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Die Verschwörer von 1799.

Roman von de Saint-Felix.

(Fortsetzung.)

Mil dem Schlage zwölf öffnete sich in der Thal die Hofthürc der Gast­hauses, und man sah zwei sehr schöne Reitpferde herauskommen. Aber wie fatal für die aufgeregte Neugier des Publikums! die Pferde wurden von einem Diener geführt, der auf einem derselben sitzend, das andere am Zaum nebenher gehen ließ.

Zuerst erscholl ein lautes Hurrah. Dann verwandelte sich der Enthusias­mus in Entrüstung. Das ganze Publikum war getäuscht worden und nahm eine gefährliche Haltung an. Der Volkshaufen versperrte den Pferden den Weg. Einige der Unzufriedensten drohten sogar, den Eintritt in das Hotel zu erzwin- gen und das Haus vom Keller bis unter das Dach nach dem Gegenstände ihrer Neugier zu durchsuchen.

Es erhob sich ein Schreien und Rufen der Ungeduld wie im Theater, wenn ein Schauspieler nicht heroortreten will, um die ihm zugcdachte Huldigung zu empfangen.

Dieser ganze Lärm glich fast einer Emeute.

Ueberall in der Welt führt em Auflauf die Polizei heran; der Bürger Commissär, weichem die Aufrechthaltung oer öffentlichen Ordnung anvertraut war, ließ nicht lange auf sich warten. Man sah ihn, begleitet von einem Gensd'armen-Piket und mit einer großen Schärpe umgürtet, aus einer benach­barten Straße herbeieilen und sich einen Durchgang durch die Volksmaffen bahnen.

Die Gemäßigten begannen, sich Hals über Kopf zurückzuziehen; tue Unze- huldigen drängten sich auf das Trottoir; allein die Muthigen und Erzürnten fuhren tapfer fort, den beiden Reitpferden den Weg zu versperren und die Thür pes Hotels zum Fasanen zu belagern.

Jetzt wurde eine erste Aufforderung im Namen des Gesetzes erlaffen, sofort auseinander zu gehen; eine zweite hatte keinen besseren Erfolg; endlich, als eine dritte Aufforderung nur mit Zischen und Pfeifen begrüßt ward, fällte das Gens- d'armen-Piket seine Baponnctte und rückte auf die lärmendste Gruppe los. Diese Sprache wurde besser verstanden. Der Volkshaufen machte ihnen Platz und zerstreute sich. Die Pferde setzten sich in Trab und erreichten das Thor der Stadt.

Was die Gensd'armen betrifft, so stachen sie mit ihren Bayonneten gluck- licherwcise nur in die leere Luft.

Der Herr Commissär kehrte triuglphirend in sein Bureau zurück, um ein Protokoll über diesen gravircnden 'Fall aufzusetzen, bei welchem dem Gesetz Wi­derstand geleistet worven war. Ein von ihm expedirter Courier reiste zwei Stunden darauf nach Paris ab.

Binnen kurzer Zeit hatten die von der Hand des Bedienten rasch und ge­schickt geleiteten Pferde das Ufer der Loire erreicht.

Sie folgten dem Strandweg in westlicher Richtung den Fluß hinunter.

Ungefähr eine Viertclmeile von der Stadt traf der Diener seinen jungen Herrn, welcher ibn seit geraumer Zeit, unter einer Eiche sitzend, erwartete und mit einem berühmten und reizenden Vers des Dichters Virgil empfing, den er ziemlich frei durch die Worte übersetzte:

Spitzbube von Franyois, willst Du mich denn vor Ungeduld bersten lassen unter diesem dichten Blätterdache!

Franysis erzählte'statt aller Entschuldigung in der Kürze die Aufruhrs- scene vor dem Hotel. Der Muscadin schwang sich mit lautem Gelächter auf sein Pferd.

Er ritt, gefolgt von Francois, eine beträchtliche Weile am Ufer der Flusses entlang.

Die Loire umschließt zwischen Tours und Saumur mehrere Inseln, welche ehemals mit großen Pappelbäumen bewachsen waren.

Der Reiter warf trotz seines schnellen Rittes einen forschenden Blick auf jene Inselgruppe, an welcher er vorbcikam. Er halte ungefähr dritthalb Meilen zurückgelegt, als er eine Insel gewahrte, Die größer als die vorhergehenden war und ihre Spitze der Strömung des Flusses zukehrte.

Diese Insel war von großen Holzungen beschattet, welche sie von allen Seiten umkränzten und die Aussicht vom Flusse her versperrten.

