Politische Rundschau
Gießen, 21. Februar. Die ministerielle preußi- sche „Prov. - Korrespondenz" enthält einen Artikel über die h a n n o v e r's ch e Legion; sie erwähnt ihre Ansammlung in Holland zur ßctt, als die Luxemburger Frage eine Verwickelung zwischen Deutschland und Frankreich herbeizuführen drohte, und ihre Uebersiedelnng zuerst nach der Schweiz und dann nach Frankreich. König Georg habe die Werbungen veranstaltet und die Legion, die auch in der Schweiz in fester militärischer Eintheilung verblieb, fort und fort aus seinen Mitteln unterhalten. Weiter sagt das halbosficielle Blatt: „So ungefährlich dies thö- richte Unternehmen ift, so muszte cs doch Befremden erregen, daß eine offenbar gegen Preußen gerüstete Schaar haunover'scher Flüchtlinge ihre Uebersiedclung von der Schweiz nach Frankreich mit Hülfe österreichischer Pässe bewerkstelligt hatte und dasz dieselbe in Frankreich, wie es zuerst hieß, entgegenkommende Aufnahme von Seiten der Behörde fand. Die französische Regierung hat inzwischen ihrerseits Schritte gethan, um einer solchen Auffassung zu begegnen; fte hat die Mannschaften von Den Ofsicieren getrennt und die Schaar von der deutschen Grenze entfernt. Die preußische Regierung hat feinen Grund, den freundlichen Absichten Frankreichs in Bezug auf die weitere Behandlung der Sache zu mißtrauen. Was Oesterreich betrifft, so ist Seitens der dortigen Regierung die Versicherung gegeben worden, daß die Pässe für die Hannoveraner von der österreichischen Polizeibehörde ohne Wissen der österreichischen Wtaats- regicrung erthcilt worden seien, was mit Bezug auf die große Zahl der Pässe (500) und die unser« kennbare politische Bedeutung der Sache jedenfalls höchst auffällig erscheinen muß. Die Erörterung zwischen der preußischen und der österreichischen Regierung über diesen Punkt sind noch im Gange; es läßt sich deßhalb noch nicht bestimmt angeben, ob und inwieweit in dieser Angelegenheit eine Verletzung des Völkerrechts stattgesunden hat. Das aber kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Fortsetzung der Gastfreundschaft für einen Fürsten, welcher preußische Untertanen zu einem kriegerischen Unternehmen gegen Preußen anwerben und ausrüsten läßt, nicht gerade als ein Zeichen einer freundschaftlichen Stellung zu Preußen betrachtet werden kann."
Gießen. Wie aus Berlin gemeldet wird, ist der General v. Beyer, welcher als preußischer Cvm- missär in Baden sungirte, zum badischen Kriegs Minister ernannt worden.
Darmstadt, 21. Februar. Nach Entschließung des Gr. Ministeriums des Innern werden die Wahlen zum Zollparlament in den südlich der Mains gelegenen Gebietstheilen de« Großherzogthums Donnerstag den 19. März l. I. stattstnden.
Darmstadt, 21. Febr. Dem Vernehmen nach wird die zweite Kammer der Stände in den ersten Tagen des kommenden Monats wieder zusammcn- treten.
Darmstadt. Ministerialath Hallwachs und Geh. Rcgierungsrath Neuling sind vor einigen Tagen zu der Berathung über eine neue Militär-Ersatz-Instruction nach Berlin gereist.
