Politische Rundschau
Gießen. (Sitzung des Gemeinderaths vom 9. April 1868.) In Betreff der Eisenbahnen von Gießen nach Fulda und Gemünden wird von der nach Darmstadt entsendeten Deputation dahin Bericht erstattet, daß die nach Fulda zu bauende Bahn nicht von Lich abzwcige, sondern durch das Busecker Thal geführt werde. Eine betreffende Denkschrift mit einer Karte über beide Bahnen wird S. K. H. dem Großherzog übermacht werden. Zugleich wird der Stadtvorstand ersucht, bei der nächsten Hierher- kunft des Hrn. v. Erlanger und des GeneraldirectorS Vie nöthige Rücksprache zu nehmen. —
Ein Beschluß über das Gesuch des Vorstandes der Balser'schen Stiftung um Eröffnung der Straße am Hause der Frau Block wird ausgesetzt. ,
Der Gemeinderath erklärt, von der Bestimmung des Vertrags, wornach das Lanvwehrcommando die Wohnungsräume in einem der Wachthäuser am Wall- thor wieder in demselben Zustande zurückliefern soll, wie es sie übernommen, abgehen zu wollen, wenn statt 140 fl. 150 fl. Jahresmiethe gezahlt werden.
Unter der Voraussetzung, daß Forstwart Hahn für die Stelle im Fernewald bestätigt und dem Verkauf des Ackers daselbst die Genehmigung ertheilt wird, bestätigt der Gemeinderath die abgehaltene Ver-.eigerung.
In Betreff des Anstrichs und der Ausschmückung der Stadtkirche geht der Voranschlag nochmals zur Ergänzung an den Sachverständigen zurück.
Den Rest der Sitzung nehmen verschiedene Be- schlüffe über rein persönliche Angelegenheiten in Anspruch.
Gießen, 14. April. Heute ist dahier die Eintragung der Actiengcsellschaft Erlanger und Compagnie für den Bau und Betrieb der beiden oberhessischen Eisenbahnen in das Firmenregister der Stadt und des Kreises Gießen aus dem Stadtgerichte zu Gießen vollzogen und damit erst die Actiengesellschaft gerichtlich durch Unterschrift der Betheiiigten constituirt worden. Anwesend waren Baron v. Erlanger und Sohn, Prinz von Weimar, Fürst von Isenburg, v. Bethmann, Cornelius u. s. w.
Gießen. Hinsichtlich der unlängst von uns ge- brachten näheren Beschreibung einer Taufhanvlung der Baptistengemeinde zu Köln, daß in Folge des TaufacteS ein Mädchen gestorben sein soll, geht uns von dorther Vie Mittheilung zu, daß keines der Gelausten gestorben ist, sondern alle sich des besten Wohlseins erfreuen.
Büdingen, 2. April. Das durch dieses Blatt angekündigte öffentliche Examen des hiesigen Handels-Lehr- Jnstituts wurde am 31. März und 1. April d. I. im hiesigen RathhauSsaale abgehalten. Das Eramen wurde durch eine Rede, deren Inhalt mit dem Zweck und Streben des Instituts eines Weitern sich verbreitete, durch den Direktor, Herrn Ottensoser, eröffnet.
Mit wahrhafter Bewunderung und mit angenehmer Ueberraschung sah man die Fertigkeit der Zöglinge in allen Disciplinen, namentlich im Französischen und Englischen, in Geschichte, Geographie, Mathematik u. s. w. Nur ein tüchtiges und fleißiges Leh- rerpersonal konnte in so kurzer Zeit so bedeutende Fortschritte erwirken. Man merkte in Allem, namentlich an dem lebendigen und begeisterten Wesen der Zöglinge, daß in dieser Schule eine ausgezeichnete Unterrichtsmethode herrschen muß, welche jeden Unterrichtsgegenstand interessant zu machen weiß.
Gestern Nachmittag bot der Actur dem überaus zahlreich versammelten Publikum sehr genußreiche Stunden. Sogar Se. Durchlaucht der Herr Fürst, die Durchlauchtigste Frau Fürstin Mutter bezeichneten durch Höchstihre Gegenwart das Interesse, welches Höchstsie für diese Anstalt haben. Indessen die sämmtlichen Vorträge sowohl in deutscher, als in französischer, wie in englischer Sprache und die Musikproductionen wurden mit einer gewissen Präci- sion und Sicherheit so ausgeführt, wie man es von Kindern solchen Alters gar nicht erwartet.
Herr Director Ottensoser, welcher mit größter Umsicht und Energie das Institut begründet und leitet, hat in seiner Schlußrede, welche mit großer Befriedigung ausgenommen wurde, Rechenschaft über seine bisherige Handlungsweise öffentlich abgelegt, und es ist Pflicht eines jeden Schulfreundes, diese Anstalt bestens zu unterstützen.
Möge dieselbe zum Nutzen der Stadt und zum Segen der zu bildenden Jugend weiter emporblühen.
(B. A.)
