Berlin, 26. Dec. Die „Zeidler'sche Corresp." meldet: „Der Kriegsminister, General ter Infanterie v. Roon, wird nunmehr, wie es heißt, am 28. De- cember einen dreimonatlichen Urlaub antreten. Zu seinem Stellvertreter während dieser Zeit ist in den Angelegenheiten des KriegSministeriums der inzwischen außer der Reihe zum Gcnerallieutenant ernannte General v. Podbielski und in Marine-Angelegenheiten der Contre-Admiral Jachmann designirt. Ersterer wird den Herrn Kriegs-Minister auch im Staats- Ministerium vertreten."
— Man schreibt der „Doss. Ztg.": „Die sächsische Regierung hat beim Bundesrath den Amrag cingebracht, die Eisenbahn-Unternehmungen für Personal-Beschädigungen haftbar zu machen und die Haftbarkeit in gesetzlicher Form zu rcguliren. Ein solches Gesetz wirb eine fühlbare Lücke ausfüllen und cs wird schon durch seine Existenz nach der einen Seite als Warnung, nach der andern als Schutzmittel dienen."
— 26. Dec. In verschiedenen Blättern findet sich die Nachricht, daß der R e i ch s t a g gleich nach dem Schluß des Abgeordnetenhauses einberufen werben solle, um einige wichtige Vorlagen zu erledigen. Die Nachricht klingt an sich etwas unglaublich, dennoch soll wirklich eine Einberufung des Reichstages in Erwägung gezogen worden sein, und zwar wird als Grund dafür die Nothwcndigkeit bezeichnet, vordem Un- terbringen der Marine-Anleihe ein Gesetz über das Bundesschuldwesen zu haben. Es ist somit sicher, daß der Bundesrath das Gesetz in der von dem Retchsrath gewählten Fassung abgelehnt hat und daß man darauf rechnete, der Reichstag werde feine eigenen^ Beschlüsse in dieser Angelegenheit umstoßen. Man muß aber doch wohl von dieser Absicht zurückgekom- men sein, denn die Absicht, den Reichstag jetzt zu einer ausserordentlichen Session einzuberufen, ist, wenigstens ür den Augenblick, wieder aufgegeben. Wahrscheinlich meint man, mit der Marine-Anleihe noch warten zu können. Vielleicht hatte man auch die Absicht, in der außerorkenilichen Session gleichzeitig den Mehrbedarf für das Militärbudget sich bewilligen zu lassen; wenn auch vielleicht die Angabe, daß derselbe zehn Millionen betragen wirb, etwas übertrieben ist, so ist doch sicher, daß eine solchen Etatsüberschrei- tung staltfinven wird. Einen Anhalt für die Höhe derielben giebt der Umstand, daß die Mehrkosten für Preußen etwa 3 Millionen betragen werden, falls man nicht noch jetzt sich entschließt, durch starke Be- uilaubungen die Ausgaben bedeutend zu vermindern. Zu letzteren scheint man aber, Angesichts der Weltlage, keine Lust zu haben.
Berlin, 27. Dec. Die Frage wegen der Rheinregulirung im Rheingau hat bekannlich zu vielfachen Erörterungen geführt unb sind gegen die neuen Maßregeln der Regierung die lebhaftesten Vorstellungen laut geworden. Die hiesige Anwesenheit des Generalconsuls Labs steht wohl ohne Zweifel mit vieler Angelegenheit in Verbindung unb dürfte derselbe auch zur Audienz bei dem König gelangen, während derselbe bereits vom Ministerpräsidenten und dem Handelsminister empfangen worden ist. Die Vorstellungen des Herrn Lada scheinen nicht ohne Wirkung geblieben zu fein, da der Handelsmi- minilter bereits schon die vorläufige Sistirung der ergriffenen Maßregeln angeordnct hat. — Heute Mütag um 3 Uhr wurden im Locale des Bunces- rathes die Ratificationen der Postverträge ausge- wechselt, welche zwischen dem Nortbund und den Süc- staaien und zwischen Beiden zusammen mit Oesterreich, sowie auch mit Luxemburgabgeschloffcn sind.
