Aeitage zu Mr. 71 des Kreiener Mnzeigers.
Feuilleton.
Die Verschwörer von 1799.
Roman von de Saint-Felix-
(Fortsetzung)
__ Zweihundert Meilen zu Pferde, mein Hauptmann! rief der Pfört-
_ Zweihundertundfünfzig Meilen, mein Bester! und fast immer im Trab, vmn ich nicht kurzen Galopp anschlug. Denn Ihr müßt wissen, das arabische nferd von reinem Blute ist das Wunder der Schöpfung; es erfrischt und stählt sch durch die Bewegung. Es giebt Pferde in Egypten, welche in einem Strich ,om Thore Kairos bis zu der großen Pyramide sprengen, dreißig Meilen in Linim fort. Das meinige unten im Stalle ist in zwölf Tagen von Toulon hierher getrabt. Hätte ich ihm den Willen gelassen, so wäre es schon vorgestern in Paris angelangt. Ich nahm es in einem Reiterscharmützel einem jener räuberischen Bey's von Egypten fort, welche am Nil in dem Gefecht von Romani h die Mamelucken befehligten. Das Ganze war im Handumdrehen abgemacht. Nachdem ich einem spitzbübischen schwarzbraunen Bey den Kopf mit einem Pi- stolenschusse zerschmettert hatte, warf ich ihn mit einem Fußtritte vom Sattel und ergriff den Zaum seines Pferdes. Es war die höchste Zeit; denn das Roß, auf welchem ich saß, empfing beinahe in demselben Augenblick einen Hagel von Schrotkörnern, womit diese arabischen Mordkerle ihre Pistolen zu laden pflegen, mitten in die Brust. Seit jenen Tagen habe ich weder in Egypten, noch in Syrien ein anderes Roß gehabt. Murat beneidete mich um dasselbe; Lannes bot mir einen wahnsinnigen Preis dafür; ich hätte es nur dem General en chef überlassen, wenn cs ihm an guten Rennern gefehlt hätte. Aber es freut mich ebenso sehr, daß ich es behalten habe. Wir haben uns vorgenommcn, mit einander einen schönen Feldzug in Italien durchzumachen, denn es scheint, daß sich dort Wolken am Horizonte zusammenziehen. Nur Geduld!
Während der Offizier solcherart redete, betrachteten ihn seine beiden Gäste mit ängstlicher Sorge.
Der Hauptmann hatte, als er sich zu Tisch setzte, seinen Militairhut abgelegt. Sein Gesicht war jetzt hell beleuchtet; es war mager, von der Sonne Egyptens verbrannt, aber von großer Feinheit und zugleich von auffallender Energie.
Der Hauptmann hatte eine gut geheilte, aber lange Narbe über der rechten Braue. Seine Züge waren vornehm und regelmäßig. Er trug einen langen braunen Schnurrbart; dichte Locken umrahmten fein Antlitz und fielen fast bis auf die Schultern hinab; ein langer, sorgfältig geflochtener Zopf schnürte seine Haare zusammen und wiegte sich auf dem Kragen seines Rockes.
Aber was besonders die Aufmerksamkeit seiner Gäste in Anspruch nahm, war der Ausdruck seines Blickes, der Ton seiner Stimme, und ein großer Goldreif, den er am Ringfinger der linken Hand trug.
— Mein Hauptmann, sagte plötzlich der Pförtner, verzeiht meine Neugierde . . . aber ich habe Euer Gesicht schon irgendwo gesehen.
— Wirklich? meinte der Offizier, und schlürfte langsam ein Glas Wein.
Die alte Frau ließ nicht ab, ihn mit funkelnden Augen zu betrachten. Seit geraumer Zeit aß sie nicht mehr.
— Hat mein Hauptmann Frankreich schon lange verlassen? fuhr der Pförtner fort.
Der Offizier zögerte mit der Antwort, als die Alte sich plötzlich erhob, aufgeregt ihren Krückstock ergriff und einem Tische zuschritt, dessen Schieblade sie aufschloß.
Gleich darauf kam sie zurück und zeigte ihrem Manne ein Medaillon.
— Sieh, Bernardi sagte sic.
Der Pförtner warf abwechselnd seine Blicke auf das Mcdaillonbild und auf das Antlitz des Fremden. Bald glänzte eine Thräne in den Augen des braven Mannes.
