Feuilleton.
Die Verschwörer von 1799.
Roman von de Saint-Felix.
(Fortsetzung.)
Dies war der geradeste Weg, und derselbe führte durch Gegenden, deren Bewohner ihm höchst ergeben waren.
Man kennt die Schnelligkeit, mit welcher Bonaparte seine Pläne verwirklichte, und man weiß, mit welchem unglaublichem Glück er fast immer in der von ihm festgesetzten Zeit das vorgesteckte Ziel erreichte.
Wir begleiten ihn nicht auf diesem Zuge, wo sein Stern ihm leuchtete, wie einst dem Julius Cäsar, als er nach dem Ueberschreiten des Rubicon nach Rom marschirte.
Der Hauptmann Reymond reiste erst am folgenden Morgen ab. Seine Anwesenheit in Paris war für die Interessen des Generals sehr nothwendig; da jedoch der tapfere Offizier einige Waffengefährtcn wiedergefunden hatte, welche mit Bonaparte von Egypten zurückgekehrt waren, hatte er die Erlaubniß erhalten, mit ihnen zu Rosse zu folgen.
Gegen Ende des October sollte er in Paris eintreffen.
24.
Die Situation.
Gegen Ende October des Jahres 1799 bot Paris ein höchst merkwürdiges Schauspiel. Alle politischen Parteien waren von einem neuen Leben beseelt.
Man stand am Enke der Gewaltherrschaft unv des Schreckens. Man begehrte eine W evergeburt, eine glückliche Orvnung der Verhältnisse, welche noch nicht klar vorgezeichnet, aber doch unerläßlich nothwendig war. Die alten Reibereien hatten viel von ihrem gehässigen Charakter verloren. Man verabscheute sich nicht mehr, man führte nicht mehr Krieg gegen einander; aber man hatte noch keineswegs alles Mißtrauen verloren. Man beobachtete, man war auf der Hut gegen jede Ueberrumpelung.
Die Parieren waren demnach weit entfernt, sich gegenseitig zu achten. Sie suchten nicht mehr, einander zu befehden, aber einander gegenseitig das Feld abzugewinnen.
Die extra revolutionäre Partei, welche man noch immer mit dem Namen der Jakobiner bezeichnete, sah ein, daß sie jedes Maaß überschritten habe; sie beschränkte ihre Forderungen, und statt wie ehemals an die erbarmungslose Volksjustiz zu appelliren, nahm sie ein demüthiges Gesicht, eine trauernde Miene, einen gutmütigen Ausdruck an.
— Ja, schienen sie zu sagen, ich bin vielleicht zu weit gegangen. Aber wie konnte ich mit so schrecklichen Feinden von innen und außen fertig werden ohne ein scharfes Schwert? Schließlich habe ich doch die Freiheit und Gleichheit gesichert. Die Menschenrechte sind durch mich erkämpft worden. Ich habe das Land vor dem Eindringen der Fremdlinge geschützt. Was wollt Ihr mehr? Wenn man keine Wahl außer dem Schwerte hat, ist Blutvergießen nicht zu vermeiden. Jetzt will ich, wie Ihr, eine Republik der Versöhnung. Das Vergangene sei vergessen.
Die gemäßigte Partei, bestehend aus der Majorität des Direktoriums und der beiden Versammlungen machte den Schönredner, nachdem sie den Sieger gespielt hatte. Sie sagte:
— Ich habe Frankreich von den Jakobinern gerettet; dazu war Strenge erforderlich. Ich war streng in den Grundsätzen. Jetzt bin ich viel milder geworden. Ich erkenne den Geist dieser großen Nation. Schroffe Sittenstrenge ist nicht ihr Theil. Sie bedarf Ruhm, Reichthum, Glück und selbst Zerstreuungen. Ich thue das Meinige, ihr alles dies zu verschaffen. Erhaltet mich am Ruder; in zwei oder drei Jahren werden wir alle die vortrefflichsten Athener sein, nachdem wir rauhe unv unbestechliche Römer gewesen sind. So ist es am besten.
So sprachen die schlauen Anhänger von Barras, welche man die „Faulpelze" nannte.
Dann kamen die Royalisten. Diese nahmen größtentheils eine Märtyrergeberde an. Sie hatten das Recht dazu. Aber viele unter ihnen hofften üuf Wege der Verschwörungen, die alte Staatsform wieder herzustellen, und dieses grenzte an Tollheit und Verbrechen. Im Allgemeinen traten sie mit ihren Absichten und Plänen nicht sehr offen heraus. Das Direktorium ließ sie scharf überwachen. Aber das Direktorium fürchtete weit mehr die Jakobiner und eine andere Partei, die ihnen in ganz anderer Weise gefährlich ward: die Anhänger Bonaparte's.