Der Reiter ließ sein Pferd im langsamen Schritt gehen und schien nach einer Fähre auszuspähen, welche sich in dieser Gegend des Strandes befinden mußte. Franyois wurde auf Kundschaft ausgesandt. Er kehrte auch bald zu­rück und benachrichtigte seinen Herrn, daß in der That eine Fähre in geringer Entfernung von hier sich befindlich, aber daß sie von sehr kleiner Dimension und es wahrscheinlich nicht ohne Gefahr thunlich sei, auf ihr mit zwei Pferden über den Strom zu setzen.

Schon gut, sagte der Reiter, wir setzen uns in die Fähre und unsere Pferde lassen wir schwimmen.

Nichts brachte den schönen Muscadin in Verlegenheit. Man rief den Fähr­mann und bot ihm eine beträchtliche Summe für die Ueberfahrt mit den Pfer­den nach Per nahe gelegenen Insel.

Der Reiter setzte ihm sein Fährsystem auseinander, welches bewilligt und angenommen ward. Franyois und sein Herr setzten sich in das Boot; die beiden Pferde, deren Sättel man vorher abgenommen halte, wurden in's Wasser ge­zogen und schwammen, an den Zügeln festgehalten, hinter Der Fähre drein, welche an einem quer über Den Fluß gespannten Seile sich mit verzweifelter Langsam­keit nach Der Insel hinüber bewegte.

Wahrhaftig ! rief Der Muscadin, sollte man nicht glauben, dieser Rachen hätte ein Linienschiff zu schleppen?

Endlich erreichte man die Insel. Die beiden Pferde, naß wie Seehunde, wurden mittelst großer Krautbündel abgewischt und Franyois wie sein Herr schwangen sich wieder auf den Sattel. Die Fähre bewegte sich nach dem linken Ufer der Loire zurück.

Mein Herr, wagte der ehrliche FranyoiS sich zu erkundigen, mein Herr kennt wahrscheinlich den Weg?

ES scheint so, Bürger Bedienter, antwortete sein Herr.

Und mein Herr kennt unzweifelhaft schon das Ziel dieses Rittes?

DaS Ziel? versetzte der Muscadin. Wer hätte nicht ein Ziel in der Welt?

Freilich! antwortete Francois nicht ohne Verlegenheit. Aber wenn mein Herr mir die Ehre erzeigen möchte, mir zu sagen . .

Befreiter Sklave! sagte der Reiter; glücklicher Sterblicher, der sich im vollsten Umfang seiner Menschenrechte erfreut, worüber beklagst Du Dich denn?

Augenscheinlich wollte sein Herr ihm das Ziel seiner abenteuerlichen Pläne verbergen.

Eine seltsame Idee durchkreuzte FranyoiS' Gedanken.Wie, wenn mein Herr gar fein Ziel hätte?" sagte er sich.

Sein Herr hatte jedoch ein Ziel, wie FranyoiS sich nach einem zehn Mi­nuten lang andauernden Galopp über die Wiesen überzeugt sah.

In einer kleinen Bucht am südlichen Ende stand aus einer von italienischen Pappeln und hohen Weiden umkränzten Landzunge ein kleines Haus, welches von einem Fischer bewohnt zu fein schien. Ein Garten lag vor dem Hause. Netze trockneten am Strand in der Sonne.

Es muß hier sein, sagte Der junge Reiter zu Francois. Steig ab, gib mir den Zügel Deines Pferdes und bitte für einen Reisenden um ein Nacht­quartier in diesem Hause.

Man wird mich nach dem Namen des Herrn fragen, bemerkte der um­sichtige Franyois.

Versteht sich! antwortete der Reiter. Melde den Bürger Chateauneuf, der seiner Gesundheit willen und zu seinem Vergnügen reist.

Ab so, schmunzelte Franyois, der Name, welcher im Paß meines Herrn steht.

Allerdings. Und merke Dir wohl, befreiter Sklave, daß Du mir nie in Deinen Antworten die gehörige Würde vergissest! Deine Menschenrechte wur­den Dich nicht vor meinem Rechte, Dir den Laufpaß zu geben, beschützen. In früheren Zeiten hätte ich Dich mit der Reitpeitsche gezüchtigt; andere Zeiten, andere Sitten!

Franyois kannte den Humor seines Herrn, welchen er beiläufig sehr liebte; er beeilte sich zu gehorchen, indem er heimlich über Die sonderbare Mission lachte.

Wir begleiten ihn nicht in's Haus, sondern erwarten ferne Rückkehr.

Zehn Minuten später erschien er wieder mit einem jungen Manne von sehr gutem Aussehen, obwohl derselbe mit einer weiten Leinwandhose und einer Art Schifferjacke bekleidet war.

