Das Testament des Großonkels.
Drittes Kapitel.
(Fortsetzung)
„Wohlan, so lassen Sie Alle warten, die kommen und nach mir selbst fragen sollten, in höchstens zwei Stunden bin ich wieder da. Schicken Sie mir Welsley!"
Der Gehülfe ging und eine Sekunde nachher stand Welsley vor seinem Lehrer. Welsley war ein noch junger Mann, doch von scharfen, ausgeprägten, ja fast geschnittenen Zügen, dessen unstäter, zuckender Blick auf einen vorwärts strebenden ehrgeizigen Geist schließen ließ.
„Welsley," so begann Veerenborg, „ich bin früher von Washington zurück, als ich lachte, doch Alles ist gelungen, der große Schlag wird vorbereitet und der Erfolg kann uns nicht fehlen; doch darüber ein anderes Mal. Vor Allem jetzt dieses Plamphlet gegen den ruchlosen H. unter das Publikum, damit wir dem Umsichgreifen seines hochverräiherischen Buches einen Damm entgegensetzen. Ich habe diese Noten in Washington gemacht, sie sind lateinisch, nehmen Sie dieselben und machen Sie sich gleich daran, ich wünsche, daß das ganze Buch lateinisch geschrieben werde, denn Vieles, was Sie in der Muttersprache nicht sagen, nicht einmal andeuten dürfen, weil das Buch Weibern und Kindern in die Hände fallen und ihr SittlichkeitSgesühl verletzen könnte, kann Jnvcnal und Persius austischen. Kann ich bis heute Abend das Manuscript in meiner Privatwohnung haben?"
„Auf jeden Fall, Ew. Ehren." —
„Sehr wohl, Welsley, schonen Sie die Republikaner nicht, und jetzt machen Sie sich an die Arbeit."
Welsley ging und Veerenborg nahm die sämmtlichen noch nicht gelesenen Briese zu sich, und verließ das Bureau, stieg in seinen unten vor der Thür auf ihn wartenden Wagen und befahl seinem Kutscher, sogleich nach dem Grat- man'schen Hause zu fahren. Dieser, der seinen Herrn kannte, war bald, den Broadway und andere gedrängte Straßen vermeidend, auf Nebenstraßen am Washington Square und von da war nicht mehr weit bis zum Ziele.
Mad. Gratman zog sich sofort mit Veerenborg in ihr Zimmer zurück.
„Er kommt, Veerenborg," begann sie, „er kann schon morgen hier sein."
„Weiß Alles, Liebe," erwiederle Veerenborg, „Ranzius hat mir geschrieben. Begreife, daß Ihnen das sehr unangenehm sein muß, können ihm jedoch nicht wehren, sich hier in New-Iork aufzuhalten."
„Das weiß ich selbst," erwiederte sie, „doch ich weiß auch, und Sie wissen es noch besser wie ich, daß es viele Mittel gibt, Jemanden, der uns hier überflüssig ist, von hier wieder zu entfernen."
„Und doch ist dieß nicht so leicht, werthe Frau, als sie glauben, denn Sie sehen z. B jetzt in diesem Falle, wie er uns trotzt. Er scheint sich dem Urtheil der Menschen aussetzen zu wollen. Gesetzt den Fall, Sie machten Gebrauch von seiner Erklärung."
„Er weiß nur zu gut, daß ich von derselben keinen Gebrauch machen kann; denn jedes Kind, Veerenborg, wird wissen, daß sie erzwungen war. Nein, Veerenborg das war kein guter Rath, den Sie mir damals gegeben haben. Er kehrte vor acht Jahren zurück aus dem Süden, er lebte mir hier zum Trotze, und trotzdem New-Iork groß ist und ihm dieses Haus verschlossen war, konnte ich doch nicht vermeiden, ihm hie und da zu begegnen. Meine Ruhe, mein Frieden bedingte seine Entfernung. Wir ließen ihn genau beobachten, und waren von all seinem Thun und Lassen unterrichtet. Was er den Augen der Welt zu verbergen wußte, daß es ihm nämlich nur mit Muse gelang die äußeren dehors aufrecht zu erhalten, daß ihm selbst der Aufenthalt hier zum Ekel gehörten, das wußten wir durch unsere Spione. Wochen und Monate lang hoffte ich, er werde sich an Sie wenden, doch nein, sein auigeblasener Hochmuth erlaubte diesen Schritt nicht, endlich waren wir gezwungen die Initiative zu ergreifen und er ging sofort auf Ihre Anerbieten ein. Als Sie wußten, daß er Alles zur Reise vorbereitet hatte, daß dieser Gedanke nach Europa zu gehen, schon so fest in ihm gewurzelt war, daß er denselben schon als ausgejührt betrachtete, denn wir hatten ihm schon Vorschüsse gemacht, — da endlich knüpften Sie an die Auszahlung der letzten Hauptsumme noch eine kleine Bedingung, und ließen ihn jene Erklärung unterzeichnen, welche, wie Sie mir damals sagten, fein Verbannungsurtheil enthielt, und die er nie in seinem Leben unterzeichnet haben würde, wenn Sie ihm dieselbe gleich zu Anfang vorgelegt hätten. Sie sehen jetzt, welche Früchte Ihr Rath getragen, denn ich kann nicht ein Mal Gebrauch von derselben machen."
