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Gießen, 2. Mai. An die Stelle des nach Heidelberg abgegangenen Professors Gaß soll der bisherige Privatdocent Dr. theol. N itzsch zu Ber­lin den Ruf als ordentlicher Professor in die hiesige theologische Facultät erhalten und angenommen haben.

Berlin. 1. Mai. (Zollparlament.) Der Präsident eröffnet um 1 Uhr 10 Minuten eie Sitzung mit den üblichen geschäftlichen Mittheilungen. Unter den neueingetretenen Mitgliedern befindet sich der würtembergische Minister Kreihr- v. Varnbüler, wäh­rend unter den auf 8 Tage beurlaubten Mitgliedern der baierische Staatsminister Fürst von Hohenlohe angeführt wird.

Von den Abgeordneten Metz, Bamberger, Bluntschli, Pfanncbecker und mehr als 60 Mitgliedern des Par­laments ist ein Antrag auf Erlaß einer Avresse an den König von Preußen gestellt, unv der Entwurf einer Adresse eingereicht worden, über dessen geschäft­liche Behandlung das Haus nach erfolgtem Druck des Entwurfes beschließen wird. Das Haus beschließt nunmehr, in die Tagesordnung eintretend, in Betreff des Gesetzeniwurss wegen Abänderung einzelner Be­stimmungen der Zollorcnung und der Zollstrafgesetz­gebung nach dem Vorschläge des Präsiventen die Borveraihung im Plenum. Der am 30. März d. I. zu Madrid abgeschlossene Handels- und Schifffahrts- verirag zwischen dem nordoeutschen Bunde unv dem Zollverein einerseits und Spanien andererseits nebst Zusatzartikel wird zur Schlußberathung im Plenum gestellt und vom Präsidenten der Abg. v. Meixner zum Referenten unv der Abg. Linau zum Eorrefe- renten ernannt. Als zweiter Gegenstand der Tages­ordnung folgen Wahlprüfungen. Zunächst berichtet der Referent der 2. Abtheilung, Abg. Dr. Weigel, über die Wahlen der baierischen Abgeordneten Gürster (Amberg), Frhr. v. Schrenk (Neunburg v. W.), Dr. Jörg (Neumarkt) und der Badener Abgeordneten Dennig (Gernsbach. Ettlingen), Dissens (Philipps­burg-Mannheim), und Frhr. v. Göler, die sämmtlich nach dem Antrag für gültig erklärt werden.

Der Referent der 3. Abtheilung, Abgeordneter Dr. Harnier, Hai ebenso, wie bei den baierischen Wahlen, aus Anlaß der würtembergische» Wahlen zunächst eine generelle Frage zur Entscheidung des Hauses zu bringen. Auch bei diesen Wahlen ist gegen den Wortlaut des Zollvereinsvertrags verstoßen; beson­ders sollen zwei Erlasse der königlich würtemdergi- schen Regierung nicht unbedeutende Beschränkungen der Wahlberechtigung herbeigeführt haben. Die Ab­theilung ist nun zwar der Meinung gewesen, daß aus sämmtlichen in Folge dieser Erlasse entstandenen Verstößen nirgends ein Grund zu einer allgemeinen Beanstandung der vorgenommenen Wahlen abzulei­ten sei, sie meint vielmehr, daß die Consequenz zu folgendem Antrag führt:Das Zollparlament wolle beschließen, den Bundeszollrath zu veranlassen, daß Die von der königlich würtembergischen Staatöregie- rung hinsichtlich der Wahlen getroffenen Bestimmun­gen mit dem Inhalt des Art. 9 §. 1 des Vertrages vom 8. Juli in Uebereinstimmung gebracht werden."

Der Präsident theilt mit, daß zu dem eben ge- hörten Antrag der 3. Abtheilung die 4. Abtheilung folgenden Antrag gestellt habe:Das Zollparla- ment wolle beschließen, an den Herrn Vorsitzenden des Zollbundesrathes das Ersuchen zu stellen, vurch Vernehmung der königl. würtembergischen Regierung darauf hinzuwirken, daß hinfort im Königreich Wür- temberg eine dem Sinne des Vertrages vom 8. Juli 1867 und des Reichswahlgesetzes, sowie der Praxis der meisten anderen zoüverbündeten Staaten hvmo- genere Ausführung der Wahlen veranlaßt werde." Die 5. und 6. Abtheilung hat in der Voraussicht, daß eine der vorhergehenden Abtheilungen einen sol­chen Antrag stellen werde, ihrerseits von der Ein­bringung desselben Abstand genommen."

