Gießen, 3. Jan. Der den gestrigen Nachmittagszug fahrende Locomotivführer ist zwischen Nau- heim und Butzbach von der Locomotive, an der er etwas nachseden wollte, da er Unregelmäßigkeiten im Gang der Maschine wahrnahm, Kopfüber herunter- gestürzt und der ganze Zug ging über ihn hinweg. Die Verletzungen des Unglücklichen sind bedeutend und zweifelt man an seinem Aufkommen.
Darmstadt, 30. Dec. Das heute erschie- neue Regierungsblatt Nr. 51 enthält : I. Bekannt- machung Großherzoglichen Ministeriums des Groß- herzoglichen Hauses unv des Aeußern, die Gesetze und Verordnungen des Norddeutschen Bundes betr. Die nachstehender, durch das Bundesgesetzblatt des Norddeutschen Bundes für die zu diesem Bunde gehörigen GebietStheile des Großherzvgthums bereits verkündigten Gesetze, nämlich: 1) über das Paß. wesen, vom 12 October 1867; 2) über die Freizügigkeit, vom 1. November 1867; 3) betreffend den BundeShauihaltsetat für das Jahr 1867, vom 4. November 1867; 4) betreffend die Organisation der Bundesconülate, sowie die Amtsrechte und Pflichten der Sundesconsuln, vom 8. November 1867; 5) betrffend den außerordentlichen Gelv- hevarf des Noddeutschen Bunves zum Zwecke der Erweiterung de Bundcs-Kriegsmarine und der Herstellung der Kitenvertheidigung, vom 9. November 1867; 6) beteffend die vertragsmäßigen Zinsen, vom 14. Novmber 1867; 7) betreffend die Feststellung des Hashaltseiats des Norddeutschen Bundes für das Ihr 1868, vom 30. October 1867 — werden duch Abdruck im Regierungsblatt zur allgemeinen Knntniß gebracht. Die unter Nr. 1 und 2 erwählen Gesetze treten, in jenen Landes- theilen, mit em 1. Januar 1868 in Wirksamkeit. Die übrigen (esetze haben daselbst ihre verbindliche Kraft erhalte,: Das unter Nr. 3 bezeichnete am 6. v. M., die unter Nr. 4, 5 und 6 aufgeführten am 19. v. M-, das unter Nr. 7 genannte am 28. v. M. I. Bekanntmachung Großh. Ministeriums der Fianzcn, die Erhebung einer Abgabe von Salz br. In Betreff der Ausführung des Artikels 6 d, Gesetzes vom 9. November d. I. wird Nachstehwes zur öffentlichen Kenntniß gebracht: Für jede der cstehenden inländischen Salinen ist ein besonderes Sqsteueramt errichtet worben, welchem die Erhebung und Eontrolirung der Abgabe von dem auf bei Saline gewonnenen Salze obliegt. Das Salzstevamt Wimpfen ist Vem Hauptzollamt Darmstadt, bc Salzstcueramt Nauheim dem Hauptzollamt Gießemnd bas Salzsteueramt Theoborshalle Vem Hauptzolint Mainz untergeordnet. Die obere Leitung der e Erhebung und Eontrolirung der Abgabe von lalz betreffenden Angelegenheiten ist der Ober-ZvDirection übertragen. III. Bekanntmachung Gryerzoglichen Ministeriums der Finanzen, die Erriung eines Nebenzollamts erster Klaffe zu BenSheimiktreffend. Mit Beziehung auf den §. 108 des leiten Theils der Zollordnung vom 9. März 183 wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Bensheim an Stelle des seitherigen
