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daß meine Zeit noch nicht gekommen sei. Auf ferneres Commando zog ich Rock und Weste ans, warf sie ins Gras und sagte: „Nehmt, was ihr wollt, doch hallet mich nicht lange auf." Der Bursch im rothen Hemde, der über die Anderen eine Art Autorität auszuüben schien, durchsuchte meinen Nock mit aller Genauigkeit. Ich hatte eine Art Schadenfreude, als er meine Börse ausschüttelte und mit langem Gesicht auf die wenigen Dollars sah, die sie enthielt. „Was ist das?" ries er, „mehr Geld habt ihr nicht?" „Ich besitze nicht mehr," war meine Antwort, „aber für Euch ist es vollkommen genug." In der That war meine Baarschaft gerade ausreichend für einen Nitt nach Meriko; mein übriges Geld bestand in einem Wechsel auf ein dortiges Handelshaus. Ich glaube, daß ich bei dieser Affaire nur um 25 Dollars gekommen bin. „Wenigstens," sagte ich zu den Räubern, werdet Ihr mir meine Papiere lassen." Unter diesen war aber mein Wechsel. „Ja," sagte der Mann, „sie sind mir nichts nütze!"
Beim Durchsuchen meiner Taschen hatte er ein Jagdmesser gefunden, das ich bei mir führte. Es gehörte einem meiner Freunde. Er prüfte Schneide und Spitze, stellte seine Büchse in den Busch und kam auf mich zu, das Messer auf meine Brnst richtend. „Jetzt haltet die Hände hinten," rief er und „rührt Euch nicht, oder ich stoße zu." Der Andere legte darauf seine Muskete hin und machte sich daran mich zu knebeln. Sie waren augenscheinlich in ihrer Kunst Meister, und jede ihrer Bewegungen war so sorgsam berechnet und zweckentsprechend, daß solcher Ueberlegenheit gegenüber ein Widerstand Tollheit gewesen wäre. Mein Verlust war nicht groß genug, als daß ich einen verzweifelten Schritt wagen sollte, und ich that, wie sie befahlen. Meine Gefühle bei der ganzen Procedur waren von der verschiedensten Art. In einem Momente brannte ich vor Wuth und Scham, daß ich alle Mittel der Vertheidigung vernachlässigt hatte; int nächsten hätte ich laut auflachen mögen über meine sonderbare Situation und den geschäftigen Ernst, mit dem meine Räuber zu Werke gingen. Meine wollene Decke wurde auf der Erde ausgebreitet und Alles, was sie sanden, hineingethan. Sie hatten ein Auge ebenso für Das was sie nicht verstanden, als wie für das Nützliche. Briefe, Papier und Bücher verschonten sie; aber sie nahmen mein Thermometer, meinen Compaß, meine Kartenmappe, sowie einige Malerpinsel, etwas Seife, (ein Gegenstand, den die Mexikaner nie gebrauchen) und andere Toilettcngegenstände, die ich mit mir führte. Ein Sack mit Proviant, der am Sattel hing, zugleich mit einer Anzahl von Orangen und Cigarren, fiel ihnen gleichfalls als Beute zu. Nur eine einzige Cigarre ließen sie mir, gleichsam als Trost für meinen Verlust.
Zwischen Matzatlan und Tepic hatte ich mir in jeden Strumpf unter den Fuß eine Dublone gethan, die den Schurken entging, obwohl sie mich mit wenig Discretion untersuchten. Sie schnallten mir die Sporen ab, zogen mir die Stiefeln aus, visitirten meine
Hosentaschen, nahmen den Sattel vom Pferde, schüttelten die Decken auö, prüften das Metall des Riemzeugs, ob es Silber wäre, und als sie mich hinreichend geplündert zu haben glaubten, banden sie alles in einen Zipfel meiner besten Decke. Nachdem die Pro- cedur beendet war, sagte der Führer zu mir: „Sollen wir jetzt Euer Pferd nehmen?" Ich antwortete in entschiedenem Tone: „Nein, das sollt ihr nicht. Ich muß es haben ; ich gehe nach Guadalajara und kann ohne Pferd nicht hin. Für euer Bedürfnis genügt cs ohnehin nicht!" Er gab keine Antwort, sondern nahm seine Flinte, die wie ich sah, in guter Ordnung und von ausgezeichneter Arbeit war, über die Schulter, ging ein wenig nach dem Wege zu und gab dem dritten Räuber ein Zeichen. Plötzlich kam er zurück und sagte: „Ihr werdet vielleicht vor Nacht Hunger bekommen. Hier habt Ihr Etwas zu essen!" und mit diesen Worten legte er eine meiner Orangen und ein Dutzend Tortillas neben mir ins Gras. „Mil Gratias," erwiderte ich, „aber wie soll ich essen ohne Hände?" Die Männer, welche nun alle drei beisammen waren, machten Kehrt zum Weggehen und der eine sagte: „Wir müssen nun fort; wir haben jetzt schwerer zu tragen, als bevor wir Euch begegneten; Adios." Das war eine Verhöhnung; aber es gibt Augenblicke, wo man dergleichen verschlucken muß. Mit großer Mühe und nicht geringer Gefahr für die Integrität meiner Arme gelang es mir nach einer halben Stunde, mich selbst von meinen Banden frei zu machen. Als ich wieder aus dem Pferde saß, sah ich die drei Räuber jenseit der Bergschlucht ihres Wegs ziehen. Den einen, wußte ich, hatte ich schon in Amatitlan um mich herumspüren sehen, und augenscheinlich war bereits dort der Plan zu meiner Plünderung gefaßt worden; denn da ich aus Californieit kam, so mochten die Schurken glauben, ich führte eine Beute mit mir, die sich einer bewaffneten Erpe- dition verlohnte.
Die Hoffnung.
So wie im Herbst die Nebelhülle
Oft noch ein heitrer Strahl durchzückt Und alle Fluren, trüb und stille, Noch einmal wie zum Abschied schmückt;
So fällt, wenn herben Kummers Stunde Das Herz umstrickt mit ihrem Flor, Oft solch ein Strahl auf seine Wunde Und ruft es neu zur Lust empor.
Das sind der Hoffnung Sternenlichter, Im Heiligthum der Brust erwacht;
Sie funkeln wunderklar, je dichter Das Herz umlagert Mitternacht.
Sie lächeln ob der Grabesstätle, Woran die Liebe trauernd weint, Und sind die mächt'ge Zaubcrkette, Die Erd' und Himmel treu vereint.
Lich. 8. Fischer.
Druck und Verlag der G. D. Brühl'schen Buch- und Steindruckerei.


