— „Bah, das Blätteisen würde ihr gerade keine Schande machen, schämte sie sich nur nicht selber daran," versetzte Herr Schwend. „Was Einer war, wenn's nur eine ehrliche Hantirung ist, Vas schändet nicht, so man nur dessen eingedenkt bleibt. 'Denk' in Glück und Herrlichkeit Auch an die vergang'ne Zeit'. Deine Frau hat auch manches tausend Gros Knöpfe auf CartonS genäht', Alter, ehe Du Dir Deinen Einspänner halten und einen Buchhalter einstellen konntest; und die meinige wird es niemanden verläugncn, daß sie Polisseuse war wie ich Goldschmied; aber trotzdem sind wir alleweile nun doch Fabrikanten, so gut wie der alle Gottfried Balder, wenn unsere Frauen und Töchter es auch nicht so fein geben, wie die seinigen, und wenn sie auch noch nicht bei der stolzen Madame Balder hoffähig sind!"
„Mit der sie doch nicht tauschen werden!" setzte Klobe mit einem hämischen Blick auf das stolze Haus und den schönen Garten hinzu. „Sie soll gesagt haben: heute Abend müsse ihr Haus ein Fcenschloß werden! — Bah, wenn's nur nicht auch so schnell sich in 'was anderes verwandelt, wie ein Feenschloß in der Komödie'!"
— „Das wollen wir dem alten Gottfried zu Liebe nicht wünschen, Klobe!" sagte Schwend; „ist er auch unser guter Freund und Kamerad nicht mehr wie vor Zeiten, so wissen mir doch, daß er im Grunde ein braver ehrlicher Kerl ist und von all' dem thörichten Luxus nichts hat als die Sorgen!"
„Ja, das muß wahr sein," fiel der Gärtner ein; auf meinen Herrn lasse ich auch nichts kommen! Der ist die gute Stunde selbst, und bat noch nicht viel Staub in die glänzenden Salons der Madame getragen. Sein Comptoir in der Fabrik und sein Hinterstübchen da drinnen, das ist seine einzige Abwechslung ; und mich dünkt, er sieht oft vor Sorgen gar nicht, was um ihn her vorgeht. Aber nun, guten Abend, meine Herren! ich habe noch alle Hande voll zu thun!"
— „Guten Abend, Zirkler! also wenn Ihr ändert, Alter, bei mir findet Ihr immer Euer ruhiges Plätzchen!" rief ihm Herr Schwend nach.
„Aber wie lange wird er es noch treiben, der Balder?" fragte Klobe und schickte sich an, seinem Begleiter zu folgen, der gemächlich weiter schritt, und den wohlgeflegten Garten Balder's mit Kennerblicken und nicht ohne New musterte. „Mag er auch noch so viel verdienen, so w>rd er doch nicht vorwärts kommen! Das Hauswesen kostet zu viel, und dann die ewig-n neuen Bauten! Der Geier mag wissen, was in diese neumodischen Fabrikherrn gefahren ist! Jeden Sommer neue Gebäude, neue Maschinen! Ich bin nur froh, daß ich mein Schäfchen im Trocknen und mich zur Ruhe gesetzt habe, Schwend! Richt wahr, diesen Baugeist hatten wir zu unserer Zeit nicht?"
