mein Fräulein, rief er aus, cs ist mir unmöglich, länger der Qual zu widerst hcn, Vie man mir anthut. Ach, es würde besser gewesen fein, mich nicht zu empfangen ... Ja, ich würve abgereist, ich wü,Ve nach Egypten zu- rückgekehrt fein, mich wieder zu dem Heerk begeben haben und bei der ersten Affairc mich, mit dem Säbel in der Faust, in einen Haufen von Türken oder Arabern gestürmt haben; man hätte mich nievergesäbelt oder mir den Kopf zerschmettert ; ick wäre mit dem Eisen in der Hand nach einer schönen Waffenthat
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gefallen und mein Name würde von einem großen Manne am Tage nach der Schlacht und einst von der Geschichte lobend genannt worden sein.
R.ymondS flammender Blick, ver Ton seiner seltsam vibrirenden Stimme, machten Fräulein de Rencey erbeben. Sie blieb plötzlich stehen und schien fast versucht, ängstlich zurückzuwcichen.
In diesem Augenblicke ließ sich ein Wiehern von jenseits der Ringmauer hören.
— Ach ja! fuhr der Hauptmann mit einem unbeschreiblichen Lächeln fort. Ja, ich verstehe. Es ist ein Freund, der meine Stimme hört und mir antwortet, der mich zu sich ruft . . . Es ist mein braver Gefährte — mein Roß, mein einziger Freund in tiefer Welt!
Helene wendete das Haupt ab und brachte ihr Tuch an die Augen. Der Hauptmann näherte sich rasch, verbeugte sich und sagte, ihre Hand ergreifend:
Helene, Sie hassen ihn also nicht, den armen Soldaten, der seit sieben Jahren durch Vie Gefahren aller Schlachtfelder hindurch nicht aufgehört hat, Sie auzubeten. Da, fuhr er fort, ein Medaillon aus seinem Busen ziehend, erkennen Sie das?
Fräulein de Rencey stieß einen Schrei aus. Sie hatte das Miniatur Por- trait erkannt. Es war das ihrige, in einem Alter von sechszehn Jahren. Die Königin hatte das Portrait Fräulein de Rencey's haben wollen, die in früher Jugend ihrer Person beigegeben worden war und die sie zärtlich liebte. Alt Marie Antoinette erfuhr, daß Reymond de Vitry um ihrer Sache willen sein Vaterland verließ, hatte sie ihm, da sie seine Neigung für Helene kannte, das reizende, auf Email ausgeführte Gemälde alt ein Andenken der Dankbarkeit, als ein letztes Lebewohl zustellen lassen.
— Ja, fuhr Reymond fort, dies Portrait hat mich niemals verlassen. Immer und überall, im Bivouacq wie im Feuer, hat es da geruht, dies edle, mir von königlicher Hand gespendete Bild; da — schaudern Sie! — auf diesem republikanischen Herzen.
Der Araber wieherte zum zweiten Male.
— Mein Fräulein, nahm Reymond mit echt militärischer Lebhaftigkeit wieder das Wort, fragen Sie jenen tapferen Gefährten, wie oft ich ihm in unserer stillen Einsamkeit Ihren angebetenen Namen zugerufen habe!
Marguerite, die noch immer auf der Bank vor der Fasanerie saß, begriff nichts von der sonderbaren Scene, die vor ihren Augen spielte und die plötzlich einen so belebten Charakter annahm.
— Mein Herr, sagte Helene mit gerührter Stimme, Sie beschuldigen mich der Strenge; — der Undankbarkeit sollen Sie mich wenigstens nickt anklag-n. Ich weiß Alles, was S'.e für Henry, meinen unglücklichen Bruder, gethan haben, ter ohne Sie auf dem Schlachtfelve, jedes Trostes beraubt, gestorben fein würde.
— Mein Fräulein, versetzte Reymond, lassen wir dies schmerzliche Ereigniß ruhen! Würbe Henry mir nicht zur Hülfe gekommen fein, wie ich ihm es that? Ach, ihn zu retten vermochte ich nicht! — Ich brachte ihn von dem Schlachtfelde in's Hauptquartier, wo ihm mindestens weder die Bemühungen der Aerzic, noch die segensreichen HülfSmittel der Religion gefehlt haben. Der Name Henry de Rencey's wird in glorreichem Andenken unter seinen Waffengefährten bleiben. Er schlug sich wie ein Held und starb wie ein Christ? ,
Helene war in großer Versuchung, dem Hauptmann die Hand zu reichen. Beiden standen die Thräncn in den Augen.
Hier müssen wir uns beeilen, in kurzen Worten eine Erklärung einzu- schalten.
