Das Testament des Großonkels.
Sechstes Kapitel.
(Fortsetzung)
„Wozu aber dann noch diese teuflische Verstellung am gestrigen Abend, wozu riese Drohungen gegen John in Deinen letzten Briefen?"
„Weil ich mit der Ausführung oder Nichtausführung dieses löblichen Entschlusses, mich mit meinem Bruder zu versöhnen, noch eine kleine Bedingung verbinde, deren Erfüllung von Dir abhängt."
„Und diese Bedingung wäre?"
„Ich wünsche mich zu verheirathen."
„DaS ist Alles? Habe ich doch selbst schon daran gedacht und mich unter den Töchtern unserer ersten Familien hier um eine passende Partie für Dich umgesehen."
„Gieb Dir keine vergebliche Mühe, liebe Mutter! Ich bin Dir allerdings sehr dankbar für Deine Fürsorge, doch ich habe selbst schon meine Wahl ge- troffen."
„Also eine Engländerin, eine überseeische, kaufmännische Geschäftsverbindung; — hat vielleicht Schröder Sohn in London eine Tochter, oder ist es eine andere Schönheit aus der City, welche Dich in Fesseln geschlagen hat?"
„Dieses weniger, liebe Mutter, meine Wahl ist längst vorher getroffen, und leider ist sie etwas plebejischer Natur."
„Das wäre! Jedoch, wenn es eine Fremde, vorzüglich wenn es eine Engländerin ist, so ist man nicht gewohnt, so genau nach dem Stammbaum zu fragen."
„Du irrst Dich schon wieder, liebe Mama, es ist keine Engländerin, es ist eine hiesige und zwar eine alte Bekannte--"
„Und die wäre?"
„Eine frühere Nachbarin von uns."
„Den Namen, sage mir den Namen!"
„Maria Ve Witt."
„Die Bäckertochter!" rief Mad. Gratman aus, „mit der Du seit fünf Jahren in wilder Ehe gelebt hast?"
„Dieselbe, liebe Mutter; ich sehe, daß Du sehr gut unterrichtet bist."
„Ich bin stets nachsichtig gegen Deine Schwächen gewesen, mein Sohn, doch zu Vieser Verbindung werde ich nie und nimmer meine Zustimmung geben, nie und nimmermehr!"
„So werde ich diese Verbindung also ohne den mütterlichen Segen schließen müssen."
„Nicht blos ohne den mütterlichen Segen, Harri, sondern mit dem mütterlichen Fluch! Ich werde hinfort keinen Sohn, sondern nur noch zwei Töchter haben."
„Desto besser, so bleibt der weibliche Zweig des Hauses auf der einen Seite und der männliche auf der andern Seite, d. h. Fletcher und Drydeck contra Gratman Brothers."
„Von meinem Vermögen werdet Ihr nie einen Heller erhalten."
„Schadet Nichts, wenn wir nur das Vermögen des Alten kriegen; wir haben den Brief an Schröder, und Schröder und dieß Document in Veercn- borg's Händen ist eine gefährliche Waffe, denn Du weißt selbst, Veerenborg ist ein so rechtschaffener Advokat."
„Harri — Du bist — Du bist — ein Dämon!"
„Danke schön für das Compliment, und doch bin ich kein so schlimmer Dämon als Du glaubst, denn ich erlaube Dir, diese von mir eingegangene Verbindung abzubrechen. Wie Du das vollbringen wirst, ist Deine Sache, nur diese eine Bedingung stelle ich, Maria de Witt darf nie wissen, daß ich es war, der Dir die Erlaubniß dazu gab; sie muß die feste Ueberzeugung haben, daß |
Befehl, sich bis auj's Aeußerste zu vertheidigen, und im Falle ein Ausbruch möglich sei, sich mit der Garnison, nach geschehener Sprengung der Befestigungswerke und Zerstörung des schweren Artillerieparks durch Minen, hcrauszuziehen." „Die französische Armee brach endlich den 5. Deeember von Klein-Linden auf. Die Infanterie cantonnirte in der Umgegend von Friedberg, und die Ca- vallerie hinter ihr. Alle Dragoner, ein Theil der leichten Truppen und der Grenadiere, unter dem Befehl des Grafen von St. Germain, verblieben in Butzbach, zwischen der Armee und Gießen, dessen aufgezehrte Magazine von Friedberg aus frisch gefüllt wurden. Hungen wurde von zwei Jnfanteriebrigaden besetzt, und Langsdorf durch leichte Tiuppen. Der französische General veranlaßte den Herzog von Württemberg, sich von Fulda aus zu nähern, seine leichten Truppen seitwärts nach Crainfeld und Herbstein zu ziehen, und, Schotten und Ulrichstein an der Quelle der Ohm und der Fulda räumend, seine Kerntruppen zu Salmünster, Steinau und Neuhof zu halten."