Seine Frau aber stützte ihren Kopf auf die Hände und stieß schwere Seufzer aus.
Der Offizier wagte nicht, die Beiden anzusehen; er senkte das Haupt und schien in einen tiefen Traum versunken.
Plötzlich sah man den Pförtner sich erheben; seine Frau that dasselbe und beide alte Diener verbeugten sich, einen Schritt zurücktretend, vor dem Hauptmann.
— Der Herr Graf! sagte der würdige alte Pförtner.
— Ein Werk der himmlischen Vorsehung! rief die Alte aus.
— O Bernard! O Marguerite, meine armen alten Freunde, antwortete der Offizier, die Arme nach ihnen ausbreitend, wie habt Ihr mich nicht längst schon erkannt?
Es war eine rührende Scene.
Der Offizier der egyptischen Armee, der ehemalige Graf Reymond de Vitry preßte die beiden Diener seines Vaters an sein Herz, die beiden armen Pförtner, welche inmitten der Revolutionsstürme die treuen Hüter des Hauses der Familie de Vitry geblieben waren.
— Meine Freunde, sagte der Hauptmann, suchen wir Ruhe und Heiterkeit, vor Allem aber Geistesgegenwart und kaltes Blut zu gewinnen! Du, meine gute Marguerite, höre auf, mir die Hände zu küssen, und Du, Bernard, hüte Dich wohl, mich nicht mehr Herr Graf zu nennen. Ich bin der Hauptmann Reymond, verstanden? Soldat im Dienste der französischen Republik, und wenn Ihr erlaubt, Euer Neffe . . .
— Jesus Maria! schrie Marguerite auf.
— Meine Freunde, fuhr der Offizier fort, es handelt sich um meine Sicherheit. Euer Neffe war mein Milchbruder, er trug meinen Vornamen. Er begab sich im Jahre 1792 zu der Sambre- und Maaß-Armee; Ihr habt seitdem nichts wieder von ihm gehört. Er ist entweder gefallen oder gefangen. Ich ersetze jetzt seine Stelle; ich bin er selbst.
— Wohlan, abgemacht! fügte Bernard hinzu und trocknete sich die Augen. Ihr seid unser Neffe Reymond, Hauptmann . . .
— Und Ordonnanzoffizier des Generals en chef Bonaparte.
Bernard erhob seine Hand an die rechte Schläfe. Dieser militairische Gruß gefiel dem Offizier, welcber alsbald wieder das Wort nahm:
— Reymond Bernard, seit sechs Jahren im Dienste der Republik. Ich habe den italienischen Feldzug unter den Befehlen der Generale Lannes, Murat, Berthier, Andreossy, Massen« und anderer tapferer Brigade- und Divisions-Chefs mitgemacht, an deren Spitze der große Mann, Bonaparte, stand. Reymond bin ich, der als Unterlieutenant mit der Divisions-Armee nach Egypten zog und der jetzt mit dem Rang eines Hauptmanns nach Frankreich zurückkehrt, Dank den gewichtigen Säbelhieben, welche er in den Gefechten von Romanieh, bei den Pyramiden, in der Ebene von Kairo, bei der Belagerung von Jaffa, Saint» Jean-d'Aere und anderen Orten ausgetheili hat, welche Zeugen unserer Tapfer- keit und unserer Liebe zur Republik gewesen sind. Ich brauche Euch heute Abend nicht zu erzählen, meine lieben Freunde, wie und weßhalb ich jetzt nach Paris zurückgckommen bin. Ihr werdet indeß keinen Schwur von mir fordern, daß ich nicht die Fahne als Deserteur verlassen habe.
In diesem Augenblicke pochten drei heftige Schläge an die Hofthür. Bernard beeilte sich mit der Laterne in der Hand zu öffnen.
Zwei Minuten nachher traten zwei Dragoner in das Pförtnergemach, wo der Offizier seinen Platz am Tische eingenommen hatte.
Die beiden Dragoner grüßten soldatisch und blieben kerzengerade in der Mitte des Zimmers stehen.
— Hauptmann, sagte der Eine, wir haben das Haus gesunden, welches Ihr uns als Euer hiesiges Quartier bezeichnet. Wir kommen, Eure Befehle zu empfangen . . .