Darmstadt. Der Großherzogliche Vorsteher der Stellvertretungs-Anstaltmacht bekannt: Für alle diejenigen in der Staatsversicherungs-Anstalt für Stellvertretung im Militärdienste versicherten Musterungspflichtigen des Jahres 1867, welche zur diesjährigen Truppenerganzung bereits zum Marsche aufgefordert worden sind — oder weiche als Ersatz für Ausbleibende, Untaugliche rc. noch aufgerufen werden — und auf das Recht der Präsentation eines Stellvertreters verzichten, also ihre Militärpflicht selbst ersülleu, kann die Einlage mit 275 fl. von heute ab an die Versicherer zurückbezahlt werden, und es scheiden in Folge dessen dieselben aus der Anstalt ans. Der Rückempfang der 275 fl. ist von dein Versicherer auf Der Nückhetie der Versicherungsurkunde zu bescheinigen und das Geld gegen Abgabe dieser Urkunde bei dem Vorsteher der Stellvertretungs-Anstalt in Empfang zu nehmen. Für diejenigen Versicherten des Musterungsjahres 1867, welche sogenannte Freiloose gezogen haben, aber' bei der diesjährigen Truppenergänzung freiwillig in den Militärdienst eintreten, findet die Rückzahlung der Einlage gleichfalls statt, jedoch haben dieselben ihren bereits erfolgten Diensteintritt durch eine amtliche Bescheinigung des betreffenden Regiments- oder Corps-CommandoS nachzuweisen.
Darmstadt, 23. Febr. Die „Rordd. Allg. Ztg." meldet: Auf Grund der mit fccr großhcrzog- Uch hessischen Regierung abgeschlossenen Militär-Eon- vention, beziehungsweise des §. 17 des Bundesge setzes, betreffend die Verpflichtung zum Kriegsdienste vom 9. November 1867, hat das königl. preußische Kriegsministerium Folgendes bestimmt: „Die Land- wehrbezirks-Commando'S haben alle Mannschaften des Beurlaubtenstandes, welche sich im Großherzogthum Hessen aufhalten, oder dahin noch verziehen, den
betreffenden großherzoglich hessischen Landwehr °Be° zirkS-Commando's zu überweisen und ersteren aufzugeben sich bei den letzteren zu melden. Ebenso sind großherzoglich hessische Mannschaften des Benilaub- tenstandes, welche ihren Wohnsitz in einem Landwehrbezirk des Norddeutschen Bundes haben, oder in einen solchen verziehen, in die Controlc des letzteren zu übernehmen."
Berlin, 20. Februar. Die Zustimmung der Zollvereins-Regierungen zu den preußischen Conces- flonen in dem Handelsverträge gilt als gesichert, andererseits wird Oesterreichs noch erwartete Zustimmung zu einigen von Preußen verlangten Herabsetzungen keineswegs bezweifelt.
Wien, 20. Febr. Die „Reue Freie Presse" meldet: „Ein Erlaß des Ministers des Innern an die Statthalter Ober-Oesterreichs und Steiermarks macht aufmerksam auf die Agitationen von Geistlichen gegen die Staatsgrundgesetze, beauftragt Die Statt- Halter, den Clerus vor Umtrieben zu warnen und den Bischöfen mitzutheilen, die Regierung wolle den Clcrns bei Der Ausübung des geistlichen Amtes nicht beirren , fordere aber, daß derselbe sich nicht über Staatsgesetze erhaben dünke, widrigenfalls die Friedensstörer den Gesetzen überwiesen werden müßten."
Florenz, 19. Febr. Die „Gazzctta d'Jtalia" bringt ein königliches Dekret, durch welches alle Osficiere der Armee begnadigt werden, die Discipli- it ar strafen unterliegen wegen Theilnahme an den Bewegungen auf dem römischen Gebiet, außerdem sollen alle römischen Officiere auf ihre» Wunsch wieder in den Armeedienst aufgenommen werden, welche aus demselben Motive ihren Austritt aus derselben genommen haben. Die „Opinione" meint, die Nachricht, dasz Lamarmora als Bevollmächtigter nach Wien oder London gehen werde, sei ohne Grund.
Florenz. Wie die „Corr. Havas" aus Nom erfährt, hat General Kanzler in einem Tagsbefehl große Vorsicht bezüglich der Aufnahme von Italienern in die päpstliche Armee ancinpföhlen. Nur jene Italiener, die in ganz besonderer Weise empfohlen werden, sollen zugelassen werden.
