Darmstadt, 5. Sept. Auf dem hiesigen Exer- cierplatz fand heute Vormittag eine Inspektion der sämmilichen^wcgen der bevorstehende» Herbstmanöver in unserer Stadl und deren nächster Umgebung con- centrirlen Truppen statt, welcher außer dem Großherzog und seiner Familie auch der ganze russische Hof beiwohnte. Die Absperrung des Platzes durch Gendarmerie wurde auf das Strengste durchzuführen gesucht, und machte sich die Thätigkeit der Organe der öffentlichen Sicherheit in einer für das hiesige Publikum, welches dem militärischen Schauspiel in großer Zahl zuschaute, ganz ungewohntem Umfang geltend. Dich, sowie die Schwärme von Polizeibeamten , deren Obhuk die Sicherheit der kaiserlichen Villeggiatur in Jugenheim anvertraut ist, scheinen zu bestätigen, daß man am russische Hofe einen neuen Racheact des mißhandelten polnischen Volkes vorerst noch nicht zu den Unmöglichkeiten zählt.
Berlin, 8. Sept. Der König beabsichtigt nach der Rückkehr aus den Elbherzogthümern einen etwa zweitägigen Aufenthalt in Hamburg zu nehmen und somit den Wünschen der dortigen Behörden zu entsprechen. — Die Gerüchte, die sich auf eine Abdankung des Königs von Sachsen beziehen, sind ganz gehaltlos. Es wird der vermeintlichen Absicht, die Regierung niedcrzulegen, das Motiv unterlegt, daß derselbe seine Souveränetät zu sehr beeinträchtigt sehe durch die immer weiter gehenden Forderungen Preußens, namentlich auf militärischem Gebiete. Wir können indessen versichern, daß dergleichen Forde- ruugen gar nicht gestellt sind und das Verhältniß zwischen Sachsen und Preußen fast nichts zu wün- scheu übrig läßt.
Wiesbaden, 5. Sept Der vom Bischof von Limburg erlassene Hirtenbrief verlangt die Sonderung der katholischen und protestantischen Schulen und fordert die Katholiken Nassau's auf, bei der am 13. d. M. zu Limburg stattfindenden Landesversammlung gegen die Beibehaltung der konfessionslosen Schulen zu protestiren. Ferner droht der Hirtenbrief den Lehrern, welche bei der Landesversammlung für Beibehaltung des nassauischen Schuledicts stimmen würden, den Religionsunterricht in den Schulen zu entziehen.
Aus Baden, 3. Sept., schreibt man dem „Schw. Merk." : Die Straßenmeister Badens erhielten den Auftrag, die Straßenwarte anzuweisen, Personen, welche sie mit Terrainaufnahmen beschäftigt finden, zur Anzeige zu bringen.
Wien, 4. Sept. Beim gestrigen Festbankette der deutschen Land - und Forstwirthe drückte der Reichkanzler v. Beust die Hoffnung aus, die in ihre Heimath Abreisenden würden die Ucberzeugung gewonnen haben und mitnehmen, daß gegenwärtig in Oesterreich ei» reges Bestreben nach vorwärts herrsche, daß Volk und Regierung einig seien und beide ein und dasselbe Ziel hätten: die Entwickelung des Staatslebens im freiheitlichen Sinne. Diese Bestrebungen sollen den Land- und Forstwirthcn ein Unterpfand des Friedens und des Fortschrittes fein.
