F e uil
Das Testament des Großonkels.
Drittes Kapitel.
(Fortsetzung)
Maria de Witt mochte 21 Jahre zählen; sie war von mittlerer Größe und von vollen, ja, fast üppigen Formen. Sie war eine junonische Gestalt vom vollkommensten Ebenmaße; ihr Antlitz hatte einen orientalischen Typus, Haar und Augen glänzend kastanienbraun, der ganze Ausdruck entschieden und energisch. In den Salons der Aristokratie würde sie gewiß eine Menge Bewunderer um sich versammelt haben, doch sie war blos die Tochter eines armen Bäckers, der seinen Laden unten in Greenwichstreet gehabt hatte. Hier, wo das Comptoir der Firma Fletcher und Drydeck sich befand, und wo Harri Gratman oft Gelegenheit gehabt hatte, sie zu sehen, hatte sie seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen; ihre Mutter war frühe gestorben und als ihr Vater derselben folgte, wurde es Harri leicht, das sechszehnjährige Mädchen zu einem Schritte zu bewegen, den, ein Mal gethan, es zu spät ist zu bereuen, der über die ganze Zukunft entscheidet. Harri hatte ja nur gethan, was Andere auch thaten, er machte die Mode mit, und beschwichtigte die nach kurzer Zeit wach werdenden Vorwürfe seiner Geliebten mit dem Trost, daß er sie einst heira- then werde. Er hatte ihr eine reizende kleine Cottage in der Nähe Hobokens gemiethet, wo sie ihm nach Verlauf eines Jahres einen Sohn gebar. Ein Jahr nachher starb der alte Drydeck, fein Großonkel, er übernahm selbst die Firma und da er gezwungen war, verwickelter Handelsgeschäfte halber nach Europa zu reisen, so übergab er die Führung seines Hauses seinem vertrauten Commis, und Buchhalter, Namens Jansen, der auf diesem Comptoir von unten auf gedient hatte und nachdem er denselben in sein Liebesverhältniß eingeweiht, nahm er Abschied von seiner Familie und Maria und trat seine Reise an. Die Geschäfte waren drüben verwickelter als er geglaubt, und seine Abwesenheit verzögerte sich um zwei Jahre, obgleich manches Mal dunkle Gerüchte über den Ocean gedrungen waren, er führe in London ein sehr ungebundenes wüstes Leben, so glaubte man ihnen nicht, denn er war in New-Aork in dem Kreise seiner Bekannten als ein Muster der Mäßigkeit und Enthaltsamkeit bekannt, seine Freunde machten ihm sogar eine übergroße Sparsamkeit, ja Genauigkeit zum Vorwurf. Vier Jahre hatte jetzt das Verhältniß mit Maria de Witt gedauert, als ein Brief von ihm ihr seine baldige Heimkehr anzeigte.
Maria de Witt hatte natürlich keine glänzende Erziehung erhalten, doch sie war ein Mädchen von natürlichem scharfen Verstände, und da sie seit ihrer Verbindung mit Harri viel auf die häusliche Einsamkeit angewiesen war, so hatte sie sich die Zeit mit leichter Romanlectüre zu vertreiben gesucht, mit der Zeit hatte sie auch Besseres gelesen und durch dieses Lesen hatte ihr Geist einen gewissen Grad von Bildung erreicht, sie hatte eine gewisse Tournüre in ihrem Wesen angenommen, und ihre Gedanken hatten sich, wie leicht zu begreifen ist, einer romantischen Richtung zugewandt. Daß Harri's Mutter um das ganze Verhältniß genau wußte, werden wir bei einer späteren Gelegenheit erfahren.