Diese Partei wuchs von Tag zu Tag in der öffentlichen Meinung. Es war nicht zu läugnen, daß sie damals all' jene Garantien für die Ordnung, all' jene Bedingungen der Lebensfähigkeit aufgab, welche den anderen zu fehlen schienen.
Vor allem war sie jung — ein unermeßlicher Vortheil in Frankreich; sie hatte für sich „das Blendwerk des Ruhmes", unvergleichliche Siege, den Ruf einer unbescholtenen Rechtlichkeit, eine wohlgeschulte Disciplin, welche dem Genie der Organisation sehr ähnlich sah; endlich alle glänzenden Eigenschaften französischer Kriegsheere, welche die im Bürgerkriege zerstörten Städte überschwemmt hatten. , ,
Bonaparte erschien daher in den Augen der großen Menge als der einztge Mann, welcher sein Schwert wie ein Friedensscepter zwischen all' diesen leiden- schaftlichen und unversöhnlichen Parteien legen könne.
Bonaparte allein konnte zu Allen sagen:
— Keinen Haß, keine Rache, keine verbrecherischen Hoffnungen mehr! einigen wir uns! Ich bin ein Soldat, fremd all' Eurer Zwietracht; kommt, laßt uns nur an die Feinde Frankreichs denken! Kommt, laßt uns mit dem Banner der Freiheit in Händen gemeinsam das ganze Europa besiegen!
So lauteten die Ansichten, welche die Anhänger des Besiegers von Italien und Eroberers von Egypten verbreiteten. Die Freunde des Direktoriums bemühten sich aus allen Kräften, die Begeisterung abzukühlen, welche die Ankunft Bonaparte's unter den Parisern hervorrief. ,
— Er ist ein Kartätschenhelv, sagten sie; denkt an die Kanone von Saint Roche! Er ist ehrgeizig, er strebt nach der Diktatur. Es ist um die Freiheit geschehen. Seine Anmaßung kennt keine Schranken mehr. Nachdem er seine Armee verlassen, nachdem er fünsundzwanzigtausend französische Soldaten der Rache der Türken und den unheilvollen Einflüssen des Klima's von Egypten
preisgegeben hat, müßte er füsilirt werden. Die Regierung hat ihm gnädig verziehen; aber er trotzt ihrer Macht, er will Frankreich verderben.
Die Pariser halten es mit dem Erfolg. Sie verhöhnten das Direktorium, und eilten allenthalben hin, wo der junge General sich blicken ließ.
Es verging fein Tag, an welchem Bonaparte nicht irgend eine öffentliche Huldigung zu Theil ward. Wo er vorüberschritt, blieb man stehen, und Jeder zog den Hut. Das bürgerliche Gewand vermochte nicht den General unkenntlich zu machen. Die gedrungene soldatische Gestalt, der funkelnde, noch etwas wilde Blick, der gebieterische Gang, die eigenthümlichen Züge, welche gleichzeitig den Befehlshaber und den Helden verkündeten — Alles verrieth den Mann des Geschicks, und die Menge jauchzte ihm zu.
Das Haus Bonaparte's in der Straße Chantereine war der Versammlungs- ort aller hervorragenden Männer der Pariser Gesellschaft. Fast sämmtliche höheren Offiziere trafen sich Dort an bestimmten Tagen. Schon schienen sie von einem gekrönten Chef ihre Befehle zu empfangen. Die Mitglieder des Direktoriums hatten sich gezwungen gesehen, selber dem allgemeinen Enthusiasmus z« weichen. Sie machten dem angesehenen „Rebellen" ihre Aufwartung; und Gohier, ein so guter Republikaner er sein mochte, gab ein großes Diner, bei welchem er Bonaparten den Ehrenplatz anwies.
Barras, stets von sich selbst und seinen Verdiensten eingenommen, trug ihm gegenüber eine gewisse stolze Zurückhaltung zur Schau; aber er lachte nicht mehr mit seinen Freunden über den „verrückten Ehrgeiz" des Generals, welcher, nach seinem Ausdruck, ihm Alles, selbst seine Ehe mit der Wittwe Beauharnais verdanke.
Moulins sah mit Schmerzen die Republik sich an einem glorreichen Kriegs- rühme berauschen, der sich früher oder später in einen glänzenden Despotismus verwandeln müsse.