Paris. 4. Sept. Der „Conftitutionnel" citirt die „Norddeutsche Allg. Ztg.", welche sich dahin ausspreche, daß das deutsche Volk den Frieden wolle. Der „Conftitutionnel" fügt hinzu : Dieselben Gefühle beseelen auch die ungeheure Majorität des französisLen Volkes, ebenso wie ressen Regierung. Constatiren wir mit um so mehr Genugthuung diese Sprache der „Norvv. Allg. Ztg.", als sie genau mit den jüngsten Auslassungen des „Conftitutionnel" übereinstimmt. — Der Prinz Napoleon landete gestern in Havre und besuchte inkognito die maritime Ausstellung. — Der Graf Girgenti empfing heute das diplomatische Corps. Darauf gab derselbe ein Diner, dem Marquis Mou- stier beiwohnte. — Der „Moniteur" theilt mit, baß der Kaiser vom Bahnhof in Chalvns bis zum Lager, einer Strecke von 28 Kilometer, auf einer mit Petroleum geheizten Lokomotive fuhr. Es ist dieß der erste derartige Versuch in Frankreich. — Die „Liberte" veröffentlicbt heute einen Artikel von Girard in, welcher pomphaft überschrieben ist: „Der Kaiser." Darin wird gesagt, daß der Kaiser im höchsten Grade zwei Eigenschaften besitze: die Güte und die Sanftmuth; Niemand habe bessere Intentionen, Niemand ein so sympathisches Verständniß für die Wünsche und Bedürfnisse der Massen. Wenn man in unserer Zeit den Fürsten noch Beinamen ge- ben würde, so müßte der Kaiser Napoleon le bien- intentionne (der Gutwillige) heißen. Leider würden diese Eigenschaften durch einen Jrrthum verdunkelt, daß nämlich Napoleon III., durch das Beispiel seines Oheims verleitet, Alles selbst entwerfen und selbst ausführen wolle. Nicht aus Furcht vor der Freiheit und vor ihren sogenannten Aus
schreitungen sei er der Freiheit abgeneigt, sondern weil er meint, dieselbe würde ihn verhindern, die großen Dinge auszuführen, von welchen er träumt. „Ich sage nicht, welche er entwirft," fährt Girardi» wörtlich fort, „sondern von welchen er träumt. Rauchen heißt wachend träumen. Der Kaiser raucht eine Un- zahl von Cigarren; wenn er raucht, so scheint ihm Frankreich so groß unter seiner Regierung, daß es ihm unter der Regierung Ludwig Philipps klein vorkommt. Da ihm Frankreich groß scheint, so überredet er sich, daß es in der That groß ist. Dann findet er es undankbar; dann kann er sich in dem beste» Glauben von der Welt nicht erklären, wie es noch Deputirte geben kann, welche nicht der zufriedengestellten Majorität angehören, und wie Paris, wenn es neun Abgeordnete zu wählen hat, neun Oppositionsmänner wählt.
London, 4. Sept. Die Todtenschau- Commission betreffs der bei dem Eisenbahnunglücke bei Aber- gele Getödteten gab das Verdikt „Todtschlag" ab gegen die zwei Eisenbahnbeamten, welche verhaftet sind. Dieselben wurden dem Geschwornengerichte überwiese».
Cork, 5. Sept. Eine Farm in der Nähe der Stadt wurde Nachts mit griechischem Feuer in Brand zu stecken versucht. Es ist dieß seit einer Woche die vierte Brandstiftung in hiesiger Gegend. — Einige Trupps von Feniern wurden Nachts beim Exerciren ertappt und mehrere verhaftet.
Nom, 4. Sept. Die Truppen werden aus dem Lager von Rocca di Papa morgen Abend hierher zurückkehren. Das Lager wird aufgehoben. — Aus Lüttich sind als Geschenke der Diöcesen der Bretagne und Vendve sechs zwölffündige Kanonen und 134 Munitionsbehältnisse angelangt. Aus England und Belgien wird eine neue Sendung Gewehre erwartet. — Der französische Botschafter, Hr. v. Sartiges, wird sich morgen in einer Audienz vom Papste verabschieden.
Florenz, 4. Sept. Wie man in gutunterrichteten Kreisen versichert, handelte es sich in den häufigen Miniftereonseils der letzte» Tage um einen Be- schloß in der noch schwebenden Frage der Räumung Rom's durch die Franzosen. Man will wissen, daß die Majorität für ein energisches Vorgehen in dieser Sache gestimmt ist.
Petersburg, 30. August. Der Polizeimeifier der hiesigen Polizei hat in Betreff der zahlreichen Brände in Rußlgnd, insonderheit in Petersburg, eine Bekanntmachung erlasse», nach welcher die Brände -nur auf die Dürre und Unvorsichtigkeit der Bevölkerung, nicht aber auf organisirte Banden von Brandstiftern zurückzuführen sind. Am 24. August brannten wieder in Kronstadt 15 Häuser und 117 Buden des Viehmarktes ab.
Mkadrid, 1. Sept. Eine Zusammenkunft zwischen der Königin und dem Kaiser der Franzosen an der Grenze wird als wahrscheinlich betrachtet.
Newyork, 3. Sept. I. F. Hoffmann wurde zum Gouverneur ernannt; ferner wurde» Resolutionen angenommen zu Gunsten der baldigen Wieder- Herstellung der Baarzahlung, der allgemeinen Amnestie für politische Vergehen und Verbrechen und der Besteuerung der Nationalschuld, sowie gegen das Wahl- recht der Neger und den Reconstructionsplan des Con- greffes.
Vermischtes.
