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Die Verschwörer von 1799.

Roman von de Saint-Felix.

(Fortsetzung)

Auch wurde unser Offizier in dem Hütet zum Fasanen dem früheren Hgtel Royal wie ein Herr empfangen, der von irgend einem Landsitze in der Umgebung käme, um einige Stunden in der Stadt zu verbringen.

Dir Wirth begrüßte ihn mit gewähltester Höflichkeit. Die Schönheit des Pferdes hatte für den Rang und die gute Erziehung des Reiters gebürgt, auch wenn Reymovd setbst nicht ein Mann gewesen wäre, der auf de» ersten Blick einen vornehmen Eindruck machte.

Zwei vortreffliche Frühstücke, Bürger! sagte der Hauptmann zum Wirth.

Der Herr ist also nicht allein? fragte der biedere Mann.

Was, Henker! dachte Reymonv, Vie Tourraine antwortet mir wie Paris mit Herr! W r sind zwei gute Kameraden, Herr Wirth mein Pferd und ich. Rur essen wir nicht an demselben Tische.

Ich verstehe, sagte der Wirth. Der Herr wünscht, daß sein Pferd auf's Beste versorgt werde. Der Herr wird mit uns zufrieden sein. Reymonv folgte Sultan in den Stall. Er zäumte ihn selbst ab, ließ ihm den Sattel herunternehmen, rieb ihn eigenhändig mit einem Strohwische ab und befahl, ihn mit einer Decke zu umhüllen. Als dies geschehen war, sagte er:

Das Pferd mag eine halbe Stunde lang verschnaufen und nachher eine doppelte Ration Hafer erhalten. Aber man soll mich dann rufen. Es hak eine schlimme Eigenschaft

Welche denn, Herr? fragte der Stallknecht mit einiger Besorgniß.

Ich will Euch das später sagen.

Reymond begab sich in sein Zimmer. Die Fenster gingen auf die chema- | lige Rae Royal, die Hauptstraße der Stadt. Da die Reise von Paris nach | Tours, welche er gemacht hatte, für den Hauptmann nur ein unbedeutender Ritt war, brachte er seine Toilette in wenigen Minuten in Ordnung und trat auf | den Balkon eines Fensters. I

Tours war jederzeit eine aristokratische Stadl. Die Revolution hatte ihr kaum etwas von jenem altmodischen Typus genommen, welcher eine Stadt so gut wie eine Familie oder einen vornehmen Herrn charakterisirt. Die beiden gothischen Thürme der Kathedrale erhoben sich vor den Fenstern des Zimmers, in welchem unser Offizier sich befand; aber die beiden Glockenthürme, welche noch ihren wunderbaren architektonischen Schmuck aufwicfen, hatten ihr harmo­nisches Spiel verloren; ihre Glocken waren noch immer und seit langen Jahren verstummt. Rechnet man diesen traurigen Anblick ab, so hatte Vie Stadt ein reizendes Aussehen. Die schönen Landmävchen aus der Tourraine, welche am frühen Morgen hereingrkommen waren, verkauften in der Hauptstraße die frische­sten Gemüse, vie hellfarbigsten Käse unv Vas schönste Geflügel. In ihren Kör­ben lag eine Menge von Blumen, was dem Markte, gleich einem Strauß auf dem Miever einer schönen Bäuerin, einen festlichen Anstrich verlieh.

O herrliches Frankreich! seufzte Reymonv vor sich hin. Liebliches Land, ewig vasselbe trotz all' deines Unglücks!

Er verlor sich in seinen philosophischen Betrachtungen, als man ihm be­nachrichtigte, daß sein arabisches Roß ungestüm gegen vie Holzplanken des Stalles schlage.

Lieber Himmel, sagte Reymonv, ich kann nicht verlangen, daß es in meine Bewunderung ves Landes einstimmen soll.

Als er im Stall anianzte, fand der Offizier dort eine Gruvpe von fünf oder sechsBürgern", welche mit großen Augen Vas neuangekommene Pfcrv begafften. Der W rth überließ sich inmitten VieserKenner" wissenschaftlichen Erörterungen über die Racenpferde.

Ja, mein Herr, sagte Reymonv, in einer Thatsache stimmen alle Mei­nungen überein: nämlich, daß alle Pferde aus den vier Weltgegenven eine ent» schievene Liebhaberei für den Hafer an den Tag legen.

Ja wohl, bestätigten ernsthaft die ehrlichen Tourrainer.

Auf Ebre! sagte der Offizier, ein Lächeln unter seinem Schnurrbart verbergenv. Bürger Stallknecht, bringe diesem Kinde Arabiens zwei Maaß Hafer! Obschon dieser Hafer auf den Feldern der Tourraine gewachsen ist, wird der schnurrige Gaul doch keine drei Körner in der Krippe lassen.