Wenn im Jahre 1792 Reymond sich mit den emigrirten Prinzen vereinigt hatte, war e« seine aufrichtige und ehrliche Meinung gewesen, daß seine Pflicht als Edelmann und Offizier ihm gebiete, der Fahne zu folgen, der er Treue ge- schworen. Der König und die Königin waren gefangen; Reymond wußte nicht« Besseres zu thun, als sich jenen braven Dienern des Königthums anzufchließen, die, thörichtcrweife vielleicht, aber von einem schwärmerischen Gefühl der Ehre geleitet, ihrem Souverain das Opfer ihres Lebens schuldig zu fein glaubten. Reymond war, zur großen Freude seines Vaters, des alten Grafen de Vitry, nach Deutschland gereist, und da er um ein Dienstjahr seinem Freunde Henry de Rencey voraus war, hatte er sich diesem innig angeschlossen; war er koch der Bruder seiner Geliebten, Helenens Brucer, die damals kaum sechszehn Jahre zählte, aber schon von einer Schönheit war, die nur ihres Gleichen in der Reinheit ihrer Seele fand! ifftortf. folgt.)
W tt n - s ch a u.
DerlM, 21. Juli. Der „Staatsanzeigec" enthält eine Bekanntmachung des Präsidenten des Bundeskanzleramtes, Delbrück, wonach bis gestern Nach- mittag die Zeichnungen auf die Bunkesfchatzanwei- fungen 5,628,000 Thaler betrugen, so daß eine Revucton nöthig fein wird.
Berlin, 21. Juli. Die Nachrichten über das Befinden de« Grafen Bismarck lauten sehr günstig. Die Genesung deS Grasen macht die entschiedensten Fortschritte und der Graf.soll überhaupt sehr frisch und munter fein. —- Die Nachrichten aus Ems melden, daß der König regelmäßig die Jmm-diat- Vvrträge entgegen nehme von Seiten der Chefs des Civil- und Militär-Cabinet«, sowie des wirklichen Geheimen LegationSraths Abeken in Angelegenheiten der auswärtigen Politik. Auch ertheitt Sc. Maj. wiederholt Audienzen. Den verschiedenen Einladungen hingegen, bald diesen, bald jenen Ort mit seinem Besuche zu beehren, dür-te der König zu vollführen wohl nicht in der Lage fein, und zwar mit Rücksicht auf die dadurch bedingt werdende Unterbrechung der Kur.
Stuttgart. Nach französischen Berichten, wel- dien bisher noch nickt widersprochen ist, setzt die würtemberg-baierische Uebewnfunft über die Verhältnisse der Festung Ulm fest: daß in Kriegszeiten dem Gouverneur Ulm*« 600,000 fl. zur Verfügung gestellt werken, um die Festung auf Kriegsfuß zu fetzen. Jeder Staat liefere alsdann die Hälfte dieses Betrags. In Friedenszeiten wird die Garnison 5000 Mann betragen, von denen Baiern 2000 Mann stellt (3 Bata llone Infanterie, 4 Batterien Fußartillerie und 1 Compagnie Pioniere), und Wür- icmberg 3000 Mann (6 Bataillone Infanterie, 4 Batterien Artillerie, 1 Compagnie Pioniere und 1 Schwadron Cavallcrie mit 100 Pferden). In Kriegs- zeitin betrüge die Garnison 10,000 Mann, von denen Baiern 4000 Mann Infanterie, 800 Artilleristen und 180 Pioni re, Württemberg dagegen 4000 Jluanteristen, 700 Artilleristen, 180 Pioniere und 150 Kavalleristen stellte. Die Truppen beiter Staaten bleiben kantonirt auf ken resp. Territorien b-iver Länder, obgl ich die Festung selbst ole g me'nfam betrachtet wird. Der Vertrag ist aus 5 Jahre gültig.
Oesterreich. Einer Deputation des Vorstandes ver freien christlichen Gemeinde in Wien um Genehmigung zur Abhaltung de« Privatgottesdien- sie« hat der Cultusmin ster erklärt, daß Verselbcn nach dem Gesetz ein Hinderniß nicht im Wege stehe. Es ist dich eine thatsächlichc Antwort auf die päpstliche Allocution und ein Protest, der die Bischöfe schwerer trifft, al« die Proteste in Worten.
Paris, 20. Juli. Zu den von dem „Nord" mitgctheilten Aeußerungen de« Kaiser« Napoleon über Vie Attentate bemerkt Rochefort: „Da«, find vortreffliche und prächtig ausgesprochene Ansichten. Ich theile sogar in dieser Hinsicht so vollkommen tu Anschauungen Sr. kaiserl chen Majestät, daß ich mich noch immer frage, w>e sie Männer, welche, wte Hr. v Persigny nach dem Boulogner Putsch, tu Theo- rien des polimchen Meuchelmords vor der Parr«- kammer unumwunden vertraten, mit Ehrenstellen, Kem- ztn, Befo düngen und Landhäusern überhäufen konnte. Auch möchte ich sagen, daß diese Art von Gewalt- thätigkeit nicht immer so unausbleiblich von der Str afe ereilt wird, wie man glauben mochte, da besagter Hr.