„Ich glaubte damals in Ihrem Interesse zu handeln und hielt es für unwahrscheinlich , daß er je zurückkehren werte, zumal ich wußte, wie fürchterlich er mit sich zerfallen war. Ich hatte damals seine Dienstmagd bestochen und wußte, daß er starke Opiumdosen nehmen mußte, um sich Schlaf zu verschaffen, denn er schlief oft nicht in drei Tagen und Nächten. Er arbeitete zu Zeiten in einer Fabrik, blos um seinen Körper zu ermüden, um Schlaf zu bekommen, er suchte sich durch starke Getränke zu betäuben, um Schlaf zu bekommen, bis denn endlich nach drei bis vier schaflosen Nächten und Tagen seine Magd ihn ohnmächtig im Sopha fand und sein Arzt, Dr. Ioung, ihm dann belebende Medicinen geben mußte, um ihn wieder aufzurichten. Glauben Sie mir, er har sehr unglücklich, um so unglücklicher, da er Niemanden hatte, dem er sich anvertrauen konnte, und ich dachte mit Gewißheit, er werde, ein Mal im Be- sitz der Mittel, sein Vaterland zu verlassen, nie mehr in dasselbe zurückkehren."
„Sie sehen also, werthester Herr, daß Sie sich total geirrt haben, — welchen Ausweg werden Sic mir jetzt in Ihrer Weisheit angeben?"
„Wer weiß, weßhalb er zurückgekehrt ist? Kann er einen Wink über die Existenz jenes Testamentes bekommen haben?"
„Nie," erwiederte Madame Gratman rasch, „denn um dieses Geheimniß wissen nur Sie und ich."
„Wissen Sie sicher, daß Ihre Geheimnisse hier int Hause vor Ihrer nächsten Umgebung bewahrt sind?"
„In meinem Hause weiß Niemand Etwas von meinen Angelegenheiten, als ich allein. Daran ist nicht zu denken; er wird vielmehr gekommen sein, um durch seine blose Gegenwart sich neue Erpressungen zu erlauben; jetzt ist daher nur die Frage, wie wir ihn wieder los werden, und zwar auf immer."
„Ohne Geldopfer," antwortete Veerenborg bedächtig„und zwar ohne bedeutende Geldopfer sehe ich dazu keine Möglichkeit."
„Koste es, was es wolle," unterbrach ihn rasch Mad. Gratman, „ich zahle, wenn er nur Nichts davon bekommt, — ihm keinen Heller."
„Außerdem," fuhr Veerenborg gleichsam mit sich selbst redend fort, „muß die Sache so eingeleitet werden, daß wir, besonders ich mich nicht compromittire, denn ich muß meine Stellung berücksichtigen."
„Wer zu zahlen, und zu richtiger Zeit zu zahlen weiß," erwiederte Mad. Gratman, „eompromittirt sich nie, doch Sie werden schon ein Mittel gefunden haben, lassen Sie mich also nicht länger in der Erwartung."
„Wie gesagt, diese Operation wird viel kosten," fügte Veerenborg ruhig htuzu.
„Ich weiß, ich weiß," sagte Mad. Gratman, „wie viel verlangen Sie?" „Ich? Sehr wenig; — aber ich werde Auslagen haben, sehr bedeutende Auslagen. Zuerst bedarf ich eines Detective, um unseren jungen Freund von Morgen bis zum Abend, ja selbst bet Nacht nicht außer Augen zu lassen; denn ich muß jeden Schritt kennen, den er thut; jede Verbindung, die er eingeht; jede Bekanntschaft, die er anknüpft; damit ich im geeigneten Augenblick handelnd angreifen kann. Ich muß mich vollständig auf den Detective verlassen können und —"
„Sagen Sie gleich, wie viel Sie brauchen!" unterbrach ihn ungeduldig Mad. Gratman.
„Ich werde nur zuerst einer vorläufigen Summe bedürfen--"
„Und diese ist?" fragte sie rasch.
„Den Detective zu 30 Dollars täglich gerechnet, mit Nebenausgaben sagen wir für einen Monat 2000 Dollars."
„2000 Dollars! für einen Monat!" rief Mad. Gratman ans, „Veeren borg, das ist sehr viel!"
„Ich weiß, ich weiß!" erwiederte er in mitleidigem Tone, „wenn nur die unangenehme Geschichte mit dem Testament nicht wäre."
Mad. Gratman schien den Advokaten mit ihren großen schwarzen Augen durchbohren zu wollen, als Beider Blicke sich jetzt begegneten.