Maria hatte lange sinnend in die laue Sommernacht hinausgeschaut, — sie wachte und rings um sie schlummerte die Natur — das Geräusch der den Fluß kreuzenden Dampfböte tönte aus der Ferne zu ihr herüber, — da drang Plötzlich aus dem Hintergründe des Zimmers cet Ruf p „Mama, Mama, wo bist Du?" an ihr Ohr; schnell wandte sie sich um, schloß das Fenster und eilte an das Bettchen ihres Lieblings, das neben dem ihrigen stand, — nach wenigen Minuten erlosch das Licht und die himmlische Cottage lag da wie die anderen Häuser, umgeben vom Schleier der Dämmerung, nur bewacht von dem großen göttlichen Vaterauge des allgütigen Vaters dort oben.
„Schon wenige Stunden nachher zuckten die ersten Strahlen der Morgen- röthe über das Firmament im fernen Osten und der lichte Streifen, welcher die Meeresfläche säumt, wo sie den sich senkenden Himmelsbogen zu berühren scheint, wurde immer goldiger und Homers rosenfingrige Aurora streckte ihre Hand aus dem Oceane empor, das siegreiche Gestirn des Tages verscheuchte all- mälig die Nacht, und erfüllte die unzähligen langen Straßen der Handelsmetropole mit lautem Lärm und neuem Leben. Auf den Schiffen int Hafen und auf den Rays an der ganzen South- und Weststreet sing es an sich zu regen, die Magazine öffneten sich, um von neuem die Produete und Waaren aus aller Herren Länder aufzunehmen, junge Commis eilten auf die Comptoirs, um die Schreibtische ihrer Prineipäle abzuftauben, denn dieser alte Bremer Zopf hat sogar hier auch auf unseren Comptoirs Eingang gefunden, die Frühstücksstände öffneten sich, um die nach heißem Kaffee dürstenden Seelen zu befriedigen und aus den Straßen, die aus der Stadt nach dem Hafen führten, drängte eine Menschenwelle die anderer zu neuem Schaffen und neuer Arbeit. Obgleich es nicht die Sitte der Kaufleute im Allgemeinen ist, so früh an ihre Comptoirarbeiten zu gehen, was gewöhnlich erst um 8 Uhr der Fall ist, so war doch Perry Myers am heutigen Morgen schon unter den Frühesten mit am Hafen, doch nicht um schon auf sein Comptoir in Southstreet zu gehen, sondern er lenkte vielmehr seine Schritte nach einem Wachkhäuschen in der Nähe der Wallstreet, welches einigen Zollhausbeamten zum zeitweiligen Aufenthalt diente. Jever Kaufmann hat unter den Zollhausbeamten mehr oder weniger Freunde, oder besser gesagt, jeder Zollhausbeamte hat unter den Kaufleuten mehr oder weniger Proteges, je nachdem dieselben--contrebandiren, oder nicht eontrebandiren.
Auch Perry MyerS hatte seine Protectoren, und da er wußte, daß für gute Worte viel zu haben ist, so hatte er sich entschlossen, sich an Mr. White zu wenden, den er auch richtig auf seinem Posten traf. Nachdem Beide die ersten gewöhnlichen Gemeinplätze unter einander gewechselt hatten, begann Perry:
„Ich bin gekommen, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten, Mr. White." „Was ich für Sie thun kann, Mr. Myers, steht zu Ihren Diensten." „Können Sie durch den an Bord gehenden Ofsizier des Zollhauses schon eine Stunde nach Ankunft eines Dampfers wissen, ob diese oder jene Person mit angekommen ist, wenn Ihnen der Name aufgegeben ist?"
„Allerdings, Mr. Myers, wir brauchen in der Office des Pursers nur die Passagierliste durchzusehen, um jeden Namen heranszusinden."
„Sehr wohl, Mr. White. Mit Einem der ersten Dampfer von Liverpool wird eine Person ankommen, für die ich mich sehr interessire, und deren Ankunft ich um jeden Preis sofort wissen möchte."
Er zog ein Papier aus der Tasche und fuhr fort:
„Hier finden Sie feinen Namen, und wenn er unter angenommenem Namen reisen sollte, auch sein Signalement. Sie könnten ja einen Beamten zu diesem
l e t o «.