Aus Rom schreibt man dem „Monde", daß die päpstliche Regierung ernstlich mit dem Gedanken um« gkht, die Anwerbungen für die Armee einzustellen. Die Stärke für diese Armee beträgt gegenwärtig nicht 25,000 Mann, wie man vielfach behauptet hat, sondern etwas mehr als 18,000. Wenn man die Freiwilligen, welche in einigen Monaten für immer
nun verwunden, und Ida weiß, daß er nur ein Abenteurer war und fein Graf, und daß er gestern mit Hinterlassung von Schulden heimlich von hier durchgebrannt ist."
„Hat er das gethan? Na, das ist ja köstlich!" rief Herr Balder schadenfroh. „Jenun, das ist das gewöhnliche Ende solcher Müßiggänger. Und darum nun also vorhin der wortlose Schreck und die tödtliche Verlegenheit meiner Ehehälfte? Ei, tote mich das freut, daß sie mit ihren noblen Bekanntschaften wieder einmal einen Mißgriff begangen und sich lächerlich gemacht hat! Wollte Gott sie würde endlich dadurch gewitzigt! — Und Du glaubst, daß Ida nun turirt ist?"
„Gewiß, Onkel; sie denkt nicht mehr au ihn, außer etwa mit Schmerz und Beschämung," sagte der Buchhalter. „Ida ist ein gutes Kind, nur »crbilDct und irre geleitet; lassen Sie ihr den Willen und gönnen Sie ihr einige Wochen ruhiger Sammlung unter den Augen ihrer mütterlichen Freundin, und diese Her- zenswunde wird leicht vernarben!"
„Sie soll ihren Willen haben — Amalie wird sie wieder auf den richtigen Weg bringen," murmelte der Commerzicnrath; „und in diesen kritischen Zeiten ist sie wohl besser außer dem Hanse," setzte er halblaut hinzu. —
„Henriette, Du mußst mit dem fatalen Menschen sprechen, mit dem Rudolph!" rief die Commerzieuräthin ihrer Tochter leidenschaftlich entgegen, als diese hinaufkam. „Der Abscheuliche weiß mehr als er sagen will; wie könnte er sonst behaupten, Ida sei in Erlau? Er hat es darauf angelegt, dem Papa Alles zu verrathen — ich sah in feinem kalten Auge eine heimliche Schadenfreude blitzen!"
„Das war wohl ein Jrrthum, Mama," entgegnete Henriette; „mir war, als wollt' er eher verschweigen, daß etwas vorgefallen sei, was das Licht scheue — ein Unglück, ein ... ein Verbrechen! Gerechter Gott, ich bin ganz außer mir vor Angst! Wie konntest Du auch zugeben, Mama . . .
„O mein Kind, erspare mir die Vorwürfe! ist's nicht genug an der Selbst- gual meiner eigenen, die mir beinahe das Herz zerreißen? Geh hinunter zu ihm, nimm ihn beiseite und gib ihm die besten Worte, um Alles zu erfahren, denn ich bin außer Stande mit ihm zu reden!" „
Henriette stieg wieder hinunter, obschon sie Mühe hatte, gefaßt zu bleiben, und gab, als sie drunten durch das Frühstückszimmer ging, Dem Buchhalter einen Wink ihr zu folgen. Im Gartcnsalvn trafen sie zusammen, und auf Heniicttui v tonlos angstvolle Frage: „Was ist aus Ida geworden?" erzählte er ihr Alles, was sich und wie es sich zugetragen. Henriette athmete leichter auf und ihr H-.rz ward von aufrichtigem Danke gegen Den Vetter geschwellt, Den dieser jedoch ablehnte.
„Glauben Sie meiner Betheuerung, Vetter Rudolph," sagte sie, „daß^ich nichts von dieser Entführung wußte und sie nie gebilligt haben würde. 7lch hätte diesen Plan eher dem Vater verrathen als ihn geschehen lassen."
