Berlin, 13. Sept. Die neuesten Berichte, welche über das Befinden des Grafen Bismarck hierher gelangt find, lassen erkennen, daß die Wirkungen seines letzten Unfalles durch Sturz mit dem Pferde doch nur sehr allmädlich schwinden. Bis vor wenigen Tagen mußte ter Graf liegen, seitdem macht er ohne große Anstrengungen kleine Promenaden in seinem Garten. Es laßt sich augenblicklich gar nicht bestimmen, wann Graf Bismarck im Stande sein wird, nach Berlin, geschweige denn in ein englisches Seebad zu reisen. Die andauernde Zurückgezogenheil des Grafen Bismarck gibt zu den verschiedenartigsten Erklärungen Veranlassung, unter antcrn auch zu der, daß er mit den Maßregeln, welche seine College» im preußischen Ministerium jetzt treffen, nicht einverstanden sei und dieß darthun wolle. Hierzu bemerkt die „M. Ztg." : Diese Maßregeln find weder der bisherigen Praxis widersprechend, noch an sich so bedeutend, daß sie dem Minister - Präsicenten die geringste Sorge machen konnten, oder daß er daran Anstoß nehme. Der schwerste Vorwurf, den man ihm machen feuin, war immer der, daß er auf die innere Politik zu wenig Gewicht legte, und er hat sich darin nicht geantert. — Der Unterstaats- secretär im auswärtigen Amte, v. Thile, wird in etwa 10 Tagen hierher zurückkehnn und den Geh.- Rath Abeken in der Vertretung des Grasen Bismarck dem diplomatischen Corps gegenüber ablösen. Der Präsioent des Bunteskanzler-Amtes, Geh.-Rath Delbrück, verläßt am 18. t. M. Berlin, um eine Erholungsreise anzutret.n. Die Angabe, daß für den Beginn der parlamentarischen Arbeiten jetzt ein früherer Termin in das Auge gefaßt worden, gewinnt an Wahrscheinlichkeit, und es besteht im Au- genblicke thatsächlich die Absicht, den Landtag bereits in der zweiten Hälfte Octobers einzuberufen und seine Geschäfte wo möglich noch vor dem 1. Januar k. I. abroideln zu lassen. Ob diese Absicht zur Ausführung gelangt, mag fraglich bleiben, dagegen ist es jetzt beschlossene Sache, den Bundesrath bereits in der zweiten Hälfte des Novembers einzuberufen Soweit die Arbeiten für Landtag, Reichstag und Zollparlament sich jetzt übersehen lassen, wo es sich zu- meist noch um Projekte handelt, glaubt man doch einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten für ihre Abwickelung zu bedürfen.
Kiel, 10. Sept. Einer heute erlassenen Bekanntmachung des Oberpräsiventen zufolge ist die die Regierung in Kiel vom 1. Oktober an aufgehoben, gleichzeitig beginnt die vereinigte Regierung in Schleswig, ihre Thätigkeit als „königliche Regierung zu Schleswig".
Kiel, 14, Sept. Heute Abend ist der König hier emgetroffen. Auf die Ansprache des Bürgermeisters antwortete er: Er habe mit großer Erwartung dem Augenblicke entgegengesehen, wo er die Herzogthümer betreten würde, für welche der tiefe Einfluß, welchen die Ereignisse der letzten Jahre auf sie geübt, hoffentlich segensreich fein werde. — Auf die Ansprache des Rectors der Universität, welche Vie Hoffnung aus Erhaltung des Friedens betonte, erwiekerte der König : „Ich theile ganz Ihren Wunsch für die Erhaltung des Friedens; in ganz Europa erblicke ich keine Veranlassung zu einer Störung desselben und sage das zu Ihrer Beruhigung. Noch mehr aber wird Sie der Blick auf die hier anwesenden Repräsentanten meiner Armee und meiner Marine beruhigen, welche bewiesen haben, daß sie sich nicht scheuen, einen uns aufgezwungenen Kampf anzunehmen und ibn durchzusühren."
