Aeikage zu Mr. 70 des Kreiener Mnzeigers.
Feuilleton.
Das Testament des Großonkels.
(Schluß).
„Zweitens verlange ich, daß mir Ihr Haus offen sei. Glauben Sic nicht, daß ich bei Ihnen zu wohnen wünsche; ich verlange nur dasselbe Recht, welches mein Bruder auch genießt. Ich will das Recht haben, meine Mutter zu jeder Zeit besuchen zu dürfen, und verlange, daß mir von allen Bewohnern des Hauses die Achtung zu Theil werde, die dem Sohne meiner Mutter geziemt.
„Drittens verlange ich in den Stand gesetzt zu werden, ein Geschäft anzufangen, wie mein Bruder, denn cs ist nicht mehr als Recht und billig, daß ich dafür entschädigt werde, daß mein Bruder in den Besitz der alten Firma ge- kommen, die schon allein ein Kapital werth ist."
„Dein Bruder hat diese Firma nicht von mir geschenkt bekommen, sondern von Deinem Onkel geerbt."
„So wird der Onkel mir gleichfalls schon etwas dagegen vermacht haben- Doch jetzt hören Sic auch, wozu ich mich verpflichten will. Alle diejenigen' welche mit um dieses Geheimniß wissen, werden schweigen und man wird den Artikel in der Zeitung als einen Jrrthum dahin berichtigen, daß ich beim Baden einen Krampf bekommen und vom Strome fortgerissen in Vie Nähe eines Bootes kam, dessen Ruderer mich auffischten. Die Wunde am Kopfe läßt sich leicht durch das Anstoßen an einen im Wasser treibenden Balken erklären, und damit wäre mein Bruder aller Verantwortlichkeit überhoben !"
»Sollte der alte Onkel ein Testament gemacht haben, woran ich nicht zweifle, daß cs sich in Ihren Händen befinden wird, so will ich mich verpflichten, von diesem Testamente zu Ihren Lebzeiten keinen Gebrauch zu machen. Mögen dessen Bestimmungen sein, welche sie wollen, Sie sollen unumschränkte Eigenthümerin des ganzen Vermögens bleiben, und die Welt soll glauben, daß Sie das was Sie für mich thun, aus reinem mütterlichen Pflichtgefühl thun; die Welt soll sagen, daß Sic ein Muster aller Mütter sind, daß Sie den ungerathencn, verlorenen Sohn verzeihend wieder in Ihre mütterlichen Arme aufnehmen."
„Drittens wünsche ich, daß Sie einer Verbindung zwischen meiner Schwester Eveline und meinem Freunde Perry Myers--"
„Das geht zu weit," unterbrach ihn Mad. Gratman, „meine Tochter hat nur mir zu gehorchen gelernt, und wird nie eine Verbindung schließen, in welche ich nicht willige."
„Sie werden in diese Verbindung willigen, Madame, oder Eveline selbst, die bis jetzt noch nichts von unseren Geheimnissen weiß, wird in den nächsten Augenblicken davon in Kenntniß gesetzt werden. Ich wünsche, Sie dazu zu veranlassen, daß selbst Eveline mich sür den ungcrathenen Sohn, und Sie für das Muster aller Mütter halten soll. Sie wissen, daß kein Kind seiner Mutter mehr ergeben sein kann, als Eveline es Ihnen ist. Dadurch, daß Sie in diese Verbindung willigen, werden Sie sich für immer EvelinenS Herz sichern, und sich eine Tochter bewahren, die mit kindlicher Liebe bis an das Ende Ihrer Tage über Sie wachen wird. Ich denke, Sie willigen ein, Madame?"
„Ich gebe auch dies zu, mein Sohn, — bist Du jetzt zu Ende?"
„Das ist Alles, Mutter, und wenn Sie mir alle diese Bitten gewährt haben, wird es nur von Ihnen abhängen, für die Zukunft in mir einen kindlicheren Sohn zu finden, als Sie bis jetzt in Ihrem würdigen Harri gefunden haben."
„Sie brauchen jetzt Perry Myers und Evelinen von dieser unserer Unter- redung durchaus nichts merken zu lassen, er ist mit Allem bekannt, und ihr ge- genüber wird sich das Geheimniß morgen oder übermorgen schon besser aufklären."
»Wann soll ich Dich in meinem Hause erwarten?" fragte Mad. Gratman ihn kalt.