Darmstadt, den 1. September. Ein von Herrn Carl Gaule an das Direktorium der Leipziger Lebensversicherungs- Gesellschast erstatteter Bericht über die General-Versammlung der Darmstädter Rentenanstalt am 24. August lautet: „Nach dem Vortrage deS Rechenschaftsberichts der abgelauftnen Periode, welchen Herr Obersteuer-Director Hügel, Vorsitzender der Direc- tion, erstattete, nahm Herr Hofgerichtsadvocat Vvlhard das Wort, um in zahlreichen Punkten der Direction Ungehörigkeiten und den Statuten Mangelhaftigkeiten vorzuwerfen. Nach deren Begründung verlas er eine Eingabe an den Ausschuß mit verschiedenen Unterschriften, die auf Beseitigung dieser Uebelstände drang. — Herr Steuer - Connnissär Rau erkennt an, daß im Laufe der Zeit die Geschäftsführung der Rentenanstalt überflügelt worden sei durch andere Formen der neueren Gesellschaften, daß die Anstalt krank sei, allein in einer Weise, wo- nr die Direktion nicht könne verantwortlich gemacht werden, und weil die Anschuldigungen, die Herr Volhard erhoben, zu voluminös seien, um verlangen zu können, daß sie noch während dieser Generalversammlung erledigt werden könnten, so wurde von ihm vorgeschlagen, es sollten 3 Mitglieder ernannt werden, welche die Rechnungsführung zu prüfen hätten, wobei zu erwarten wäre, daß manches anders als suppvnirt gefunden und wobei eine Rechtfertigung der Direktion sich ergeben werde.
Hierauf erhielt das Wort Stabsauditeur Eigenbrodt, welcher sich als Präsident der Ludwigö-Wilhelnnnen^Stiftung gedrungen fühlte, im Interesse der Stiftung, die auf die Rentenanstalt übergegangen ist, im Interesse der Pensionen, welche im Betrag von ff. 260 daraus bewilligt werden, den Operationen der Direction der Rentenanstalt eine strenge Aufmerksamkeit zu widmen. Die alariuireudsten Zeitungsnachrichten habe die Direktion unberichtigt gelassen, obwohl ihr vorgeworfeu worden sei, daß
sie sich selbst mit Capitalien beliehen hätte auf Depvniruna solcher Speculationspapiere, die durch die Instruction und na“ mentlich durch die Statuten ausgeschlossen wären von der De- Positencasse: als so beliehene Jndustrieactien hat man genannt „die Aktien der Brey'schen Brauerei," welche gegenwärtig ganz werihlos seien. Er müsse die Erwartung aussprechen, daß die Direction gegenüber solchen Vorwürfen, auf die sie keine Antwort habe, znrücktrete. Thue sie dies nicht, so müsse man mit allen gesetzlichen Mitteln gegen sie Vorgehen. Redner con- statirt die Fahrlässigkeit dieser Maßregeln, welche auch vom Ausschüsse gerügt worden sei.
Dec Vorsitzende sucht zu vermitteln, was nicht gelingt während Herr Geheimerath Frank mit folgendem Antrag durchdringt : .„Der Ausschuß prüft in Gemeinschaft mit drei Vertrauensmännern, welche die heutige Generalversammlung wählt die Anträge des Herrn Dr. Volhard und berichtet der demnächst , spätestens in drei Monaten, zusammen zu berufenden Generalversammlung."
Dem Antrag entsprechend wurden sofort als Vertrauensmänner von der Generalversammlung erwählt: Herr Moritz Wolfskehl, Geheimerath Maurer, Hofgerichtsadvocat Volhard.
„ (Deutsche Verstch.-Ztg.j
Speyer, 29. Aug. Der Großherzog von Sachsen-Wei- mar hat unter Bezeugung lebhafter Theilnahme an dem Unternehmen, zum Gedächtnisse an die 1529 dem Speyerer Reichstage übergebene Prvtestativn hier ein Gotteshaus zu bauen, dem Retscherverein die Summe von 200 fl. auszahlen lassen.
Oesterreich. Vor einiger Zeit machten die Mitglieder eines Wiener Rudervereins eine Uebungsfahrt stromaufwärts gegen Greifenstein. Die Mitglieder dieses Vereins tragen Mützen, welche in Schnitt und Farbe denen der preußischen Kownivdekappen ähnlich sind. Ein Bauernjunge sah in der Nähe von Höflein an der Donau die kühnen Schiffer, er hatte aber auch im Jahre 1866 die Preußen gesehen, und hielt daher die Mitglieder des Wiener Rudervereins für nichts weniger als für feindliche Preußen, welche mitten im Frieden auf Requisitionen ausfahren. „Hoda, die Preußen kema", rief er einem Manne zu, und Beide setzten nun die ganze Gegend in Furcht und Allarm. Ein Urlauber von Heß-Infanterie klärte endlich die erschreckten Landleute, die mit Roß und Wagen bereits die Flucht ergreifen wollten, genügend auf, und erst im Gasthause überzeugten sich die tapferen Bauern, daß sie eine Gesellschaft von fidelen Wienern vor sich hatten, welche blvS Requisitionen in der Küche und dem Keller des WirtheS gegen baare Bezahlung Vornahmen.
