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gewiß kein Mensch geglaubt hätte und hören Sie, Herr Dahlberg, wenn Sie das gesehen hätten, wie ruhig sie mit ihm sprach, stolz und ruhig, wie eine Königin, und doch freundlich und ohne einen Zug ihres Gesichts zu ändern, Sie würden noch mehr erstaunt gewesen sein. — Herr Richard brachte seine Gratulation au, aber so unverschämt er auch ist, die Art wie er behandelt wurde, schien ihn doch zu ergreifen und er machte daß er fort kam."
„Und Johanna?" srug Aurel von Neuem.
„Blieb unverändert, wie sie war, als wenn dieser Vetter Richard niemals ihr näher gestanden hätte. — Halt, sagte ich zu mir selbst, hier weht ein andcicr Wind, der dieses lecke Schiff in neues Fahrwasier gebracht hat, und so war es auch, so war es bei meiner armen Seele!"
„Was war denn so?" fragte der junge Mann so ruhig und lächelnd, wie cs ihm möglich war, während sein Herz heftig an die Rippen pochte.
„Nun sehen Sie, Freundchen," erwiederte der Gc- heimerath wohlgefällig, „einem alten Praktiker, wie ich, entgeht so leicht nichts. — Der Eduard, der Negierungsrath, umschwänzelt die Nichte seines Ministers, ein Dämchen, an der man eben nicht viel sehen kann, aber was thut's, sie ist eine ganz profitliche Specula- tion und der Regieruygsrath der Mann dazu, alle Chancen in'8 Auge zu fassen. —- Kalt, klug und guter Rechner, sollte es mich wundern, wenn das Erempel nicht sein richtiges Facit gäbe. Das kleine Fräulein da hat aber auch einen Bruder, ein hübscher Mann, dient in der Garderciterei, hat eine Uniform, an der vor Gold und Tressen das Tuch nicht zu sehen ist, und kleidet ihn, Sapperment! zum Entzücken. — Begreifen Sie nun, Dahlberg?" fuhr er fort. „Eine Doppclhei- rath, doppelte Verschwägerung, über's Kreuz geknüpfte Verwandtschaftsbande giebt der ganzen Sache doppelten Werth. — Der Regierungsrath ist ein Vocativus. Ich sah's ihm an der Nase an, daß er mit seiner überaus zärtlichen Aufmerksamkeit seiner Schwester und sich zugleich dienen will und ich sage Ihnen, Dahlberg, wir haben die Verlobungskarten ehe wir's denken. Sie essen den Brei, weil er heiß ist und heiß ist er, das sage ich Ihnen, und ist wohl auch allen andern Leuten kein Geheimniß mehr, denn der hübsche Offizier versteht das Courmachen wenigstens eben so gut wie das Erer- zierreglement, und die ganze Geschichte ist so hübsch, so einleuchtend, so passend und ich selbst freue mich auch so recht aufrichtig darüber, daß ich eine große Gesellschaft zur Verlobungsfeier gebe, sobald die Sache spe- ciell ist."
Ain nächsten Tage machte eine Neuigkeit überall die Runde.
Wissen Sie schon von Aurel Dahlberg? fragten "sich die Frauen. — Nein! Was ist mit ihm? Hat er sich
verlobt? — Gott bewahre, er ist diese Nacht plötzlich abgereist. — Abgereist, wohin? — Ja das weiß kein Mensch. Er hat seine Geschäfte den Advokaten übertragen und bekohlen, alles zu verkaufen, was er hier besitzt. — Das ist ja entsetzlich, das wird mehr als Einer sehr unangenehm sein. Mir hat er jedoch nie gefallen wollen, ich habe stets darüber gelacht, wenn ich sah, wie man sich um ihn bemühte. — Ich auch, allein dennoch möchte ick wissen, was ihn bewogen hat über Nacht auf und davon zu gehen? — Ach! er war immer eine Art Narr; still, in sich gekehrt, zerstreut und wie in Träumen lebend. — Wer weiß, was er mit sich umher trug. Er ist in Schweden gewesen; möglich, daß ihn plvtzlick die Sehnsucht nach Bären, Renn- thicrcn und Lappländern angewandelt ist. — Oder nach einer schwedischen oder läppischen Schönheit, deren Bekanntschaft er gemacht hat. — Gütiger Himmel, ja Sie haben Recht, so ist es. — Er reist an den Nordpol und bringt uns nächstens eine ganz in Seeotternfelle gewickelte Braut zurück.
4. x
Während die geschäftigen Zungen diese glückliche Entdeckung verarbeiteten, fuhr Aurel mit Courrierpferden der Hauptstadt zu, welche er am folgenden Tage ohne Anfechtung erreichte. — Er hatte plötzlich seinen Entschluß gcsaßt und war überzeugt, er müsse sein gegebenes Wort erfüllen. Sobald er eine Wohnung gefunden hatte, niachte er sich auf den Weg, um ohne Zögern bei der Familie Corbin zu erscheinen und als er nachrechnete, waren genau vier Wochen vergangen. Er war also pünktlich an Ort und Stelle. Leicht war das Haus aufgefunden und als er die prächtige breite Treppe hinaufschritt, auf deren Teppich sein Fuß geräuschlos dem Gegenstände seines Verlangens nahte, fühlte er das ganze Gewicht seiner Besorgnisse, daß sich manches geändert haben konn'e, seit er Johanna nicht gesehen hatte. — Geld, so lagen die Menschen unserer Zeit, gleicht alle Unterschiede der Geselllchafk aus, aber wo Geld nicht der einzige Hebel mehr bleibt, um Gerade zu machen, wo Geld dem Gelde gegenübertritt, da eilen die übrigen Gehilfen kastenhafter Absonderung um so eifriger herbei. Der klugrechnenve Bruder, seine ehrgeizigen Plane, der Stolz einer mächtigen Familie, die anererbten Vorurtheile, alles drängte sich in diesem Augenblicke dicht an sein Gedächtniß und was auf seinem Wege der Sclbstüberredung gewichen war, sah er jetzt als drohendes Gespenst neben sich herschreitcn. Um so freudiger war der Uebergang vom Mißtrauen zur Gewißheit, als, noch ehe er die letzte Stufe betrat, fein Name und ein herzliches Willkommen ihm entgegenschallten. In einem Augenblicke waren alle Gespenster verschwunden! Johanna sah mit Lächeln auf ihn nieder und an ihrer Hand folgte er ihr in die groß- glänzende Wohnung, wo die Präsidentin ihn mit alter Güte em-


