Die Auswanderer, Gedicht in drei Th eilen von 8. Hüne III.
(Schluß.)
Da wo die Quellen des Washita rinnen
Unnagt vom Sassafras- und Ahornbaum,
Stehn weiße Männer, die wohl Ernstes sinnen, Denn düster schau'n sie in den Silberschaum;
Was wollen in Arkansas sie beginnen?
Kein Europäer wohnt in diesem Raum, Geschlungnes Dickicht wehret jedem Schritte, Und wilde Bestien birgt des Dickichts SDiittc.
' Die Männer sind mit scharfer Art gekommen, Wo Dickicht wuchert soll das Maisfeld blüh»;
Die weite Erde soll zu nutz und frommen
Dem Menschen grünen, wenn auch lang das Mühn, Denn Generationen gehn und kommen
Und endlich klärt sich was uns dunkel schien:
Was jetzt wie wirken wird gewiß nach Jahren Dem Enkel sich geläutert offenbaren.
Sv denken sie, denn all' die schönen Träume
Vom Paradiese sind der Brust entfloh»;'
Wohl scheint die Sonne milder durch die Bäume
Doch spricht das Land der stolzen Hoffnung Hohn;
Hier dringet kühn dnrch die verschlungnen Räume
Auf Pantherspur der Chervkesensohn, Nur hie und da steht in des Waldes Mitte Des braunen Jägers rohgefügte Hütte.
Jetzt klingt die Art und Schlag auf Schlag erdröhnet Weit durch den Wald, die Wölfe flieh» erschreckt, Der mächtge Stamm der Riesenfichte stöhnet
Wenn Sie den schwanken Leib zur Erde streckt;
Und was der Art geschürften Schlag verhöhnet, Wird von der Flamme Glut hinweggeleckt, Bis rings das Aschenfeld zn Flur und Auen Der weiße Europäer kann bebauen.
Ein Blockhaus stehet hart am Waldessäume,
Noch dampft der Raum, von Art und Glut verheert;
Die Männer ruhen ans gestürztem Baume
Zum eingefenzten Raum das Äug' gekehrt;
Zwei Frauen stehen wie im tiefen Traume
Mit trübe» Äug' am neugebauten Heerd;
Die Abendsonne wirft ihr letztes Blitzen Bis vor die Hütte, wo die Männer sitzen.
„Ist es denn wahr" — beginnt des Greises Rede, Denn dieser ist's, der bei den Männern sitzt — „Ist es denn wahr, bas in die Waldesöde
„Rur spärlich uns der Strahl der Freude blitzt;
„O, schüret nicht des eignen Herzens Fehde,
„Und schmiegt euch an den Glauben, der euch„stützt: „Denn ist nicht Frieden, still und ruhig Leben „Hier in Arkansas Wäldern uns gegeben? " Da sprach ein Jüngling, der das Wort vernommen:
„Wohl ist ein friedlich Wohnen hier im Wald, „Doch kann dies weite Grab den Jüngling frommen, „Dem heißer noch das Blut die Brust durchwallt? „Ist hier das Ziel, wonach sein Geist geklommen, „Rastlos mit seines Forschens Allgewalt, „Wo ist der Born des Wissens und des Schönen, „Und wo die Kränze die den Weisen krönen? "
Da sprach der Greis: „Hier ist der Born des Schönen, „Hier, wo des Gottes heil'ge Schauer wehn;
„Willst du des Urgeists ewig Mahnen höhnen, „Ein Fremdling im Gefield der Wahrheit stehn?
„Kann Sinnenrausch die Saiten übertönen,
„Die uiederklingen aus den Wipfelhvhn;
„Und fühlst du nicht in deinen Busen schweben „Den Frühlingshanch zum freien Bölkerleben? " „Willst du nach ird'schem Glanz und Ehren ringen, „In diesen Wäldern findest du sie nicht!
„Der Weise aber forscht in allen Dingen,
„In Allem, was sich in das Leben flicht;
„Ob Lorbeerkränze dann sein Haupt umschlingen:
„Er achtet'S kaum, deu Glanz und Kranz zerbricht.
„Das Höchste darum sei wonach wir streben: „Mehr als für uns, für Andere zu leben!"
Und stille ist'S, die Gegend rings wird düster,
Die Männer schauen schweigend vor sich hin,
Nur rauschet noch der Blätter leis Geflüster, Und seufzend Horts die Europäerin;
Jetzt brach der Mondenschein durch Waldesdüster, Und goß sein Licht auf wüsten Boden hin.
Die Männer aber schritten nun geschwind
Dem Blockhaus zn. — Fragt, ob sie glücklich sind.—
A n e c d o t e.
Kürzer! Kürzer! Ein Reisender, der in dem Wirthshausc eines kleinen Städtchens zn bleiben gezwungen war, wollte die Zeit nicht ganz unbenützt lassen und ließ daher den Friseur, der zugleich der Barbier ves Orts war, kommen, und befahl demselben ihm die Haare abzuschneiden. Nach Art dieser Leute erzählte der Barbier während des Haarschneidens mit großer Weitschweifigkeit eine herzbrechende Geschichte, so daß der Reisende dadurch aufs Aeußerste gelangweilt, ärgerlich ausrief: Kürzer! Kürzer! Der Barbier setzte jedoch, der Bitte ungeachtet, Scheere und Zunge nur noch mehr in Bewegung und fuhr in seiner Arbeit und Erzählung fort. Diese wurde aber nichts weniger als amüsanter, und der Herr rief wiederholt: „Kürzer! Kürzer! “ Abermals arbeiten die beiden schneidenden Instrumente — die ehrabschneidende Zunge und die das Haar kürzende Scheere nämlich — noch heftiger als zuvor, und der Reisende ruft aufgebracht zum Drittenmalc: „Zum Henker doch, kürzer, kürzer!,, — „Ich glaube kaum, daß es möglich sein wird," erwiderte schüchtern der srifircnde Barbier und trat zurück, besah sich sein Werk mit dem Ausdruck der Befriedigung und machte sein Compliment, zum Zeichen, daß die Arbeit vollendet sei. — Der Herr stand auf, um sich im Spiegel zu besehen, aber wie erschrack er, als er sich ganz kabl geschoren erblickte, denn der Barbier hatte das mehrmalige „Kürzer! kürzer!" nicht auf seine wichtige Geschichte, sondern aufs Haarschneiden bezogen.
Druck und Verlag der G. D. Brühl'scheu Buch- und Eieindruckerei.