„Das hängt ganz von Ihnen ab, Mutter. Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen so bald, oder so oft, oder zu lange lästig fallen werde. Ich überlasse cs Ihrer Weltklugheit und Ihrem Takt, eine Gelegenheit herbeizuführen, wo
Sie dem Publikum, welches sich in Ihren Kreisen bewegt, die Meinung aufdrängen können, daß Alles zwischen uns gütlich und freundschaftlich ausgeglichen sei." „Du sollst in einigen Tagen, vielleicht schon morgen von mir hören, John.
Lebe wohl."
Und Mad. Gratman erhob sich und verließ das Zimmer.
Am folgenden Tag brachten die Abendblätter New-Iorks folgende Neuigkeit: Glückliche Rettung. Wir freuen uns, die vor einigen Tagen irrthüm- lich mitgetheilte Nachricht von dem Ertrinken des Herrn I. W. Gratman dahin berichten zu können, daß derselbe entweder von einem Krampfe befallen, oder was wahrscheinlicher ist, durch den Stoß seines Kopfes gegen einen im Wasser treibenden Balken oder Baumstamme besinnungslos gemacht, dem Ertrinken nahe war, jedoch glücklicher Weise von einem Boote aufgefischt wurde. Man fürchtete einige Tage für sein Leben, doch ist derselbe jetzt außer aller Gefahr. Der An- sicht, derselbe habe mit seiner Familie auf gespanntem Fuße gelebt, kann am Besten dadurch widersprochen werden, daß, wie wir aus erster Quelle mittheilen können, auf die erste Nachricht dieses Unglücksfalles seine Mutter und Schwester sofort zu ihm eilten und ihm alle die Sorgfalt und Pflege angedeihen ließen, die ein Mensch unter solchen Umständen nur verlangt."
Und am andern Tage war Mad. Gratman's Salon von allen denselben Leuten gefüllt zum Glückwünschen, die wenige Tage vorher gekommen waren um ihre Beileidsbezeugungen zu erklären.
* *
Vierzehn Tage waren verflossen, John war gänzlich wieder hergestellt, nur eine große breite Narbe, die jedoch sein Gesicht nicht entstellte, war an seinem Kopfe und an der Seite der Stirne zurückgeblieben. Es war einer der schönsten Sommerabende, die man noch gehabt; die sämmtlichen Fenster des Gratman'- schen Hauses waren offen und hell erleuchtet; der Vorübergehende konnte ein buntes Gewirr von Herren und Damen verschiedenen Alters an den Fenstern sich vorüberbewegen sehen. Doch nicht Harri machte die Honneurs des Hauses, derselbe war vielmehr in höchst vringenden Geschäfisangelegenheiten nach Havana abgereist; dagegen war es John, der, seine Mutter am rechten und Dcliah am linken Arme führend, seiner jüngeren Schwester Eveline zu Ehren, die heute ihr Verlobungsfest mit Perry Myers feierte, heute den freundlichsten und liebenswürdigsten Wirth machte, so daß sämmtliche Anwesende der Meinung wurden, es könne zwischen ihm und seiner Mutter nie die geringste Disharmonie stattgefunden haben.
Selbst Mad. Gratman schien von milderen Gefühlen durchdrungen zu wer- den, dann und wann zeigte sich ein Lächeln in ihren kalten, eisernen Zügen, und als sie scheinbar absichtslos ihres Sohnes Schritte in den Garten zu dem uns bekannten Kiosk geleitet hatte, wo sie ungestört von dem im Salon herrschenden Gewimmel waren, zog sie ein uns gleichfalls bekanntes Dokument aus der Tasche, welches sie John mit den Worten überreichte:
„Hier, mein Sohn, ist das Testament Deines Großonkels."
„Ich danke Dir, Mutter," und ohne es aufzuschlugen und zu lesen, überreichte er es Deliah, mit den Worten:
„Erlaubst Du mir, Deliah, daß ich Dir ein Geschenk mache?"
„Aufbewahren will ich es Dir," erwiederte sie, „denn als.Geschenk es anzunehmen, habe ich noch kein Recht."
„Und werden Sie dieses Recht nie bekommen?" fragte Mad. Gratman.
„Vielleicht mit der Zeit," antwortete sie lächelnd, „wenn wir uns sämmt- lich besser kennen gelernt haben."
„Und jene Manuscripte, hast Du sie bei Dir, mein Sohn?" fragte Mad. Gratman.
„Sie sind in meinem Zimmer, Mutter, wollen wir hinaufgehen, sie stehen zu Deinen Diensten."
Und wenig Augenblicke nachher war das kleine rothe Büchelchen in einen Haufen schwarzer Asche verwandelt und bis jetzt hat noch kein Mensch Etwas über seinen Inhalt erfahren.
