M 15.

Beilage

Auch in dem Aeitcnjiurm die Fiede.

Novelle aus Dem Frühjahre 1848.

(Fortsetzung )

D, rathen, helfen Sie mir, theuerste, liebste Tante!" waren endlich die Worte ihrer zitternde» Lippe.

Erkräftige dich", sprach die Angeredete entschlossen,vergrabe | den Vorfall in Vergessenheit und wenn davon die Rede kommt, so weißt du nichts."

Und wenn er mit den: treuen, seelenvollen Blicke mir in'8 ' Auge schaut?"

So wirst du seinen Blick mit gleicher Treue erwiedern."

O, Tante, begreifen Sie auch, was Sie da verlangen?" !

Dein Glück will ich gründen. Kannst du meiner Vorschrift nicht nachkommen, so handle anders. Du schaust mich ver­wundert an? Thue, was du zu deinem Besten nicht lassen kannst!"

Thekla sprang auf und fiel der Tante uni den Hals. Diese drückte der tief Bewegten einen Kuß auf die brennende Stirne, wäh­rend ihr Ange jedoch mit elcctrischem Glanze wild zum Himmel fuhr.

Die entstandene Panse wurde durch den Eintritt res Bedienten unterbrochen, der die Damen auf das Zimmer des alten Herrn Barons einlud.

Muth gefaßt und gehandelt nach meinem Raihe", flüsterte Eus bin und beide begaben fich nach dem Orte, nvo man ihre An­wesenheit wünschte.

In dem großen Wohnzimmer des alten Barons Dannberg, reichlich verziert mit Sinnbildern des Waidwerks, großen Jagdge­mälden und mit Tischen, Stühlen und Kronleuchtern von geschnör- keltem Holze und seltsamen Geweihen, stand in der Nähe des hol­ländischen Camins, worin ein lustiges Feuer flackerte, Marnstein ; und vor ihm lehnte sich der alte Dannberg beguem in einen der beschriebenen Stühle.

Wie es schien, ruhten Beide aus von einem lebhaft geführten Zwiegespräche, in welchem keiner den andern zu überzeugen vermocht hatte. Dannberg, der indessen am meisten an die Unfehlbarkeit seiner Grundsätze, als durch die Zeit erprobt und das Alter gehei­ligt, glauben mochte, nahm nach einem behaglichen Zuge aus dem Madeira - Glase am ersten wieder das Wort.

Glauben Sie mir, (i 6er Baron, dieses ganze neue Getreibc ist nichts, als leerer Firlefanz voll hochtrabender hohler Phrasen. Eitelkeit, Selbstsucht und daß ich cs gerade heranssage Narrheit find die Keime, aus denen all' das buntscheckige Gewirre pilsenartig in die Höhe schießt. Läßt das feuchte Moderwelter nach und scheint einmal wieder die Sonne des klaren Verstandes, so werden die Giftschlingen auch vertrocknen und Salamander, Unken, Blindschleichen und Ottern werden sich verkriechen in den Sumpf ihrer Unbedeutendheit, wohin sie gehören. Sie schweigen? Also habe ich recht und Sie gestehen, daß jetzt die Welt in Täu­schung ist befangen und daß die Wahrheit fvrtgeflogcn ist."

Ja wohl, ja wohl!" seufzte Marnstein und trat zum Fenster, seinen Blick auf den Seitenflügel des Schlosses richtend.

Dannberg sah ihm verwundert nach. Erst bis auf das Aeußerste gekämpft und nun leichten Kaufes das Feld geräumt! Dieß konnte er nicht reimen. Während er noch überlegte, össnete der Bediente die Thüre und Tante Eusebia mit Thekla an der Hand traten ein.

Man grüßte sich; aber die Verbeugung Marnsteins hatte etwas Ungewisses ein Phosphorschein, der leuchtete, aber nicht wärmte

und Thekla's Neigen erfüllte eine Unsicherheit, die überdieß in Blässe und fliegender Nöthe des gesenkten Antlitzes sich kund gab.

Fragen und Antworten wechselten mit unerheblichen Sätzen von wenig, oder gar keinem Interesse und die Unterhaltung wollte zu keinem Zuge gelangen. Thekla brach es das Herz. Sie konnte nicht mehr an sich halten und sendete eine» warmen, herzinnigen Blick zu dem Manne ihrer Liebe. Gleichwie aber der heiße Blitz unschädlich abspringt von deni wetterleitenden empfindungslosen Eisen, so prallte der milde Strahl des liebeleuchtenden Auges fruchtlos zurück an Marnsteins trüber, kalter Miene.

Der Vater schüttelte den Kopf:Du hast nicht wohl geschla­fen, meine Tochter?"

Tbekla reichte deni Vater die Hand und blickte fragend nach der Tante, worauf diese einen Blick auf Marnstein warf und dem Mädcken ermuthigcnd mit den Augen winkte.

Nun, Thekla", wiederholte jetzt Dannberg und schaute be­sorgt seiner Tochter in's bleiche Antlitz,dich hat das Schießen gestern Abend sehr erschreckt und sicherlich hast du diese Nacht nicht geschlafen?"

Tbekla zauderte, aber die Tanie winkte nochmals und so stot­terte sie unter Zagen :O nein mein guter Vater ich schlief recht wohl."

Marnstein bebte zusammen.

(Fortsetzung folgt).

Was giebt es Neues?

Vorgestern wurde in Frankfurt a. M. ein gräßliches Ver­brechen versucht und auch theilweise vollführt: ein Raubmord. Ein aus dem Badischen gebürtiger Mann ließ einen seiner Anverwandten zu sich kommen, angeblich um ihm Verschiedenes zu verkaufen und dann auszuwandern. Der Käufer fand sich ein, wurde von seinem säubern Verwandten in ein Hinterzimmer eines Gasthauses, i» der Klostergasse, geführt, dort sogleich niedergeschlagen und seiner Baar­schaft (ca. 28% fl.) beraubt. Auf das Schreien des Opfers drangen die Hausbewohner ein, der Tbäter hatte aber schon durch das Fenster die Flucht ergriffen und wurde bis jetzt nicht eingebracht. Steck­briefe sind erlassen und der Mißhandelte ist außer Gefahr.

Ein Casseler Kaufmann hat sich wegen fehlgeschlagenen Spe- culationen entleibt.

Am 16. d. M. wurden zwischen Marburg und Cassel 6 Eisenbahnwagen zertrümmert, aber kein Menschenleben gefährdet. Es brach nämlich, während der Güterzug in vollem Lauf war, an einem der vordern Wagen eine Achse.

__ Bei einer der letzten der eben int Gange befindlichen Zie­hungen der Lotterie in Frankfurt a. M. kam ein eigener Fall vor. Auf eine Nummer fällt ein Preis von 300 fl. Der anwesende Col- lecteur verläßt bald hierauf den Saal und begegnet dem Loosinha- ber, dem er von der Sachlage Kunde gibt. Dieser, das Glück wditer versuchen wollend, fragt nach einem weitern Loos, acquirirt es auf der Straße und geht damit in das Ziehungslocal. Er ist aber kaum zehn Minuten da, so wird sein neues Loos mit 6000 fi. gezogen. Der Collecteur soll seine Eile, mit der er den Saal kurz zuvor verließ, bitter bereuen.

In Cassel wurden jüngst mehreren Wirthen, die während der Revolutionszeit thätig mitwirkten und ihre Localitäten dem aufrüh­rerischen Treiben liehen, die Concessionen entzogen.