Die Gruvpe der Tourrainer trat ein wenig bei Seite, um dies Wunder besser betrachten zu können. Als der Hafer gebracht war, ergriff Reymonv den Scheffel unv näherte sich Sultan, der seinen Hals lang ausstreckte wie ein Schwan, dem man Brod vorhält.

Gieb Acht, mein Kamerad, sagte der Offiz-er. Beweise den anwesen- den Bürgern, daß in allen Weltgegenven das Pferv ein haferfressenver Vierfüßler ist, was sich Euer Geschlecht zur Ehre anrechnen darf, da die Natur es mit Mahlzähnen beschenkt hak, statt ihm die Kinnlade mit jenen unedlen Schneide- zähnen zu bewaffnen, welche nur ein Zeichen von Raubgier uns Mordlust sink.

Die Tourrainer sahen einander höchst verblüfft über diese Erörterungen an. Der Offizier schüttelte den Hafer in die Krippe, klätscheltc Sultan unter den Bauch und mischte sich unter die Gruppe, welche den Araber mit einem Anstand fressen sah, auf den ihn selbst die Gier seines Appetites nicht verzichten ließ.

Merkt Euch, sagte der Offizier, daß dies Kind der Wüste von edler Nace ist und daß jedes Pferd von echtem Blute frißt und nicht gierig schlingt. Ein burgunvisches oder normännisches Pferv hätte vie Schnauze in Ven Hafer gesteckt unv ihn wie ein Freßsack verschlungen.

Die Bewunderung der Tourrainer hatte den höchsten Gipfel erreicht. Rey- mvnd glaubte, sie ihrem Kenner-Enthusiasmus überlassen zu dürfen; er verließ sie, indem er ihnen empfahl, sich auf alle Fälle dem Sohn der Wüste nicht all­zusehr zu nähern.

Er schlägt also aus? fragte der Eine, sichtlich erschreckt.

Gewiß, bestätigte der Offizier mit ernstem Gesicht. Ja wohl, Bürger, und er schlägt sogar gewöhnlich mit den Beinen nach hinten aus.

Teufel, riefen Alle wie aus einem Munde und sprangen einige Schritte zurück.

Ach, da« ist wohl die schlimme Eigcuschast, von welcher der Herr vor­hin sprach? bemerkte der Stallknecht.

Ganz richtig, mein Freund, erwiederte der Offizier, auf den Hof tretend. 3ch wollte Euch benachrichtigen, daß mein Pferd, wenn es seinen Hafer frißt,

die üble Gewohnheit hat, den Leuten zu beweisen, daß es vortreffliche Beine unter dem Bauche hat.

Ein merkwürdiges Thier! sagten die Tourrainer, in deren Bewunderung sich ein leichtes Gruseln zu mischen begann.

Die Gruppe der Neugierigen zog sich verständig und höchst erstaunt zurück. Der Hauptmann erwartete im Eßzimmer sein Frühstück, an dem wir nicht theil- nchmen werden, da uns Niemand dazu eingeladen hat. Unser Leser wird uns daher wohl die Ehre erweisen» uns mittlerweile einige Meilen über Tours hinaus zu begleiten.

Am linken Ufer der Loire, drei Meilen stromabwärts von der Hauptstadt der Tvurraine, bildeten dichte Waldungen ein imponirendeS Gehölz, um welches sich Kornfelder und langgestreckte Wiesen hinzogen. Es war ein schöner Land­strich, mit Bauerböfen und Schäferhütten bevölkert, und hier und da von einem Teiche durchschnitten, dessen spiegelhelle Fluth im Sonnenschein blitzte. Nachdem man einen Theil dieses Gehölzes durchwandert hatte, welcher in regelrechte Schläge abgetheilt war, gelangte man an ein Dickicht von Eichen und wilven Kastanien. Eine breite Allee trat plötzlich aus dem Dickicht hervor und führte zu einem ringförmigen Graben, der einen riesigen Hofraum umschloß. Dort nahm ein mit getriebener Arbeit verziertes Gatter vie Aufmerksamkeit des Wanderers in Anspruch. Dies Gatter, sah man, hatte ehemals ein vergoldetes Wappenschild zur Krone gehabt; denn einige Trümmer der abgebrochenen Stützen saßen noch an dem eisernen Karnieß.

Der Hof war sehr groß und von Gebäuden niederer Bauart umgeben, welche in früherer Zeit die Gesindewohnungen, Ställe und Remisen der Burg- vogtei gewesen sein mußten. Zwischen den Ritzen des Steinpflasters wucherte Vas Unkraut. Am hinteren Enve dieses verödeten Hofes erhob sich ein reizende« Schloß, dessen Ausgang mit zwei Freitreppen und dessen erhabene Ziegelstein-Ein. sassungen auf der Fayave an die Zeit Ludwigs XIII. erinnerten.

Dies Gebäude hieß das Schloß von Rencey.