mit der OrtSeinnehmerei zweiter Klaffe verbundenen Nebenzollamts zweiter Klaffe ein Nebenzollamt erster Klaffe mit unbeschränkter Befugniß zur Ausfertigung und Erledigung von Begleitscheinen und mit Nieber- lagerecht von Tabak, Wein, Spirituosen, Kaffee und Salz, in Verbindung mit einer OrtSeinnehmerei erster Klaffe für die inneren indirecten Abgaben, errichtet worben ist und mit dem 1. Januar 1868 in Wirksamkeit treten wird. IV. Bekanntmachung Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen, die Besteuerung des Biers im Großherzogthum Baden betreffend. Durch Gesetz vom 18. Nov. l. I. ist im Großherzogthum Baden zunächst für die Monate December 1867 und Januar 1868 die Steuer von dem daselbst bereitet werdenden Bier von 5 Kreuzer auf 7 Kreuzer für die badische Stütze und in demselben Verhältniß auch die Uebergangssteuer von dem aus anderen Zollvereinsstaaten in das Großherzogthum Baden eingeführt werdenden Bier von 7,8 Kreuzer auf 11 Kreuzer für die Stütze, oder von 1 ff. 18 fr. auf 1 ff. 50 fr. für die badische Ohm erhöht und in gleicher Weise die Steuerrückvergütung von dem aus dem Großherzogthum Baden unter Controle über die Landesgrenze ausgeführt werbenden Bier von 6,5 Kreuzer auf 9 Kreuzer für die Stütze oder von 1 ff. 5 fr. auf 1 ff. 30 fr. für die badische Ohm festgesetzt worden, was mit Bezugnahme auf die Anlage B. des Schlußprotokolls zum Vertrage vom 8. Juli d. I., die Fortdauer des Zoll- und Handelsvereins betreffend (Reg.-Bl. Nr. 47), zur öffentlichen Kenntniß gebracht wird. V. Bekanntmachung, die Verkündigung gerichtlicher Anzeigen in der Provinz Rheinhessen betreffend. Das Großherzogliche Bezirksgericht Mainz hat in feiner Generalversammlung vom 6. December b. I. in Gemäßheit der Allerhöchsten Verordnung vom 12. Januar 1852 das „Mainzer Journal" als dasjenige in der Provinz Rheinhessen erscheinende Zeitungsblatt bezeichnet, durch welches die in dem Bezirke des genannten Gerichts nothwendig werdenden, im Art. 1 der gedachten Verordnung aufgeführten gerichtlichen Anzeigen für die Dauer des Jahres 1868 zu verkünden find, und hat dieser Beschluß die nach Art. 2 der erwähnten Verordnung erforderliche Genehmigung des Großherzoglichen Ministeriums der Justiz erlangt. VI. Bekanntmachung, die Verkündigung gerichtlicher Anzeigen in der Provinz Rheinhessen betreffend. Das Großherzogliche Bezirksgericht Alzey hat in feiner Generalversammlung vom 7. December d. I. in Gemäßheit der Allerhöchsten Verordnung vom 12. Januar 1852 die „Wormser Zeitung" als dasjenige in der Provinz Rheinhessen erscheinende ZeiinngSblatt bezeichnet, durch welches die (n dem Bezirke des genannten Gerichts nothwendig werdenden, im Art. 1 der gedachten Verordnung aufge- fuhrten gerichtlichen Anzeigen für die Dauer des Jahres 1868 zu verkünden sind, und hat Cjefer Beschluß die nach Art. 2 der erwähnten Verordnung erforderliche Genehmigung des Großherzoglichen Ministeriums der Justiz erlangt.