Wien, 13. Sept. Ungarische Blätter behaupten neuerdings, daß der König von Sachsen die Vermittlerrolle zwischen Preußen und Oesterre ch übernommen habe. Der „Pesther Lloyd" versichert sogar, es sei „Thatsache, daß die Verhandlungen an bilden Höfen, in Wien wie in Berlin, mit allerhöchst.m Interesse verfolgt werden, und daß König Wilhelm I. erklärte, er wolle sich Nicht in's Grab legen, bevor « sich mit seinem „Bruder von Oesterreich" ganz ausgesöhnt habe. Mit dieser gemüthlichen Anekdote wird eine andere von sehr boshaftem Charakter verbunden. Es wird nämlich erzählt, die Königin von Hannover habe eine Gratulation der Königin von Preußen zu ihrer silbernen Hochzeit blos mit einem Hinweis auf eine Stelle aus einem Propheten beantwortet, die wie ein Seitenstück zu der Schiller- schen Scene zwischen Marie Stuart und Elisabeth sich ausnimmt. Der „Lloyd" schließt übrigens mit den dürren Worten: „Wir sind arme Leute, die ihre sieben Sachen zusammenhalten müssen. So kostspielige Vergnügungen, wie es ein zweiter Waffengang um der deutschen Frage willen wäre, dürfen ttir uns nicht gestalten: unsere Mittel erlauben uns
das schlechterdings nicht." — In der großen Poli- tik machen sich die hiesigen journalistischen Organe der Hietzinger Camarilla gegenwärtig durch den Eifer bemerklicb, mit dem sie die Behauptung verbreiten, daß Napoleon III. nur deßhalb ein zweites Jena für Preußen präparire, weil er in erhabener Uneigennützigkeit Deutschland von der Bismarck'schen Diktatur befreien wolle, aber er sei weit entfernt, für diese edle That eine materielle Belohnung in Land und Leuten auf dem linken Rheinufer zu beanspruchen. Auch Hr. v. Beust läßt heute durch ein officiöses Organ erklären: wenn er sich durch den Drang der Verhältnisse genöthigt sehen sollte, im Interesse der Machtstellung Oesterreichs aus der Neutralität herauszutreten und eine Allianz mit Frankreich einzugehen, so werde er nicht dulden, daß Napoleon III. feine Compcnsationsobjecte aus deutschem Boden nehme. Aus verschiedenen Andeutungen geht hervor, daß Hr- v. Beust die Hegemonie über Süd- deutschland erstrebt, weil nur dadurch das Gleichgewicht zwischen Oesterre!ch und Preußen wieder her- gcstellt werden könnte. Es erinnert das an den Vorschlag, den Josoph II. Friedrich II. gemacht haben soll : „Nehmen Sie den Norden und ick nehme den Süden." Einem demokratischen süddeutschen Bunde wäre Baron Beust wohl ebensowenig gewogen, wie Graf Bismarck. Die Beust'fchen Organe phantasiren dabei immer noch von der Möglichkeit, daß Preußen ohne Krieg durch rein diplomatische Kombinationen zu den gewünschten Concessionen bewogen werden könne.
Paris, 13. Sept. Der „Etendard" theilt mit, daß der Kaiser bei seiner Abreise aus dem Lager von Chalons folgende Worte an die Generale gerichtet habe: „Ich bin seit acht Tagen, die ich in Ihrer Mitte verbracht habe, sehr glücklich. Ich sage Ihnen weiter Nichts, weil die Journale nicht unterlassen würden, aus meinen Worten, so gemäßigt sie auch sein mögen, den Krieg zu prognosticiren. Ich beschränke mich also darauf, Ihnen meine Befriedigung für Ihren Eifer und Ihre Ergebenheit auszudrücken." — Der Kaiser, die Kaiserin und der kaiserliche Prinz sind heute nach Biarritz abgereist. Der Kaiier wird das Lager von Lannemezzan besuchen.
Paris, 14. Sept. Der „Cvnstktntionnel" sagt: Die Herabsetzung des Zinsfußes für die Schatzscheine ist eine logische Folge des Anlehens. Sie ist die peremtorifche Antwort auf die pessimistischen Befürchtungen Derer, die hartnäckig das Anlehen als eine eventuelle Quelle für einen bevorstehenden Krieg betrachten. Eine Regierung, die sich mit ähnlichen Projekten trüge, würde nicht die Unflugbeit begehen, das sich ihr darbietende Geld mit allen Mitteln zu- rückzuweifen. — Der „Epoque" zufolge, geht die Rede davon, daß für den Marschall Niel ein großer Adelstitel geschaffen werden soll, weil er so glorreich das Werk der Reconstftuirung der Armee vollbracht hat. — Wie die „Epoque" meldet, wird der Marschall Mac-Mahon sich während des Aufenthaltes des Kaisers in Biarritz auch dorthin begeben. — Das „Journal de Paris" schreibt: Man versichert uns, daß Fürst Metternich, der vor seiner Abreise noch eine Zusammenkunft mit dem Kaiser haben soll, demselben die schon wiederholt gegebenen friedlichen Erklärungen erneuern wirk. Der Fürst geht Samstag nach dem Elsaß auf die Güter des Hrn. v. Pourtalös, woselbst er die Fürstin treffen und mit ihr, ohne auf dem Johannisberg sich aufzuhalten, seine Besitzungen in Böhmen besuchen wird.