„Ich glaube es Ihnen, Cousine; was mußte auch der Vetter von 3fynen denken, wenn Sie sich einer solchen Handlungsweise, einer solchen . . . Thorhett schuldig machten?" _
„O, ich dachte dabei nicht an Robert," entgegnete Henriette lebhaft; „tch dachte nicht einmal an die Ehre unserer Familie und an den Ruf Jda's, sondern
mir schwebte nur die Versündigung gegen den Vater vor der Seele, und das Unglück, das lebenswiertge Elend meiner armen Ida, Denn was kann Daraus Gutes erfolgen, wenn man alle Rücksichten Der Pietät und alle Mahnungen des Gewissens mit Füßen tritt?"
„Ist dies; Ihr Ernst, Cousine?"
„Zweifeln Sie an meiner Wahrhaftigkeit? und gar in einem solchen Augenblicke ?" fragte sie.
„Nein, Cousine, aber ich freue mich, daß Sie besser sind als ich glaubte, daß Sie doch im Grunde noch mehr Gefühl haben, als ich Ihnen bei Ihrem Stolze zutraute, und ich freue mich darüber doppelt, um eines Andern willen, der Ihnen gut ist," fügte er mit einem bedeutsamen Blick auf die erglühende Henriette hinzu, welche zu Boden blickte. „Der Vetter ist weich und mild, und könnte keine Frau brauchen, welche anspruchsvoll und herrschsüchtig wäre. Sein einfacher Sinn sucht etwas verwandtes, gleichgestimmtes; und Sie werden ihn nicht täuschen wollen, indem Sie nur jetzt weich und nachgiebig und anspruchs- los sind! Das wäre schlecht und Ihrer unwürdig, Henriette!"
Sie blickte zu ihm auf und dicke Thränen quollen aus ihren Augen; aber ihr Blick war nicht herb und vorwurfsvoll, sondern eher bittend. Sie bot ihm die Linke, während sie die rechte Hand feierlich auf das Herz legte, und sagte mit einem Ton, welcher ans ihrem innersten Herzen quoll: „Rudolph, lieber Vetter, Sie sind ein solch edler, treuer Freund, daß ich Ihnen mein ganzes Vertrauen schenke. Lassen Sie mich schweigen über Dinge, welche zu beurtheilen der Tochter nicht geziemt; aber sein Sie überzeugt, daß der Wunsch, dieses Haus zu verlassen, bei mir theikweise nur aus Dem Wunsche entspringt, zu beweisen, daß ich in einfachere naturwüchsigere Verhältnisse zurückkehren möchte."
„Und warum nicht diese einfacheren Verhältnisse in dieses Haus zurückzu- führen?" fragte der Buchhalter, und drückie Henrietten warm Die Hand.
„Dies hängt nicht von mir ab, Rudolph," sagte sie; „und die Mutter ist so verblendet, daß ich kaum zu hoffen wage, sie werde je sich in diese Reduktion fügen."
„Oft lehrt die Noth uns zwangsweise, was wir nicht selber thun wollten, Cousine. Aber haben Sie guten Muth! In wenigen Tagen^wirD der Vetter wieder hieher zurückkehren, denn es zieht ihn mächtig hicher zu Ihnen, und dann wird alles wohl schnell eine andere Wendung nehmen. Einstweilen aber beruhigen Sie die Tante über Jda's Schicksal und suchen Sie sie auf vernünftigere Ansichten über mich zu bringen , denn ich fühle wohl, Daß sie mich fortan noch bitterer hassen wird als zuvor, weil sie Den Gedanken nicht ertragen kann, daß ich ihren Plan vereitelte, wenn ich auch gleich ihr Kind dadurch rettete."
„O nein, Rudolph, Sie beurtheilen Mama nicht richtig; sie wird Ihnen aufrichtig danken . . . ." , „
„Niemals — cs gibt Menschen, welche niemals Unrecht haben wollen, und die am unversöhnlichsten gegen diejenigen sind, welche ihnen ein Unrecht nachgewiesen haben. Zu diesen Verblendeten gehört auch Ihre unglückliche, vom Glück verwöhnte Mama. Sie wird mir unversöhnlich grollen, aber ich fürchte sie nicht."
(Fortsetzung folgt.)