Berlin. Millionen armer Menschen thun den Schritt vom alten ins neue Jahr mit Seufzen; denn die Noth schreitet mit ihnen über die schmale Schwelle und der Hunger pocht an Thür' und Fenster. AuS Ostpreußen, dem deutschen Gränzlande, von der Natur zum Theil stiefmütterlich bedacht, von der russischen Gränzsperre arg heimgesucht und von den neuen Verkehrsmitteln vernachlässigt, erschallen grelle Hülferufe nach Deutschland, dem die Ostpreußen 1812 vorangegangen sind mit siegreicher Erhebung gegen Napoleon I. Zwei Erndten waren sehr spärlich, die diesjährige Erndte ist eine vollständige Miß- erndte, selbst die Kartoffeln fangen an selten zu werden ; die Noth erstreckt sich, wie die Hülferufe melden, über mehr als eine Million Menschen. Die Erde ist gefroren, der Schnee bedeckt sie und verhindert, die Arbeiten an den Eisenbahnen, die gebaut weiden sollen, zu beginnen. Es müssen andere Hülssmittel als Eisenbahn- und Wegebauten gefunden werden. Die Regierung selber hat darauf verzichtet, allein helfen zu können, der Kronprinz selber fordert patriotische und christliche Menschen auf, ihr Scherf- lein beizusteucrn, um die Hungernden zu speisen und er wird's sicher nicht vergeblich gethan haben. — (Die Expedition des Gießener Anzeigers ist erbötig Gaben für die Ostpreußen in Empfang zu nehmen und weiter zu befördern.)
Stettin, 21. Dec. Das hiesige Coursblatt schreibt: Trotz der sonst um diese Zeit ganz ruhenden Nachfrage nach industriellen Aetien war es diese Woche recht lebhaft, da das Privatpublikum sich beeilt, zu den billigen Coursen das flotte Material aus dem Markt zu nehmen. Namentlich waren es Germania-Aktien, die schnell steigend zu 94 — 96 gesucht wurden und würbe das Geschäft noch größere Dimensionen angenommen haben, wenn eS nicht so sehr an Abgebern gefehlt. Wie wir hören soll das Geschäft in diesem Jahre recht günstig liegen und nachdem es durch veränderte Organisation auf die solideste Basis begründet, darf man jetzt eine von Jahr zu Jahr steigende Rente erwarten. National- versicherungs-Actien wurden in Kleinigkeiten bis 119 und nur Stettiner Union bis 105 bezahlt, Vulean mit 86 gehantelt.
München, 23. Dec. Vorgestern traf in unserem auswärtigen Amte eine telegraphische Depesche von Stuttgart ein, welche rnittheüte, daß die Vereinbarungen, wie sie jüngst auf der Münchener Wehreonferenz erzielt wurden, Seitens der württem- bergischen Staatsregierung die ausbedungene Ratification erhalten haben. Somit sind die Verträge von Baden und Württemberg ratificirt; nur in Baiern hat man die Unterschrift des Königs, der unter der Zeit bekanntlich von Hohenschwangau nach München übersiedelte, noch nicht erlangen können.
München, 24. Dec. Verschiedenen Zeitungen ging die Nachricht zu, daß Baden bei der Ratifikation der Vereinbarungen, welche von der jüngsten Militär - Conferenz zu München getroffen wurden, wesentliche Vorbehalte gestellt habe. Aehnliche Nachrichten über dasselbe Factum kommen auch über
Feuil
Vetter uni» Base.
Eine Familiengeschichte.
(Fortsetzung.)
— „Offegestanden, Zirkler," sagte Pauline und wickelte einen Streifen Rosapapier unsren kleinen runden Finger, um ihn zu einer Rose zu gestalten, und auf ihren fangen leuchtete ein Roth auf, das diese treuherzigen offenen Züge gleicbfamerflärte; „offen gestanden, Zirkler, ich habe die Sorten nicht aus dem Kopfeemacht! Nein, das wäre doch für ein einfaches Landmädchen wie ich zuviel langt! Die Farbennuancen und den Bau der Blumen versteht ja nur ihr Gäer! — Aber sehen Sie, Thomas, wie ich neulich drüben des Onkels Bücher stäubte in seinem Privatzimmer, da fiel mir ein französisches Buch in die -£d mit lauter schönen wunderbar hübschen Abbildungen von Rosen. Dieß >' ich mir geholt und darnach meine Papierblumen gemacht. Sehen Sie, h. sind die verschiedenen Nuancen von Papier und h.er ist ein Pinsel und Cari, womit ich zuweilen nachgeholfen habe. Und glauben Sie nun nicht auch, ß uns geholfen ist?"