Washington, 2. Septbr. (Per Dampfer „6uba".J Die Verhandlungen zwischen den Vereinigten Staaten, England und Preußen wegen Ausrüstung einer späteren großen Nordpolexpedition zur Lösung des Polarproblems und zur Erforschung der Nordpolzegenv haben begonnen.
Newyork, 28. Ang. Die Erklärung von Jnarez, daß er feine BerkaufSanträge mexifanischer Gebietstbeile an die Vereinigten Staaten gemacht habe, wird von der amerikanischen Presse in diplo- malischem Sinne aufgefaßt. Die „Newfwrk Times", die bekanntlich oft Mitiheilungen von Seward er- hält, wiederholt geradezu, daß Verhandlungen angeknüpft worden feien, welche den Vereinigten Staaten für alle praktischen Zwecke die Herrschaft über Sonora und Sinaloa und außerdem einen Freihafen am kalifornischen Meerbusen einräumen würden.
Vermischtes.
Darmstadt. Nach einer Mittheilung der Darmst. Ztg." ergab die Volkszählung vout 3. Tecember 1867 für das Groß- herzoglhum eine ortsanwesende Bevölkerung von 823,138 Einwohnern und zwar 404,572 Personen männlichen und 418,566 Personen weiblichen Geschlcchrs. Nach der Staatsangehörig feit theilt ftrt’ die Gesammtzahl in 787,509 Inländer und
35,629 Ausländer. Die letztere Zahl ist im Vergleich zu anderen Ländern eine relativ sehr hohe; von Jahr zu Jahr steigt die Anzahl der Fremden, welche im Großherzogthum ihren Aufenthalt nehmen.
Preußen. In Stargard hat ein ZZjähriger Primaner die Abiturienten-Prustmg bestanden und wird endlich Student. Nach Ableistung seines Militärdienstjahres machte er den dänischen Feldzug 1864 und den Krieg von 1866 mit und wurde eine Zeitlang Hauslehrer, um stch Geld zur Fori, seyung seiner Gymnasialstudien zu verdienen.
Köln, 8. Sept. Die Heiden in Folge Verausgabung eines Chef« (im hiesigen A. Schaaffhausen'schen Bankverein) verhafteten Engländer sind nunmehr aus dem Municipalge- fängniffe dem Correctionsgefängniffe überwiesen worden, und zwar mit der Weisung auf Einzelnhaft. Es hat sich heraus, stellt, daß das Accreditiv ächt, aber als entwendet von vielen Bankhäusern anuoneirt worden war. Die beiden Inhaber sind in Untersuchung wegen Hehlerei, Fälschung und Führung eines falschen Namens. Der eine bezeichnet sich als Viehhändler, der andere als Juwelier, beide von London; jener ist 50 Jahre alt und heißt Thomas Underwood, der andere, 40 Jahre alt, ist John Burtton.
Köln, 9. Sept. Für den bemoosten Burschen und Bonner Jubelpaukanten, den in letzter Zeit vielgenannten Adv.- Anwalt Thesmar, hat der aeademische Festjubel den Abschluß feiner amtlichen Wirksamkeit gebildet. Demselben ist, wie hiesige Blätter melden, auf sein Ansuchen die Entlassung aus dem Justizdienst ertheilt worden. Auf f inen Lorbeeren ruhend, dürfte nunmehr dem alten Burschen die ersehnte Muse zu Theil werden, seinen Lebensabend seiner Muse zu widmen, von deren Erzeugnissen etliche Proben in letzter Zeit durch die Blätter gewandert sind.
Frankfurt. Die Zahl der Monumente hat sich abermals vermehrt und zwar dießmal auf linkcmainischer Seite. Ein Freund der edlen Reitkunst und Pferdeliebhaber kam auf die originelle Idee, in seinem Hof vor dem Affen- thor dem tapferen Junker von La Mancher ein Denkmal zu errichten und zwar wie „Don Quirotle, der Ritter von der traurigen Gestalt, sein wildgewordenes Roß Nozinante bändigt". " Die Figuren sind in Lebensgröße und der Ritter ist von treffender Aehnlichfeit; nur trägt derselbe statt Mambrin« Helm (die berühmte Bartschüssel) eine Art Pelzkappe, was nach Cervantes nicht richtig ist. Das Monument, das auf einer Art Bergrücken circa 15 Fuß hoch steht, kam, von der Chaussee aus gut gesehen werden, doch ist der freundliche Ei- genthümer gerne bereit, die Schaulustigen in seinem Hose zu empfangen, um den Ritter auch in der Nähe in Augenschein nehmen zu können.
