Ausgabe 
21.8.1849
 
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Habe Mitleid, Du tödtest mich!" rief Richard und eine furchlbare Angst schien seine Augen blutig zu röthen. ,,Aber nein," fuhr er fort,es ist nicht so, Du kannst mich nicht verlassen, mich, der ich Dich mehr liebe, wie ich zu sagen vermag. Es ist Scherz, Sara, es ist ein Traum. Reiß mich aus dieser Hölle, ich kann Dich nicht aufgeben, ich kann nicht Du bist das Letzte, was ich besitze."

Er streckte die Arme nach ihr aus und machte eine Bewegung, um vor ihr niederzusinken, aber Sara hielt ihn zurück und sagte stolz:Thue nichts, was Dich herabwürdigt, ohne Dir zu helfen; ich kann mir nichts Schmählicheres denken als dies armselige Betteln um Liebe oder um einen Besitz, der aus Mitleid Dir blei­ben soll. Wo ist Dein Muth und Dein Trotz, der sich sonst bis zur Vermessenheit erhob? Bist Du so tief gesunken, um wie ein Ertrinkender Dich an den Halm zu klammern, ist Deine männliche Kraft so ver­nichtet, daß dein ganzes Leben eine Lüge wird, dann habe ich nichts für Dich, als Verachtung."

Aurel hat mir gesagt, daß er mich liebt," fuhr sie gelassen fort,und ich hatte nichts dagegen. Sprich mit Richard, sagte ich zu ihm, erkäre ihm, wie wir stehen, fordere mich von ihm, ich glaube nicht, daß er nein sagen kann und wird. Hier steht Ihr nun beide. Dringt Eure Ansprüche, die Ihr an mich zu haben glaubt, vor mein richterliches Tribunal und er­wartet dann meine Entscheidung."

Die spöttische Geringschätzung, mit der sie diese leichtfertigen Worte an die beiden Nebenbuhler richtete, vermehrten den Zorn und Abscheu, welchen der ver­steckte Zuschauer draußen vor allen handelnden Personen dieser Scene empfand. Er haßte Richard, aber er war empört über Aurels tiefe Heuchelei. Und wo war Jo­hanna? Wo hatte er sie gelassen? Was war aus ihr geworden?! Er wollte hinein, er zitterte vor Schmerz und Wuth und schon legte er die Hand auf den Drücker der Thüre, welche er neben sich bemerkte, als Aurel einen Schritt gegen Richard that und diesen anredete.

Erinnerst Du Dich," sagte er,jenes Abends, wo Eduard, Du und ich eine ewige Freundschaft beschwo­ren? Erinnerst Du Dich auch, wie Du damals über Weiberliebe sprachst? Du nanntest ste einen stüch- tigen Rausch der Sinne, dem kein wahrer Mann eine Herrschaft über sich gestattet. Weibergenieinschaft ist Unsinn, riefst Du mir zu, aber Trennung von dem Weibe, dessen Liebe ich verloren habe, unv dessen Herz für einen Glücklichern schlägt, ist ein heiliges Natur­gesetz! Und als ich fragte, ob Du immer so denken würdest? Da schwurst Du so zu denken und zu han­deln und gabst Dein Wort, daß, sollte es je Dir ge­schehen, ich erfahren würde, daß Du nie gesäumr ha­best Deinen Schwur zu halten. Wohlan denn,"

fuhr er mit erhobener Stimme fort,das Schicksal macht wahr was Du begehrt hast. Hier ist ein Weib, deren Herz Dir nicht mehr gehört, die Dir gesagt hat, daß sie einen Andern liebt. Erfülle nun Dein Ge- löbniß. Reiß Deine Liebe mit der Wurzel aus und schleudere sie von Dir. Zeige was Deine Schwüre und Grundsätze werth sind; wenn Du aber zum Lüg­ner und Verräther an Dir selbst wirst, so bedenke, daß Du dadurch nichts ändern kannst. Saras Liebe hast Du verloren; Deine Verzweistung erweckt ihren Hohn, Deine Schmerzen erregen ihre Verachtung. Du hast nichts von Klagen, Thränen und Bitten zu hoffen, nichts von Ueberredung und Vorwürfen. Sie liebt Dich nicht mehr, sie liebt mich, und ich fordere sie von Dir als ein Gut, was nach heiligen Naturgesetzen Dir nicht länger gehören kann."

Erkläre Dich, Ricbard," rief Sara als Aurel schwieg.Entweder erfülle Dein gegebenes Wort oder gieb Deine Gründe dagegen an."

Richard wollte antworten, aber fand keine Worte. Todtenbleich, die Arme krampfhaft verschlungen, die Stirn von Schweißperlen bethaut und sein schwarz­glänzendes Haar wie aufgcbäumt vor Entsetzen, saß er auf dem Stuhle; die qualvollste Verzweiflung mußte jede Ader seines Gehirns füllen. Die Züge seines Ge­sichts waren verzerrt, seine Lippen zuckten, seine Zähne waren dicht geschlossen, die stieren glanzlosen Blicke seiner Augen drückten, unterbrochen von ihrem Rollen und Zucken, den ganzen furchtbaren Zustand seiner Seele aus. Plötzlich aber sprang er auf und die Hände wie zum Gebet gefaltet, ohne Worte, ohne einen Laut, stürzte er vor Sara nieder.

In diesem Augenblicke traf ein dumpfes, halb er­sticktes Lachen Saras Ohr. Sie wußte nicht, ob es aus Richards Brust sich hervorrang, oder ob es die Wand neben ihr aushauchte, aber ehe sie den Gedanken erfassen konnte, griffen weiße Finger in den Vorhang an der Nische; plötzlich röard er fortgezogen und neben ihr stand Johanna.

Eine Minute lang blickten sich die beiden Frauen an, beide stumm sich messend mit den langen einboh­renden Blicken, Johanna bleich wie der Tod, Sara mit dunkler Röthe auf der Stirn; dann wandte Johanna ihr Auge wieder auf Richard und in ihrem Gesichte malten sich alle Leidenschaften, die ste verzehrten: ge­sättigte Rache, Schaam, Erbarmen, Haß und Liebe, Entsetzen über den Mann, der wie ein Wahnsinniger sie anblickte, Mitleid mit seinem Jammer, Freude über seine Demüthigung.

Aurel eilte auf seine Freundin zu und hielt sie in seinen Armen fest.Was thun Sie, Johanna?" rief er.Fort von hier, lassen Sie uns gehen, es ist genug."

(Schluß folgt)

Druck und Verlag der G. D. Brühl'schm Buch- und Steindruckerei.