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PoL itis eh e M n n d s ch sr u
Gießen. (Sitzung des G e m e i n d e r a t h s vom 11. 3uni.) Der Gemeinverath beschließt, dem Bittsteller W. Bianck das gewünschte Gelände unter dem Lutherberg unter folgenden Bedingungen zum Bau zu überlassen: 1) für die m - Klafter ist 1 fl. zu zahlen; 2) das Gelände wird dem Käufer den 1. März 1869 übergeben und muß binnen drei Jahren von heute an mit einem entsprechenden Hause verbaut resp. zu einem Garten angelegt werden; 3) der Käufer hat sich mit den Pächtern des Geländes bezüglich der Ansprüche, die denselben aus dem Pachtvertrag zustehen, zu benehmen; 4) fämmt- liche Kosten der Verbesserung zu tragen und 5) we- gen der Erfüllung seiner Verbindlichkeiten eine Summe von 1000 fl. sofort zu dcponiren.
Der von den Ferber'schen Erben vorgeschlagene Vergleich wurde vom Gemeinderath mit dem Anfügen acceptirt, daß zu dem Kaufobject (Haus auf dem Markt gelegen) auch der Hof, das Gärtchen und der Hintcrbau mit Grund und Boden gehörten, und daß die Prozcßkosten, welche die Stadt gehabt, von jenen zurückzuerstatten seien. Hierüber soll alsbald ein förmlicher Vertrag ausgestellt werben.
Dev Gemeinverath will unter den obwaltenden Verhältnissen der abgehaltenen Lohrinbenversteigerung seine Genehmigung ertheilen, die Großherzvgl. Obcr-
försterei aber benachrichtigen lassen, daß für die Folge kein Lohholz mehr gefällt werd-n soll.
Zur Fortsetzung der Anfertigung des städtischen Bauplans wird der weitere Kostenbetrag von 133 fl. 21 ft. für den betreffenden Geometer zur Zahlung genehmigt.
Zur Prüfung der uneinbringlichen Ausstände der Stadtkaffe wurden die Gerneinderathsrnitglieder Berg und Weieig ernannt.
Der Gemeinderath ist mit dem Vorschlag der kirchlichen Behörde, die Turnhalle während der Restauration der Stadtkirche zum Gottesdienst zu benutzen, einverstanden.
Der Gemeinverath billigt die Abgabe der Holznummern 6901, 6855, 6902 und 7337 im Taris- preise zur Anlage der Telegraphenlinie „Frankfurt a. M. — Hanau — Gelnhausen."
Der Gemeindcrath beschloß, das gegen H. Becker angetretene Bewcisversahren fortzuführen, und die eingezogenen 150 fl. der Stadtkasse zuzuweisen.
Die übrigen Beschlüsse betreffen Angelegenheiten persönlicher Art.
Darmstadt, 10. Juni. Die Frage, wohin Garnisonen unserer hessischen Armee-Division zu verlegen seien, ist nun definitiv erledigt. Darmstadt, Offenbach, Worms, Gießen, Friedberg und Butzbach
behalten ihre bisherige Garnison; nur Gießen erhält ein vollständiges Infanterie-Regiment, und zwar das zweite, während nach Friedberg und Offenbach je ein Jäger-Bataillon kommt. Die Kriegsstärke unserer hessischen Division, welches die 25. Division vcS norddeutschen Bundeshceres bildet, beträgt 15,000 Mann und 5000 Mann Reserve.
Worms, 7. Juni. Bei der evangelischen Geistlichkeit circulirt dermalen eine Petition an die Staats- regicrung zur Unterschrift. Darin wird balvmvglichste Aufhebung der Spielhölle in Nauheim und sofortiges Verbot, an Sonn - und Feiertagen verlangt. — Wie man vernimmt, will Vie evangelische Gemeinde zu Hirschhorn ein Gesuch bei dem Bischof, von Mainz eingeben, ihr eine unbenutzte katholische Kirche in Hirschhhorn zum Gottesdienste zu ^überlassen. Bekanntlich ist das Umgekehrte von Seiten der evangelischen Kirchenbehörde unlängst in Nauheim mit großer Bereitwilligkeit geschehen. Es wird sich nun zeigen können, wer toleranter ist, der Bischof von Mainz oder der Prälat von Darmstadt I
Berlin, 12. Juni. Im Reichtage wurde der Antrag, den Bundeskanzler aufzusordern, einen Gesetzentwurf vorzulegen, wodurch das deutsche Han- delsgesetzbuch, die «llgemeine deutsche Wechselordnung, nebst der dazu gehörigen Novelle, als gemeinsame