Aus Herrieden, 11. Sepi.. wird der „Fr. Ztg." geschrieben : „Das schlechte Wetter im nördlichen Europa bedroht uns etwas mehr. Am 8. hat stch bereits in England der Himmel bedeckt, und ist die dort eingetretene große Hitze gewichen. Paris hatte indessen am 8. noch heiteren Himmel, doch deutet das gestern Abend beobachtete Wetterleuchten auf Gewitter im östlichen Frankreich und Belgien. Auch sind die Luftdruckdifferenzen wieder etwas größer."
Nürnberg, 8. Sept. Das auf dem hiesigen „Arbeitertag" von der Lasalleanischen Partei zur Annahme gelangte Programm lautet : „Der zu Nürnberg versammelte fünfte deutsche Arbeitervereinstag macht das Programm der internationalen Arbeiteraffociatiou zu dem feinigen und erklärt in Uebereinstimmiing mit demselben: 1) Die Emancipation (Befreiung) der arbeitenden Klaffen muß durch die arbeitenden Klassen selbst erobert werden. Der Kampf für die Emancipation der arbeitenden Klassen ist nicht ein Kampf für die Klas- senprivileaien und Monopole, sondern für gleiche Rechte und gleiche Pflichten und für die Abschaffung aller Klassenherrschaft. 2) Die ökonomische Abhängigkeit de« Mannes der Arbeit von dem Monopolisten (dem ausschließlichen Besitzer) der Arbeitswerkzeuge bildet die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form de« socialen Elends, der geistigen Herabwürdigung und politischen Abhängigkeit. 3) Die politische Bewegung ist das unentbehrliche Hülfsmittel zur öconomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die sociale Frage ist mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt und nur möglich im demokratischen Staat. Ferner in Erwägung: daß alle auf die monomische Emancipation gerichteten Anstrengungen bisher an dem Mangel der Solidarität (Bereinigung) zwischen den vielfachen Zweigen der Arbeit jedes Landes und dem Nichtvorhandensein eines brüderlichen Bandes der Einheit zwischen den arbeitenden Klaffen der verschiedenen Länder gescheitert sind; daß die Emancipation der Arbeit weder ein locales, noch ein nationales, sondern ein sociales Problem (Aufgabe) ist, welche« alle Länder umfaßt, in denen es moderne Gesellschaft gibt und dessen Lösung von der praktischen und theoretischen Mitwirkung der vorgeschrittensten Länder abhängt; beschließt der fünfte deutsche Arbeitervereinstag seinen Anschluß an die Bestrebungen der internationalen Arbeiter-Association."
Ncwyork, 12. Sept. (Kabeltelegramm aus „Reuter'« Office.") In Peru und Ecuador find die Städte Arica, Arequipa, V«iay, Jquique, Pasco, Juan, Cavelica, Jbarra und viele andere durch ein vom 13. bi« 18. August andauernde« Erdbeben völlig zerstört worden. Der Verlust an Menschenleben wird in Peru auf 2000, in Ecuador auf 20,000 geschätzt. Aus den Städten Arica, Arequipa hat sich die Mehrzahl der Bewohner gerettet. Der Schaden, den das Erdbeben verursachte, wird auf 300 Millionen Dollar veranschlagt. An den Küsten dcS Festlandes und an den Chinchas-Jnseln fanden gleichzeitig viele Schiffbrüche statt. Der britische Consul Sil- linghirrst in Jquique ist mit seiner Familie bei dem Erdbeben umgefommen.
London, 14. Sept. Ein Kabeltelegramm der „Times" aus Newport vom 13. Sept, meldet: Man schätzt den Verlust an Menschenleben, welchen das Erdbeben in Peru und Ecuador herbeiführte, aus 25,000 bis 30,000. Außer den bereits erwähnten Städten, die durch die Erderschütterungen zerstört wurden, sind noch Noquena, Tcnuga rind Tacua zu nennen, welche das gleiche Schicksal erlitten. Eine große Meereöffuth, welche durch das Erdbeben entstand, wälzte sich in das Land herein und zertrümmerte eine Menge von Schiffen, darunter die amerikanischen Dampfer „Trenonia" und „SBaterer", das peruanische Schiff „Amerika" und das englische Schiff „Chancellor". Der „Waterer" ward eine halbe Meile landeinwärts geschleudert.
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Cbr. Pietsch) in Giehen.