(Mittnacht rechtfertigt das Verfahren. Auch der Norvbunv mache das Wahlrecht von der Staats­angehörigkeit abhängig. Der Wahlprotest hätte sich gegen bestimmte Wahlen, nicht generell gegen alle richten müssen. Braun (Wiesbaden) sucht den Protest zu rechtfertigen, unv wünscht die Prüfung sämmtlicher Beschwerden wegen Wahlbeeinflussungen, damit Wiederholungsfällen vorgebeugt werde. Bethusy-Hue tadelt den heftigen Ton Braun's und empfiehlt Den sehr allgemein gehaltenen Antrag der 4. Abtheilung. Braun zieht seinen Antrag zu­rück. Metz tadelt die Verbindung der Regierungs­partei mit der demokratischen Partei, welche die Ei­nigung Deutschlands bekämpfe. Er empfiehlt die Abtheilungsanträge. Nach erregter Debatte, wobei Die Herren v. LinDen und Varnbüler das Verfahren der würtembergischen Regierung vertheivigten, wird

Der Antrag der 4. Abtheilung mit 162 gegen 105 Stimmen angenommen.)

Berlin. Die national-liberale Fraktion im Zoll­parlament hat Den Entwurf einer Adresse eingebracht, dessen Wortlaut folgender ist:Allerdurchlauchtig- ster, Großmächtigster König, Allergnävigster König und Herr! Das von Ew. Majestät berufene deut­sche Zollparlament fühlt sich als Vertretung des deutschen Volkes gedrungen, Zeugniß abzulegen von dem Streben der Nation. Ew. Majestät bestätigen, wie das Bedürfniß des deutschen Volkes nach der Freiheit Innern Verkehrs und Die Macht des natio­nalen Gedankens Den Deutschen Zollverein allmählig über Den größten Theil Deutschlanvs ausgeDehnt hat. Wir leben Der Ueberzeugung, Daß jenes Bevürfniß unserer Nation Die Freiheit auf allen Gebieten för- Dern unb Die Macht dieses nationalen Gedankens auch die vollständige Einigung des ganzen Deutschen Vaterlandes in friedlicher unv gedeihlicher Weise herbeiführen wird. Eine naturgemäße Ent­wickelung hat zur Vertretung der gesammten deutschen Nation bezüglich ihrer wirthschaftltchen Interessen ge­führt. Die seit Jahrzehnten vom deutschen Volke erstrebte und seiner Zeit von sämmtlichen deutschen Re­gierungen als unabweisbares Bedürfniß anerkannte nationale Vertretung für alle Zweige des öffentlichen Lebens kann unserem Volke auf Die Dauer nicht vorenthalten werden. Die Liebe zum deutschen Va- terlanve wird die inneren Hinvernisse zu beseitigen wissen. Die nationale Ehre wird oas ganze Volk ohne Unterschied der Parteien zusammenführeit, falls von außen versucht werden sollte, dem Drange des deutschen Volkes nach größerer politischer Einigung entgegenzutreten. Unsere Nation achtet fremdes Recht und wünscht friedlichen Verkehr mit allen ihren Nach­barn. Sie darf daher Gleiches von Anderen erwar­ten, falls ihr das eigene Wohl eine Aenderung in ihren inneren Einrichtungen nöthig erscheinen läßt. Die angekündigten Vorlagen werden wir mit pflicht- mäßigem Ernst prüfen. Das gemeinsame deutsche Interesse wird unsere Beschlüsse leiten. Den Han­delsvertrag mit Oesterreich nehmen wir mit besonve- rer Genugthuung entgegen. Wir legen auf die freundlichen Beziehungen zu deut durch Stammes- Verwandtschaft und mannigfache Bande eng mit uns verbundenen Nachbarlande einen hohen Werth. Wir vertrauen, daß es Ew. Majestät vergönnt sein werde, getragen durch Die vereinte Kraft Der Deut­schen Nation unv im Einverstänvniß mit Ew. Ma­jestät hohen Verbündeten, den Ausbau des gemein­samen Werkes zu vollenden, dessen Abschluß Sicherheit, Macht unv Frieden nach außen, wie materielle Wohl­fahrt und gesetzliche Freiheit nach innen verbürgt. Ew. Majestät re."

