Ausgabe 
19.6.1849
 
Einzelbild herunterladen

514

nach Westindien, hauptsächlich nach Havanna, wo cs zum Schmelzen der Speisen gebraucht wird, weil dort Butter ein rarer und theurer Artikel ist. In Nord­amerika, welches Butter überall in Menge erzeugt, be­dient man sich des Schmalzes sehr wenig. Eine große Quantität Schmalz, im festen oder flüssigen Zustande als Del, geht von Cincinnati nach Frankreich und Eng­land, so wie in die östlichen Vereinigten Staaten. In den Hafenstädten dieser letzteren Staaten, aber auch in Cincinnati, ist die Verfertigung des Schmalzöls ein wichtiger Industriezweig. In einer der größten Schlach­tereien zu Cincinnati, welche jährlich wohl 30,000 Schweine fast ausschließlich dazu verbraucht, um das Fett derselben herauszuziehen, wirft man die geschlach­teten Thiere, nachdem nur die Schinken davon abge- schnittcn sind, in sieben große runde Butte», von wel­chen sechs jede 15,000 Pfd. und eine 6000 Pfv. ent­halten. Diese Massen von Schweinefleisch, Fett und Knochen werden mittels einer Dampsmaschlene, welche einen Druck von 70 Pfd. auf einen Quadratzoll aus­übt, so zusammengepreßt, daß selbst die Knochen pul- verisirt werden; das aus der ganzen Masse sich sam­melnde Fett wird durch Röhren mit Hähnen in beson­dere Gefäße abgeführt, und das Zurückbleibcnde zu Dünger oder Bereitung von Farbestoff verwendet. So werden in dieser Fabrik einen Tag in den andern ge­rechnet 600 Schweine täglich verarbeitet, außer dem aus andern Schlachthäusern angekauften Abfall von ge­schlachteten Schweinen, als: Köpfe, Knochen, Rippen u. s. iu. Die auf solche Weise gewonnene Fettmasse wird durch einen Dampfproceß zu dem reinsten und schönsten Schmalz geläutert; daraus wird Schmalzöl bereitet, indem man dem Schmalz das ihm eigenchüm- liche Stearin entzieht. In Cincinnati sind gegen 30 Fabriken von Schmalzöl, von welchen die größte und wohl die bedeutendste in ganz Nordamerika bislang jeden Monat 140,000 Pfd. Schmalzöl und Stearin producirt hat und im zunehmenden Betriebe ist. Im Jahre 1847 wurden in Cincinnati 11 Millionen Pfd. Schmalz zur Oelfabrikation verbraucht; davon wurden % zu 24,000 Fässer Del, jedes von 4142 Gal­lonen und die übrigen % zu Stearin. Das Schmalzöl dient in den östlichen Staaten Nordamerikas zur Ver­setzung des Spermacetiöls, in Frankreich aber in großen Quantitäten zur Verfälschung des Dlivenöls. Die Ge­schicklichkeit französischer Chemiker hat es dahin gebracht, daß sic ihrem Del sogar 65 70 Procent Schmalzöl ersetzen können, ohne daß die Fälschung so leicht zu erkennen ist, Es läßt sich aber dieser Betrug an dem Niederschlag winziger Partikel von Stearin, welche sich auf dem Boden der Flasche sammeln, entdecken.

Um Ltchter aus dem Stearin verfertigen zu können, wird letzteres mittels der hydraulischen Presse bis auf

% der Masse zusammengedrückt; die übrigen %, welche als unreines Dlein abgehen, werden in den Seifen­siedereien verbraucht. Bis 1847 wurden mindestens drei Millionen Pfd. Stearin jährlich in den Fabriken von Cincinnati zu Lichter und Seife verarbeitet, und hoffen die Lichtfabrikanten ihren Betrieb so ausdehnen zu können, daß sie künftig jeden Tag durchschnittlich 6000 Pfd. Lichter werden liefern können.

Aus dem zu andern Zwecken unbrauchbaren Abfall geschlachteter Schweine, so wie aus dem verdorbenen Fleische gestorbener Thiere wird das Fett, worin etwa 80 Procent Schmalz enthalten sind, herausgezogen und zur Seifefabrikation benutzt. Daraus werden in Cin­cinnati wöchentlich 100,000 Pfd. ordinäre Seife zu einem Werthe von jährlich 200,000 Dollars und außerdem so viele feinere Seife verfertigt, daß dadurch jener Werth um fast */4 erhöht wird.

Wenngleich der ans den Füßen der Schweine ge­zogene Leim unbedeutend an Werth ist, so beträgt der Werth der jährlich in Cincinnati gewonnenen Schweine­borsten 50,000 Dollars. Gegen 100 Menschen be­schäftigen sich dorr mir Bereitung der Borsten, und diese werden lediglich in das Innere ausgeführt.

Endlich wird aller auf keine der angeführten Arten, zu verwendende Abfall, wie der Rückstand $u Schmal; ausgepreßten Schweine, die hart- Theile der Füße u. s. w. , zu blaugesäuerf^ Pottasche in den Fabriken von Cincinnati verarbeitet. Dieser Farbestoff wird nach Neuengland versandt, wo er in den bedeu­tenden Kattnndruckereien sehr begehrt ist; außerdem wird aus dem Blute der Schweine sog. Berlinerblau verfertigt.

Von den sämmtlichen in Cincinnati aus den Schweuien gezogenen Producten geht mehr als % nach Südamerika und Westindien.

Was aber allen den aus dem Schlachten der Schweine in Cincinnate hervorgehcnden verschiedrnartigen Industriezweigen einen sehr hohen Werth, wir möchten sagen den Hauptwerth verleiht, sind die dazu erforder­lichen Arbeitskräfte, indem dort dadurch mehr als 6000 Mensa en (darunter etwa 1500 Böttcher) in den Win- tcrmonaten beschäftigt werden, wo sie sonst wenig und manche gar nichts verdienen könnten. Außer den bei Bau und Besserung der zu jener Industrie nothwendi- gen Gebäude, bei Verfertigung von Maschinen und Werkzeugen beschäftigten Künstler und Handwerker, werden dadurch Ackerbauer, Schweinetreiber, Fuhrleute, Schlächter, Borstenbereiter, Böttcher, Tischler, Blech­schmiede u. a. m., besonders aber als Arbeiter in den verschiedenen Fabriken: Ziegelbrenner, Maurer, Stein­hauer , Pflasterer u. s. w. beschäftigt, deren Gewerbe zur Winterszeit ihnen kein Brod verschafft.

Druck und Verlag der G. D. Brühl'scheu Buch- und Steindruckerei.