Der neue Ankömmling näherte sich dem Burger Chateauneuf, welcher noch

immer zu Pferde saß und seinen breitkrämpigcn Strohhut abnehmend, grüßte er ihn respektvoll.

Diese Höflichkeit erwiederte der Reiter nur durch ein Kopfnicken, indem er eine Jagdmelodic vor sich hin pfiff.

Franyois hatte mittlerweile das Pferd aus der Hand seines Herrn in Empfang genommen, welcher jetzt abstieg, und der Diener führte die beiden Pferde zum Hause. In diesem Augenblicke ergriff der Bürger Chateauneuf den Arm des Schiffers, zog ihn beiseite und schlug, sich plötzlich vor ihn hinstellend, ein lautes Gelächter auf.

O Himmel! rief jener aus. Sie hier? Sie! Wie hängt das zu­sammen ?

Es scheint, Hauptmann, erwiederte der Cavalier, daß Sie mich durch­aus nicht erwartet haben. Ich bin es Sie müssen sich schon darein finden.

Sie! wirklich Sie! versetzte der Fischer. Und in welcher Abficht?

Glauben Sie, daß ich herkomme, um Sie der Polizei in die Hand zu liefern?

O, fern sei mir ein solcher Gedanke! Ich kenne Sie ja, aber diese Verkleidung . . .

Ist für den Zweck meiner Reise sehr nützlich, Hauptmann.

Und diese Reise? fragte Der verwunderte Schiffer.

Diese Reise, versetzte Der Cavalier, ist Die Ursache dieser Verkleidung.

Seltsamer und entzückender Charakter! rief der Fischer aus. Sie sind ein unbegreifliches Wesen!

Sagen Sie lieber: ein unbegriffenes, Herr Hauptmann. Aber ich werde mich bemühen, verständlich zu sein. Zuerst also: bewohnen Sie allein dies Haus?

Nein, aber gegenwärtig bin ich allein. Kommen Sie, ruhen Sie sich ans und nehmen Sie eine Erfrischung an.

Haben Sie Wildpret, Geflügel, frische Eier, Hauptmann? fragte der impertinente Cavalier. Over wollen Sie mich etwa mit Fischen abspeisen, wie einen Eskimo, und mich mit Flußwaffer tränken, wie einen Bison?

Kommen Sie, kommen Sie, mein lieber Freund Chateauneuf. antwor­tete der Hauptmann, ihn in sein Hans ziehend.

Wir wollen keinen Versuch machen, diese Fischerhütte zu beschreiben, welche im ganzen allen ähnlichen Behausungen glich. Wir beeilen uns lieber, unserem Leser zu sagen, daß der Fischer, von welchem wir reden, der Hauptmann Rey- mond ist, dessen Spur wir so lange verloren haben. Was den Bürger Cha- teauneuf, diesen muthwilligen Muscadin, anbelangt, so wird man ihn an seinem griechischen Profil, seinen großen schwarzen Augen, seiner graziösen Haltung, seinem zartgemeißelten, in Reitstieseln vergrabenen Fuße, und vor Allem an seiner reizenden Unverschämtheit sehr leicht erkannt haben.

Es war Coraly.

Wie und weßhalb hatte das seltsame Mädchen diese gefahrvolle Reise und in einer solchen Verkleidung unternommen ? Das wird sie Dem verehrten Leser im Verlauf unserer Erzählung wahrscheinlich besser sagen, als wir es vermöchten.

Das Gastzimmer im untern Stock war Die Küche. Der Hauptmann trug mit Francois' Hülfe auf einem einfachen Tische alles auf, was die Speisekam- wer zu bieten vermochte. Eine Flasche trefflichen Gravesweines mußte Die Fru- galität des Mahles ersetzen.

Man wollte plauDern. Selbst FranyoiS würbe fortgeschickt. Er ging zu

Den Pferden.

Coraly, welche wir hinfort jedoch den Muscadin Chateauneuf nennen wer­den, hatte ihn beauftragt, vor Dem Hause Wacht zu halten und sie zu benach­richtigen, sobald sich Jemand nähere. Sie hatte dazu ihre Grunde.

Vor Allem, Hauptmann, fragte Der Bürger Chateauneuf, was ist aus

Sultan geworden?

Er befindet sich in einem guten Stall, ganz hier in der Nähe, antwor­tete der Hauptmann. Er hat Stroh bis an die Knice und Hafer nach Belie­ben, aber er langweilt sich wie ein Schmeerbauch und verkommt wie e,n

Faulpelz.

(Fortsetzung folgt.)