Zu den Freirreppen führte eine breite Vorhalle, welche mit Rauten von ge- wöhnlichem Marmor gepflastert war unv sich in der ganzen Länge des Ervge^ schosses hinzog. In einem großen Saale zur Linken, welcher auf den Park blickte, saß ein alter Mann neben einem geöffneten Fenster, den Ellenbogen auf einen Tisch gestützt, auf dem ein Schachbrett und mehrere große Bucher mit vergolde- tem Schnitt standen. Die Person, von welcher wir reden, hielt eines dieser Bücher in feiner Hand und blickte ab und zu in dasselbe hinein. Es war der ehemalige Marquis vc Rencey selbst, der Eigenthümer des schönen Besitzthums, welches er von seinem Vater geerbt hatte und welches den Stamm seiner Fa­milie trug.

Der Ex-MarquiS mochte sechszig Jahre zählen. Er trug einen großen blauen Rock mit Metallknöpfen, auf denen Thiere abgebildet waren, wie es bet alten Jägern ehedem Sitte war. Seine bespornten Stulpstiefeln erweckten den Gedanken, als ob er erst feit Kurzem vom Pferde gestiegen sei. Ein grauer, dreieckiger Filzhut lag neben ihm auf einem Stuhle. Mit dem hageren und blassen Gesicht, dem gepuderten Haarstutz, der stark gebogenen Adlernase, der hohen, noch immer schlank getragenen Gestalt, den langen Beinen und den schö- neu, mit Manschetten verzierten Händen, bot der ehemalige Marquis ein getreue« Bild jener Schloßherren von altem Schlage, die während vier Wintermonaten am Hofe von Versailles lebten und den Rest des Jahres auf ihrer Besitzung verbrachten, um dort nach Muße zu jagen und den Versuch zu jenen Erspar­nissen zu machen, welche ihnen die Mittel geben sollten, in Versailles ihren Rang nach allen Ansprüchen des Luxus zu vertreten.

W.nn man das Gesicht ves Marquis genau betrachtete, konnte man bemer­ken, daß sein Blick einen seltsamen Ausdruck trug. Seine Augen glänzten sehr, aber die Augäpfel waren beständig in einer Art unruhiger Bewegung. Ein langer, grauer Schnurrbart fiel über die Mundwinkel herab und reichte fast bis an das Kinn. Der würdige Manü las zwei oder drei Seiten in dem großen, in rothen Saffian gebundenen Buche, welches er in der Hand hielt, lächelte son­derbar, schloß das Buch, sah auf die von der Sonne vergoldeten Baumwipfel ves Parks, nickte mit tem Kopfe und lächelte wieder.

Ein junges Mädchen trat in ven Saal, legte ihren Strohhut auf einen Tisch von grüngcarertem Marmor und näherte sich dem alten Manne in absicht­lich geräuschvoller Weise, um ihn nicht zu sehr zu überraschen. Es war Helene de Rencey, die Tochter des Marquis, und sein einziges Kind, seitdem ihr Bru­der und der einzige Erbe des Namens de Rencey im Jahre 1792 gestorben war. Helene zählte vielleicht dreiundzwanzig Jahre; den größten Theil ihrer Jugend hatte sie auf Vein Schlosse ihres Vaters verlebt, einem Zufluchtsort, der oft curd) die Stürme der Revolution, welche auch hier ein Echo fanden, getrübt wurde, aber den sie liebte unv an dem vie Vorsehung bis jetzt Helenen und ihren Vater beschützt hatte.

Fräulein de Rmcex, in ein weißes Mousselin-Gewanr von höchst anstokra- tifchem Faltenwürfe gekleidet, war groß, schlank gewachsen, schön und von edler Haltung, wie eines jener Bilder von Hoffräulcin, die in Versailles vorgestellt wurden. Man konnte bemerken, daß sie trotz des heißen Tages ein bis an den Hals reichendes, mit einer Krause endendes Leibchen, und daß sie ihre Arme nicht bloß trug, wie cs damals Sitte war. Es ließ sich hieraus vermuthen, daß ein wenig Strenge, vielleicht gar ein wenig Prüderie in Helenens Charak- ter lag.

Ihr Vater nahm von dem schönen Mädchen keine Notiz, bis sie dicht neben ihm stand und mit ihrer weißen Hand seine Schulter berührt hatte. Dann beu­tete Helene auf das Buch und hob an: . . »

Wie, mein Vater, sind Sie noch immer nicht darüber tm meinen 5 Haben Sie endlich einen sicheren Beweis gefunden, daß die Familten Rohan und Rencey im vierzehnten Jahrhundert zweimal mit einander verschwägert waren? ....

Dreimal, mein Fräulein, antwortete der Marquis, vollständig versunken in seine heraldischen Tollheiten; und ich werde es Ihnen bcwctzen durch Aehn- lichkciten, Traditionen, Namens - Assonanzen, logische Schlüsse und Ueberemstim- mung der Wappen. , , w . ., . .

Ach, mein Vater! seufzte Helene und faltete ,hre Hande.

(Fortsetzung folgt.)