— 28. Dec. Wie die „Spen. Ztg." meldet, soll Wiesbaden außer seinem Bürgermeister auch noch einen Oberbürgermeister erhalt.n.
Berlin, 30. Dec. (Nachmittags.) Wie die „Nordd. Ällgem. Ztg." meldet, ist auf Grund der von Frankfurt erfolgten Präsentation dreier Eandida- ten, der in erster Lin e präsentirte vr. Mumm zum ersten Bürgermeister der Stadt Frankfurt ernannt wurden. (W.-T.C.)
Dresden, 27. Dec. Das „Dresd. Zourn." bestätige den heute beginnenden Abmarsch der preußischen Truppen aus Leipzig und Bautzen und erkennt an, daß dieselben sich durch vorzügliche Disciplin und taktvolle Haltung unter schwierigsten Verhältnissen ausgezeichnet haben.
Karlsruhe, 26. Dec. Zu Vertretern Badens im Bundes, alh wurden ernannt Finanzminifter Mathy, Baron Türkheim, Gesandter am preußischen Hose und Finanzministerialrath Kilian.
München, 27. Dec. Bapern's Militärbe- vollmächtigier in Berlin, Frhr. v. Ow, ist abberufen, und dorthin der bisherige Generalstabshauptmann, Frhr. v. Freyberg unter Beförderung zum Major ernannt.
Stuttgart, 27. Dec. Der Entwurf des VerwaltungsgesetzeS basirt auf der liberalsten Grundlage und ter Volkstheilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten. Die Bevormundung der Gemeinden durch den Staat hört auf. Es ist den Gemeinden, Bezirken und Kreisen die Möglichkeit eröffnet, ihre Angelegenheiten selbstständig zu ordnen. 64 gewählte BezirkSräthe stehen den wirthschastlichen und Polizei- lichen Geschäften vor und 8 Kreisräthe befassen sich mit der Erledigung der schwierigen Verwaltungs- rechtsfragen. Das nöthige Zusammenwirken in den Geschäften wird durch delegirte Ministerialräthe herbeigeführt. Nirgends soll sich eine Octroirung be- merkbar machen, sondern überall das Princip des freien Willens und der Mündlichkeit herrschen.
Wien, 25. Dec. Das „Tagblatt" sagt: Das französiche Cabinet habe in Florenz erklärt, Frank- reich werde selbst Vorkehrungen zum ausreichenden Schutz des Kirchenstaats treffen, falls Italien nicht schleunigst den offenkundigen Vorbereitungen zu einem neuen Angriff auf den Kirchenstaat entgeg ntreten werde. Gleichzeitig feien weitere Expeditionen und Schiffsausrüstungen in Toulon in Vorbereitung genommen worden.
— Die „Wiener Corresp." meldet: Ein Telegramm aus Cadix berichtet die Ankunft der Fregatte „Novara" mit der Leiche des Kaisers von Mexico. — Ein Extrazug brachte die Silberkammer, den Reliquienschatz und das Münzcabinet des Königs von Hannover hierher.
Wien, 27. Dec. Die heutige „Wiener Ztg." veröffentlicht zwei kaiserliche Handschreiben, das eine an Frhrn. v. Beust, das andere an Graf Andrassy. Das erstere enthebt den Baron von der weiteren Führung des Präsidiums im Ministe,rath für die im Reichsrath vertretenen Königreiche und Länder. In diesem Handschreiben sagt der Kaiser: er könne nur in vollem Maße die Genugthuung theilen, mit welcher Herr v. Beust auf den Zeitabschnitt zurückblickcn dürfe, in welchem demselben die Lösung einer Aufgabe gelungen ist, deren Schwierigkeit der Kaiser vollkommen zu würdigen vermöge. Unter Anerken- nung seiner erfolgreichen Bemühungen und unter Begrüßung des Erreichten mit großer Befriedigung, weist das Handschreiben den Herrn v. Beust an, die erforderlichen Einleitungen zu treffen, daß die Reichs- Ministerien des Aeussern, des Kriege unb der Finanzen in verfassungsmäßige Thätigkeit treten. Gleichzeitig ernennt bas Handschreiben den Frhrn. v. Becke zum Rcichsfinanzminister unb beauftragt Hrn. v. Beust unb Feld,narschalllieutenant v. John, die beiden ihnen bisher anvertrauten Ministerien als Reichsminister fortzuführen. —Das kais. Handschreiben an den Grafen Andrassy setzt denselben von diesen Verfügungen in Kenntniß und spricht ihm wohlverdiente Anerkennung aus für die erfolgreiche Mitwirkung zur Erzielung des Ausgleiches und für die kräftige Unter» stüßung, mit welcher er zur Lösung dieser schwierigen unb wichtigen Aufgabe beigetragen.