„Der Prinz Ferdinand ließ den Prinzen von Holstein - Gottorv mit einem starken Corps die Lahn überschreiten, und die Höhen von Klein-Linden besetzen, eine Bewegung, welche die Belagerung von Gießen anzudeuten schien. Die leichten Truppen der Alliirten besetzten Lich, Laubach und einige andere Orte weiter vorwärts und zu ihrer Linken Die Furcht vor einer Belagerung von Gießen verlor sich jedoch bald im Hinblick auf die Unthätigkeit des Feindes, der in seiner alten Stellung blieb, Infanterie und Cavallcrie in's Bivouak brachte und weit weniger, als die französische Armee, an Mangel von Fouragc litt, da der Prinz Ferdinand im Gefolge seines Heeres 700 — 800 Wagen, meist von den Ufern der Weser her, sührte, welche beständig Lieferungen vermittelten. Die Absicht der Alliirten ging dahin, den Feldzug möglichst in die Länge zu ziehen, um die durch Mangel an Lebensmitteln und die rauhe Jahreszeit erschöpften Franzosen zu verhindern, sich in den Winterquartieren zu erholen. Die Besorgniß wegen einer Belagerung Gießens nöthigte den Marschall de Broglie, seine Truppen eoneentrirt zu halten, und verhinderte ihn, nach seiner Linken hin größere Corps zu entsenden, um sich mit dem Marquis d’Armentieres zu vereinigen, oder sich in den Rücken der Feinde zu werfen, um ihnen ihre Zufuhr abzuschneiden und abzufangen. Sie machten keine Anstalten zur Belagerung, weil der König von Preußen in Sachsen zwei Schläge erlitten (ver- muthlich ist hiermit Fink's Verlust — 20. Nov. — und Kapitulation - 21. No». — bei Maxen gemeint), in Folge deren Prinz Ferdinand genöthigt
ich wider meinen Willen definitiv von meiner stolzen Mutter gezwungen worden, diese Verbindung aufzugeben. Sollte sie nur die geringste Idee davon bekommen, baß ich dazu meine Zustimmung gegeben, so bin ich von demselben Augenblicke an der Verbündete meines Bruders. Jetzt, liebe Mama, überlege, wie Du es am besten einrichten willst, die Sache hat gerade keine Eile, reife ruhig mit Evelinen nach Saratoga, und da wird Dir schon guter Rath über Nacht kommen. In wenigen Tagen men e ich bei Euch sein, Du wirst Dir bis dahin schon einen Plan ausgedacht haben, und wir werden dann von Neuem einig werden. So- bald Du mich von diesem meinem weiblichen Feinde befreit hast, werde ich Dich von Deinem männlichen Feinde, Deinem Sohne, befreien. Somit Gott befohlen, liebe Mama, glückliche Reise und viel Vergnügen."
Nach diesen Worten eilte er davon, Mad. Gratman saß lange stumm und in sich gekehrt da, doch ihr Auge blieb trocken und nicht ein Mal eine Thräne der Wuth gab ihr Linderung; sie hatte zum ersten Male in ihrem ganzen Leben ihren Meister im Princip te« Bösen gefunden. Wunderbares Verhängniß! Eine Mutter erfüllt das Maas der Sünde an ihrem Erstgeborenen, und in dem Augenblicke, wo sie sich dem Ziele nahe glaubt, da erfüllt der Jüngstgeborue das Maas der Sünde an seiner Mutter, — in der Hand der ewigen Gerechtigkeit aber liegt es, wer einst wiederum ihr rächender Engel sein wird.
Siebentes Kapitel.