Darmstadt, 11. April. Das heute erschienene Regierungsblatt Nr. 18 enthält:
I. Gesetz, die Höhe der Einzahlungspflicht bei Actien-Gesellschaften, welche den Bau und Betrieb von Eisenbahnen zum Gegenstände haben, betreffend
II. Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen, die amiliche Benennung der Haupt- laatskaffe betreffend.
Zufolge Allerhöchster Bestimmung Seiner Königlichen Hoheit des Großhcrzogs hat die Großherzogliche Hauptstaatskaffe künftighin die amtliche Benennung „Hauptstaatskasse-Direction" zu sichren.
III. Zusammenstellung der Ergebnisse der Staats- chulven-TilgungSkasse-Rechnung für 1864.
IV—X. Bekanntmachungen Großherzogl. Commission für Post-Angelegenheiten.
Die zwischen Alzey und Odcrnheim bestehende Person en post ist mit dem 1. d. Mts. aufgehoben worden, dagegen wird vom gleichen Tage an eine zweispännige viersitzige Personenpost zwischen Alzey und Alsheim über Odernheim unterhalten. Die Personenbeförderung bleibt vorerst auf die Zahl der Plätze des Courswagens beschränkt.
Auf der Straßenstrecke zwischen Lauterbach und Schlitz, am Einschnitt des Weges nach dem Hose Sassen, ist vom 26. März an eine Personen- Annahmestelle errichtet worden.
In Ober-Gleen, an der Wohnung des Wirths Jacob Ruppert, ist eine Personen-Annahme- stelle errichtet worden, von welcher ab in dem durchpassirenden Lauterbach-Kirchhainer Postwagen oder in den dazu gehörigen Beichaisen, soweit noch Plätze frei sind, Reisende Aufnahme finden können.
Auf der Straßenstrecke Brensbach-Groß -Bieberau, an der Mühle bei dem Straßeneinschnitt nach Wersau, ist eine Personen-Annahmestelle für die vorüberfahrenden Postwagen errichtet worden.
Zwischen Grünberg und Butzbach ist eine Personenpost eingerichtet worden, für welche an den Postorten Grünberg, Lich, Butzbach unbeschränkte Personen-Annahme stattfindet, an den als Haltestellen bestimmten Orten zu Griedel, Gambach, Ober-Hör- gern, Eberstadt (Straßen-Einschniit nach), Arnsburg, Rieder-Bessingen, Horftenburg und Münster aber Reisende Beförderung nur so weit erhalten können, als noch Plätze in den Post - oder Beiwagen frei sind.
Die Personenpostverbindung zwischen Gießen und Lich hat die Ausdehnung bis Nidda erhalten, und ist die Personenannahme bei den Poststellen Gießen, Lich, Hungen, Ntdva unbeschränkt.
An Stelle der Personenpostfahrten zwischen Nidda und Ortenberg ist eine tägliche Personenpost. Verbindung zwischen Büdingen, Ortenberg und Nidda hergestellt worvcn.
XI. Uebersicht der für das Jahr 1868 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Communalbe- dürfniffe in den Gemeinden des Kreises Grün berg.
XII. Uebersicht der für das Jahr 1868 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Bedürfnisse der israelitischen Religionsgemeinden des Kreises Schotten.
XIII. Uebersicht der für das Jahr 1868 genehmigten Umlagen zur Bestreitung der Bedürfnisse der israelitischen Religionsgemeinden des Kreises Nidda.
XIV. Uebersicht der für das Jahr 1868 geneh- migten Umlagen zur Bestreitung der Bedürfnisse in den israelitischen Religionsgemeinden des Kreises Alsfeld. (Schluß folgt.)
Darmstadt. Nachdem der hessische Obrist Hartmann, welcher mit einem Handschreiben des Groß- Herzogs nach Berlin gegangen, am Freitag nach Darmstadt zurückgekehrt war, traf am Samstag dort der General-Adjutant des Königs von Preußen, Ge- neral v. Bonin, nebst Gefolge ein. Wie nun die „Hess. Lndsztg." vernimmt, übernimmt Prinz Ludwig das Divisionscvmmanro wieder, Oberst v. Jungenfelv wird Kriegsminister und Prinz Heinrich würde an dessen Stelle die Reiterbrigade führen.
Darmstadt, 14. April. Der Director des Kriegsministeriums v. Grolman ist in Folge der stattgefundenen Differenzen als General-Lieutenant in den Pensionsstand getreten. Der preußische General - Adjutant von Bonin bleibt einige Zeit hier. (Fr. I.)
Darmstadt, 14. April. Zuverlässiger Mittheilung zufolge ist Vie Aufhebung des Gr. Kriegs- Ministeriums nunmehr beschlossene Sache und soll an dessen Stelle eine Verwaltungsbehörde von sehr vereinfachter Organisation, eine Militärintenrantur unter der Leitung des bereits seit dem Feldzug von 1866 in Vieser Branche thätigen Majors Dornseiff, neben welchem noch zwei Reserenteu Anstellung finden würden, treten. General v. Bonin inspicirte heute Vormittag das 3. Infanterieregiment und eine Fußbatterie, wobei sich ein Eingehen in die minutiösesten
Details bemerklich machte. Gegen Mitttag wurden die Kasernen besucht. Die Inspektion der Reiterei, Pionniere und der Trainabtheilung ist für morgen Vormittag in Aussicht genommen.
