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zu fordern, aber immer hielt ihn die lauernde Neugier, die seinem Charakter eigen war, davon zurück und endlich wurden seine Erwartungen aufs Höchste .gespannt, als er Aurel eine Gartenpforte öffnen und beide darin verschwinden sah. — Mit eiligen Schritten erreichte er die Thüre, aber ste war verschlossen und seine forschenden Blicke musterten vergebens die hohen Mauern und Zaunwände, welche hier zu. beiden Seiteno en Weg einsaßten. — Er hatte nie diesen abgelegenen Stadttheile betreten, et wußte nicht wer hier wohnte, nicht wohin diese Thüre führte. Die Dunkelheit lag schwer und lautlos auf diesem weiten Raume, kein Haus, kein Mensch ringsuniher, nur in der Ferne brach der trübe Schimmer einer verkohlenden Straßenlaterne durch die feuchten Nebel, die der Nordwind leise murrend vor sich herwälzte. — Nach einigen Augenblicken lauschte er an einem Spalt in der Thüre und er glaubte in der Tiefe des Gartens die dunklen Schatten der beiden Verschwundenen zu entdecken. — Bestürzt dachte er darüber nach, was Johanna hier beginnen könne, was Aurel mit ihr vorhabe? Blitzschnelle - Vorstellungen begannen ihn zu martern, Gedanken über Schande und Verbrechen, welche in dieser Verborgenheit ihr heimliches Lager aufgeschlagen hätten. Er rüttelte an der Thüre, sie war fest und gab nicht nach. Seine Blicke flögen aus und nieder; da stand ein Pfeiler an der Mauer, der oben einen eisernen Arm trüg, an welchem vor Zeiten wohl eine Laterne gesteckt chaben mochte. Nach einigem Besinnen versuchte er daran emporzusteigen und nach mehreren vergeblichen Versuchen batte er das Eisen gefaßt und saß oben auf der M-uer. — Hier sah er über weite Garten hin, aber nirgends ein Licht, nirdends eine Wohnung. Besorgt blickte er in die Tiefe, ohne recht zu wissen was er beginnen sollte, bis er bemerkte, daß an der inner« Seite ein Weinspalier sich hinzog und der Gedanke an Johanna seinen Muth neu erweckte. — Ich muß wissen was hier geschieht, rief er sich zu, muß erfahren was dies scheue Mädchen bewegen kann alle Sitte so verletzen, und was es auch sein mag, ich will eS aufvecken. Vorsichtig stieg er an W Stäben hinunter , aber tose und mürbe, wie ffr waren, brachen sie mit ihm, ehe er den Boden erreichte und glücklich genug fiel er in den dichten Schnee , der unten aufgehäuft lag. — Das kalte Bad, welches er damit empfing, war ganz geeignet, seine Vorstellungen abzukühlen. Eine Zeit lang suchte er den. verlorenen Hut, dann horchte rr, ob das Brechen des Holzes dse' Aufmerksamkeit der unbekannten Bewohner erregt hätte, doch alles char still wie zuvor und langsam ging er zwischen den Spalieren und Bäumen hin, während er den nassen-Schnee aus Haar, Nock und Halsbinde schüttelte und dabei überlegte, was er thun müsse.
»Ich werde ste aufsuchen und finden," sagte er end
lich, „doch was wird am Ende der Lohn meiner ganzen abenteuerlichen Jrrsahrt sein, bei der ich Hals und Beine mit aller Bequemlichkeit brechen konnte? Vielleicht eine ganz gewöhnliche Geschichte, welche in Johannas Kopfe umherspukte. Ein Besuch bei einer un- glücklichen Familie, bei einem kranken oder wahnsinnigen Weibe oder eine großinüthige Handlung, kurz irgend etwas, was ihre reizbare Phantasie sich überzuckert hat." Er schwieg , denn er erblickte das Haus hinter den Bäumen und den Lichtglanz, welcher mattflim- mernde Streifen durch die Nacht schickte.
Erwartungsvoll näherte er sich dem Gebäude und plötzlich hörte er laute, heftig redende Stimmen, welche aus einem seitwärts liegenden erleuchteten Treibhause kamen. Behutsam schlich er heran, aber wie vom Blitz getroffen blieb er dicht an der Glaswand stehen, von den innerhalb aufgestellten Gewächsen versteckt und starrte die beiden Männer an, welche sich darinnen gegenüberstanden. Er erkannte Richard und Aurel, zwischen denen, in der Nische auf dem Divan, eine su öne Frau saß, die ven Kops in ihre Hand gestützt aufmerksam ihnen zuhörte. — Uni ihr Haar hatte sie turbanartig ‘ inen weißen Shawl geschlungen, ihre Züge waren ruhig, nur um ihre Lippen spielte ein Lächeln, das wie Spott oder Verachtung aussah.
„So rede endlich., Sara," rief Richard, „was bedenket dies Possenspiel? Es ist zu lächerlich zum Ernste, zu ernsthaft um lächerlich zu sein. Sprich Du selbst, erkläre diesem guten Kinde, daß Du einen Scherz 'Mit ihm und mit mir triebst. Ich bitte Dich, mache mich nicht rasend, denn auch der Scherz hat seine Grenzen und jetzt, bei Gott, jetzt haben wir Alle iivthig ernsthaft zu sein."
„Wie es Dir beliebt," erwiederte die Dame lachend, „aber ich sehe die Nothweudigkeit wahrhaftig nicht ein. — Ich finde Gefallen an Aurel, was kannst Du dagegen haben? Welche Kette hält uns, welches Ge- lübve haben wir zu brechen? — Hängt nicht alles voü uNstrni freien Witten ab und habe ich je den Deinen beschränkt? Wärst Du zu mir gekommen und hättest mir gesagt: Sara geh, Du bist mir lästig, glaubst Du, daß ich einen Augenblick gezögert, eine Bitte verschwendet oder gar Dir einen Vorwurf gemacht hätte?"
Alles Blut schien aus Richards Gesicht zu weichen. Er hielt sich äh dem Stuhle fest, der neben ihm stand und sagte langsam: „Unerhört, unmöglich, das kannst Du nicht, Sara!"
„Schäme Dich," fuhr die Dame fort, „handele kalt und besonnen, wie ein freier Mann. Denke daran, daß wir uns tausend Mal gesagt haben: in unserer Freiheit liegt unser Glück, wer gehen will, gehe immer; selbst wenn wir leiden muffen, soll die Freiheit ohne Vorwutf bltiben." '