Wenn man, dem Gewühle New-Aorks zu entgehen, der 42. Straße zueilt, gelangt man zum Hudson, auf dessen Fläche die unzähligsten Ferrybvote bereit stehen, den Ruhesuchenden dem gegenüberliegenden Ufer zuzuführen. Kaum hat der Fuß bas Dampiboot betreten, so würdigt man die Stadt keines Blickes mehr, man eilt nach dem Vordertheil des Schiffes und die Augen schweifen genießend über den Wasserspiegel hinüber nach jenen buchenumkränzten Höhen; nach wenigen Augenblicken ertönt das Signal, das Boot setzt sich in Bewegung und den Strom quer durchschneidend eilt es dem gegenüberliegenden Ufer zu. Oben auf der Spitze des Berges ragt der Thurm des Waldschlosses kühn in die Luft, auf dem Rande des Felsens, der sich senkrecht über dem Wasserspiegel erhebt, erblickt man das halbvollendete Mauerwerk eines großen Gebäudes, welches das Ansehen einer Ruine hat und den Fremden unwillkürlich an die Ufer des Rheines in kleinerem Maßstabe erinnert; unten am Fuße zwischen Felsabhang und Fluß zieht sich der Fahrweg hin und dicht bei der Landung liegen drei weiße Häuser, in denen ehrenfeste, plattdeutsche Wirthe ihr Quartier aufgeschlagen haben, um vorzüglich an Sonn- und Festtagen an den Börsen der bei ihnen Einkehrendcn eine reiche Ernte zu halten. Einige verlassene Austernstände würzen durch die Ausdünstung der in ihnen zurückgebliebenen Schalen die sie umgebende Atmosphäre gerade nicht mit balsamischen Düften ; d'rum eilt auch der einsame Wanderer rasch an ihnen vorüber; wir nennen den Wanderer einsam, weil es an einem Wochentage ist, an welchem diese Orte gar wenig besucht werden. Doch auch das große einladende Schild des ersten Hauses lockt ihn nicht einzukehren, er eilt weiter, ein Haus zu feiner Linken und zwei zu feiner Rechten liegen lassend und steigt langsam die vor ihm liegende steile Höhe hinan, an der sich der enge Fußpfad durch das Unterholz dahinschlängelt; hie und da springen Felsstücke hervor, deren er sich wie einer Treppe bedient, rechts und links die Zweige der Bäume erfassend, um sich emporzuziehen. Endlich ist er oben, er geht noch einige Schritte, bleibt dann hochaufalhmend stehen und wendet sich um, das vor ihm ausgebreitet liegende Gemälde zu betrachten, — die Manhattaninsel und die Handelsmetropole der neuen Welt. Er wirft einen langen, langen Blick über die Riesenstadt, in der er seine Sorgen zurückgelassen und eilt dann in die traulich stille Waldeinsamkeit des sich ihm öffnenden Buchenhaines.
(Fortsetzung folgt.)
war, ihm 10,000 Mann Verstärkung zu schicken, und den Prinzen von Holstein- Gottorp den 25. Deeember über die Lahn zuruckgehen zu lassen."
„Im Laufe des Monats Februar machte die Garnison von Gießen einen Ausfall gegen einen der feindlichen Posten, welcher jedoch ohne jeden Erfolg blieb."
„Gegen Mitte Mai setzte Prinz Ferdinand feine Truppen in Bewegung. Die Alliirten hatten sich durch englische Rekruten und Vermehrung der deutschen Truppen bis auf über 100,000 Mann verstärkt. Das 12 — 15,000 Mann starke Corps bei Kirchhain, und der daselbst angehäufte Artilleriepark ließen annehmen, Prinz Ferdinand wolle den Feldzug mit der Belagerung von Gießen beginnen. Fast alle Gegenmittel, welche der Marschall de Broglie zur Durchkreuzung dieses Unternehmens anwenden konnte, wurden durch unübersteigliche Hindernisse vereitelt. Der Prinz Ferdinand konnte in 10 bis 12 Tagen seine Kräfte zusammenraffen, sich Gießen nähern, es angreifen und nehmen. Die Stellung der französischen Armee, deren einer Theil am Rieder-Rhein stand und Verstärkungen aus Frankreich erwartete, ließ ihre Vereinigung nicht so rasch zu, um den Feind vor Ucbergabe der Festung anzugreifen. Auch der Mangel an Lebensmitteln stand dem Zuzug der Truppen des Nieder-Rheins zu denen der Nieder-Lahn entgegen. Die Alliirten vermehrten die Unruhe des französischen Generals, indem sie den General Luckner mit 3 oder 4000 Mann nach Butzbach cirigirten, was zu dem Glauben einer Umschließung Gießens Anlaß gab; aber er griff Butzbach an, verjagte die dasselbe vertheidigencen Truppen, machte einige Gefangene und zog sich wieder auf die andere Seite der Lahn zurück." —
Wir ersehen aus diesen das Interessanteste enthaltenden Auszüaen, daß selbst für größere Truppenbewegungen und strategischen Pläne der Besitz von Gießen für durchaus nicht gleichgültig erachtet und feine Behauptung von den Franzosen sogar mit einer gewissen Aengstlichkeit und Sorgsamkeit im Auge behalten wurde, wie denn in der Thal das Verhaltniß der Stadt als ein selbst damals sehr exceptionelles erscheint. Benn Hinblick auf so trübe Zeiten deutscher Zerrissenheit und gegenseitiger Befeindung möge uns die Zuversicht trösten, daß jemehr wir uns dem Ziele nationaler Einheit und Freiheit nähern, ein solcher Zustand für die Zukunft immer mehr zu den Dingen der reinen Unmöglichkeit gehören wird.