— Ihr werdet sie morgen früh zehn Uhr im Quartier des Generalstabes erhalten, antwortete der Offizier. Ihr findet mich dort.
— Hauptmann, nahm der zweite Dragoner das Wort, hier ist eine Depesche aus dem Palais Luxembourg. Ich füge hinzu, daß die Standarte mit drei Roßschweifcn, welche heute Morgen durch meinen Hauptmann und uns den Bürgern Direktoren überreicht wurde, im Berathungssaalc des Direktoriums neben den anderen, dem Feind abgenommenen Fahnen aufgestellt worden ist.
— Alles in Richtigkeit! sagte der Offizier, die Depesche eiligst durchlesend. Hier ist ein Empfangschein über Deine Depesche. — Zwei Gläser, Bernard, für diese wackeren Kameraden, welche mich von Kairo bis zum Palais Luxembourg begleitet haben, wo wir diesen Morgen dem Bürger Barras die drei Roßschweifc des Murad-Bey einhändlgten, der zwar ein durchtriebener Schuft, aber ein tapferer Degen ist.
Bernard setzte zwei Gläser mehr auf den Tisch, und entkorkte eine Flasche Wein.
Alle Gläser wurden gefüllt, selbst das Margueritens.
— Trinkt aus! sprach der Hauptmann. Die Gesundheit unseres Generals en Chef!
Alle lehrten nach dem „Vivat!" ihre Gläser. Marguerite berührte ihr Glas eben mit den Lippen.
Auf das Wohl unseres Hauptmannes Reymond, des Tapfersten unter den Tapferen! rief einer der Dragoner.
— Willst Du stille sein, alter Knasterbart! fiel ihm der Offizier in die Rede. Ich trinke gleichfalls auf Deine Gesundheit.
— Auf die Obersten - Epauletten meines Hauptmannes! rief der andere Dragoner.
— Prosit! sagte der Offizier, und auf Deine Quartiermeister. Tressen, Kamerad!
— Famoser Schnaps! murmelten die Dragoner beim dritten Glase.
— O ja, antwortete Bernard etwas piquirt. Es ist zwanzig Jahr' alter Leres, den ich zu Ehren unseres Neffen, des Hauptmanns Reymond entkorkt habe.
— Der Hauptmann ist Euer Neffe! rief einer der Dragoner aus. Na, Bürger, Ihr könnt stolz darauf fein, daß Ihr der Onkel eines . . .
— Daß ich wessen Onkel bin ? fragte Bernard.
— Schweigst Du endlich einmal, unerträgliche Plaudertasche! sprach der Offizier.
— Unmöglich, mein Hauptmann!
— Wessen Onkel? wiederholte Bernard sehr neugierig und gespannt.
— Nun, zum Geicr, der Oukcl eines Selten! antwortete der Dragoner.
— Genug, mahnte ihn der Offizier. Morgen früh um zehn Uhr im Ge- neralstabsquarlier!
— Gruß und Bruderschaft, Hauptmann!
Die beiden Dragoner zogen sich, höchst verwundert über den Schnaps von Reyrnonds Onkel, zurück.
Nachdem der Hauptmann Bernard und Margueritcn einige Aufträge ertheilt hatte, verlangte er nach seinem Zimmer.
Dort angelangt, half ihm der ehrenwerthe Pförtner seine Stiefel ausziehen, welche 250 Meilen lang an seinen Füßen geklebt hatten.
Eine Viertelstunde später schlief er in einem ausgezeichneten Bette den Schlaf der Gerechten.
(Fortsetzung folgt.)
Miscelle.
Aus Kempen schreibt man: Am 5. d. legten sich zwei Knaben von hier im Alter von 12 bis 14 Jahren in der Nähe des Bahnhofes auf die Schienen der Kempen-Venloer Bahn, nicht weil sie lebensmüde waren und den Tod suchten, sondern weil sie einmal Prokuren wollten, ob der von Venlo kommende Zug ihretwegen anhalten werde. (!) Dem betreffenden Zugführer gelang cs, den schon nicht mehr mit voller Kraft fahrenden Zug so zeitig zum stehen zu bringen, daß die beiden Buben mit heiler Haut davon kamen. Ihnen einen Denkzettel mit auf den Weg zu geben, vergaß der Zugführer leider in feinem nur zu erklärlichen Schrecken.