— „War auch nicht nöthig, Klobe, entfernt nicht nöthig!" versetzte Schwend. „Waren andere Zeiten; wir arbeiteten nur auf Bestellung, nicht auf Lager. Der Bedarf, die Nachfrage waren größer, die Concurrcnz geringer. Aber bei alledem hat der Balder doch seine Sache richtig angefangen — ihm fehlt nichts als eine sparsame Frau und ein Sohn, der ihm hülfreich zur Seite stünde; dann würde er cs wohl bald so weit bringen können, daß er mit eigenen
Tuilerien, mit dem preußischen Bündniß zu drohen, als ob sie es in der Tasche hätten." Dagegen haben die Gerüchte von einem Bündniß Rußlands und Preußens, wie der „A. A. Ztg." aus Paris geschrieben wird, in den letzten Tagen eine bestimmtere Gestalt angenommen, und bilden den Gegenstand ernsterer Eröterungen. Der Zweck jenes Bündnisses wird als ein dreifacher desinirt: Frankreich soll verhindert werden, die italienische Einheit zu zerstören und die deutsche in ihrer Entwickelung aufzuhalten und Rußland soll freie Hand im Orient bekommen. Bekanntlich ist von russischer Seite der unmittelbare Vorwurf erhoben worden, daß Frankreich sich bereits mit Oesterreich über die polnische Idee geeinigt habe. Im Uedrigen mahnt der Correspon- dent selbst zur Vorsicht. Als maßgebende Thatsachen betrachtet er Folgendes: „Die türkische Gesandschaft liefert Beweisstücke um Beweisstücke für den Plan Rußlands, im Frühjahr die christlichen Nachbaren und Unterthanen der Pforte als Plänkler gegen diese loszulassen; Rußland macht aus seiner Enttäuschung darüber, daß Frankreich sich nach der bekannten Quadrupel-Erklärung ganz von ihm abgewendet und die österreichischen Gesichtspunkte in der orientalischen Frage avoptirt hat, kein Geheimniß. Das Cabinet von Berlin seinerseits ist schon seit lange sicher, im Orient auf alle Fälle den Kaufpreis des russischen Bündnisses zu besitzen. In Berlin wie in Petersburg glaubt man, durch die energische Ausführung der Intervention in Rom und durch die entschieden türkenfreundliche Haltung des Tuckerien-Cabinets habe sich die Absicht Frankreichs deutlich geoffenbart, weiteren Veränderungen der europäischen Karte mit allem Nachdruck entgegenzutreten. Besonders die Sprache der russischen Officiösen und die Mittheilungen von diplomatischen Aktenstücken, die Frankreichs Politik kompromittiren sollen, sind wohl zunächst auf Einschüchterung Frankreichs berechnet. Allein man nimmt diese Demonstrationen dcßwegen sehr ernst, weil die Lage Frankreichs den Kaiser drängt, seine ganze Macht gegen das erste Hinderniß aufzubicten, daß man seiner conservativen Politik entgegenstellen möchte."
Darmstadt, 26. Dec. Bis Ende September k. I. werden noch etwa 2800 Rekruten einbeordert werden, und wird alsdann unsere Division die durch die Militärconvention vorgeschriebene Stärke haben.
Darmstadt, 26. Dec. Von Seiten der Armeedivision sind durch Prinz Ludwig an die pen-
siiorten und zur Disposition gestellten Officiere Anfragen gerichtet worden, ob sie bei ter bevorstehenden Formirung von Ersatz- und Landwehr - Bataillonen und etwaiger Mobilmachung in den Militärdienst einzutreten geneigt seien. Von vielen Seiten ist bereits die Zusage schriftlich eingereicht worden.
Darmstadt, 27. Dec. Die Unterhandlungen der Regierung mit der Ludwigsba hngesell- sch aft sind einem befriedigenden Abschlüsse nahe. Soviel verlautet, hat sich die Ludwigsbahngesellschaft erbeten, die Odenwaldbahn und die Riedbahn, beide mit Einmündung in Darmstadt, zu bauen; den bei diesen Linien nicht berücksichtigten Landstrichen soll durch Anlegung von Zweig- und Seitenbahnen Rechnung getragen werden. (Frkf. Journ.)
Mainz, 28. Dee. Wie man tciy „M. A." mitiheilt, sollen falsche hessische Fünfgulden- scheine in Cours gebracht worden sein. Doch soll man sie, bei einiger Aufmerksamkeit, leicht von den ächten unterscheiden können. Der „Rh. Courier" berichtet über denselben Gegenstand aus Wiesbaden: „Es ist zwei bis jetzt leider noch unermittelt gebliebenen Individuen gelungen, falsche Scheine der Darmstädter Schuldentilgungskasse, nämlich 10-, 5« und 1-Guldenscheine, d. d. 1. Juli 1865, in namhaften Beträgen hier zu verausgaben. Die Falsifikate sind kaum von den Aechten, was den Druck anlangt, zu unterscheiden, dagegen sühlt sich das Papier rauh an, hat an vielen Stellen Flecken und steht schmutzig grau aus. Auch fehlt der Trockenstempel.