Zweck benutzen, der an jenem Tage keinen Dienst hat, und der blos zu diesem Zwecke verwandt würde. Wenn der junge Mann ankommt, wird er natürlich einen Wagen nehmen, um nach einem Hötel zu fahren, da ich auch wünsche, zu wissen wo er wohnt, so möge jener Beamte gleichfalls einen Wagen nehmen und ihm nachfahren, sich erkundigen, was die Nummer feines Zimmers ist, ob er allein, oder mit Begleitung angekommen ist, — überhaupt möge er die ge- nauesten Erkundigungen einziehen. — Und hier erlauben Sie mir, Ihnen im Voraus Ihre Auslagen zu vergüten," und damit schob er ihm eine Zehndollarnote in die Hand.
„Sie sollen auf das Prompteste und Beste bedient werden, Mr. Myers," erwiederte Mr. White, worauf sich Beide die Hände schüttelten und Perry Myers sich langsam entfernte.
Der Letztere schien mit dem Erfolge des gehabten Gespräches sehr zufrieden zu fein, denn als er jetzt freudigen Muthes seinem Comptoir zuwandelte, murmelte er vor sich selbst hin:
„Eine Nacht Ruhe ist doch immer gut einen vernünftigen Entschluß zu fassen; jetzt weiß ich, was ich will, und wie ich daran bin. Daß in Grat- man's Haufe wieder Etwas vorgeht, ist klar, und ich will mir dieses Mal Licht verschaffen, koste es was es wolle. Daß John an Allem diesem mit die Veranlassung ist, scheint mir außer Zweifel zu fein, und deßhalb will ich entweder Evelinen und ihre Familie vor ihm schützen, oder ich entgegengesetzten Falle ihm das Wort reden."
Unter solchen Gedanken schlenderte er durch Wallstreet und bog durch Wil- liamstreet nach der Ecke von Exchange Place, um dort in dem Keller des Herrn Schulze sich durch ein solides Frühstück zu weiterem Tagewerk zu stärken. Das Lokal war mit anderen, zu demselben Zweck Essenden angesüllt und es war eine Lust mit anzusehen, wie Alle ihre Schuldigkeit thaten. Es ist ganz gewiß, daß ein guter Restaurateur im Centralpunkte der Handelswelt New-Norks mehr Einfluß auf die Geschäfte ausübt, wie Mancher glaubt. Nimmt er z. B. nicht das feinste Oel, oder wohl gar etwas starkes Oel zu feinem Hummersalat ä la mayonnaise, so daß derselbe diesem oder jenem kleinen oder großen Rothschild schwer int Magen liegt, tote schwer werden das die österreichischen Papiere empfinden, denn wenn unsere großen österreichischen BanquierS an Unverdaulichkeit leiden, leiden die österreichischen Course an totaler Verstopfung; und gesetzt den Fall, der Madeira hat einen Stich, so wird dieser oder jener MolasseSritter aus der Beaverstreet sicherlich die süße Waare um keinen viertel Cent niedriger losschlagen ; und gesetzt den Fall, der Barkeeper hätte ein Mal aus Versehen einen Seidel genommen, der nicht vorher in Eis gelegen hätte, so würde dieser oder jener Tabacksbroker schon vom blosen Ansehen Sodbrennen bekommen und dafür nachher seinen Verkäufern sage», der Markt sei flau; aber dem Allen ist Gottlob nicht so, der kleine Rothschild in Broadstreet hat einen so delicaten Lunch zu sich genommen, daß er noch zwei Stunden nachher in der Rückerinnerung schwelgt, und österreichische Course sind geschmeidig und lassen mit sich handeln; der Zuckervertilger in Beaverstreet hat statt Eines drei Glas Madeira getrunken, eine Fliege auf seiner Nase wird zum Kupferstecher und die Consignataire in Cuba müssen ein Paar Procente mehr Haare lassen; das Bier war so kalt, daß es den Brokern im Halse zufror und sie sich eine halbe Stunde an der Sommerseite des Customhauses hinstellen mußten, um wieder aufzuthauen, und siche da, Käufer und Verkäufer finden die Geschäfte lebhaft; — Alles dieses sind die Folgen eines guten Frühstücks, und man darf daher mit Recht sagen: Heil den Geschäften, wenn der Geist Epikurs über der Wallstreet schwebt!" —
Immer stärker wurde das Gewimmel der Menschen, das Eilen und Jagen durch die Straßen in wilder Hast, Alle, wie die Rennpferde nach einem Ziele strebend, nach dem allgewaltigen und allmächtigen Dollar. Die Comptoirs und Schreibstuben füllten sich, die Bücher wurden wieder vorgenommen, die letztempfangenen Briefe wieder kurchgelesen, und wie in einem großen Uhrwerke fing Jeder da wieder an, wo er am vorigen Abend aufgehört hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Mt i s c e l l e.
