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Stuttgart. Um so mehr ist man in unserem aus­wärtigen Amte erstaunt, weil die großherzoglich ba­dische Regierung die Verträge ohne jeden, auch den geringsten Vorbehalt retificirte, und es wird abzu- warten sein, in wie weit sich jene Nachricht, die anscheinend mit großer Bestimmtheit in die Welt gesetzt wurde, vielleicht durch irgend eine nachfolgende Erklärung Badens als begründet erweise.

Florenz. Lord Clarendon ist in Florenz an- gekommen, wie die officiöseJtal. Corr." selbst meldet; offenbar in diplomatischer Mission. Die Nachricht desWiener Tageblattes", daß er einen englisch, preußischen Vermittlung-Vorschlag zu über­bringen habe, wird zwar von derselben Correspon- denz sehr bestimmt dementirt. Es muß aber doch etwas daran sein; denn gleichzeitig zeigt sie die be­vorstehende Ankunft des Lord Bloomfield, engli­schen Gesandten in Wien, an, und zwar mit folgen­der höchst bedeutsamer Note:Man kennt die ganz besondere Wichtigkeit, die man den Reisen der poli­tischen Notabilitäten Großbritanniens beizulegen hat. Diese wahrhaft distinguirten Männer wissen sich wäh- rend ihres Aufenthaltes in der Fremde genau über die Verhältnisse der Länder, welche sie durchfliegen, Rechenschaft abzulegen. So müssen wir uns darüber beglückwünschen, daß so hervorragende Persönlichkei- ten mit ihren eigenen Augen die wahre Situation ZtalicnS gegenüber Rom und den wirklichen Zustand der Sicherheit, der gegenwärtig auf der Halbinsel besteht, zu constatiren kommen. Wir fürchten ihr aufgeklärtes Urtheil über den Stand unserer Ange­legenheiten nicht und unsere Regierung sieht mit Freuden, daß ihre Handlungen in diesem Augenblick sehr kompetente Zeugen haben."

Florenz, 30. Dec. Der König ist gestern Abend von Turin wieder hier eingetroffen. DieOpi- nione" sagt: Menabrea suchte anfänglich ein neues Cabinet zu bilden, indem Gualterio und Mari aus- scheidcn, während Cordova mit dem Justizportefeuille und Scialoja mit dem Finanzportefeuille betraut, Cambray aber zum Minister des Innern ernannt werden sollten. Später versuchte er eine neue Com­bination, um sich die Mitwirkung der piemontesischen Deputirten zu sichern. Ponza und Sammartin wur­den nach Florenz berufen und hatten eine lange Conferenz mit Menabrea, welcher eine zweite Zusam­menkunft folgte, zu der auch noch andere politische "Persönlichkeiten zugezogen wurden.

Rom, (via Marseille), 26. Dec. Als gestern nach dem Schluffe des päpstlichen Hochamtes die Cardinäle den Heilgen Vater zum Beginne des neuen Kirchenjahres beglückwünschten, erwiderte dieser einige improvisirte Worte, in welchen er von den Zustän­den Jerusalems und Roms zur Zeit der Erscheinung Christi sprach. Damals sagte der Papst, war Judäa auf's Tiefste durch Parteiungen zerrissen und ge­spalten , während Rom das Bild der Macht und der Kraft darbot. Auch heute noch bietet Rom das Bild vollkommenster Einheit. Die Kirche schaart alle Kräfte der Gläubigen des ganzen Weltalls um sich, während ihre Feinte sich in Parteien zersplittern

und dadurch ihren eigenen Untergang beschleunigen. Ohne Zweifel müssen wir aber gewärtig sein, daß sie sich noch zu einem letzten Angriffe sammeln wer­den. Darum wachet und betet, auf daß ihr zu Allem bereit gefunden werdet. Der Papst weihte hierauf den Sammthut und Ehrendegen, die, wie üblich, demjenigen Fürsten zum Weihnachtsfeste über­sandt werden, welcher sich um die Vertheidigung der Kirche am verdientesten gemacht hat. Cardinal Andrea hat die ihm auferlegte Retractation in fünf Punkten acceptirt und an den Papst ein Schreiben gerichtet. In Folge dessen sind dem Cardinal seine Würden wieder zuerkannt worden, und die Angele­genheit ist damit erledigt.

