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Eduard. — „Vielleicht," so schrieb der Regierungsrath, „hast Du schon gehört, was in dieser Nacht sich in dem Gartenhause, das Du so wohl kennst, zugetragen hat. Man hat den Besitzer dieser einsamen Villa und seine Geliebte todt gefunden, von Kohlendampf erstickt, nachdem sie ein letztes Mahl zusammen gefeiert und das Leben wie den Tod um seinen Ernst und seine Würde betrogen haben. — Meine Schwester hat sich erholt, dock ich muß fürchten, daß der zerrüttete Körper nicht lange mehr die Zerrüttung ihrer geistigen Kräfte überdauert. — Unter diesen Umständen bitte ich Dich über alles Vorgefallene dasselbe Schweigen zu beobachten wie ich es tbue. Es wird Dir wohl thun ein Paar Jahre zu reisen und Dich zu erholen. — Werde glücklich, das wünscht Dir auch Johanna und ruft Dir durch mich ihr Lebewohl nach,"
Nach einer Stunde fuhr ein Reisewagen aus dem Thore. Aurel ging nach Italien; er ist noch nicht zurückgekehrt.
Die Auswanderer, Gedicht in drei Theilen von F. 4 ü n e.
I.
Die Nordsee braust und peitschet sonder Rasten
Mit murrendem Getös den deutschen Strand;
Im Wasserspiegel ragen hohe Masten
Von Schiffen mit Auswanderern bemannt;
Die Böte führen immer neue Lasten
Den stolzen Schiffe» zu vom nahen Land, Am Strande aber wögt die bunte Menge Von Alt und Jung in tosendem Gedränge.
Dort stehen Männer, ihre Häupter neigend
Und schauen starr in's schäumend wilde Meer,
Dort sitzen Weiber ihre Kinder säugend,
Dort wankt am Stab der müde Greis einher;
In ernstem Sinnen wandelt Jeder schweigend
Da ist nach frohem Jauchzen kein Begehr: Denn jeden Busen drückt ein tiefes Leiden In dem Gefühl, vom Vaterland zu scheide».
Dom theuren Vaterland, wo nah dem Rheine Das Aehrfeld sie entzückt und Wiesengrün,
Wo Hügel prangten reich an Feuerweine
Eh dort der Strahl der Kriegesfackel schien; —
Wo nun im Nebeldüster Heitger Haine
Germania's Altar Jünglinge umknien
Mit bloßem Schwert und tiefen Todeswunden, Ilnd Lorbeerkranz um blutige Stirn gewunden.
Nun woget fort im schweigenden Gedränge
Das Volk von herbem Schmerzgefühl erfaßt;
Der Nordseestnrm heult statt der heimschen Klänge
Statt Dörfchens Thurm ragt nun des Schiffes Mast;
Ein andres Land sucht sich die Wandermenge,
Zu schwer wird ihrem Herzen all die Last: Und kommen nun mit Weib und Kind gezogen Znm Nordseestrand, zur Fahrt auf Meereswogen.
Wer kann erspäh» des Schicksals dunkle Pfade,
Und wer die Krone seines Hoffens schau» ?
Wer kann, eh er auf sicheres Gestade
Den Fuß gesetzt, dem falschen Meere traun?
Wer jagt den Sturn« aus seinem Wellenbade
Und heißt das Meer, wenn hoch es brandet, stau'n? So dachten wohl die armen Heimathlosen An Felsenriffe und an Meerestosen.
Da strahlt in West das rosige Abendglühen,
Die Sonne taucht hinunter in die Fluth;
Als wolle Goldgdweb' das Meer durchziehen
So schwimmt im Wasser diese Pnrvurglnth.
„Im Westen dort, seht ihr es nicht erblühen
Das Paradies?" — so ruft mit Jünglingsmuih Ein Greis mit Silberhaar, schon nah dem Grabe, Der westwärts zieht mit seiner ganzen Habe.
Seht ihn, wie er so dasteht froh im Schauen,
Seht, wie die Stirn so frei, der Blick so kühn;
Wie Alle, dem so lautern Greise trauen,
Der Rede lauschend zu dem Manne zieh»;
Das Herz voll Leids will sich am Wort erbauen,
An Strahlen wärmen, die dem Geist entsprühn Und stille wirds ini dichtgedrängten Kreise Denn Slug’ und Ohr hängt an dem lautern Greise.
Doch der Hub an: „O Freunde und Genossen!
„Noch stehen wir auf unsrer deutschen Erde, „Nicht lang' so sind aufs Weltmeer wir gestoßen
„Und schwanken auf unsich'rer, nasser Fährte;
„Ein Hoffen doch ist in das Herz gegossen,
„Daß fern im West ein sichrer Port uns werde, „Wo uns ersprieße, was in deutschen Landen „Trotz ringen und trotz mühen wir nicht fanden."
„Wo jetzt verschwimmt das dunkle Abendglühen,
'Dort ist das Land, was wir im Geiste schau»;
„Mit goldnen Fäden will's hinan uns ziehen:
„Dem Gotteswinke laßt uns kühn vertrau«;
„Es muß uns Frieden endlich doch erblühen
„Und grüne» müssen endlich doch die Au'n;
„Die jungen Reiset von der morschen Eiche „Wir pflanzen sie, ein Stolz dein neuen Reiche! "
„Doch glaubet nicht, daß dort im Müssiggänge
„Der Segen ein in eure Hütten zieht, „Daß unter wüstem Zechgelag und Sange
„Das Leid, das euch gedrückt, der Brnst entflieht — „Nur wenn vom Schweiß genetzet Stirn und Wange, „Dann seid gewiß, daß Segen euch erblüht:
„Wer nur gehofft zu schwelge» nnd z» prassen, „Hat mit dem Vaterland sich selbst verlassen.
„Und wollet ihr die Freiheit recht erkennen,
„So zeiget würdig ench nnd tugendhaft;
„Denn jener nur ist wahrhaft frei zu nenne»,
„Der in sich selbst erst Frieden hat geschafft;
„Wo Leidenschaften noch die Würde trennen,
„Da ist der Arm int Ringen bald erschlafft; „Ein dauernd Glück und Freiheit blüht auf Erden „Nur wo die Menschen selber besser werden."
Da schwimmt ein Kahn an'S Ufer, „Glück zur Reise! "
So riefen wir, die Menge eilt znm Kahn
Und unsre Blicke folgten jenem Greise;
Bis wir im Dunkel ihn verschwinde» sahn;
„Ade mein Vaterland!" so scholl es leise
Ein sanfter Ostwind schwoll die Segel an; Und als der Nebel wich beim Morgengrauen, War von dem Schiff kein Wimpel mehr zu schauen.
(For tsetzung folgt.)
Druck und Verlag der G. D. Brühl'schen Buch- und Steindruckerei.