„Freilich, in herziges Mamfellchen! Dank Ihnen ist mir nun geholfen! Nun brauch ich ine eigenen getriebenen Rosenblühten nicht abzuschneiden, und wir ersparen ein Louisd'or für diejenigen, welche wir von anderen Gärtnern hätten kaufen la müssen ■— wenn ich nämlich darum geschrieben hätte, wie es die Madame vollt hat!"
— „Und ierspare Ihnen den Zank der Tante, der Ihnen nicht geschenkt worden wäre, toi sie erfahren hätte, daß Sie nicht um die Rosen geschrieben haben!" sagte Pine.
„Als ob ichcht besser wüßte, Mamfellchen, daß man Ende Oktobers die Blüthen von geibenen Rosen mit Gold aufwiegt!" sagte Zirkler mürrisch. „Und wozu auch ne getriebene Rosen? ich bitte Sie, Mamsell Pauline! Kostet denn das j nicht ohnedies schon ein Sündengeld? Und wäre es nicht schon Unsinn undn-oel, die schönen Rosen so auf die Kränze zu heften, wo sie doch im Qualund der Hitze eines solchen Ballsaals in wenigen Minuten schon schlaff und if würden? Nein, fürwahr, solch ein verrückter Einfall ..
l e t o n.
— „Stille, stille, lieber Mann! wenn jemand das hörte!" flüsterte Pauline und ergriff beschwichtigend feinen Arm. „Sie sollen die Tante nicht noch mehr erzürnen, denn sie ist Ihnen ohnedem gram genug. Lassen Sie uns froh fein, daß mein Einfall mit den Papierblumen nun doch alles zufrieden stellt..."
„Wenn's nur geht, Mamfellchen! Wenn die Madame nur nichts merkt, denn sonst bricht das Gewitter über uns beide herein, und das möcht' ich Ihnen für mein Leben nicht wünschen!"
— „Oh, dafür ist gesorgt, Thomas!" sagte Pauline lebhaft. „Ich habe an Alles gedacht. Wir geben dem Tapezier die Guirlanden und Kränze von Fichtenreisern mit den Rosen erst in der letzten Viertelstunde vor dem Beginne des Balls zum Aufhängen; ferner hab' ich ihn angewiesen, sie so hoch zu hängen, daß man den Unterschied nicht genau sieht, und endlich ist die Tante kurzsichtig, und heute von so viel Sorgen in Anspruch genommen, daß sie nicht Zeit haben wird, die Rosen auf ihre Echtheit zu untersuchen, und .... wissen Sie, Thomas ! das ist noch eine Art Anspruch auf Verdienst von meiner Seite! .... wenn alle Stränge reißen, so sagen Sie der Tante einfach: da keine von den bestellten Rosen eingetroffen und ihre eigenen nicht genügend gewesen seien, so habe ich mich anheischig gemacht, Ihnen einen Vorrath von künstlichen zu liefern — nur damit der Wille der Tante erfüllt werde!"
„Mamfellchen, Sie sind ein Prachtmädel! Na das muß Ihnen der Neid lassen, in diesem Köpfchen da steckt ein halber Advokat!" rief der Gärtner heiter. „Wenn Sie nicht noch im Hause wären und der alte Herr, da wär'S meiner Treu nicht mehr auszuhalten mit dem hochmuthigen Weibervolk da oben . . . ."
— „Oh, stille, lieber Alter! stille!" sagte Pauline; „die Wände haben Ohren — wozu sich noch mehr Feindschaft machen? Genug, wenn man uns ungeschoren läßt! Auf Dank wollen wir ja gar nicht rechnen! Und nun lassen Sie mich, Alker, denn ich muß mindestens noch zwei Dutzend Rosen machen, wenn es für alle Kränze und Guirlanden reichen soll!" Damit klapste sie ihm schelmisch auf die Schulter und schloß das Fenster.
2.
„Du lieber Himmel! was man sich doch mit diesen Leuten ärgern muß!" rief Henriette Balder ganz außer sich. „Welch ein Unglück ist es doch, in