Paris, 2. Jan. Folgendes ist der Wortlaut der kaiserlichen Ansprache an das diplomatische Corps : Ich schätze mich glücklich, das neue Jahr, wie im­mer, umgeben von den Vertretern aller Mächte zu beginnen und Ihnen wiederum meinen beständigen Wunsch kundgeben zu können, mit den auswärtigen Mächten die besten Beziehungen zu bewahren. Ich danke Ihnen für die guten Wünsche, welche Sie für Frankreich, für meine Familie und für mich dar- bringen." Der Kaiser antwortete dem Erzbischof von Paris auf dessen Ansprache:Die Wünsche, die Sie für die Kaiserin, den kaiserlichen Prinzen und für mich hegen, rühren mich tief. Sie entstammen einem edlen Herzen. Ich weiß, daß Sie die In­teressen der Religion von denen des Vaterlandes und der Civilisation nicht trennen." Nach der Rede richtete der Kaiser einige besondere Worte an den Fürsten Metternich und einen huldvollen Gruß an Goltz. Der kaiserliche Prinz und der Prinz Napo­leon wohnten dem Empfange bei.

London, 24. Dec. John Bright, der am vorigen Abende eine lange Rede in Rochdale hielt, woselbst seinem in Manchester gewählten Bruder Jacob zu Ehren ein Meeting veranstcktet worden war, sprach u. A. ebenfalls über Irland und das Fenierthum, aber weniger gegen dieses als gegen England, das keinen Staatsmann groß gezogen habe, der Muth und Talent genug besitze, Irland gerecht zu werden. Er seinerseits stimme nicht in Vas Geschrei des Ta­ges ein, daß vor Allem das Fenierthum bekämpft werden müsse, um hinterdrein die Beschwerden Ir­lands zu erörtern. Denn in der Regel vergesse man die Beschwerden, wenn die Roth überstanven. So sei es Irland gegenüber geschehen, das man 200 Jahre lange mittelst des Galgens regiert habe. Nicht eine ein­zige große heilsame Maßregel sei seit O'Connell's Zeiten zu Gunsten Irlands durchgeführt worden. Und da wundere man sich, daß ein Theil des erbitterten iri­schen Volkes sich zu Verschwörungen und gehässigen Verbrechen hinreißen lasse! Viele darunter seien im amerikanischen Kriege an blutige Thaten gewöhnt worden, da sei es nur natürlich, baß sie das Erlernte zu Zwecken verwenden, die sie für patriotisch'erachten. Ganz Europa deute jetzt mit Verachtung auf England. Französische, deutsche und italienische Zeitungen spre­chen nicht mehr von Polen, Ungarn und Venetien, sondern von Irland und England, welches letztere

seine Pflicht gegen ersteres schmählich verabsäumt habe. Ob die jetzige Regierung ihrer Aufgabe ge- wachsen sei, werde sich zeigen. Schon Sir Robert Peel habe, aus dem Amte scheidend, eingestanven, daß Irland seine größte Schwierigkeit gewesen, weit er seine toryistischen Kollegen und die Vorurtheile Englands nicht bezwingen gekonnt. Ob wohl die heutigen Tories weiser seien? Ob sie zur Heilung des Nebels andere Mittel in Bereitschaft haben, als den bloßen Schrecken ? Unter den Whigs sei es Irland aller­dings bis jetzt nicht viel besser ergangen, denn auch den wohlwollendsten und einflußreichsten derselben habe es an Muth gefehlt, die irische Frage gründlich zu be- handeln. Zur Zufriedenheit Irlands gehöre die Gerechtigkeit und großes staatsmännisches Talent. Sollte England so tief gesunken fein, daß es keinen der Aufgabe gewachsenen Staatsmann mehr zu erzeu- gen vermöge? Besäße es einen, und gelänge es ihm, die richtigen Mittel zu erdenken und durchzuführen, er würde sich damit der Unsterblichkeit würdig machen.