(Senf. Wie einem Korrespondenten der „A Ztg." versichert wird, werden am nächsten internationalen Friedens- und Freiheltscongreß zu Bern wirklich Frauen Theil nehmen, sicherlich zum nicht geringen Schrecken der biederen Berner, welche in Betreff des „Wibervolks" an dem alten Grundsatz: „mulier taceat in ecclesia“ (Weiber haben Nichts mitzureden) streng festhalten, so emancipationSlustig auch das „Wibervolk" sein möchte. In Genf hat Frau Goegg eine zahlreiche Amazonen- section der internationalen Friedens- und Freiheitsliga gegründet. . London. Eine Reise um die Welt kann in 2</z Monaten gemacht werden, sobald die Eisenbahn zwischen New- York und San Franzisko beendigt sein wird, und zwar in folgender Weise: Von einem Seehafen Europa's nach Newyork 10 Tage, von Newyork nach San Franzisko 7 Tage, von San Franzisko nach Hong Kong in China 20 Tage, von Hong Kong nach Suez ungefähr 32 Tage und von Suez nach " dem ersten Abfahrtsplatze zurück 6 Tage. Diese Reise würde etwa 3600 fl. kosten.
Italien. 3n dem stolzen Venedig gehörten die Grafen Fvscari Jahrhunderte lang zu den reichsten und angesehensten Familien, aus denen einige der berühmtesten Dogen in der glänzendsten Zeit der einst mächtig blühenden Republik hervorgingen; ihr Palast am großen Kanäle ist einer der schönsten, gehört aber ihnen nicht mehr. Die Familie ist so verarmt, daß sie sich um das Amt eines Hausmeisters in ihrem früheren Palast beworben und von Victor Emanuel ein Geschenk von 500 Francs erbeten hat.
Türkei. Der Vicekönig von Egypten hat in Konstan- tinöpel eine förmliche Revolution der türkischen Sitten angerichtet. Er gab in seinem Palaste am Bosporus ein Bankett, an welchem Männer und Frauen Theil nahmen. Die Frauen saßen an der einen Seite des Tisches, die Männer ihnen gegenüber. Die Küche war französisch, und trotz Koran wurde manches andere getrunken als Wasser; denn die feinsten Bor- deaur- und Champagner-Weine machten die Runde. Nach Tisch plauderten Herren und Damen mit einander, und die Damen waren nicht etwa vermummt, sondern ganz ä la Paris gekleidet und unbekleidet. Das Fest machte so viel Aufsehen als seiner Zeit die Niedermetzlung der Janitscharen.
. Amerika. Eine Negergesellschaft stand vor dem Public House in Newyork an irgend einer Straßenecke und führte ihre Lieder und Tänze aus. Sie hatten, trotz der scharfen Lust der Herbstmittermacht, die dünnen weißen Jaconetthosen der transatlantischen Heimath, die leichten rothen Jäckchen und riesigen Vatermörder von Papier an, mit welchen ihre kohlschwarzen Gesichter um so auffälliger kontrastirten. Ich blieb, schrieb ein Deutscher, stehen, um die fremdländische Gesellschaft zu betrachten. Inzwischen kam Einer von derselben, welcher wahrscheinlich gesammelt hatte, aus der Thür des Public House wieder hervor. Sogleich trat ein Anderer von der Gesellschaft auf ihn zu, und bei dieser Gelegenheit bemerkte ich, daß seine Hand gerade so weiß, wie fein Gesicht schwarz war; und wie der schwarze Besitzer der weißen Hand seinen Mund öffnete, hörte ich die ewig denkwürdigen Worte: „Ei Herr JähseS, wo bleibst'n Du so lang?" „Was?" rief ich erstaunt aus, „seid Ihr denn Deutsche?" „Eigentlich sein wir Sachsen aus der Gegend von Taucha — aber wenn wir des Abends auf'S Geschäft geh'n, dann machen wir uns schwarz... säh'n Se, mein Herr, dann bringt's mehr!" — Guter Vater Arndt, Du hast Reckt — „sein Vaterland muß größer fein!"
Amerika. (Chefredakteur und Zeitungsausträger in einer Person.) Mr. Schuyler Colfar, der republikanische Candidat für die Vicepräfidentschaft der Vereinigten Staaten, ist ein Mann von der Presse, und zwar hat er sich von den untersten Stufen durch Selbstthätigkeit emporgearbeitet. So erwähnte er gelegentlich in einer Rede in Indiana, daß er den größten Theil seines Lebens in Verbindung mit der Presse zn- gebracht habe, und daß er in der Regel Redacteur, Herausgeber Corrector, Postbote und Colporteur — alles zu gleicher Zeit gewesen sei.
Seb actio», Druck imb Verlag der Brüh l'schen Druckerei (Fr. Cbr. Vietsch) in Giessen.