Berlin. Die „Kreuzztg." schreibt: „Die süd- deutschen Staaten haben bekanntlich an die Präsi- dialregierung des norddeutschen Bundes Anträge dahin gerichtet, eine gemeinsame Freizüzigkeit 'ür ganz Deutschland, genau nach den Prin- cipien, welche für das Gebiet des norddeutschen Bun- des zur Geltung gelangt sind, auf dem Wege der Vertragsschließung mit den einzelnen süddeutschen Staaten herzustellen. Die stattgehabten Vorbespre- chungen haben nun zu dem Vorschläge geführt, daß die Verträge mit der ausdrücklichen Klausel abge- schlossen würden, daß etwaige Aenderungen, die sich für den norddeutschen Bund auf dem Gebiete der Freizügigkeitsgesetzgebung während der Vertragspe- riode als nothwendig oder wüuschenswerth heraus- stellen sollten, ohne Weiteres und ohne Rücksicht auf die Verträge mit den süddentschen Staaten sollen getroffen werden können. Ein Abschluß der Ange- legenheit auf dieser Grundlage kann als gesichert betrachtet werden."
Berlin. Der „Deutschen „Allg. Ztg." wird aus Thüringen geschrieben: „Obwohl Dementi'S erfolgen werden, kann ich Ihnen doch als zuverlässige Nachricht mittheilen, daß in Kürze zwischen einigen thüringischen Kleinstaaten und Preußen Acces- sionsvertrags-Unterhandlungen beginnen werden. Die finanzielle Lage einiger dieser Kleinstaaten ist derart, daß selbst bei den größten Einschränkungen ein Fort- bestanv in der bisherigen Weise nicht möglich ist. In einigen Monaten werden bestimmte Thatsachen diese Angaben bestätigen."
Berlin, Der Postvertrag mit der Schweiz ist am 11. April von den Bevollmächtigten des nord- deutschen Bundes, Baierns, Württembergs, Badens und der Schweiz unterzeichnet worden.
Berlin, 13. April. Der Kronprinz und die Kronprinzessin begeben sich morgen früh nach Gotha. Der Kronprinz reist Donnerstag nach Italien; die Kronprinzessin bezieht nach lOtägigem Aufenthalte in Gotha das Palais in Potsdam.
Herborn, 2. April. Auf den heutigen hiesi. gen Markt wurden gebracht; 347 Ochsen, 222 Kühe und Rinder, 716 Schweine. Der nächste Markt ist a n 20. April l. I.
Hamburg. In Folge eines Conflictes zwischen zwei preußischen Offizieren unserer Garnison und einigen Jägern vom- Bürgcrmilitär bei Gelegenheit eines größeren Brandes in der Altstadt, woselbst die Jäger eine Straße gesperrt hatten und die Offiziere nicht passiren lassen wollten, hat das Bürgermilitärcommandy die Ordre erlassen, Vie Offiziere unserer Garnison bei Bränden rc. überall frei vurchpassiren zu lassen. Nur der energischen Inter- vention des Chefs unserer Polizei, des Dr. Petersen, gelang cs, die beiden Offiziere, gegen welche die umstehende Volksmenge Partei ergriffen hatte, vor Mißhandlungen zu schützen.
Hamburg, 5. April. In der deutschen See- mannsschuie ans Steinwärder wurde gestern die von patriotischen Hanauern ausgesetzte Prämie, welche jedesmal am 5. April, als dem Jahrestage von Eckernförde, dem besten Schüler der Anstalt ertheilt werven soll, dem Seemannsschüler Wilhelm Pfeiffer aus Mannheim zuerkannt und demselben von den Directoren der Anstalt in Gegenwart sämmtlicher Zöglinge, wie der Angestellten ein nautisches Werk als Prämiengeschenk überreicht. (H. N.)
Paris. In der Osterwoche wirbelten hier die Kriegsgerüchte in der Luft, wie in Deutschland die Schneeflocken. Der dänische Kriegsminister hat sie aufgewirbeit, er zog drei Tage lang von einem Minister zu dem andern und wurde von dem Marschall Niel, dem Kriegsminister, am freundlichsten ausgenommen. Unter den Pariser Zeitungen entbrannte ein heftiger Kampf, ob ein Krieg nahe sei, keine weiß Sicheres zu sagen. Im Vorzimmer des Kaisers traf Prinz Napoleon den Kriegsminister mit vielen Generalen. Meine Herren, sagte er, wozu so viele Soldaten? Deutschland will Frieden! — Niel antwortete: Der Friede, Prinz, wird nicht ewig dauern, und um Krieg zu führen, wird Frankreich niemals einen günstigeren Augenblick finden, als den gegenwärtigen. — Man weiß, daß Niel bei dem Kaiser viel gilt, aber die Wage gibt der Kaiser trotzdem nicht aus der Hand.
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.