Etwas Bestimmtes über Annahme oder Ableh­nung dieser Adresse läßt sich heute noch nicht sagen. Die Freiconservativen scheinen sich dem Er­laß einer Adresse hinzuneigen, dagegen soll die süvdeutsche Fraktion der Föderalisten (Vorsitzender Freihr. v Thüngen) beschlossen haben, wenn auf Die ADresse eingegangen werDe, unter Protest gegen Die Compet nz des Zollparlaments den Saal zu ver­lassen, jedoch nicht das Mandat niederzulegen. Die Fortschrittspartei verhält sich bis jetzt invifferent. Die Conservativen sollen, nach einigen Blättern, dafür fein, daß über den Antrag auf Erlaß einer Avresse zur Tagesordnung übergegangen werde, nach andern Blättern, darunter dieWes. Ztg.", sollen sie geneigt sein, ebenfalls für eine Die politische Einigung ganz Deutschlanvs betonenDe Adresse zu voiiren. Was Die Krztg." anlangt, so ist sie überhaupt gegen eine Adresse, weil dieAdreßvebatte zu einem Kampf der Leidenschaften wird, welcher zunächst sehr viel Zeit kostet" und nur dazu Dient,den Gegensatz Der po­litischen Bestrebungen SüdDeutschlanDs unv Nord- DeutschlanDs zum scharfen Ausdruck zu bringen." Da Das aber wenn Der Antrag auf Erlaß einer ADresse angenommen werDe nicht zu vermeiden sei, so sei es jedenfalls die Aufgabe der conservativen Partei, ihrerseits eine Avresse in Vorschlag zu bringen, welche die Antipathieen des Süvens entwaffne, indem sie den Grund ihres Mißtrauens und Widerstandes be­seitige. Wolle man eine Adresse auf die Thronrede, so sei sie Der Ausdruck der Zustimmung, nicht der des Wiverspruchs." Es sei nichtnational", die politische Einheit dem widerwilligen Theile Deutsch­lands aufzwingen zu wollen, welche nur so es GotteS Wille wäre als reife Frucht eines ge­schichtlichen Prozesses gewonnen werden könnte." Also, so schließt dieKrzztg." :Eine Adresse nur, wenn sie durchaus nicht zu vermeiven ist. Dann aber eine Adresse, Die Den Süden nicht verletzt, sondern versöhnt."

Berlin, 2. Mai. Die Familie Rothschild soll

gefürstet werden, so lautet derTrib." zufolge, das neueste Börsengerücht. Die großen böhmischen und schlesischen Besitzungen ves Hauses sollen zu einem Fiveieornmiß vereinigt und Dem jedesmaligen Besitzer des FiDeieommisscs die Fürstenkrone übertragen werden.

Berlin, 2. Mai. Die Berathung über den nationalliberaler Seils eingelegten Protest gegen die Zollparlamentswahlen in Württemberg hat in der gestrigen Sitzung des Zollparlaments zu sehr stür­mischen Debatten geführt.

Hannover, 1. Mai. Von den wegen Falsch- werberei in Berlin in Untersuchungshaft befindlichen Hannoveranern sind weiter entlassen: der Kellner Bähre, die Maurer Kreis und Oppermann, der Hausknecht Lange und der Arbeiter Deppe. In Haft verbleiben 22, welche jetzt nach Aussage der Zurückkehreilven vor Gericht gestellt werden sollen.