Petersburg, 27. Dec. DerRussische In- valide" analistrt die diplomatische Korrespondenz, die orientalische Frage betreffend und sagt: Rußland stellte die orientalische Frage so deutlich aus, daß eine schnelle Lösung derselben bevorstejt.

Athen, 21. Dec. Eine Ministerkrisis steht bevor. Komunduros droht mit Abdarkung, weil der König mit seiner Politik nicht einverstanden sei, welche zur Befreiung von Kreta auf snen Bruch mit der Türkei abzielt.

Konstantinopel, 21. Dec. Die Pforte hat beschlossen die letzte Note der vier Mächte unbeant­wortet zu lassen.

Zürich, 22. Dec. Zum ersten Male seitdem Bestehen der Hochschule fand am letzten Samstag bei ganz ungewöhnlich starker Zuhörerschaft eine weib­liche Doctorpromotion statt, indem nämlich die medicinische Falcnltät der Fräulkin Radeschka Suslowa aus Petersburg die Wurde liner Doctorin der Medicin, Chirurgie und Geburtshilfe ertheilte. Fräulein Suslowa studierte laut demRepublikaner" seit ca. 4 Jahren mit Energie und Ausdauer Meoicin und bestand vor Kurzem mit Zufriedenheit, gleich einem Studiosen, das Doktorexamen, in Folge dessen ihr dann die höchste akademische Würde valiehcn wurde. Die Doctorin (1843 geb.) schrieb eine 24 Seilen lange Jnaugural-Dissertation (Beiträge zur Phy­siologie der Lymphherzen"), sie hielt eine deutsche quaestio inauguralis, der ebenfalls in deutscher Sprache eine Disputation über brit medicinische Streitsätze folgte. Das jusjurandum verlas in la­teinischer Sprache der greife Universtäts - Secretär Ettmüller und nach der Creation zum Doctor hielt der Promotor Professor Dr. Rose eine längere schwungvolle Rede über die Wünschbarbit der allmä- ligen Emancipation der Frauen auch im Gebiete der Wissenschaften, wobei er besonders hervorhob, daß genau vor 50 Jahren die kürzlich verdorbene Char­lotte v. Siebold von der Universität Gießen ebenfalls den medicinischen Doctorgrad erlangt habe.

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einer solchen Provinzialstadt wohnen zu müssen, wo man nicht einmal einen modischen Damenschneider Haden kann! Da hab' ich nun doch dieser Madame Fuchs gesagt: sie solle mir den Leib au dem Ballkleide etwas tief ausschneiden und passend machen, und nun schickt sie mir hier eine Robe, die ich absolut nicht tragen kann! Der Leib da ist um zwei Fingerbreiten zu eng! Die dumme fahrlässige Person!" Damit schleuderte Fräulein Henriette, die älteste Tochter des Fabrikherrn Balder, ein kostbares Ballkleid von bernsteinfarbigem Atlas, welches sie eben anprobirt und zu eng erfunden hatte für ihre etwas unter- , setzte und breite Figur, voll Unmuth mitten in das Zimmer ihrer Schwester

hinein.Aber so geht es mit den hiesigen Handwerksleuten immer! Nichts hat i Chic, nichts Eleganz, und so oft mir diese Fuchs, die doch für die erste in

, ihrem Fache gilt, ein Kleid abliefert, ist es immer durch Abändern halb ruinirt,

i ehe ich es nur tragen kann. Es ist ein Jammer, daß wir Papa's Geschäften

zu Liebe in diesem armseligen Provinzialneste wohnen müssen!"

1Ach, Schwesterchen, wer wird sich denn über eine solche Kleinigkeit so

s ärgern?" versetzte die jüngere Schwester Ida und richtete sich von ihrem Divan

< auf, in dessen Kissen sie geruht und einen neuen Roman gelesen hatte.Ich

i denke, Du gehst zu weit in Deinen Ansprüchen wie in Deinem Dorurtheil gegen

i * die arme Fuchs! Sie kann doch andere befriedigen! Sind nicht Rosa und

Emmy Kammerer, welche auch bei der Fuchs arbeiten lassen, immer sehr hübsch t gekleidet?"

