Ausgabe 
20.3.1849
 
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gende Besuche genug zu machen hast, so trösten wir uns mit dem Reste des Tages, den Du uns widmen mußt, da wir morgen in der Frühe reisen und uns wahr­scheinlich doch so bald nicht Wiedersehen." Der förm­liche Ton dieser Einladung machte Aurel unmuthig. Er hatte mit Herzklopfen das Billet geöffnet und fand kalte Worte darin; keine Silbe über Johanna als die Mittheilung ihres Wohlbefindens, wie man es nannte; keine einzige Andeutung, die ihn beruhigt oder angeregt hätte und daneben die Geschäftsentschuldigung, welche die Anweisung enthielt, nicht früher zu erscheinen als man es wünschte.

Er ist unter seinen Akten und Amtspflichten auf­getrocknet wie ein Fakir, der fich lebendig begraben ließ," rief der Erbe in seiner Verstimmung aus, aber er mußte einsehen, daß Eduard ganz verständig gehandelt hatte, wenn er ihn auf die unverzügliche Betreibung seiner eigenen Angelegenheiten verwies. Den ganzen Vormittag verwandte Aurel daher auch zu Besuchen, die eine Vor­bereitung zu wichtigen Geschäften waren. Er zeigte sich den Leuten, mit denen er in Verbindung treten mußte, um die Hinterlassenschaft seines Oheims in pfang zu nehmen und überall empstng man ihn mit der Zuvorkommenheit, die dem Erben von Reichtümern überall dargebracht wird. Was Eduard ihm schon gestern gesagt hatte, fand er durch Rücksprache mit ei­nigen genau unterrichteten Personen bestätigt. Der alte Herr Dahlberg hatte mehr besessen als man vermuthete und ein allgemeiner Blick auf die Nachweise reichte hin, um Aurel zu versichern, daß er im Stande sei, wenn er wolle, das Leben eines reichen bequemen Müssiggän­gers im vollsten Maße zu genießen. Er fand in diesem Bewußtsein keine Freude und die Glückwünsche, welche ihm gebracht wurden, di« neugierigen Fragen und prüfenden Blicke machten ihn verlegen und einsilbig. Er war froh als er endlich sich znrückziehen konnte, weil die Zeit heranrückte, wo er im Hause der Präsi­dentin erscheinen sollte, aber je näher er diesem kam, um so beklommener machte ihn die Erwartung.

Die Präsidentin war eine anspruchslose einfache Frau, deren größte Tugend stets die sorgsame Führung ihrer Häuslichkeit wie ihre Liebe zu ihrer Familie ge­wesen war. Nach dem Tode ihres Gatten, dessen Aus­sprüchen sie stets pünktlche Folge geleistet halte, waren iure Kinder Rathgeber uitt> Leiter geworden, denen sie unbedingt die bessere Einsicht zugestanv. Sie empfing ben Jugendfreund ihres Sohnes mit mütterlicher Güte, freute sich aufrichtig seiner Rückkehr, überschüttete ihn mit guten Wünschen und führte ihn dann an der Hand in das Wohnzimmer, aus welchem Johanna ihm entge­gen kam.

Aurel war freudig überrascht als er die wohlthuende Veränderung bemerkte, welche er heute in Johannas Gesicht und Wesen fand. Sie war blaß und schön

wie gestern, aber das Starre und Unheimliche hatte jener edlen Ruhe Platz gemacht, welche jedem ihrer Züge und Bewegungen einen eigenthümlichen Reiz ver­lieh. Das schwermüthige Lächeln um die schmalen feinen Lippen fand seinen Contrast in den sanft glän­zenden dunklen Augen, die mit einem unverkennbaren Ausdrucke der Freude und des Vertrauens sich auf Au­rel richteten. Sie reichte ihm die Hand zur Bewill­kommnung, er fand sie warm und lebensvoll, keine Todtenhand wie in der Nacht, wo ihre Kälte ihm Ent­setzen erregte und er empfand den Druck mit einer Wonne, die ihn bis zum Zittern bewegte.

Gott sei Dank," rief er, die Finger an seine Lip­pen ziehend,daß ich Sie wohl finde."

Finden Sie Johanna wirklich nicht sehr verän­dert?" fragte die Präsidentin.

Anders geworden," sagte er,doch ich wüßte nicht, ob Klage dagegen zu erheben wären."

Diese schmeichelhafte Wendung brachte ihm von der Mutter einen dankenden freundlichen Blick, von der Toch­ter ein spöttisches Zucken ein, das um ihren schönen Mund spielte.Es ist wahr," begann Frau von Corbin dann,ich finde, vaß Johanna heute besonders gut ausfieht. Ach, man gewöhnt sich leicht an das Aussehen eines Gesichts und kaum kann ich mich erin­nern, daß Johanna viel mehr Farbe gehabt hätte, als jetzt; doch heute fällt es mir auf, denn es ist lebhafter, frischer und ich möchte sagen tröstender.

Dafür," erwiederte Johanna, ihre Mutter umfassend und ihr zulächelnd,ist heute auch Neujahr, wo jeder Mensch sich gelobt, alle böse Gewohnheiten abzulegen und den Himmel anruft um Glück, Gedeihen und Er­füllung aller Wünsche. Das habe auch ich gethan, Mutter, und vielleicht iil mir geholfen worden."

Gebe es Gott, mein Kind," erwiederte die würdige Frau gerührt,Niemand ans Erden würde dadurch glücklicher werden, wie ich. Aber," fuhr sie freundlich fort,ich glaube doch, daß dazu auch die Freude beige­tragen hat. Sie können nicht denken, Herr Dahl­berg, wie oft Johanna seit den letzten Tagen sich Ihrer erinnert, von Ihnen gesprochen und mit einer gewissen Prophetengabe Ihre nahe Ankunft uns in Voraus an­gekündigt hat."

Wirklich," rief Aurel,das thaten Sie?"

Es ist feine große Kunst," sagte Johanna, ohne alle Verlegenheit,ich wußte, daß Sic kommen mußten und war mit meinem Bruder überzeugt, daß dies wenn irgend möglich, gestern geschehen würde. Ich freute mich Ihrer Ankunft aber im Voraus unv muß meiner Mut­ter bcpflichten daß' gewiß auch diese Freude einen An- theil hat, wenn ich heute wvhlcr aussehe und mich Woh­ler fühle als seit einiger Zeit."

(For tsetzung folgt.)

Druck und Verlag der G. D. B ühl'schen Buch- und Steindruckerei.