Berlin, 27. Dee. Die „Prov.-Corr." meldet: Die Berufung des Zollparlaments ist nicht vor Mitte März zu erwarten.
— Der Bundesrath als solcher hat im Augenblick zwar seine Arbeiten vertagt, dennoch aber steht, wie Berliner Blätter berichten, die Einberufung der Sachverständigen, deren Votum in Beziehung auf die Errichtung der Hypothekenbanken nach einem Beschlüsse des Bundeseathes gehört werden soll, schon in nächster Zeit bevor, indem es sich hierbei nicht um eine Berathung mit den Mitgliedern des Bundesraths unmittelbar, sondern nur mit einer von diesem eingesetzten Commission handelt. Die Sachverständigen werden dem Vernehmen nach theils aus juristischen Capacitaten (mit speciell.r Rücksicht auf die erforderliche Abänderung der Hypotheken-Ordnung) bestehen, theils aus dem Kreise der Grundbesitzer, der Kaufleute und aus den Directionen der jetzt schon bestehenden Hypotheken-Jnstitute gewählt werden.
Gießen. Der „Franks. Anz." schreibt unterm 30. December: Die Nachrichten über den Noth- stand in der Provinz Preußen lauten stets bedenk- licher. Privatmittheilungen weisen darauf hin, daß für manche Gegenden des äußersten Nordostens absolut tröst- und hilflose Zustände dann zu erwarten sind, wenn in Folge jenes Standes des Flußeises, wo die Ueberfahrt zu Schlitten nicht mehr und die Ucberfahrt zu Kahn noch nicht gestattet ist, alle und jede Communication oft Wochen lang durchaus abgesperrt ist und die Beschaffenheit der Wege selbst innerhalb der dies- oder jenseitigen Gebiete den Verkehr unmöglich macht.
Die Festtage sind vorüber, aber den Frieden haben sie nichtzurückgclaffen; im Gegentheil. Zwar haben sie keine positiven politischen Neuigkeiten unsgebracht, desto mehr Gerüchte über die Beziehungen der continenta- len Großmächte zu einander durchschwirren die Lust, die dem kommenden Neujahr keine günstige Aussicht öffnen. Ein Pariser Correspondent der Wiener „Presse" schreibt: „Die Lage des Empire erscheint in diesem Moment ziemlich verzweifelt und der Kaiser, der sich einmal auf der schiefen Ebene der Concessionen an die clericale Hofpartei befindet, wird schwerlich Kraft besitzen, die rollende Kugel aufzu- halten. Bei dieser Sachlage mußte natürlich die Erklärung Menabrea's im Parlamente, Italien wolle die Zinszahlung der päpstlichen Schuld etnstellen, in Paris sehr böses Blut machen. Rouher wie Möustier sprachen sich im Sinne einer Sommation aus, die nach Florenz gerichtet werden müsse, um Italien zu seiner Pflicht zurückzurufen. Da das Cabinet Mena- brea überdies Alles darauf anlegt — natürlich nur, um dem italienischen Nationalgefühl zu entsprechen ■— Frankreich Schwierigkeiten zu bereiten und so zum Abbruch der diplomatischen Verbindung zu gelangen, so wird cs nicht Wunder nehmen dürfen, wenn Frankreich in ähnlichem Tone antwortet, und ernstlich mit Kündigung des Septembervertrages droht, den bekanntlich Menabrea nur aufgeschoben — aber nicht aufgehoben glaubt. Die Gerüchte einer italienisch- preußischen Allianz sind für den Moment rein aus der Luft gegriffen, da, wie man uns bemerkt, im Gegentheil gerade jetzt zwischen Berlin und Florenz eine äußerst gereizte Stimmung herrscht, deren Grund in der Haltung Bismarck's während der letzten Krisis und in den ausgesprochen antipreußischen Sympathien Menabrea's zu suchen ist. Nichtsdestoweniger bemühen sich italienische Diplomaten in den