Wien, 28. Dec. Der hiesige Gemeinderath hat in Erwägung, daß Hr. v. Beust dem Constitu- tionalismus in Oesterreich die Thore geöffnet, daß er die parlamentarische Regierungsform geschaffen und daß dessen Regierungsprogramm, bei aller Liebe zur eigenen deutschen Nationalität, bas Gepräge gleichen Wohlwollens und gleicher Gerechtigkeit gegen alle österreichischen Völker an sich trägt, den Herrn v. Beust einstimmig zum Ehrenbürger der Stadt Wien ernannt.
Florenz, 26. Dec. Man glaubt, die Neubildung des Ministeriums werde sich bis Sonntag oder Montag verzögern; über den Ausfall ter dcß- iallsigcn Bemühungen Menabrecfts herrscht die größte Ungewißheit. Menabrea wird in der Neubildung des Ministeriums durch die Schwierigkeiten aufgehal- ten, einen Nachfolger für Gualteno, den Minister des Innern, zu finben. Man glaubt allgemein, Me- nadrea werde vor der Hand keinen definitiven Ent- schluß fassen und daß er die Kammer, wenn dieselbe einen ihm ungünstigen Beschluß fassen sollte, auflösen werde.
Paris. Wie die „Situation" hört, wird der italienische Gesandte, Herr Nigra, künftigen Montag feinen Urlaub antreten und daher dem Neu- jahrscmpfang in den Tuilerien nicht beiwohnen. Bei diesem Empfang wird, wie gewöhnlich, der päpstliche Nuntius als Doyen des diplomatischen Corps die Ansprache an den Kaiser halten; in Anbetracht der jüngsten Ereignisse glaubt man indcß diesmal mehr als den Austausch nichtssagender Phrasen gewärtigen zu sollen.
Paris, 25. Dee. Die Festung Metz wird durch Anlage neuer Forts bedeutend verstärkt, die Dörfer Montigny und Sablon werden in den Rayon gezogen. — General Lebvcuf, der Präsident des Ar-
tilleriecomite's, hat in Nancy eine neu erfundene Kanone geprüft und sic so zweckmäßig gefunden, daß er sie für den Staat angekauft; man erwartet davon einen ähnlichen Erfolg als von den Chassepotgcweh- ren. — Die Kornzufuhr dauert ununterbrochen fort; in Maxseille sind in den letzten Tagen 49 Schiffe mit Kornladungen angekommen. — In Algerien herrscht solche Roth, daß die Regierung an mehreren Orten Armen-Depvts angelegt hat, denen sie Lebensrnittel vertheilt. Das Depot in Algier war so über- füllt, daß 300 Arme nach Oran und Constantine von kort gesandt werden mußten. — Das Handels- tribunal des SeiuedepartementS hat die Mitielmeex- Eisenbahn zur Rückvergütung des Preises eines von einem Passagier gelösten Billets und in die Kosten vernrtheilt, weil der Zug, ohne durch force majeure verhindert zu fein, 45 Minuten später an die Sta- tion kam und der Passagier daher das Billet nicht benutzte.