„Sie wollen mir drohen, Veerenborg," versetzte sie langsam, jedes Wort betonend, „doch ich weiß, Sie hassen ihn ebenso sehr wie ich, denn Sie werden ihm die Beleidigungen, die er Ihnen im letzten Augenblick seines Zusammensein« mit Ihnen in Gegenwart zweier Zeugen in's Gesicht geschleudert hat, nie vcr- gessen; — trotzdem bewillige ich Ihre Forderung und werde Ihnen sogleich ein Check ausstellen."
„Sie haben Recht," erwiederte der Advokat, „ich vergesse diese Beleidi- gungen nie, denn sonst würde ich 5000 Dollars monatlich verlangt haben."
Mad. Gratman, welche schon im Begriff war, den Check auszufüllen, sah den Advokaten noch einmal an und antwortete:
„Wozu sollen wir uns erzürnen, Veerenborg? Wir kennen uns zu gut, als daß wir nicht wüßten, wie weit wir Einer mit dem Andern gehen dürften. Hier," und sie füllte den Check aus, „hier ist die verlangte Summe, doch jetzt theilen Sie mir mit, welchen Plan Sie haben."
„Das hängt von den Umständen ab, liebe Freundin, doch hier haben Sie meine Hand, daß von dem Augenblicke an, wo fein Fuß New-Iork wieder betritt, er sich nicht feinem guten Engel überlassen hat."
„Ich verlasse mich auf Sic, und wenn Sie mir die Nachricht bringen," flüsterte sie, „daß ich ihn nicht mehr zu fürchten habe, so rechnen Sie auf meine ganze Erkenntlichkeit."
„Zählen Sie auf mich und leben Sic wohl."
Er stand auf und einen Augenblick nachher war Mad. Gratman allein.
Keine Falte trübte ihre Stirn, kein Gewissensbiß regte sich in ihrem Herzen. Es gibt Charaktere, denen die Allmacht in ihrer ewigen Weisheit zum Heile der Menschheit nur einen beschränkten Wirkungskreis gegeben, die aber, wenn das Schicksal ihnen, wie der Gattin des Augustus, einen Thron verliehen hätte, sich wie einst Caligula wünschen würden, daß das ganze Menschengeschlecht nur einen einzigen Kopf haben möchte, um ihn auf ein Mal abhauen zu können.
Viertes Kapitel.
Es war am 15. Juni 18—, als nach einer sehr kurzen und glücklichen Reise von ungefähr 10 Tagen der Dampfer „Persia", von Liverpool heimkeh- rend, sich dem Haftn von New-Iork näherte. Von allen den an Bord Befindlichen kann ein Einziger für uns nur von Interesse fein. Er stand ganz vorn an der äußersten Spitze des die Fluthen rasch durchfurchenden Dampfers, die Arme über einander geschlagen, das Auge weder zur Rechten noch zur Linken wendend, stets starr auf New-Iork gerichtet, als wolle er die Häusermassen mit seinen Blicken durchbohren, als wolle der Geist sich loSreißcn vom Körper, um unsichtbar mitten unter denen zu sein, an die er dachte. Er war groß und stark uno von männlichem Aeußeren, die Seereise schien ihm wohlgcihan zu haben, denn Gesundheit sprach aus seinen Zügen; sein Gesicht war eher ausdruckslos zu nennen, doch diese Auedruckslosigkeit wurde in Augenblicken, wie der jetzige, wo ein Gedanke seine ganze Seele mit aller Kraft erfaßt hatte, durch das aus ft neu Augen leuchtende Feuer gehoben und feine hohe Stirn wurde zum Sitz der Gedanken. Blondes Haar und blaue Augen verkündeten die anglofächsifche Abkunft; das bartlose Kinn verjüngte ihn um zcbn Jahre und die ihn nicht kannten, hielten ihn für einen Fünfundzwanzigjährigen. Sein Anzug war einfach, ein Reiftanzug von grauer Farbe, der Jahreszeit angemessen. Das war das Bild desjenigen, der feinen Namen in der Passagierliste als Charles Preston angegeben hatte.
Der Dampfer fuhr in den Hafen von New-Iork ein und hatte bald den für ihn bestimmien Pier erreicht. Die Offiziere des Zollhauses kamen an Bord und die Reisenden hatten jetzt jene niedrige Proeedur mit ihren Effecten durch- zumachen, die uns auch hier daran erinnert, daß die Administration nicht des Volkes wegen, sondern das Volk der Administration wegen da ist. Man schien dießmal den Koffern der Neuangekommenen eine ganz besondere Aufmerksamkeit zu widmen, denn selbst Die unschuldige Wasche wurde au« Der Tiefe Der Koffer hervorgeholt, um zu zeigen, Daß sie keine Diamanten und Rubinen enthalte.
Charles Preston schien dieses Treiben durchaus gar nicht zu beachten; zwei Kellner hatten ihm feine Koffer auf das Verdeck getragen, und hier faß er auf Einem desselben in tiefes Nachdenken versunken, theilnahmloS an Allem, was um ihn her vorging, bis endlich ein Zollhausbeamter ihn mit den Worten aus feinen Träumen weckte:
„Wenn es Ihnen gefällig ist, mein Herr, Ihre Koffer zu öffnen.'"
raortf. Mat.)___