Allerdings!" rief Henriette;aber gerade dieß empört mich, daß sie mich £ so schlecht bedient, und ich wette, daß das Ballkleid von Rosamoor, wozu ich

Julien Fink das Maas nehmen sah, nicht verpfuscht werden wird. Juliens v Kleiderleibe sitzen immer wie angegossen!"

t »Aber bedenke doch, Schwester, daß Julie einen ganz ausgezeichneten

8 Wuchs hat!" wandte Ida ein.Sie ist schlank, klein und doch dabei hübsch

e gerundet. Du aber bist untersetzt und wirst alle Tage korpulenter!"

Unsinn, Ida!" versetzte Henriette unmutig;Julie verdankt ihre Figur nur ihrer Schneiderin und Korsettmacherin. Aber Madame Fuchs gibt sich mit Julien besondere Mühe, und mich läßt sie es entgelten, daß ich mich gelegent­lich schon ungünstig über die geringe Geschicklichkeit der diesigen Arbeitsleute geäußert habe!

»Was auch unklug von Dir war, Schwester!" fiel ihr Ida in's Wort. Derartige Ansichten braucht man ja nicht an die große Glocke zu hängen,

denn sie erbittern nur; und dann bleibt es doch wahr, daß Julie einen ganz vortheilhaften Wuchs hat!"

Nein, ich behaupte sie ist hager wie ein Stecken!" rief Henriette rechthaberisch;sie ist ein Skelett, ein Hutgestell; und ich möchte lieber noch zweimal so stark sein als ich bin, denn solch ein Atom, ein Schatten wie Julie. Gottlob daß ich noch etwas mehr bin als blos Haut und Knochen! Du hast freilich eine Vorliebe für kleine, hagere, schmachtende Schönheiten! Du holst Deine Begriffe von Schönheit und Deine Ansichten aus den endlosen Romanen, welche Du mit solcher Gier verschlingst, namentlich aus Deinen französischen Romanen, wo die Heldinnen lauter Milch und Mondschein und die Helden blasse, interessante, schwärmerische, Jünglinge sind, wie man sie im wirklichen Leben gar nie trifft. Nach Deinen Begriffen muß Julie dann eine Schönheit ersten Ranges fein. Aber das Einzige, um was ich sie beneide, sind nur ihre Ball­toiletten und ihre geschmackvollen Roben, die immer wie angegossen sitzen . . . . Doch, komm, Ida! lege um's Himmels willen Dein Buch beiseite und probire Dein Ballkleid an! Ich möchte wissen, ob die Fuchs auch das Deinige ver­pfuscht hat!"

Ida stand vom Divan auf, ein hochgewachsenes schlankes Mädchen von etwa achtzehn Jahren, sehr blaß und mit träumerischen großen grauen Augen und langen blonden Locken, die ihr etwas schwärmerisches fremdartiges gaben einen englischen Pli," auf den sie sich viel zu gute gab. Ida war das schnurgerade Gegentheil von ihrer kräftigen, blühenden, dunkeläugigen Schwester, die in jeder Bewegung ein reges Temperament und eine gewisse Thatkraft »er« rieth, während Ida eher etwas Indolentes und weichlich Sentimentales in ihrem Wesen hatte, zu welchem wohl auch das Kleid von blaßblauem Krepp paßte, das für sie im Nebenzimmer auf dem Sopha lag.

Ach geh', Henriette! wozu denn diese Eile?" sagte Ida und legte ihr Buch nur ungern auf den Gueridon.Wozu den diese Eile? Es ist ja kaum halb vier und der Ball beginnt erst um acht Uhr. Wozu denn schon jetzt Toilette machen? ich möchte lieber diesen Band erst zu Ende lesen. Ich bin überzeugt, mein Kleid paßt mir und das Deinige kann ja Pauline auslassen, die sich auf solche Arbeiten gut versteht! Laß mich jetzt in Ruhe, denn ich bin gerade an der interessantesten Stelle, wo, Lord Rochester sich auf das einsame verfallene Schloß zurückzieht. . . ." ' (Forts, folgt.)

Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.

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