— Die „Liberte" druckt einem officiellen Provinzialblatte, dem „Moniteur de la Meurthe" in Nancy, einen wüthigen Aufruf an die Nation nach, in welchem die Söhne von 89 aufgefordert werden, zur Vertheibiguug der Größe Frankreichs gegen die unabsehbaren Horden, welche sich vom Rhein bis zur Wolga, vom mittelländischen bis zum baltischen Meer bewegen, zu den Waffen zu greifen. „Unter- stntzi von dem flavischen Koloß, träumen die Völker Germaniens die Wiedererrichtung eines abendländi- scheu Kaiserreichs. Schon haben sie dieselbe theil- weise ins Werk gesetzt und, den von Frankreich kommenden Gerüchten lauschend, warten sie in drohender Haltung, daß wir ihnen einen Vorwand bieten, um den Kampf zu beginnen." Die „Liberte" fragt mit Recht, was diese Agitationen in der amtlichen Provinzialpresse, welche so grell von den jüngsten Erklärungen der Minister Rouher und Niel absteche, bedeuten soll.
Madrid, 27. Dec. Die Thronrede constatirt die Ruhe im Innern und die freundschaftlichen Beziehungen zu den .europäischen Mächten und sagt: Spanien habe dem Kaiser Napoleon seine moralische und materielle Unterstützung zu Gunsten des Papst« thums zugesagt.
Brüssel. Die Nachricht, daß der Herzog von Nemours nach Mentana 1200 Frs. an den römischen Stuhl für die päpstliche Armee übersandt, hat in der politischen und diplomatischen Welt viel Aufsehen erregt. Wir erfahren heute aus guter Quelle, daß die übrigen Prinzen der Familie Orleans, weit entkernt, sich an jenem Schritt betheiligt zu haben, ihn bedauern und tadeln. Der Herzog von Aumale, der eigentliche politische Chef der Familie, spricht sich sogar offen und scharf gegen die zweite römische Expedition Frankreichs aus und nimmt offen Partei für die italienische Einheitsbewegung.
London, 28. Dec. Eine merkwürdige Frechheit der Fenier meldet der Telegraph aus Dublin. An vielen Stellen der britischen Küste stehen bekanntlich Wacht- und Alarmthürme (Martello nennt man sie mit italienischem Namen), von welchen über Vas Meer hin Ausschau gehalten wird, um, wie das Volk sagt, eine Landung der Franzosen rechtzeitig wahr- nchmen zu können. Einen solchen Thurm bei gota, in der Nähe von Queentown, hat eine bewaffnete Bande mit geschwärzten Gesichtern und verkleidet, überrumpelt, die drei dort Wache haltenden Kanoniere geknebelt und dann die vvrräthigen Waffen und Munition fvrtgeschlcppt. Wahrscheinlich war die Bande zur See in einem Kahne an diesen Küstenpunkt gekommen, und wie man sich erzählt, hat man vorge- stern Abend viele mit bewaffneten Männern gefüllte Boote aus dem Hafen von Cork auslaufen sehen. Die Kriegsschiffe Helicon und Research gingen zu ihrer Verfolgung in See; doch hört man Weiteres noch nicht.
London. In Dublin wurden in Briefkasten Büchsen, welche eine explodirende Substanz enthielten und an den Polizei-Commiffäx und Andere adressirt waren, aufgesunben. Eine Büchse zersprang und verwundete einen Polizeibeamten.
Petersburg, 28. Dec. Ein Entwurf für die Bildung einer neuen Gesellschaft, welche die Bezeichnung führt: „Comite zur Hebung des wissenschaftlichen Verkehrs der slavsschen Stamme" ist der Regierung zur Bestätigung unterbnitet worden. — Jrn Februar werden die alten Creditbillets durch neue, deren Fälschung sehr erschwert ist, ersetzt werden. — Ein kaiserlicher Ukas hebt die exceptio- nelle Stellung Kaukasiens in gerichtlicher und administrativer Beziehung auf und führt die entsprechenden russischen Institutionen dort ein. — Die Besoldung der katholischen Geistlichkeit in den westlichen Provinzen des Reiches wird in Zukunft durch den Staat getragen werden.
Redaction, Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