Vor etwa neun Wochen wurden durch den Prediger der in Köln etwa 50 Mitglieder starken Baptistengemeinde vier Mannspersonen und vier Frauenzimmer an einem Abende, wo ein abscheuliches Schnee- und Hagelwetter herrschte, unterhalb Deutz im hoch angeschwollenen Rheine getauft. Von diesen Neugetauften ist ein erwachsenes Mädchen am 28. v. Mts. begraben worden. Eine Erkältung, welche sie sich bei ihrem Taufacte zugezogen hatte, soll schuld an ihrem Tode sein. Die Annahme der Baptisten, daß eine solche Taufhandlung keine Nachtheile für die Gesundheit herbeiführen könne, ist hiernach wohl nicht ganz stichhaltig. Wir entnehmen der „Köln. Ztg." nachfolgende Darstellung des Vorgangs am 25. Januar: „Die vier weiblichen Täuflinge traten zum Zwecke der Umkleidung in eine Kammer des Zeltes (zwischen Deutz und Mülheim liegt das „Fischerzelt" der Gebr. Wattler), die vier männlichen, der Täufer (Prediger der Gemeinde) und ein Diakon in den abgeschlossenen Netzschuppen. Bald darauf erschienen der Täufer, in schwarzem Talare und rundem Hute, und die Täuflinge, bekleidet mit einem Hemd aus sogenanntem Bieberstoffe, über welches sie einen weißen wollenen, mit leinenem Gürtel versehenen Mantel geworfen hatten, in dessen Saum unten kleine Bleikugeln eingenäht sind. Die Fußbekleidung bestand aus Uebeischuhen. Die Täuflinge, sämmtlich im Alter von 15—28 Jahren, traten alsdann in einen Kreis um den Täufer, um sie herum die Ge- meinvemitglieder. Mit entblößtem Haupte sprach der Täufer ein auf die bevorstehende Handlung sich beziehendes, die Anwesenden sichtbar ergreifendes Gebet, welchem ein einstimmiges „Amen" der Gemeinde folgte. Der Täufer nahm dann den ersten Täufling bei der Hand, stieg mit ihm das Ufer hinab und muthig in's Wasser hinein, etwa zehn Schritte weit, so daß ihnen das Wasser bis an die Hüsten ging. Nun sprach der Täufer die in allen christlichen Consessionen bekannte Taufformel und tauchte den Täufling vollständig unter Wasser. Inzwischen war der Diakon mit dem folgenden Täuflinge in's Wasser gefolgt, diesen dem Täufer zuführend. Hierauf geleitete er den zuerst Getauften bis an'S Ufer, wo derselbe von einem anderen Diakonen zur Ankleidekammer geführt wurde. Die weiblichen Täuflinge geleitete eine Diaconissin. In lautloser Stille ver- harrte die zuschauende Menge am Ufer. Nach Beendigung des Taufaktes zog die Schaar, nachdem die Neugetauftcn von einem jeden einzelnen Mitgliede herzlich bewillkommt worden waren, fröhlich von bannen und gelangte, Psalmen singend, gegen 10 Uhr in Köln wieder an.