Was den Herrn Abbö Sieyös und feinen Freund Roger Dueos betrifft, so hatte sich die Empfindlichkeit ihrer Seele gegen die „unerhörte Impertinenz des kleinen Offiziers" merkwürdig gemildert. Der Abbö war ein persönlicher Feind der Jakobiner; er hatte nichts mit den Royalisten zu thun; er war eifersüchtig auf Barras . . . Mit wem konnte sich wohl dieser Metaphysiker verbünden, welcher stets nach der Herrschaft trachtete? Er begriff es schnell: mit Bonaparte. ,
Wie und unter welchen Bedingungen wurde der Frledensvertrag zwischen ihnen geschlossen? ES ist nicht unsere Sache, dies Geheimniß aufzuklären und zu enthüllen. So viel ist gewiß, daß der Vertrag kurze Zeit vor dem achtzehnten Brumaire geschloffen ward, und der Partei des Generals die einflußreichsten Staatsmänner der damaligen Zeit zuführte: Talleyrand, Fouchs, Real, Regnault de Saint Jean d'Angely, ßambaceres, Lebrun unD zahlreiche Andere.
Fast alle damals in Paris anwesenden Generäle billigten die Pläne Bonaparte's und theilten seine Ansichten. Es versteht sich, daß diejenigen, welche er aus Egypten zurückgeführt hatte, ihm mit Leib und Seele ergeben waren.
Bonaparte zählte gleichfalls auch auf Diejenigen, welche damals an der Spitze unserer Armeen unsere jüngsten Niederlage in Italien rächten; er zählte auf Massena, dessen Sieg bei Zürich Frankreich vor einer Jnvasson Suwaroff's rettete; auf MacoonalD, der feine Armee durch einen bewunderungswürdigen Rückzug von Neapel nach Toscana führte; er zählte damals selbst auf Moreau, der in diesem Augenblick nach Paris heimkehrte.
Aber es gab einen General von festem Charakter nnd ausgezeichneter Fähigkeit, welcher in direkter Opposition zu feinen Ansichten trat. Es war Bema- dotte, der mit feiner Familie Verschwägerte; und Bernadotte, damals ein aufrichtiger Republikaner, war ein gefährlicher Gegner für Jeden, der nach der Diktatur gestrebt hätte.
Dies war die Situation Bonaparte's in Paris gegen Ende October 1799.
25.,
Eine Aristokratie.
An einem schönen Nachmittag eines der letzten Octobertage wurde der Ma- Dame Bonaparte Die Ankunft einer jungen Dame gemeldet, welche sie in einer besonderen Angelegenheit zu sprechen begehre. Die Fremde hatte sich geweigert, dem Diener ihren Namen zu nennen; sie schien sehr zurückhaltend und vornehm zu sein.
Mad. Bonaparte befahl, sie hereinznführen.
Sie erwartete sie in einem Salon zu ebener Erde, der an ein großes Gemach stieß, in welchem sich der General gegen drei Uhr Nachmittags einzufchließen pflegte, um feine Briefe zu lesen und die Antworten zu diktiren. Die angemeldete junge Dame trat mit schüchternem Schritt in den Salon; sie schien sehr aUf9"Ä. Bonaparte stand auf, ergriff ihre Hand und führte fit in die Nähe des Kamins, mit Der Einladung sich zu setzen. Niemand in der Welt besaß mehr Liebenswürdigkeit, als Josephine; sie vereinigte mit der reizenden Anmuth einer Kreolin die sichere Würde einer Französin.
Die Fremde war sehr einfach, aber höchst geschmackvoll gekleidet. Weit entfernt, die Mode des Tages zu übertreiben, hatte sie derselben eher einen etwas alterthümlichen Anstrich zu geben gewußt. Mad. Bonaparte bat das schone, junge Mädchen, sich zu sammeln und ihren Namen zu nennen.
Dieser Name lautete Helene de Rencey.
Nack einem Gespräche von zehn Minuten kannte Josephine die Stellung und die Verhältnisse Fräulein de Rencey's; es blieb ihr noch übrig, den Zweck ihres Besuches zu erfahren. „ ..
In Dieser Hinsicht schien Helene noch verlegener als zuvor. Endlich gestand sie, daß sie an Mad. Bonaparte die Bitte richten wolle, ihr die für sie GpeIcne) nothwcndige Auskunft über einen Ordomianz-Offizier zu verschaffen, welcher dem Stabe des Generals en Chef der egyptischen Armee zugetheilt sei.
Dies Geständniß hervorzubringen, kostete sicherlich einer Dame von so zurückhaltender Strenge, wie Helene es war, die größte Ueberwindung. Madame Bonaparte, deren Mitgefühl lebhaft angelegt war, ergriff die Hand des Frauleins De Rencey, und sagte zu ihr mit unvergleichlicher Anmuth:
- Mein Fräulein, es ist Jemand hier, Der Ihnen über dies alles viel bessere Auskunft als ich selbst ertheilen kann, und der sich gewiß freuen wird, mlt H^lmc^wa'rd mch verwirrter; der Gedanke, daß sik Vielleicht gleich vor dem General Bonaparte stehen werde, machte sie beben. (sorts. folgt.)