Mitteln arbeitete. Glück und Erfolg haben ihn trotzdem seither nicht ver- . lassen
Damit bogen beide Herren um die Ecke, und ein jüngerer Mann in einem j leichten Reisemantel und braunen breitkrämpigen Hute, der seither in ihrer Nähe < gestanden, in den Balder'fchen Garten hineingeblickt und anscheinend unwillkür- t lieh das Gespräch der beiden alten Herren mit angehört hatte, sah ihnen gedankenvoll nach. — „Das hat man vorn Horchen!" sagte er halblaut vor sich hin. „Beinahe könnt' ich sagen: 'Der Horcher an der Wand hört seine eigene Schänd', denn was sie horhin auskrarnten, geht ja auch mich im Grunde nahe genug an. Und wenn auch nur die Hälfte von dem wahr ist, was sie da über den alten Gottfried Balder und seine Verhältnisse sagten, so ist das wahrlich des Schlimmen beinahe schon zu viel, aber leider Bestätigung genug für meine eigenen Ahnungen." Damit warf er noch einen langen prüfenden Blick auf das schöne palastartige Landhaus mit seinem Garten, Park und Glashäusern, und schlenderte langsam und gedankenvoll wieder der Stadt zu, welche drunten zu beiden Seiten des Flusses sich über die Thalsohle hin ausbreitete.
Der Gärtner ging mittlerweile längs der Seirenfronte des Hauses seinen Gewächshäusern zu, den zerrissenen Eamellienstrauch in der Hand, und besorgte Blicke an den Himmel hinauf werfend, welche seine Besorgniß vor einer stern- unc mondklaren Frostnacht genugsam ausdrückten Schon war er am Hause vorüber, da hörte er hinter sich eine wohlklingende weibliche Stimme gedämpft rufen : „He, Thomas! bst, bst, Zirkler!" Blitzschnell blieb er stehen und die strengen finsteren Züge des gereiften Mannes wurden plötzlich heiterer; ja fein Mund lächelte uud sein Auge glänzte freundlich, als er, sich umwendenv, ein junges Mädchen unter einem der Fenster des Erdgeschosses erblickte, das ihm heranwinktc.
„Ah, Sie sind cs, Mamsellchen?" sagte er herantretend; „was befehlen Sie, Mamsell Pauline?"
— „Befehlen? ich und befehlen?" lachte das junge Mädchen; „ei, alter Zopf von leeren Phrasen! Fragen wollt' ich Sie, lieber Zirkler, ob nicht meine Papierrosen da inmitten ver Guirlanden von Fichtenzweigen fast täuschend ähnlich den lebendigen Rosen gleichen? Sehen Sie nur her: mit Papieren von verschiedenen Nuancen hab' ich sogar verschiedene Sorten gemacht!" rief sie fröhlich; „hier Vie große vunkelrothe, dort Vie blasse Thecrosc, vort Vie volle feurige Bourboiirose! Sind Sie nun zufrieden, Alter, und lassen Sie meine kleine Kunst auch etwas gelten?"
Zirkler trat jetzt neugierig dicht an das Fenster heran.
„Meiner Treu, Mamsellchen, Sie sinv eine kleine Hexe!" sagte der Gärtner. „Der Geier mag wissen, wie Sie dies gemacht haben, aber es ist fürwahr gut gemacht. Und meiner Treu, lauter Papier!" fuhr er staunend fort, als er es mit dein Finger befühlte; „unv ein Ange haben Sie für Blumen, Mamsellchen, das ist merkwürdig! Das hier sind ganz gelungene Geants de bataille, und Vas ist Victor Trouillard, unv jene dort General Jacqueminot .... Ah, Kind, das haben Sie nicht ans dem Kopfe gemacht, oder es geht nicht mit rechten Dingen zu!" (Forts, folgt.)