Anhalt-Dessau hat bekanntlich auch einen Nothstanv, cer jedoch im Ueberfluß seinen Grund hat, im Ueberfluß an allerhöchstem Roth - und Schwarz- wilv. Volk und Stände haben schon seit Jahren um Abstellung dieses Nothstandes petitionirt im­mer vergebens, denn Serenissimus erkannte denselben nicht an. Jetzt endlich der neue Premier, Hr. v. Larisch, ist kaum warm geworden bringt das Bernd. Wochenbl." die Nachricht,daß die herzog­lichen Oberförster des Landes den Befehl erhalten haben, vas sämmtliche aus den Forsten (d. h. zum Besuch der Felder der Bauern) tretende Wild zu erlegen." Allgemeiner Jubel natürlich im Bereich Dersämmtlichen Staaten" Anhalts und noch na­türlicher Der Ruf:Das danken wir dem neuen Minister der verftehts." Hr. v. Larisch war in der größten Gefahr, populär zu werden; da erbarmt sich seiner die officielle Zeitung von Anhalt unv rettet Vas persönliche Regiment Serenissimi von Cen bösen Zungen" mit Den Worten,DaßAlles" aus Höchsteigenem Landesväterlichem Antriebe Sr. Hoheit des Herzogs geschehen sei." Und nicht zu­frieden damit, fügt der Officielle noch die mahnenden Worte bei:Wir müssen überhaupt davor war­nen, zuviel auf das Conto des eben erst eingetrete» neu Ministervorstandes zu setzen, und zwar gilt dieß sowohl vom Credit als vom Debet." Serenissimus leidet keinen Hausmeier und ent- und belastet sein Conto höchsteigen.

Wien. Die Hülfsquellen des Hietzinger Hofes scheinen vom Versiegen sehr fern zu sein, Denn, wie dieSpen. Ztg." erfährt, hat sich wieder eine be« deutende Zahl von Mitgliedern der hannoverschen Legion aus Frankreich eingefunden, welche in Wien und in Hietzing auf Kosten des Königs Georg Quar­tiere bezogen haben. Sie sind erkennbar an den französichen Käppis, welche sie mit dem Buchstaben G geschmückt tragen. Die Leute sprechen an öffent­lichen Orten ungenirt vom nahen Feldzuge gegen Preußen.

Paris. Das Ausstellungsgebäude auf dem MarS- felde ist jetzt seines Daches vollständig entkleidet. Auch Die Marquise, welche sich um Den äußern Ring herum- zog unv eine LängenausDehnung von 1425 Metern hatte, ist beinahe gänzlich verschwunDen. Die Ma- schinenhalle ist Durchaus geleert unD in Den übrigen Galerien ist schon der größere Theil ves Eisenwerks entfernt. Das Geripp Des Gebäudes hatte nicht weniger als 18,500,000 Kilogr. Gußeisen erfordert, von Denen 10 Millionen allein auf Die Maschinen­halle unD 500,000 Kilogr. auf Das Dachwerk Der beiten inneren Galerien, in Denen sich Die Kunst- gegenstänve unD Die archäologischen Sammlungen befanDen, vcrwanDt worben waren. Im Park stnD nur noch wenige Gebäulichkeiten zu sehen. Der Raum zwischen Dem Paläste selbst und Der Militär­schule ist völlig frei und toirb gegenwärtig wieDer ge­ebnet, um, wie früher, als Exerzierplatz Dienen zu können.

London. Kaum Daß Die abyssinische Expedi- iion zu Ende ist, so scheint Veranlassung zu einer neuen geboten zu werden. Der provocirende Theil sind dießmal die Japanesen. Nachdem jüngst von Den Einwohnern von Osaka ein so brutaler Angriff auf die französische CorvetteDupleix" auSgesührt worden war, ist gegenwärtig auch das Gefolge des englischen Gesandten, Sir Harry Parker, infultirt worden. Der Herr Gesandte hatte dem Micavo einen Besuch gemacht unv wurde freundlich ange­nommen. Auf cer Rückkehr wurde er von einem Haufen Japanesen angegriffen. Mehrere von der Escorte erhielten Wunden. Drei der Angreifer wur­den gefangen genommen. Es scheint in der That, daß es dem Micado nicht so gut gelingt, als dem früherem Reqimente des Taikun, diejenigen Elemente der japanesischen Bevölkerung, welche Der Zulassung Der FremDen widerstreben, im Zaume zu halten.

Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr- Chr. Pietsch) in Gießen.